DER SPIEGEL

GENTECHNIKWilde Träume

Mit Hilfe einer genetischen Reihenuntersuchung fahndete die britische Polizei nach einem Sexualmörder. Der „genetische Fingerabdruck“ revolutioniert die Strafrechtsprechung - und den Streit um Vaterschaften. *
Dawn Ashworth, eine fünfzehnjährige Schülerin aus dem mittelenglischen Dorf Enderby, starb wie Hunderte von Frauen in aller Welt. Als sie im August letzten Jahres für den Heimweg von einem Nachbardorf einen einsamen Pfad wählte, war das ihr Verhängnis. Vergewaltigt und erdrosselt wurde ihr Körper am Wegrand gefunden, der Mörder entkam unerkannt.
Außer seinem Sperma und Hautresten unter den Fingernägeln seines Opfers hinterließ er keine Spuren, Zeugen gab es nicht, die polizeilichen Ermittlungen liefen ins Leere. Trotzdem bleibt der Mord an dem Teenager wahrscheinlich nicht ungesühnt.
Ende letzten Monats, so ist Anthony Painter, Oberinspektor der mit der Fahndung betrauten Polizei in Leicester, überzeugt, konnte der Täter überführt werden. Begleitet von wütenden Beschimpfungen aufgebrachter Frauen gegen den mutmaßlichen Mörder, erhob Painter vor dem Untersuchungsrichter Anklage gegen den bis dahin unverdächtigen 27jährigen Bäcker Colin Pitchfork aus einem der Dörfer der Gegend.
Sein Fall wird Kriminalgeschichte machen. Denn erstmals bedienten sich die Fahnder in einem Mordfall einer Methode, die bis dahin von Kriminalisten nur theoretisch erörtert worden war: Des massenhaften Abgleichs der genetischen Daten von Tausenden möglicher Täter mit den Genen jener Samen- und Hautzellen,
die am Körper des Opfers gefunden wurden.
Die Methode, mit der die Erkenntnisse der Gentechnik nun auch polizeilich genutzt werden können, hatte vor knapp drei Jahren der englische Biochemiker Alec Jeffreys entwickelt. Quasi als Nebenprodukt der Forschung nach genetisch bedingten Krankheiten verfeinerte sein Team ein Verfahren mit dem sich das Erbmaterial aus verschiedenen Zellen relativ schnell vergleichen läßt. Dort sind im Erbmolekül Desoxyribonukleinsäure (DNS) die Erbinformationen in Form einer Art chemischen Alphabets aufgereiht. Mit Hilfe von radioaktiven Markierungen und der Auflösung des Moleküls in seine Einzelteile läßt sich die Abfolge der chemischen Buchstaben auf einem Röntgenfilm ablesen. Das Ergebnis ist ein Streifenbild, ähnlich dem Strichcode auf Supermarkt-Waren - ein sogenannter genetischer Fingerabdruck.
Denn die Molekülfolge ist in der DNS aller Zellen eines Lebewesens identisch. Wie auch bei den verräterischen Fingerspuren, die einst die Kriminaltechnik revolutionierten, erlaubt sie die eindeutige Zuordnung zu dem, der seine Spur in Form einiger Zellen hinterließ. Auch winzige Blut-, Samen- oder Hautspuren, sogar eine einzige Haarwurzel reichen aus. Irrtümer, so konnte Jeffreys nachweisen, sind nur bei eineiigen Zwillingen möglich, deren Erbsubstanz bis ins letzte übereinstimmt. Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei DNS-Muster verschiedener Spender sich exakt gleichen, meinen die Gen-Tüftler in Polizeidiensten, betrage eins zu dreißig Milliarden.
Mit soviel Genauigkeit konnte Jeffreys Behörden und Öffentlichkeit schnell von seiner Identifizierungsmethode überzeugen. Als "eine der größten Errungenschaften der forensischen Wissenschaften" pries Peter Gill vom Kriminaltechnischen Labor des britischen Innenministeriums die Erfindung der "genetic fingerprints" schon Anfang 1986.
Begeisterung löste das Verfahren auch bei den Gutachtern für Prozesse aus, in denen über die Vaterschaft gestritten wird. Denn neben der genetischen Identität von Zellproben erlaubt es auch die definitive Feststellung, wer der Vater eines Kindes ist. Teile der Chromosomen des Kindes entsprechen in ihrem Gen-Code denen der väterlichen Samenzelle. Das Test-System freut sich Jeffreys, übertreffe seine "wildesten Träume".
Flugs verkaufte er die Patentrechte an die Firma Cellmark Diagnostics, ein Tochterunternehmen des britischen Chemiekonzerns ICI. Sie bietet den Behörden seitdem die Durchführung der Gen-Muster-Vergleiche in ihren firmeneigenen Labors an. Kosten pro Test: 105 britische Pfund, etwas über 300 Mark.
Zum ersten Hauptkunden für Cellmark wurden jedoch nicht die Gerichte, sondern die britische Einwanderungsbehörde. Dort beantragen schon in Großbritannien ansässige Einwanderer häufig die Einreise ihrer Kinder. Weil sie den Dokumenten aus den außerbritischen Ländern des Commonwealth nicht trauen, bezweifeln die Beamten des Home Office meist die Elternschaft. Gemeinsam mit Cellmark startete die britische Regierung deshalb in den vergangenen Monaten ein Pilot-Programm, mit dem der Verwandtschaftsgrad der eingereisten Jugendlichen und Kinder und ihrer vorgeblichen Eltern systematisch überprüft werden soll.
Erste Erfolge verzeichnet Cellmark-Direktor Philip Webb aber auch schon in Strafrechtsprozessen.
Schon ohne die jetzt erhobene Mordanklage stehen mindestens drei Fälle vor britischen Gerichten zur Verhandlung, in denen die Identität von Vergewaltigern an Hand des Gen-Musters festgestellt werden soll, in einem Fall sogar auf Antrag eines Verurteilten, der so seine Unschuld nachzuweisen versucht.
Die Suche nach dem Mörder von Dawn Ashworth geriet den Fahndern jedoch zu einer Art genetischer Schleppnetzfahndung. Denn zunächst lieferte das polizeiliche Genlabor ein negatives Ergebnis. Ein Jugendlicher, der kurz nach der Tat verhaftet worden war, mußte freigelassen werden. Der Gen-Vergleich bewies seine Unschuld.
Zugleich stellte sich jedoch heraus, daß ein Mord an einer anderen Schülerin drei Jahre zuvor in der gleichen Gegend offensichtlich vom selben Täter begangen worden war, die Gen-Spuren waren identisch. Dann, so Inspektor Painter, "glaubten wir gleich, daß es ein Mann aus dieser Gegend war".
Kurzerhand beschlossen er und die Polizeiführung, den genetischen Code von allen 13- bis 30jährigen Männern der drei Dörfer um den Tatort untersuchen zu lassen. "Das war", versichert Painter, "von Anfang an freiwillig."
Gleichwohl rief der genetische Massentest die Kritik von britischen Bürgerrechtlern hervor. Peter Thornton, Anwalt und Sprecher des Nationalen Rates für Menschenrechte, warnte vor den möglichen Folgen eines Fehlers, der einem Wissenschaftler bei dem komplizierten Test unterlaufen könne. Zudem, so Thornton, "werden diese Freiwilligen von der Polizei wie Mordverdächtige behandelt. Sie werden nach Photographien und ihrem Lebenslauf befragt". Was mit den erhobenen Daten später geschehe, sei unklar.
Ungeachtet solcher Bedenken gelang es Painter und seinen Polizei-Biologen jedoch, insgesamt 5511 Männer der drei Dörfer um den Tatort zur Abgabe von Blut- und Speichelproben zu überreden. Sozialer Druck und das gemeinsame Bestreben, den Mörder in den eigenen Reihen zu finden, zerstreute die anfänglichen Bedenken vieler Dorfbewohner.
Ende September - längst nicht alle Proben waren untersucht - versuchte nur noch einer, sich dem Test zu entziehen, der jetzt angeklagte Colin Pitchfork. Unklar blieb bisher, ob das allein dem Richter als Haftgrund ausreichend schien. Der Gen-Test selbst kann - auch wenn er zwangsweise vorgenommen wurde - noch nicht vorgelegen haben, einige Tage wären dazu nötig gewesen. Bei der Verweigerung der Blutprobe jedenfalls erklärte der dank Gen-Fahndung erfolgreiche Polizei-Inspektor süffisant, habe Pitchfork "nur sein gesetzlich verbrieftes Recht ausgeübt".

DER SPIEGEL 41/1987
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