DER SPIEGEL

BIOGRAPHIENSchwellende Brust

Ersatz für nie geschriebene Memoiren: Alexander von Humboldts autobiographische Texte sind jetzt zusammengefaßt erschienen. *
Dem preußischen Universalgelehrten flocht nicht erst die Nachwelt Kränze - Zeitgenossen überhäuften ihn schon zu Lebzeiten mit Lob: Der Mann sei "selbst eine Akademie", meinte der 20 Jahre ältere Goethe, er gleiche "einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt".
Wissenschaftliche Eminenzen wie Darwin, Gauß oder von Liebig urteilten ähnlich - Zeugnisse über die gewaltige Leistung des weltreisenden Naturforschers Alexander von Humboldt (1769 bis 1859) gibt es genug. Eher spärlich hingegen blieben die Kenntnisse über den Privatmenschen Humboldt. Der geniale Sammler und Sucher hatte nach eigenem Bekenntnis "nie eine Neigung" zur Selbstbetrachtung, deshalb wohl hat er die Memoiren seines langen, abenteuerlichen Lebens nicht geschrieben. Immerhin brachte er, aus verschiedenen Anlässen, autobiographische Aufzeichnungen zu Papier, die der Ost-Berliner Humboldt-Forscher Kurt-R. Biermann erstmals zusammengestellt hat. _(Alexander von Humboldt: "Aus meinem ) _(Leben". Verlag C. H. Beck, München; 228 ) _(Seiten; 34 Mark. )
Gänzlich ungeschminkt erzählte Humboldt über sich selbst nur in einer einzigen Skizze, in der er 1801, schon auf seiner großen Südamerika-Reise, seinen "Weg zum Naturwissenschaftler und Forschungsreisenden" nachvollzog. Mit ungewohnter Offenheit gewährt der 32jährige Einblicke in die Berliner Enge zu Ende des 18. Jahrhunderts.
Während die Eltern den jungen Mann von einem "halbverrückten Gelehrten" auf eine Verwaltungskarriere trimmen ließen, träumte der von ganz anderen Welten. Die Freundschaft mit einem Botaniker ("Ich durchlief alle Floren beider Indien, kaufte alle Rinden in Apotheken zusammen") und schließlich - bei einer Reise nach Holland - der Anblick der Amsterdamer Schiffswerften füllten meine warme Phantasie mit ersehnten Gestalten ferner Dinge", erinnert sich Humboldt und notiert respektlos: "In einem jungen Gemüte, das 18 Jahre lang im väterlichen Hause gemiß handelt und in einer dürftigen Sandnatur eingezwängt worden ist, glimmt und glüht es wunderbar auf, wenn es seiner eigenen Freiheit überlassen auf einmal eine Welt von Dingen in sich aufnimmt."
Eher als Werbung für Humboldts (aus eigener Tasche finanziertes) vielbändiges Reisewerk denn als echtes "Bekenntnis" war die spätere, auf französisch verfaßte autobiographische Skizze zu verstehen, in welcher der Geograph sich über seine "Gemütsverfassung" ausläßt: "Voller Unruhe und Erregung freue ich mich nie über das Erreichte und ich bin nur glücklich, wenn ich etwas Neues unternehme, und zwar drei Sachen mit einem Mal." Schiller, der Zeitgenosse, war es, der dem zuweilen geschwätzigen Erdkundler auch eine "zu kleine, unruhige Eitelkeit" nachsagte.
Von den rund 50000 Briefen, die Humboldt im Laufe seines fast neunzigjährigen, von Krankheit kaum getrübten Lebens schrieb, sind 50 dem jetzt publizierten Band beigegeben. Sie spiegeln die oftmals enthusiastischen Männerfreundschaften, die den lebenslangen Junggesellen mit anderen Wissenschaftlern verbanden. "Innige, unsterbliche Freundschaft", reichlich mit Tränen begossen, wird da gefeiert - und zugleich "sinnlichen Bedürfnissen" abgeschworen. Als Adressatinnen tauchen, mit insgesamt vier Briefen, nur zwei Frauen auf, die Frau eines Freundes und die Schriftstellerin Karoline von Wolzogen.
Im Brief an Karoline, die Schwägerin Schillers, findet sich die berühmt gewordene, poetische Einsicht des 36jährigen _(Gemälde von 1812. )
Humboldt: "In den Wäldern des Amazonenflusses, wie auf dem Rücken der hohen Anden erkannte ich, wie von einem Hauche beseelt, von Pol zu Pol nur ein Leben ausgegossen ist in Steinen, Pflanzen und Tieren und in des Menschen schwellender Brust."
Alexander von Humboldt: "Aus meinem Leben". Verlag C. H. Beck, München; 228 Seiten; 34 Mark. Gemälde von 1812.

DER SPIEGEL 49/1987
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