DER SPIEGEL

Technologie„Nie mehr Schlange stehen“

Chuck Robbins, neuer Chef des amerikanischen IT-Ausrüsters Cisco, über die Vernetzung der Welt, intelligente Behörden und die Lehren aus der NSA-Affäre
SPIEGEL: Mr Robbins, Anfang des Jahrtausends war Cisco das wertvollste Unternehmen der Welt. Heute wird das Silicon Valley von Apple und Google dominiert. Wie lebt es sich in der zweiten Reihe?
Robbins: Es ist verständlich, dass diese Konzerne die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, weil sie im Leben der Menschen eine unmittelbare Rolle spielen. Wenn es aber darum geht, Unternehmen mit IT auszurüsten, ist Cisco noch immer die Nummer eins.
SPIEGEL: Cisco ist damit groß geworden, die Infrastruktur für Firmennetzwerke zu liefern, Router und Verteilerboxen etwa.
Robbins: Das tun wir nach wie vor. Innerhalb der letzten Jahre haben wir unser Geschäftsfeld aber deutlich ausgeweitet: Wir bauen heute Server, stellen Produkte für sichere Netzwerke her und sind im Cloud Computing tätig.
SPIEGEL: Aber wie wollen Sie überleben, wenn "Software die Welt frisst", also in jede Branche vordringt, wie es der amerikanische Starinvestor Marc Andreessen ausdrückt? Ihr Kerngeschäft ist schließlich Hardware.
Robbins: Wir beschäftigen inzwischen 20 000 Softwareentwickler, das ist ein Viertel unserer Mitarbeiter. Für unsere Kunden ist entscheidend, wie ihnen die IT helfen kann – nicht, ob es Hardware oder Software ist. 2030 werden 500 Milliarden Dinge mit dem Internet verbunden sein. Das erfordert eine ganze Menge Software – und Hardware.
SPIEGEL: Die Digitalisierung verändert die gesamte Wirtschaftswelt. Haben alteingesessene Firmen – Ihre Kunden – da überhaupt eine Überlebenschance?
Robbins: Nicht, wenn sie sich der Umwälzung verweigern. Wir glauben, dass 40 Prozent der heutigen Marktführer in fünf Jahren ihre Position eingebüßt haben könnten.
SPIEGEL: Ersetzt durch wen?
Robbins: Durch junge Firmen, die eine Branche ganz neu aufrollen. Fast alle Konzernchefs haben Angst vor jener Handvoll Leuten, die irgendwo in einer Garage im Silicon Valley vor sich hin werkeln. Die Konzernchefs verstehen vielleicht nicht, was diese Leute dort tun. Aber sie wissen, dass es ihr Geschäft zerstören könnte.
SPIEGEL: Das ist sehr pessimistisch.
Robbins: Gleichzeitig glauben wir an die enormen Chancen der Digitalisierung. Allein in Deutschland können der öffentliche Sektor und Privatunternehmen unseren Berechnungen zufolge in den nächsten zehn Jahren 900 Milliarden Dollar einsparen und zusätzlich erwirtschaften.
SPIEGEL: 900 Milliarden Dollar?
Robbins: Richtig. Das entspräche aufs Jahr gerechnet zwei bis drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wir wollen Firmen, Städten und Staaten helfen, diese Möglichkeiten zu nutzen.
SPIEGEL: Wie das? Als Beratungsunternehmen ist Cisco bislang jedenfalls nicht aufgefallen.
Robbins: Nehmen Sie das sogenannte Internet der Dinge. Wir liefern den Bauplan, um unbelebte Dinge miteinander zu vernetzen. Im Hamburger Hafen haben wir einige Lkw-Parkplätze mit Sensoren ausgerüstet. Das System meldet den Lastwagenfahrern automatisch, wo ein freier Platz ist.
SPIEGEL: Der Wettbewerb in diesem Geschäftsfeld ist groß. Google und SAP wollen damit ebenfalls Geld verdienen.
Robbins: SAP ist ein wichtiger Partner. Wir liefern die Infrastruktur, SAP die Analytiksoftware. Gemeinsam sind wir in der Lage, alle Elemente sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Normalerweise läuft es so: Die Daten werden an einem zentralen Ort verarbeitet, nicht dort, wo sie entstehen. Dadurch verstreicht wichtige Zeit. Denken Sie an ein vernetztes Wasserleitungssystem, in dem ein Rohr kaputtgeht. Davon wollen Sie sofort erfahren, nicht erst auf Umwegen.
SPIEGEL: Trotzdem fragen wir uns, ob der intelligente Parkplatz oder der selbstständig Milch bestellende Kühlschrank einen echten Mehrwert bringen.
Robbins: Der Kühlschrank vielleicht nicht. Aber in vielen Bereichen ist die Vernetzung mehr als Spielerei. Sie ist der entscheidende Wettbewerbsvorteil, weil Firmen so effizienter arbeiten können als je zuvor.
SPIEGEL: Cisco hat große Pläne für "smarte Städte" mit intelligenten Verwaltungen. Was heißt das konkret?
Robbins: Wir haben beispielsweise sogenannte Bürgerkioske entwickelt, die Behördengänge ersetzen. Die Menschen gehen dort hin und wählen aus, ob sie einen neuen Pass beantragen oder ihre Steuererklärung abgeben wollen. Dann werden sie per Videochat mit dem richtigen Verwaltungsmitarbeiter verbunden. Wie toll wäre es, wenn wir in Zukunft nie mehr auf dem Amt Schlange stehen müssten?
SPIEGEL: Klingt gut. Aber ist das schon mehr als ein Prototyp?
Robbins: Ja, in Barcelona und Nizza sind sie in Betrieb. In Hamburg starten wir demnächst mit einem Piloten.
SPIEGEL: Warum haben Sie es so sehr auf Partnerschaften mit der öffentlichen Hand abgesehen?
Robbins: Wegen des enormen Wertschöpfungspotenzials. Wir reden fortlaufend mit der Politik. Vor wenigen Tagen erst war ich in Frankreich bei François Hollande, einen Tag später in Großbritannien bei David Cameron. Auch mit der Bundesregierung stehen wir im Austausch.
SPIEGEL: Wie oft haben Sie bei diesen Gesprächen über die NSA-Spionage geredet?
Robbins: Das Thema kommt immer wieder auf, aber es dominiert unsere Gespräche nicht.
SPIEGEL: Cisco wurde in den Snowden-Unterlagen gleich mehrfach erwähnt. Ein Foto zeigte eine geheime NSA-Werkstatt, in der Produkte abgefangen und mit Überwachungstechnik versehen werden. Auf der Werkbank lag ein Cisco-Paket. Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie das Foto zum ersten Mal sahen?
Robbins: Natürlich. Wir haben dazu eine ganz klare Position: Wir gewähren Regierungen und anderen Organisationen weder Hintertüren zu unseren Produkten, noch geben wir unsere Quellcodes heraus. Das gilt für die US-Regierung genauso wie für alle anderen. Nach Bekanntwerden des Fotos haben wir einen Beschwerdebrief an Barack Obama geschrieben und einen Verhaltenskodex für Geheimdienste gefordert.
SPIEGEL: Was hat Obama geantwortet?
Robbins: Wie heißt es so schön: Wenn Sie über private Gespräche mit Politikern reden, werden Sie nicht mehr viele führen.
SPIEGEL: Geändert hat sich bislang wenig. Vorschläge für "No Spy"-Abkommen sind am Widerstand der USA gescheitert.
Robbins: Das müssen die Länderchefs unter sich ausmachen, wir können sie als Konzern nur ermutigen.
SPIEGEL: Offenbar verlassen Sie sich nicht auf die Politik. Es heißt, Sie würden Ihre Sendungen seither teilweise über Umwege ausliefern.
Robbins: Sie können davon ausgehen, dass wir unterschiedliche Strategien entwickelt haben, um unsere Produkte sicher zu machen. Es wäre aber nicht besonders schlau von mir, diese hier auszubreiten.
SPIEGEL: Im Gegensatz zu Google oder Twitter haben Sie die US-Regierung in Sachen NSA allerdings nicht verklagt.
Robbins: Nein, das haben wir nicht.
SPIEGEL: Hat das damit zu tun, dass Sie auch Partner der NSA sind? In einer internen Präsentation des Geheimdienstes ist von einer "Allianz" die Rede, Cisco sei eines von 80 "Partnerunternehmen".
Robbins: Es handelt sich um eine normale geschäftliche Beziehung. Wir verkaufen der NSA Netzwerkteile von der Stange, genau wie der deutschen Regierung. Ich sage es ganz deutlich: Wenn wir herausfinden, dass unsere Geräte manipuliert werden, teilen wir das dem betroffenen Kunden sofort mit.
SPIEGEL: Gilt das für private Kunden oder auch für Regierungen?
Robbins: Das gilt für beide.
SPIEGEL: Die Loyalität zu Ihren Kunden ist Ihnen wichtiger als die Sicherheitsinteressen der USA?
Robbins: Absolut. Wir sind loyal gegenüber allen, die unsere Produkte einsetzen, egal, ob privater Kunde oder Regierung.
SPIEGEL: Wie haben sich die Enthüllungen auf Ciscos Geschäft ausgewirkt?
Robbins: Ende 2013 haben wir vor allem in China Umsatzeinbußen gespürt. Inzwischen sind unsere Beziehungen zu China wieder hervorragend.
SPIEGEL: Vielen Menschen machen die riesigen Datenmengen Angst, die die Digitalisierung hervorbringt – egal, ob nun Geheimdienste oder Konzerne Zugriff darauf haben. Können Sie das verstehen?
Robbins: Es ist ein zweischneidiges Schwert. Die Leute wissen, dass ihr Smartphone ein Sicherheitsrisiko birgt, aber sie wollen den Komfort nicht mehr missen. Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten. Also müssen wir daran arbeiten, sie sicherer zu machen.
SPIEGEL: Das ist einfach gesagt. Dabei vergeht kaum eine Woche ohne Nachrichten über Hackerangriffe.
Robbins: Viele Vorfälle gehen auf individuelles Fehlverhalten zurück, schlechte Passwörter etwa, die selten oder gar nicht geändert werden. Aber natürlich müssen wir das Sicherheitsproblem in den Griff bekommen. Es dauert teils Monate, bis Unternehmen überhaupt merken, dass sie gehackt wurden, aber ihre Daten sind innerhalb von Stunden abgesaugt.
SPIEGEL: Ärgern Sie sich eigentlich, dass Facebook-Gründer Mark Zuckerberg den Slogan "die Welt vernetzen" für sein Unternehmen reklamiert hat?
Robbins: Ja, der Spruch hätte auch von Cisco kommen können.

Interview: Ann-Kathrin Nezik, Marcel Rosenbach
Von Ann-Kathrin Nezik und Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 31/2015
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