DER SPIEGEL

Kleiner Schlenker

ARD und ZDF werben massiv für die Kinoklamotte „Die Supernasen“ - gratis und zur besten Sendezeit. *
Wenn die Mainzelmännchen schlummern und der "Tagesschau"-Köpcke die Nachrichtenlage vorgetragen hat, beginnt im deutschen Fernsehen die beste Werbezeit.
Dann drängt Prominenz aus der Unterhaltungsindustrie in die Studios. Wer eine Platte besungen, ein Buch geschrieben, ein Kinostück gedreht hat, darf sich verkaufsfördernd aus dem öffentlichrechtlichen Showfenster lehnen. Ein familiärer Moderator rühmt das neue Werk; herzlich lacht der Künstler und hält den gelobten Band vor die Kamera.
Offiziell ist solche Schleichwerbung verpönt. Für "commercials" sind schließlich die Werbetöchter der Anstalten zuständig. Aber in der täglichen Programm-Routine wird die Kumpanei mit dem Kommerz still geduldet. Und zwei betagte Lausbuben haben das jetzt ausgenützt: Thomas Gottschalk, 33, und Mike Krüger, 31, mit ihrem neuen Lichtspiel-Schwank "Die Supernasen".
Gottschalk, hauptberuflich ZDF-Showmaster ("Na sowas"), wegen seines rosigen Rundhorizonts weiträumig beliebt, und der Quickborner Krüger, Schöpfer der Nationalhymnen "Mein Gott, Walther" und "Der Nippel", wirken neuerdings erfolgreich auch im Kinogeschäft. Ihr Lustspiel "Piratensender Powerplay" war letztes Jahr der ertragreichste deutsche Kinofilm. Die Blödelei amüsierte 1,7 Millionen Besucher und spielte zehn Millionen Mark ein.
Seit vier Wochen laufen "Die Supernasen" - ein grober Unfug über zwei Privatdetektive, die in allerlei neckischen Maskeraden (als Astro-Madame Teissier oder Aerobic-Tänzerin) untreuen Ehefrauen nachstellen und dabei in ein Mordkomplott gegen einen Öl-Scheich geraten. Der Mummenschanz auf Grundschul-Niveau droht wieder ein Kassenrekord zu werden. Den Rüsselsprung an die Spitze der Shitparade neudeutschen Frohsinns haben Gottschalk/ Krüger mühelos geschafft.
Das deutsche Fernsehen hat hart daran mitgearbeitet, immer zur schönsten Einschaltzeit. Pünktlich zur Filmpremiere, Anfang September, empfing der ARD-Entertainer Fuchsberger die kostümierten Supernasen in seiner Samstag-Show "Auf los geht''s los". Eine Woche später enterten die Schelme die nordregionale "Aktuelle Schaubude". Am 27. September dann begrüßte Robert Emil Lembke, der Nestor des Rätsels Fernsehen, "unsere Ehrengäste" in seiner berufskundlichen Reihe "Was bin ich?". Gottschalk kam als Madame Teissier, Filmausschnitte wurden vorgeführt; der lustige Nippel-Bruder Krüger intonierte ein Lied von der neuen LP.
Letzten Montag, 19.30 Uhr, konnte das bis dato seltsam reservierte ZDF die Nasen-Scharte auswetzen, mit der Mike-Krüger-Show "Eins, zwei, viertel vor Drei". Krügers einziger Showgast - wunderbarer Zufall - war der Zwillings-Zinken Gottschalk, der wiederum in Teissier-Tracht erschien und wärmstens den gemeinsamen Film empfahl.
ZDF-Redakteur Ulrich Wagandt, der in dringenden Verdacht geriet, miserable Unterhaltung in Tateinheit mit Bandenwerbung verantwortet zu haben, bestreitet _(Mit Ehefrau Thea. )
jede Werbe-Absicht. Gottschalk sei um der "Mehrfarbigkeit des Programms" willen geladen worden, sein Hinweis auf die "Supernasen" ein "kleiner, bedeutungsloser Schlenker" gewesen. Allerdings weiß er auch, daß die Lümmel "sehr clever" sind, und will "in Zukunft vorsichtiger sein".
In München sitzen die, mindestens ebenso cleveren, Drahtzieher der Gratis-Reklame. Beschwingt sagt Michael Preiss, Geschäftsführer des "Supernasen"-Verleihs Tivoli, endlich sei es auch mal einem deutschen Film gelungen, im Fernsehen richtig "abzukochen". Bei anderen Tivoli-Produkten, etwa der Posse "Ein dicker Hund" mit der Gebiß-Humoristin Helga Feddersen, war das nicht gelungen.
Mit Gottschalk aber war Preiss "in der glücklichen Lage, einen idealen Werbeträger" anzubieten. In sieben TV-"Werbesendungen" insgesamt sollen die Blödler lanciert werden, am 14. November beispielsweise wird Krüger in Gottschalks "Na sowas" erwartet. Neidisch beobachtet die Verleih-Konkurrenz den "Supernasen"-Coup. Mehr als eine Million Kinogänger haben den Film schon gesehen, immer wieder muß Preiss verärgerte Kinobesitzer beschwichtigen, die mit der begehrten Kopie noch nicht beliefert werden konnten.
Die Kanäle, auf denen der profitable Film-Fernseh-Filz ausgehandelt wird, gibt der Geschäftsmann natürlich nicht preis. Man muß, sagt er, gute "Connections zu Redakteuren und Regisseuren" pflegen. Und es hat wohl auch nicht geschadet, daß der TV-Regisseur Dieter Pröttel die "Supernasen" inszeniert hat - fürs Kino und in der Fuchsberger-Sendung "Auf los geht''s los".
Mit Ehefrau Thea.

DER SPIEGEL 41/1983
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