DER SPIEGEL

Zeitgeschichte„Eiskalter Mann“

Geheime Dokumente der Bundesregierung zeigen: Kremlchef Michail Gorbatschow und Kanzler Helmut Kohl schätzten einander wenig.
Helmut Kohl hat in seiner Karriere mehrere Tausend Interviews gegeben, aber in den Geschichtsbüchern wird heute nur das Gespräch mit der US-Zeitschrift "Newsweek" erwähnt. 1986, mitten im Kalten Krieg, begeisterte Michail Gorbatschow die Öffentlichkeit mit immer neuen Abrüstungsvorschlägen, weshalb Kohl es für angebracht hielt, den Kremlchef mit Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels zu vergleichen: Gorbatschow "versteht was von PR. Goebbels verstand auch etwas von PR. Man muss doch die Dinge auf den Punkt bringen".
Das "Newsweek"-Interview löste eine Eiszeit zwischen Bonn und Moskau aus. Gorbatschows Familie hatte während des Zweiten Weltkriegs unter deutscher Besatzung gelitten; der Nazivergleich belastete auf Jahre das persönliche Verhältnis zwischen dem späteren Kanzler der Einheit und dem sowjetischen Reformer.
Kohl bezeichnete in seinen "Erinnerungen" die eigene Äußerung als "dumm". Allerdings hatte die Entgleisung eine weitgehend unbekannte Vorgeschichte, über die bislang geheime Akten der Bundesregierung nun aufklären. Das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) hat die Papiere im Auftrag des Auswärtigen Amtes (AA) veröffentlicht: Protokolle, Aufzeichnungen, Vermerke über Gespräche Kohls.
Demnach waren der Kanzler und Gorbatschow schon im März 1985 aneinandergeraten. Ihre Unterredung war "durch ungewöhnliche Schärfe gekennzeichnet", wie Staatssekretär Andreas Meyer-Landrut berichtete. "Mit Mühe" habe Kohl einen "versöhnlichen Ton am Ende herbeiführen können".
Der Kanzler weilte damals in Moskau, um an der Trauerfeier für Gorbatschows Vorgänger teilzunehmen und den neuen Generalsekretär kennenzulernen. Gorbatschow hatte bei Gesprächspartnern in West wie Ost einen glänzenden Eindruck hinterlassen. Im Gegensatz zu anderen Kremlchefs las er nicht Erklärungen ab, sondern diskutierte offen.
Auch während Kohls Besuch sprach Gorbatschow "frei" und "zupackend", wie Bonner Diplomaten beobachteten. Er lockte mit dem "großen Potenzial" einer Zusammenarbeit; es gebe "reichliche Möglichkeiten für neue Schritte". Unter einer Bedingung: Bonn solle auf Distanz zu US-Präsident Ronald Reagan gehen. Das lehnte der Kanzler ab. "Früher hat es im westlichen Bündnis unterschiedliche Auffassungen gegeben, jetzt steht man stramm", ätzte Gorbatschow. Kohl keilte zurück: Er stehe ebenso wenig vor Washington stramm, wie er dies vom Generalsekretär erwarte.
Das Treffen sei "kein Spaß" gewesen, berichtete Meyer-Landrut.
Fortan lieferten sich die beiden Alphatiere einen Kleinkrieg. Gorbatschow reiste nach Paris, traf sich mit Reagan und empfing Italiens Regierungschef – Bonn sparte er trotz mehrerer Einladungen aus. Als der deutsche Botschafter in Moskau bat, ein Schreiben Kohls persönlich Gorbatschow oder Außenminister Eduard Schewardnadse übergeben zu dürfen, empfing ihn nur ein Beamter. Auch den Vorschlag, mit einer gemeinsamen Erklärung der Aufnahme diplomatischer Beziehungen 1955 zu gedenken, lehnte Moskau schroff ab.
Die Beziehungen seien "gestört", notierte ein hoher AA-Mitarbeiter Ende 1985. Gegen Kohl habe es "nicht wenige Vorurteile gegeben", räumte der sowjetische Spitzendiplomat Julij Kwizinski später ein. Man nahm dem CDU-Vorsitzenden übel, dass die Christdemokraten gegen Willy Brandts Ostpolitik opponiert hatten, mit den Vertriebenenverbänden verbandelt waren und die Nato-Nachrüstung vorantrieben, also die Stationierung von US-Atomraketen in der Bundesrepublik.
Gorbatschow setzte auf die SPD und die Friedensbewegung, gleich nach Amtsantritt schickte er einen Brief an den "Friedensrat Heilbronn". Kohl revanchierte sich und lästerte, wo er nur konnte, über Gorbatschow und dessen Reformen: gegenüber Frankreichs Präsident François Mitterrand, Großbritanniens Premier Maggie Thatcher oder den Reagan-Leuten.
Ein Generalsekretär der KPdSU sei immer "ein eiskalter Mann", verbreitete Kohl, Gorbatschow werde niemals den Gulag auflösen. Er sei kein Liberaler und werde auch keiner. Es sei "dumm", dass Beobachter ihn so einstuften, nur weil sich der Russe im Fernsehen als "junger nachdenklicher Politiker" präsentiere und Journalisten gut behandle. Ausdrücklich warnte Kohl, man dürfe nicht "Charme mit Mangel an Härte verwechseln". Gorbatschow wolle die Deutschen "ohne Schuss" auf seine Seite bringen – wie bereits Lenin.
Für Heiterkeit sorgten schon damals Kohls Tiraden über Gorbatschows Gattin Raissa, deren elegantes Auftreten Aufmerksamkeit erregte. Gorbatschow sei eben geschickter als seine Vorgänger und trete mir einer "jungen hübschen Frau" auf, schimpfte Kohl. Zu diesem Zeitpunkt war Raissa Gorbatschowa 53 Jahre alt und Enkelin Xenija war bereits geboren. Womit der Kanzler nicht rechnen konnte: Zwei Diplomaten – nach Recherchen des IfZ die Legationsräte I. Klasse Christoph Müller und Matthias Mülmenstädt – machten sich einen Spaß und kritzelten auf die offizielle Mitschrift eines Gesprächs zwischen Kohl und einem US-Diplomaten ironische Kommentare. Das Dokument wanderte ins Archiv, ein wohl einmaliger Vorgang. Müller ist heute Botschafter in Australien, Mülmenstädt war bis zur Pensionierung 2014 Botschafter in Litauen.
Zu Kohls Bemerkung über die "junge hübsche Frau" notierte Legationsrat Müller spitz: "Großmutter". Und Kollege Mülmenstädt zeichnete eine Karikatur, die den Kanzler als Birne zeigte, ergänzt um den Satz: "sieht das im Hinblick auf H". Gemeint war Kohls Gattin Hannelore.
Als der übergewichtige Kanzler für ein behutsames Vorgehen mit den Worten warb, es sei falsch, "aus der Hüfte zu schießen", schrieb Müller: "Da zielt man auch nicht so genau." Mülmenstädt ergänzte: "Wo hat er denn die Hüfte?"
Oder Kohls Hinweis, er müsse sich in Westdeutschland mit dem "Problem der Äquidistanz" auseinandersetzen, also damit, dass viele Deutsche den verbündeten Amerikanern nicht mehr vertrauten als den Sowjets. Kommentar Müllers: "Womit der sich alles auseinandersetzen muss."
Wie die Geschichte ausging, ist bekannt. Zum Glück für die Deutschen fassten Kohl und Gorbatschow doch noch Vertrauen zueinander. Bei den Verhandlungen über die Einheit 1990 präsentierten sie sich im Kaukasus sogar als Freunde. Wirklich eng wurde das Verhältnis allerdings nie. Als Kohl später gefragt wurde, welches Urteil die Geschichte über den einstigen Rivalen fällen werde, fiel die Antwort kühl aus. Gorbatschow habe ohne Blutvergießen "den Kommunismus abgelöst", "sehr viel mehr" falle ihm "nicht ein".
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 6/2016
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