DER SPIEGEL

„Der Kopf fängt an zu dröhnen“

RAF-Häftling Karl-Heinz Dellwo über seine Zwangsernährung Wie sich Zwangsernährung für einen Terroristen im Hungerstreik ausnimmt, schildert der in Celle einsitzende Karl-Heinz Dellwo. Der jetzt 29jährige war 1975 Mittäter beim Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm. Er wurde wegen Mordes, Geiselnahme und Nötigung rechtskräftig zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt. Sein Bericht über die Zwangsernährung enthält RAF-typische Schmähvokabeln, läßt aber gleichwohl die Drangsal der Prozedur für alle Beteiligten erkennen, für den Häftling wie für den Arzt und die Gefängnisbeamten.
Wir hatten damit gerechnet, denn heute ging die fünfte Woche Hungerstreik zu Ende, und das war hier schon immer die Zeit gewesen, außerdem haben wir ein paar Vorbereitungen mitbekommen bzw. mehr aus Geräuschen assoziiert, die wir in den letzten Tagen hörten (wie Folterstuhl anschleppen, der beim Aufsetzen ein sehr eigenes, spezifisches Geräusch von sich gibt).
Nach der Freistunde, in der uns Engelhardt und der Arzt vom Sani-Fenster beobachteten, kam Schulz, Knastarzt, um 10.30 Uhr zu mir; fragt, ob es etwas Besonderes gibt. "Nein." -"Ob der Hungerstreik weitergeht." -"Natürlich." -- "Dann muß ich Ihnen die Zwangsfütterung zusagen." (Ihre dreckige Sprache!)
"Ich garantiere Ihnen, auch wenn Sie uns 50mal zwangsernähren, wir werden den Streik nicht abbrechen." Er: "Sie sind ja jetzt schon ganz abgemagert, Sie lassen sich ja nicht wiegen. Da muß ich die Zwangsernährung jetzt zusagen." Ich: "Die Zwangsernährung sagen Sie nicht zu, die üben Sie gegen uns aus." Wiederhole, daß sie uns nicht kleinkriegen werden. Er zuckt die Schultern und verschwindet. Anwesend war noch ein Sanitäter.
10.50 Uhr macht es "klapp" vor der Tür. Es ist die Eisenklappe des Folterstuhls, auf dem die Füße festgefesselt werden. Zwei Minuten später, nach Getuschel auf dem Flur -- ich hatte mich an die Wand gestellt --, werden die beiden Sicherungsschlösser in den zwei Türen gedreht, dann das Hauptschloß und gleichzeitig die Türen aufgerissen.
Links kommt eine Art Kopie eines Marlboro-Typs mit zwei oder drei Bullen rein, er wohl unbestritten der stärkste der Traktschließer und so richtig fett auf "harter Mann" konditioniert. Rechts Engelhardt mit Albrecht-Lächeln in der Fresse, ohnehin sein großes Vorbild, und zwei Schließer. Engelhardt, Abteilungsleiter, habe ich mindestens eineinhalb Jahre nicht mehr aus der Nähe gesehen oder gesprochen ... Fragt mich, ob ich wieder essen werde und den Hungerstreik abbreche, worauf ich nein sage, genauso wie auf sein Verlangen, dann mitzukommen.
Hinter ihm steht der Folterstuhl, den Gefangene in der hiesigen Schlosserei fertigen mußten, als der Trakt noch im Bau war. "Dann fangen wir an", und macht den Platz für die hinter ihm stehenden Schließer frei. Bahr, jener Marlboro-Typ, von dem wir ausnahmsweise den Namen wissen (von den meisten anderen auch nach den 28 Monaten noch nicht, die wir hier mit dem 8. März nun schon rum haben), will mich greifen, worauf ich ihm einen Stoß gebe, aber angesichts der ganzen Rotte keine Chance habe.
Ich werde zu Boden gerissen, habe eine rasende Pumpe dabei, von ihm um den Oberkörper fest umschlungen, hochgerissen, während die Beine nach drei oder vier Tritten von jeweils einem Bullen fest umschlungen sind, die versuchen, mein Strampeln unter Kontrolle zu bringen. Weil ich nicht aufhöre zu strampeln, schlägt Bahr, an der Türecke angekommen, mich einmal feste auf die Eisenkante.
Draußen stehen schon die Bullen bereit mit Handschellen und Gurten, etwa vier Mann, mit unserem Rumpelstilzchen, einem Schichtführer, der so aussieht, wie wir ihn nennen, und einer von der alten, bösartigen Sorte, der dann auch, wie er mich strampeln sieht, so mutig ist, mir in die Seite zu hauen und mich am Gürtel festzuhalten.
Bei dem Versuch, mich auf den Stuhl zu setzen und festzuschnallen, kommt, nachdem es ihnen Schwierigkeiten macht, die übliche Brutalität: Während Bahr mich noch hält und die beiden anderen Bullen versuchen, die Füße unter die T-Konstruktion auf der Eisenplatte vorne am Stuhl zu bringen, wo ein dritter bereits mit der Fessel steht, nehmen jeweils links und rechts ein Bulle einen Arm und biegen ihn hinter die Lehne an das dort verlaufende Eisenrohr, wo ein anderer Bulle hektisch und natürlich verkantet die Eisenfessel anbringt.
Während sie damit beschäftigt sind und die anderen mit den Füßen, ist Rumpelstilzchen dabei, um die Schenkel einen festen Ledergurt zu ziehen und so anzuziehen, daß sich die Oberbeine halb übereinander schieben. Da ich immer noch strampele, haut mir ein Bulle mit dem Handballen feste auf den rechten Unterkiefer, um dann meinen Kopf zu nehmen und auf die hohe, obere Stuhlkante zu hauen. S.35
Bahr kniet sich dabei mit seinen vermutlich 85 kg in die Arme auf die Handschellen, wo ich mich bemühe, nicht zu schreien, und "Dreckschweine" sage. Nachdem die Füße fest sind, ebenso die Oberschenkel, binden mir jeweils zwei Bullen einen Ledergurt über den Magen nach hinten an das Eisenrohr und ebenso einen ca. 15 cm breiten über den Brustkorb, der zweimal um den Brustkorb und das Eisenrohr gewickelt wird.
Die ganze Zeit wurde dabei mein Kopf an den Haaren von hinten auf die obere Holzkante des Stuhls gezogen, so daß sich aus dieser Haltung der Brustkorb nach vorne bewegt, während die Gurtanspanner ihn bis zur Bewegungslosigkeit an die Stuhllehne zu fesseln versuchen. Dabei wird der Gurt um Hüfte und Brust (und da auch Arme) damit angezogen, daß ein Bulle sich mit dem Fuß auf die hintere Lehne stützt und zieht, was Erstickungsgefühle unvermeidlich macht, und man ist dann auch während der ganzen Zeit so gefesselt, daß man unter permanenter Atemnot leidet und nur noch kurze Atemzüge machen kann, was eine der widerlichsten Angelegenheiten ist.
Nachdem Rumpelstilzchen die dünne Anstaltstrainingsjacke noch zurückreißt, damit der Gurt noch ein Stück enger gezogen wird, und auch den Hüftgurt, der ja in die Weichteile schneidet, noch mal strammziehen läßt, wird der Stuhl auf seine Hinterräder gekippt und ich durch den Gang in die angegliederte Traktkrankenstation, versehen mit zwei "Krankenzellen", einem Labor und einem "Behandlungszimmer" und einem Röntgenraum, gerollt, wo Schulz und drei oder vier Sanitäter warten. Dort wird der Stuhl im "Behandlungszimmer" in die Mitte gestellt.
An Bewegungsmöglichkeiten, sieht man mal von kurzen körperlichen Zuckern ab, habe ich nur noch die wie einer, der ab dem unteren Halswirbel gelähmt ist, also nur noch den Kopf, und es ist nur unter Aufbietung aller Kräfte möglich, mit dem restlichen Körper etwas hin- und herzuruckeln.
Der Arzt fragt mich nun, ob ich nun essen werde, worauf ich ihm ein Nein entgegenschreie. Daraufhin läßt er sich einen dünnen Plastikschlauch reichen, spritzt ihn mit irgend etwas ein und versucht, diesen mir in die Nase zu schieben, wobei ich, so gut ich kann, den Kopf wegdrehe, woraufhin der hinter mir stehende Sanitäter über den Kopf von vorne feste in die Haare greift, festkrallen kann man auch sagen, und zwar mit der linken Hand, während seine Rechte am Hals entlang nach oben die Unterkieferknochen umfaßt, so feste er kann, und mit dem Oberkörper sich gegen meinen Hinterkopf stemmt, um so diesen in gerader Lage und Stillstand zu halten.
Da er ein Wackeln des Kopfes nicht ganz verhindern kann, wendet er zumindest alle Kraft an, während nun S.37 der Arzt erneut versucht, ein Nasenloch zu treffen und unter leichtem Drehen den Schlauch so weit wie möglich hineinzuschieben. Nach 15 Sekunden fängt der Kopf an zu dröhnen, die Erstickungsgefühle nehmen zu, der Schlauch in den Weichteilen macht Mühe, keine reflexartige Panik aufkommen bzw. überhandnehmen zu lassen, sondern trotz des ganzen Sadismus und der ganzen menschenfeindlichen, faschistischen Gewalt, deren einziger Zweck ist, zur weiteren Aufrechterhaltung dieser Vernichtungsbedingungen hier und gegen alle politischen Gefangenen unseren Widerstand zu brechen, sich nie besiegen zu lassen und unter jeder Situation zu zeigen, daß wir Menschen sind, die kämpfen werden ...
Wenn der Schlauch unter dem Rucken und Zucken des Kopfes durch die Nase stößt, stochert der Arzt eine Zeitlang im Hals rum, bis er ihn in der Luft- oder Speiseröhre hat, wobei erstes sofort krampfartige Hustenanfälle auslöst, während es bei der zweiten Möglichkeit "nur" brennt.
Nachdem Schulz den Schlauch im Magen hat, Luft reinblasen ließ und abhörte, wobei er zwischendurch immer die Sanitäter anfährt, weil nicht jede Handreichung ihm schnell genug kommt, der an der Nase festgeklebte Schlauch sich immer wieder durch das Zucken löst, wird unter dem fortdauernden Festkrallen des hinter mir stehenden Sanitäters eine Spritze Nährflüssigkeit nach der anderen eingejagt, die in dem durch den Hüftgürtel zusammengepreßten Magen einen enormen schmerzhaften und beengenden Druck schafft, der die ganze Atemnot durch nicht zum Vollzug kommende Kotzanfälle verstärkt.
Das ganze Reinjagen dauert bis zu fünf Minuten, während man insgesamt schon so ca. 10--15 Minuten auf dem Stuhl gefesselt ist, nach Luft japst, in den Handgelenken die immer stärkeren Schmerzen spürt und irgendwie trotzdem versucht, sich dem Ganzen entgegenzustellen. Nachdem Schulz fertig ist, zieht er mit einer schnellen Bewegung den Schlauch aus der Nase, was wie Feuer brennt und alles Innere sich zusammenkrampfen läßt. Der Sani läßt los, und man sitzt da und zittert am ganzen Körper.
Nachdem ich zwangsernährt worden bin, will Schulz Blut, was freiwillig ich zu geben nicht bereit bin. Wieder treten die Traktbullen, die im Hintergrund standen, auf den Plan, da sie die Handschellen aufmachen und den oberen Gurt wegmachen müssen, um so an einen Arm zu kommen. Nachdem die Handschellen weg sind, packen Bahr und ein anderer Schließer je einen Arm, um ihn im sogenannten Polizeigriff zu halten. Ein dritter macht den Gurt weg, worauf der rechte Bulle den Arm nach vorne biegt und Rumpelstilzchen wieder ankommt, dabei wie besessen die Kleidung vom Oberarm runterreißt, weil er offensichtlich nicht beflissen genug sein kann.
Als der Arzt mit der Spritze kam, versuchte ich den Arm wegzureißen und meinen halb frei gewordenen Oberkörper mit einzusetzen, was dazu führt, daß einer der Sanitäter mitversucht, den Arm ruhig zu halten, während Bahr meinen Arm nicht nur weiter nach oben anhebelt, was die sattsam bekannten stechenden Schmerzen verursacht, die heute eigentlich schon jeder Linke kennen muß, sondern indem er zugleich auch meine Faust, die er mit seiner Hand umschlossen hat, in entgegengesetzte Richtung zu drehen beginnt.
Da er an der Seite steht und mich folglich mit angewinkelten Armen halten kann, gelingt ihm das relativ einfach. Während er so mit der rechten Hand meinen hinteren Arm hält, greift er mit seiner Linken an meine Kehle, drückt mich ein Stück hoch aus dem Sitz und dabei seine Zeigefinger von unten in die Weichteile des Unterkiefers. Nun kann ich auch nicht mehr und häng'' da unter Rasselgeräuschen, während der Arzt und ein zweiter Sanitäter eine Ampulle Blut nach der anderen abzapfen.
Nachdem er fertig ist, werden mir die Hände wieder mit den Handschellen hinters Rohr gefesselt, und während ich so fertig bin, daß ich nur noch ein "Dreckschwein" ausstoßen kann, kippen sie die Karre und rollen mich rückwärts raus über drei ca. 5 cm hohe Eisenschwellen an Sicherheitsstahltüren bis auf den Traktflur, wo ich mit dem Stuhl in Gehrichtung hingestellt werde.
Dort halten sich sechs Bullen auf, von denen mich vier losfesseln, mich, die Hände wieder im Polizeigriff, vom Stuhl heben, die Handschellen wieder anbringen, um mich dann, Bahr links unterfaßt, ein anderer rechts, die zwanzig Meter bis in eine vorbereitete Leerzelle zu bringen, wo das Wasser abgedreht und die Fenster in der Tür aufgemacht sind und wo ich eine Stunde, in der ein Schließer die ganze Zeit in der Tür steht und durch die Panzerglasscheibe starrt, verbringen muß, bevor ich dann wieder in meine eigene Zelle geführt werde, wozu mich zwar niemand mehr anfaßt, ich aber sprungbereit begleitet werde.
Die Zwangsernährung im Magen, die zusätzlich durchgemachte Prozedur schaffen ein Gefühl, als wäre man unter Bleiplatten begraben. Ich bin ins Bett gekippt und habe da fünf Stunden bewegungslos gelegen, hundemüde, nicht aber in der Lage zu schlafen; fünf Stunden, in denen ich Brechgefühle, Magen- und Darmkrämpfe und immer wieder Zitteranfälle, begleitet von Hitze- oder Kälteschauern bekommen habe und in denen ich so schwach war, daß ich mich nicht einmal mehr aufsetzen konnte.
S.34 Deutsche Botschaft in Stockholm nach dem Anschlag des RAF-"Kommandos Holger Meins" am 24. April 1975. *

DER SPIEGEL 16/1981
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