DER SPIEGEL

SCHLAGERIn aller Munde

Mike Krügers Blödel-Lied „Der Nippel“ ist der Schlager der Saison.
Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am letzten Montag siegestrunken in einer Lufthansa-Sondermaschine nach Hause reiste, ließ die Stewardeß Christa Reuter die frischen Europameister mit einem humorvollen Hinweis in überschäumenden Frohsinn taumeln.
"Sie müssen nur den Nippel durch Lasche ziehn", fügte die pfiffige Flugbegleiterin ihren Erläuterungen der Sauerstoffmasken und Schwimmwesten hinzu, und schallendes Gelächter brach aus in der Kabine. Die Kicker und die Fußball-Funktionäre hatten Kurzweil bis zur Landung in Frankfurt: In ihrem Höhenflug schmetterten sie nun den Schlager, auf den in Deutschland nicht nur sie abfahren.
Millionen stimmt es zur Zeit genauso froh, wenn sie Mike Krügers Lied "Der Nippel" hören. Es ist Spitzenreiter in den Rundfunk-Schlagerparaden und tönt aus Musikboxen in den Kneipen; 350 000 Singles mit dem Stimmungs-Heber wurden verkauft und 250 000 Exemplare der LP, auf der ein aufgeräumter Krüger-Abend vom Januar im Saalbau Witten akustisch konserviert ist.
Dort hatte der holsteinische Humorsänger, 28, auch seine "Nippel"-Ballade vorgetragen und dafür quiekendes Vergnügen im Saal geerntet. Anstoß zum Dichten des berühmten Lieds war ein schmutziger Vorfall, den Krüger selbst erlebt hat: Beim Würstchenessen hatte er einen Nachbarn mit Senf bekleckert, weil er Probleme hatte beim Öffnen einer Tube.
Denn er hatte die Gebrauchsanweisung nicht gelesen: "Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehn und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben drehn. Da erscheint sofort ein Pfeil, und da drücken Sie dann drauf, und schon geht die Tube auf."
Mit diesem Refrain, der immer wieder die Schilderung von Ungeschicklichkeiten und kleinen Alltags-Desastern krönt, traf Krüger zwei Seelen in der Brust des Deutschen: das katastrophengeplagte HB-Männchen und den Schweinigel.
Allein das Wort "Nippel" offeriert eine Fülle von Assoziationsmöglichkeiten, die jeden Männerstammtisch in krachend gute Laune versetzt. Denn Krüger verläßt in seinem Gesangsstück nur in einer Strophe die Ebene der Zweideutigkeit und baut eine "selsbrücke zum Verständnis des Nippel-Hintersinns: Ich hatte mal" " 'ne Freundin - ich bin auch nur ein Mann - doch leider trug " " sie 'nen BH, man kam da sehr schlecht dran. Mann, Mädel, wie " " geht denn das, ich komm' da nicht mehr mit. Sie sagte: "Komm, " mein Jung, ich geb' Dir mal 'n Tip:
" Du muß doch nur den Nippel durch die Lasche ziehn ... "
Mit solchen Hauruck-Reimen hat sich der großnasige Mann aus der jüngst wiedererstarkten Schlager-Blödelabteilung auf den kleinsten gemeinen Nenner deutscher Unterhaltungsbedürfnisse eingepegelt. Sein "Nippel" ist in aller Munde, das Lied ist ein Hit wie vor fünf Jahren der Kollektiv-Seufzer "Mein Gott, Walther", der die Bundesrepublik zu Tränen rührte.
Danach hatte der Sänger aus dem Lande "Goethes, Schillers und Heinos" (Krüger über Deutschland) ein paar Jahre mit Spaß-Anlässen gegeizt und war nur noch gelegentlich als Unterhalter bei launigen Betriebsfeiern oder Vertretertagungen präsent. Sein Comeback feiert er mit jener Juxmischung, die auch damals zum Erfolg geführt hat.
Er singt wieder von den Freuden des Bundeswehrlebens ("Mann, wär'n Se doch Kriegsdienstverweigerer geworden, Urinkellner im Krankenhaus]"), von der Party in der winzigen Neubauwohnung, von den Segnungen des Tennisspiels, von deutschem Trinkverhalten ("Wir trinken wenig, aber oft, und dann viel").
Und ein bißchen Spaß holt der knubbelige Unfug-Stifter aus deutschem Schlagergut, wenn er Leute wie "Howard Chippendale" oder "Peter Straffray" parodiert.
Aber dadurch ist die Nippelierung des musikalischen Unterhaltungswesens der Bundesrepublik auch nicht mehr zu stoppen.
S.165
Ich hatte mal 'ne Freundin - ich bin auch nur ein Mann - doch leider
trug sie 'nen BH, man kam da sehr schlecht dran. Mann, Mädel, wie
geht denn das, ich komm' da nicht mehr mit. Sie sagte: "Komm, mein
Jung, ich geb' Dir mal 'n Tip:
Du muß doch nur den Nippel durch die Lasche ziehn ...
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DER SPIEGEL 27/1980
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