DER SPIEGEL

KarrierenTatort Nollendorfplatz

Der Grünen-Politiker Volker Beck war einer der engagiertesten Kämpfer gegen Diskriminierung. Jetzt wurde er offenbar mit einer harten Droge erwischt und kämpft ums politische Überleben.
Es ist Dienstagabend, gegen 23 Uhr, als sein Doppelleben auffliegt. Der Grünen-Politiker Volker Beck ahnt offenbar, was passieren wird, als er die Zivilpolizisten unweit des Berliner Nollendorfplatzes plötzlich vor sich sieht. Ein verdächtiges Tütchen, das er bei sich trägt, landet auf dem Boden – offenbar habe er versucht, die Drogen noch schnell loszuwerden, heißt es aus Ermittlerkreisen. Aber es ist zu spät.
Nachbarn hatten die Polizei zuvor auf eine Wohnung im Stadtteil Schöneberg hingewiesen. Dort spiele sich Verdächtiges ab, hieß es. Womöglich werde mit Drogen gehandelt. Zivilfahnder des Polizeiabschnitts 41 legten sich auf die Lauer. Gleich der erste Kunde, den sie am Dienstagabend vor der Wohnung kontrollierten, hatte eine Portion Marihuana dabei.
Der zweite Verdächtige, den sie überprüften, ist Volker Beck, 55 Jahre alt, lange Jahre Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen im Bundestag und zu diesem Zeitpunkt innen- und religionspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Die Fahnder stellen ihn zur Rede, wollen seine Papiere sehen. Er habe sie nicht dabei, soll Beck erwidert haben. Auf Nachfrage habe er ruhig und sachlich seine Personalien angegeben.
Gefunden habe man 0,6 Gramm einer "betäubungsmittelsuspekten Substanz", erklärt am Mittwoch der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, mutmaßlich Crystal Meth. Als die Vorwürfe bekannt werden, gibt der Politiker eine knappe Erklärung ab und tritt von seinen Fraktionsämtern zurück.
Ein Ermittlungsverfahren gegen Beck wurde bis Donnerstagabend jedoch nicht eingeleitet, es durfte nicht einmal analysiert werden, welche Substanz sich genau in dem Tütchen befindet. Erst müsste Becks Immunität aufgehoben werden. Auf Anfrage wollte er sich weder zu dem Crystal-Meth-Verdacht noch zu der Polizeikontrolle äußern.
Am Donnerstag findet sich der Politiker auf Seite eins der größten deutschen Boulevardzeitung wieder. Die selten bescheuerte Zeile der "Bild"-Zeitung lautet: "Grüner mit Hitler-Droge erwischt!"
Die Nacht am Nollendorfplatz ist der vorläufige Tiefpunkt einer außergewöhnlichen Laufbahn, einer Karriere mit großen Verdiensten und manchen Abgründen.
Wohl niemand in Deutschland hat ähnlich viel für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben bewirkt wie Beck. Das Lebenspartnerschaftsgesetz, 2001 von der rot-grünen Mehrheit verabschiedet, war in erster Linie Becks Erfolg. Doch neben dem engagierten, oft hoch moralischen Kämpfer gegen Diskriminierung gab es, wie es scheint, den Privatmann Beck, dessen Leben langsam außer Kontrolle geriet. Der in die Welt der Drogen abdriftete. Bis sein Doppelleben in dieser Woche aufflog.
Was aber hat zu diesem Abdriften geführt? Waren es die widrigen Umstände eines Lebens in der Spitzenpolitik, wie manche Kommentatoren mit Hang zur Überhöhung spontan vermuteten? War es ein privater Schicksalsschlag, der ihn aus der Bahn warf? Oder ist am Ende alles viel banaler, und Beck wurde ein spezieller, ausschweifender Lebensstil zum Verhängnis?
Es gibt nicht viele Leben, bei denen man den Zeitpunkt des Bruchs bestimmen kann. Bei Volker Beck ahnt man ihn zumindest. Am 25. Juli 2009 starb sein Lebenspartner, der französische Diplom-Kaufmann Jacques Teyssier. 17 Jahre lang waren sie ein Paar gewesen, 8 davon verheiratet. Auch sie selbst nutzten die neue Möglichkeit des Lebenspartnerschaftsgesetzes, für das Beck lange gekämpft hatte, und gaben sich 2008 das Jawort.
All die Jahre hatten sie gemeinsam für die Gleichstellung von Homosexuellen gekämpft. Teyssier hatte Beck zu Parteitagen begleitet und sich angeblich schützend vor seinen Partner gestellt, als dieser in Moskau bei einer Schwulendemonstration von Rechtsextremen angegriffen wurde. Viele Jahre gehörte der HIV-positive Teyssier selbst dem Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands an. Als er an Krebs erkrankte, war schnell klar, dass sein Körper der Krankheit wenig entgegenzusetzen hatte. Beck ließ seine politische Arbeit ruhen, sagte alle Termine ab und pflegte ihn bis zu seinem Tod.
Danach sei Beck nicht mehr derselbe gewesen, heißt es nun aus seiner Fraktion. Beck ist ein Mann, der sehr um ein bürgerliches, beinahe konservatives Äußeres bemüht ist. Er legt stets Wert auf Stil, oft trägt er einen Dreiteiler und Hemden, die Manschettenknöpfe verlangen.
Über sein Privatleben spricht er nicht, auch nicht über die Zeit an der Seite seines sterbenden Mannes. Schon nach dem Tod seines Partners hatte Beck einigen Verlagen mit Klage gedroht, die in ihren Zeitungen Nachrufe gedruckt hatten. Er klagte überhaupt oft. Gegen den rechten Hetzer Akif Pirinçci. Gegen Pegida. Gegen den SPIEGEL. Gegen die Polizei. Gegen den CSU-Politiker Alexander Dobrindt, der ihn 2013 wahrheitswidrig als "Vorsitzenden der Pädophilen-AG bei den Grünen" bezeichnet hatte. Er klagte gegen beinahe jeden, von dem er glaubte, dass er etwas getan haben könnte, was nicht rechtens ist. Vorsicht und Zurückhaltung waren jedenfalls Becks Sache nicht. Bei den Grünen sagen jetzt manche, dass sie all das an Michel Friedman erinnere. Der sei ja auch immer chic angezogen und ein beherzter Moralist gewesen.
Dennoch war Becks politisches Leben weit mehr als nur Fassade. Im vergangenen Jahr wurde ihm, quasi als Bilanz seines politischen Engagements, der Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden verliehen. Beck engagiere sich seit mehr als 20 Jahren für die jüdische Gemeinschaft, kämpfe gegen Antisemitismus und habe sich vehement für die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern eingesetzt, hieß es in der Begründung. Die Grünen waren stolz auf diese Auszeichnung. Es schien, als habe Beck sich von der größten Krise seiner Laufbahn erholt.
Im Herbst 2013 hat ihn eine Geschichte aus den Anfängen seiner Karriere eingeholt. Als Schwulenreferent der Grünen hatte Beck 1988 einen Beitrag für ein Buch mit dem Titel "Der pädosexuelle Komplex" verfasst. In dem Werk wurde auf 351 Seiten Pädophilie schöngeredet, angeblich einvernehmlicher Sex zwischen Kindern und Erwachsenen gutgeheißen, sogar Straffreiheit dafür gefordert. "Eine Entkriminalisierung der Pädosexualität ist angesichts des jetzigen Zustandes ihrer globalen Kriminalisierung dringend erforderlich", schrieb Beck damals.
Als er später mit seinen Sätzen konfrontiert wurde, behauptete Beck mehrfach, sie so nicht selbst geschrieben zu haben, der Herausgeber habe sie nachträglich verfälscht. Doch im September 2013 entdeckte der SPIEGEL im Archiv der parteinahen Heinrich Böll Stiftung das Originalmanuskript, das seine Darstellung widerlegte.
Auf Anfrage räumte Beck damals zwar ein, dass das Buchkapitel von der "falschen Grundannahme" geprägt sei, dass es theoretisch gewaltfreien und einvernehmlichen Sex zwischen Kindern und Erwachsenen geben könne, und entschuldigte sich dafür. Warum er zuvor jedoch behauptet hatte, der Text sei verfälscht worden, erklärte er nicht.
Die Pädophilie-Affäre bestimmte die letzten Wochen vor der Bundestagswahl, bei der die Grünen ein überraschend schlechtes Ergebnis erzielten. Auf Druck der Partei musste Beck nach elf Jahren sein Amt als Parlamentarischer Geschäftsführer aufgeben.
Seine Kollegen aus der Fraktion sagen, dass er seit der Episode "auf Bewährung" gewesen sei. Seither kämpfte Beck gegen das Stigma des Pädophilen-Verstehers, das ihm wie ein Stempel auf der Stirn prangte und von seinen Gegnern umgehend ins Feld geführt wurde.
Nun droht ein zweiter Stempel hinzuzukommen. Dabei wäre Beck nicht der erste Politiker, der mit Crystal Meth erwischt wird. Im November 2013 ließ sich der SPD-Abgeordnete Michael Hartmann in einer Limousine der Fahrbereitschaft des Bundestags zur Schöneberger Laubenkolonie Samoa fahren. Dort kaufte er bei einer Dealerin ein Gramm Crystal Meth – knapp doppelt so viel, wie nun offenbar bei Beck gefunden wurde. Das Verfahren gegen Michael Hartmann wurde gegen die Zahlung einer Geldauflage eingestellt. Hartmann sitzt noch immer als Abgeordneter im Bundestag.
Später sagte Hartmann dem SPIEGEL, er habe die Droge zur Leistungssteigerung gekauft, eigentlich habe er eher eine Kur gebraucht. Er sagte: "Morgens war ich meist der Erste, in Wirklichkeit war ich tot." Wegen ihrer aufputschenden und euphorisierenden Wirkung spricht die Droge eine ganz andere Zielgruppe an als betäubende Mittel wie Cannabis oder Heroin.
"Die Konsumenten sind tatenhungrig, gut drauf, hellwach und können Negatives leicht ausblenden", sagt der Leiter der Deutschen Drogenbeobachtungsstelle Tim Pfeiffer-Gerschel. Das dominierende Suchtmotiv aller Crystal-Konsumenten sei der Wunsch nach Leistungssteigerung. Die Zahl der Konsumenten in Deutschland steigt.
Der Psychologe Pfeiffer-Gerschel ist folglich "überhaupt nicht überrascht", dass Crystal Meth im Berliner Politikbetrieb zirkuliert: "Wer nachts wenig schläft und tagsüber unter Stress leidet, der bleibt mit Crystal noch länger wach und hält noch eine Sitzung mehr durch."
Die 0,6 Gramm, die offenbar bei Volker Beck gefunden wurden, reichen einem Gelegenheitsnutzer für rund zehn Trips. Methamphetamin entfalte zwar ein hohes Abhängigkeitspotenzial, warnt Pfeiffer-Gerschel, aber es gebe auch Nutzer, "die Crystal über Jahre hinweg in kleiner Dosis nehmen, ohne sozial auffällig zu werden oder gesundheitlich zu verelenden".
In der Grünen-Fraktion wird seit Mittwoch heftig diskutiert, ob Beck sein Mandat behalten könne. Dabei wurde bei ihm eine so geringe Menge Drogen gefunden, dass Beck wohl nur mit einer Geldstrafe zu rechnen hat. Zudem wollen die Grünen in der Drogenpolitik nicht als Hardliner gelten. Zugleich, so heißt es, freuen sich einige Grüne über Becks Affäre, weil er "so ein anstrengender Kollege" sei.
Es sei schon vorher ausgemacht gewesen, dass er bei der Bundestagswahl 2017 nicht noch einmal einen aussichtsreichen Listenplatz bekommen werde, heißt es intern. Der Abend am Nollendorfplatz dürfte seine Chancen nicht erhöht haben.
Dieser Artikel wurde aus rechtlichen Gründen nachträglich berarbeitet.

Manche im Bundestag freuen sich über Becks Affäre, weil er "so ein anstrengender Kollege" sei.

Von Anna Clauß, Ann-Katrin Müller, Sven Röbel und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 10/2016
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