DER SPIEGEL

LitauenBlutiger Sonntag

Bei der Aufklärung eines historischen Verbrechens verfährt die Staatsanwaltschaft Vilnius wenig zimperlich. So haben die Ermittler unter anderen Michail Gorbatschow als Zeugen aufgerufen, den ehemaligen sowjetischen Staats- und Parteichef. Er soll in einem Prozess aussagen, der in dem baltischen Land die Schlagzeilen beherrscht. In der litauischen Hauptstadt wird der "Vilniusser Blutsonntag" verhandelt: Am 13. Januar 1991 – Litauen hatte ein Jahr zuvor seine Unabhängigkeit erklärt – schossen sowjetische Soldaten auf friedliche Demonstranten. 14 Menschen kamen ums Leben, mehr als tausend wurden verletzt. Unter Anklage stehen nun der damalige Moskauer Verteidigungsminister und andere hohe Mitglieder des Parteiapparats. Dass sie vor Gericht erscheinen werden, ist so gut wie ausgeschlossen. So hat der Prozess für die Litauer vor allem symbolische Bedeutung: Als ehemalige Sowjetrepublik fühlt sich das heutige EU-Land gefährdet durch Wladimir Putins hegemoniales Streben. Was damals in Litauen geschah, sagt beispielsweise der Soziologe Aleksandras Dobryninas, wiederhole sich heute in der Ukraine.
Von Jpu

DER SPIEGEL 10/2016
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