DER SPIEGEL

HeldenEr hörte auf sein Gefühl

Anders als mancher Politiker glaubt, geht es nicht darum, das Elend auszuhalten. Sondern um Hilfsbereitschaft. Das hat Rupert Neudeck gezeigt. Von Navid Kermani
Letzten Dienstag habe ich ferngesehen, eine Stunde lang oder weniger, das Ende von "Report Mainz", danach die "Tagesthemen". Der Moderator kündigte den Beitrag mit der Entschuldigung an, dass jetzt schon wieder ertrunkene Flüchtlinge im Mittelmeer gezeigt würden, obwohl wir vermutlich schon abgestumpft seien von den immer gleichen Nachrichten, den immer gleichen Bildern. Dann sah ich einen blondbärtigen, stämmigen Mann auf einem Frachtschiff, der einen dunkelhäutigen Säugling im Arm zu wiegen schien. So friedlich wirkte das Baby, hatte die Augen geschlossen, den Mund offen, als ob es schliefe. Der Helfer hatte es im Meer entdeckt, nicht ganz an der Oberfläche, sondern vollständig von Wasser bedeckt, inmitten von Dutzenden, Hunderten anderer Leichen.
In der nächsten Sequenz berichtete ein Syrer, erkennbar ein einfacher Mann, wie er seinen Sohn bei dem Unglück verloren hatte. Die Frau und die Tochter konnte er im letzten Moment noch packen, als das Boot umkippte, aber der Sohn, der Sohn war nicht da, der Sohn war einfach weg. Was hat das Leben denn noch für einen Sinn, schluchzte der Mann, und neben ihm seine Frau, seine Frau konnte vor Weinen gar nicht mehr sprechen. Die Tochter, neun oder zehn Jahre alt, blickte stumm ihre Eltern an.
Dann die "Tagesthemen"; ein Reporter hatte die Ärzte ohne Grenzen zehn Tage lang bei der Seenotrettung begleitet, Bilder von überfüllten Schlauchbooten, hundert, zweihundert Flüchtlinge dicht gedrängt auf dem offenen Meer. Wenn wir sie nicht entdeckt hätten, wären sie zu 99 Prozent tot, meinte regungslos der ukrainische Kapitän des Schiffes, das die Ärzte ohne Grenzen gechartert hatten, obwohl die Seenotrettung nicht zu ihren Aufgaben gehört – aber wenn es sonst niemand macht?
Fünf Jahre lang sei er schon auf der Flucht, sagte einer der Geretteten in passablem Englisch, in den Armen sein kleines Kind, neben ihm seine junge, unglaublich nett aussehende Frau; fünf Jahre, die letzten zwei Jahre in Libyen, wo es so wenig auszuhalten war, dass die Überfahrt irgendwann den Schrecken verlor, der einkalkulierte Tod auch. Allein seit sie an Bord gegangen seien, hätten mehr als tausend Flüchtlinge ihr Leben verloren, teilte der Reporter im Off mit – in weniger als zehn Tagen mehr als tausend Ertrunkene im Mittelmeer.
Das war mein Fernsehabend am vergangenen Dienstag, in weniger als einer Stunde alles Leid wieder im Wohnzimmer gehabt, das im vergangenen Herbst vorübergehend ins öffentliche Bewusstsein gedrungen war, um seit der Schließung der Balkanroute wieder entschlossen verdrängt zu werden.
Und dann? Dann bin ich Zähne putzen gegangen mit einem ganz mulmigen Gefühl. Sie fragen, was das mit Rupert Neudeck zu tun hat, dieses mulmige Gefühl. Ich glaube, dass es exakt den Unterschied markiert zwischen ihm und mir, zwischen ihm und den gewöhnlichen Menschen.
Sicher, man kann den Kanal wechseln, wenn schon wieder Ertrunkene im Mittelmeer gezeigt werden oder Hungernde in Afrika oder Hingeschlachtete in Syrien. Man kann die Bilder an sich abperlen lassen oder die eigene Angst vorschützen, o Gott, wenn die alle zu uns kommen wollen, und bestimmt sind auch Terroristen dabei. Man kann die Ertrunkenen, die Hungernden, selbst die Geschlachteten für ihr Schicksal selbst verantwortlich machen, mit ihrer Kultur, mit ihrer Religion und inzwischen sogar wieder mit ihrer Rasse begründen, warum sie es zu keinem Wohlstand, keiner Freiheit, keinem Frieden bringen. Aber so reagieren die meisten von uns nicht, wir gewöhnlichen Menschen, wenn wir im Fernsehen das Bild eines Ertrunkenen, eines Hungernden, eines Hingeschlachteten sehen, und wenn das Opfer ein Kind ist, fällt es sogar den Zynikern, den Ängstlichen und den Rassisten schwer, das Mitgefühl zu unterdrücken. Dann gestehen selbst sie sich ein, dass solche Bilder unangenehm sind, ja, eigentlich unerträglich, aber dass man sie jetzt einmal aushalten muss.
Aushalten – das ist ein sehr sprechendes Wort, das zuletzt im öffentlichen Diskurs fiel. Man muss die Mitleidlosigkeit aushalten – sie fällt uns schwer, denn sie entspricht uns überhaupt nicht, entspricht weder den Anlagen, die Gott uns mitgegeben hat, noch der Fürsorge, die wir durch unsere Eltern erfahren haben, und schon gar nicht der Zivilisation, in der wir aufgewachsen sind. Das Mitgefühl ist der natürliche, der menschliche Impuls, nicht die Gnadenlosigkeit. Einem Menschen in Not die Hand zu reichen ist nichts, was wir lernen müssen; es ist etwas, was wir im Laufe unseres Lebens verlernt haben, ja, auch wir gewöhnlichen Menschen verlernen mussten, damit wir unser gewöhnliches Leben weiterführen. Ließen wir alles Leid ungefiltert an uns heran, das wir um uns herum sehen, würden wir zusammenbrechen.
Vielleicht überweisen wir am nächsten Tag den Ärzten ohne Grenzen ein bisschen Geld, vielleicht wählen wir Parteien, die auf Flüchtlinge wenigstens nicht schießen lassen wollen, vielleicht engagieren wir uns vor Ort in einer Willkommensinitiative, sammeln Kleider, geben Deutschunterricht, werben um Verständnis. Aber wir tun nicht das, was dieses mulmige Gefühl uns eigentlich sagt und was mein Kind, wenn es zufällig noch wach gewesen wäre, als letzten Dienstag "Report Mainz" und die "Tagesthemen" liefen, nicht nur gefühlt, sondern auch ausgesprochen hätte, weil es dem urmenschlichen Instinkt entspringt, den das Kind noch nicht so gut verdrängt hat wie wir: Wir lassen nicht alles stehen und liegen, nehmen nicht das nächste Flugzeug nach Lampedusa, plündern nicht unser Konto oder ketten uns am Bundeskanzleramt fest, damit – ja, so kindisch, aber das sind Kinder in ihrer weisen Unvernunft ja auch –, damit die Welt eine bessere wird. Nein, wir Vernünftigen legen uns ins Bett und löschen das Licht.
Ich stelle mir vor, dass Rupert Neudeck ebenfalls ein mulmiges Gefühl hatte, als er 1979 die Bilder von den Vietnamesen sah, die in kleinen Booten aufs offene Meer flohen. Der Unterschied, von dem ich sprach, geschah genau hier: Er hörte auf sein Gefühl. Er löschte nicht das Licht. "'Cap Anamur', das war so eine radikale Aktion", sagte er 36 Jahre später über das, was ab dem nächsten Morgen geschah: "Ich musste springen und wusste überhaupt nicht, wie es ausgeht." Es ging so aus, wie wir alle wissen, dass Rupert Neudeck gemeinsam mit seiner Frau Christel und vielen anderen Mitstreitern, die er mit seiner kindlichen Euphorie gewann, 10 395 Menschen aus dem Südchinesischen Meer rettete. Und fortan immer weiter das Leben geführt hat, das man für andere lebt, 1992 in Angola, 1993 in Sarajewo, 2001 in Afghanistan, 2012 in Syrien, 2014 im Irak, um stellvertretend nur einige Orte zu nennen, wo er gegen alle Vernunft ausharrte, als weit und breit kein anderer Helfer mehr da war.
Das Leben, das man für andere lebt, sagte ich. Klingt das nicht merkwürdig in unserer Zeit, da Selbstverwirklichung das höchste Gebot zu sein scheint, während Aufopferung, Askese, Hingabe schon beinah ungehörig sind? Psychologen und Werbefachleute würden dringend davon abraten, nehme ich an, für andere zu leben. Dabei täuschen sie sich! Kinder zu sättigen, Kranke zu heilen sei das Selbstverständlichste von der Welt, sagte Rupert einmal selbst über sein Leben für andere, das Einfachste, das Schönste auch. Das mache unheimlich viel Freude, fügte er hinzu. Immer wollten die Leute und besonders die Journalisten hören, dass seine Arbeit schwer sei, dass er sich am Riemen reißen müsse, sich überwinden und so weiter. Nein, sagte Rupert, die Arbeit mache Freude, und genau deshalb mache er sie auch. Umgekehrt sei es viel anstrengender, also böse zu sein statt freundlich.
Ich glaube, jeder von uns weiß von sich selbst, wie gut es uns tut, wenn wir gut zu anderen Menschen sind. Und jeder sieht im Fernsehen, wie verbissen diejenigen Menschen aussehen, die für Härte plädieren, wie hässlich etwa die Gesichtszüge jener Politiker erstarren, wenn sie davon reden, dass wir die Bilder von ertrunkenen Kindern jetzt einfach mal aushalten müssten. Die tun mir auch leid, diese Politiker, weil sie doch auch Menschen sind und sich mit ihrer Härte selbst Schaden zufügen, weil sie ihre eigene Persönlichkeit verstümmeln, die im Grunde eine freundliche ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihre Eltern ihnen das beigebracht haben, und das Christentum, auf das sie sich manchmal berufen, hat sie die Gnadenlosigkeit schon gar nicht gelehrt, genauso wenig übrigens wie die deutsche oder abendländische Kultur, die sie zu schützen vorgeben. Wenn die deutsche oder abendländische oder überhaupt irgendeine Kultur etwas lehrt, dann ist es der Großmut und ist es die Gastfreundschaft.
Dennoch helfen wir, wir gewöhnlichen Menschen, nicht in jeder Not und nicht jedem Bedürftigen, und wir haben durchaus Gründe, es nicht zu tun. Wenn wir alle Hungrigen nährten, hätten wir bald selbst kein Brot mehr. Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt, wird das dieser Tage ins Politische übersetzt. Ich möchte diese Art von Realismus gar nicht kritisieren, das stünde mir nicht an, weil ich im Privaten doch gar nicht anders verfahre, gar nicht anders verfahren kann, wenn ich mein gewöhnliches Leben fortsetzen will. Dahinter steckt ein zwar pragmatisches, aber auch ein sehr altes Prinzip. Denn die Religionen verlangen keineswegs von uns, alles zu geben, sondern immer nur einen bestimmten Anteil unseres Besitzes, unserer Kraft, unserer Fürsorge. "Gott lastet keiner Seele mehr auf, als sie tragen kann", heißt es im Koran.
Und doch kann dieser Vers nur wahr sein, weil einzelne Menschen mehr tragen können als wir. Es gibt zu viel Leid auf der Welt; unsere Zivilisationen würden zugrunde gehen, wenn jeder von uns nur seinen eigenen Anteil an der Barmherzigkeit trüge. Es brauchte zu allen Zeiten einzelne Menschen, die alles geben, die so vielen Menschen helfen, wie es eben nur geht, ohne zu fragen, was für sie selbst übrig bleibt. Früher nannte man solche Menschen Heilige, und wo immer über sie geschrieben wurde in der Geschichte der Religionen, fiel auf, dass sie etwas Kindliches ausstrahlen, dass sie ein bisschen wie Kinder sind. Woher kommt das? Ich glaube, es kommt daher, dass sie sich einen Impuls bewahren, den jeder von uns kennt, dem jeder oft nachgibt, oft aber auch nicht: den Impuls, dem die Hand zu reichen, der unserer Hilfe bedarf, den menschlichsten Impuls überhaupt. "Und wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen", heißt es im Neuen Testament. Es war der Lieblingsvers von Rupert Neudeck.
Nun ist er, ich bin ganz sicher, selbst ins Himmelreich gegangen. Jedoch wir, wir sind zurückgelassen. Jeder von uns spürt – das ist so ein Gefühl, das sich mir in allen Telefonaten und Gesprächen seit seinem Tod vermittelte –, dass wir ihn nicht nur persönlich gebraucht haben, als Ehemann, als Vater, als Freund, sondern dass er unserem Gemeinwesen jetzt fehlt, seine Stimme in Zeiten des wiederkehrenden Nationalismus, seine Tat in Zeiten der Flüchtlingsnot, seine Menschenfreundlichkeit, die über das gewöhnliche Maß hinausging. Was können wir tun? Ich glaube, es geht nur so, dass jeder von uns, jeder Einzelne, künftig ein bisschen mehr trägt als bisher. Allein schaffen wir das nicht, und ein mulmiges Gefühl genügt jetzt nicht mehr.
Kermani, 48, Schriftsteller und Publizist, hat diese Rede bei der Trauerfeier für Rupert Neudeck (1939 bis 2016) am 14. Juni in Köln gehalten.

Es geht nur so, dass jeder von uns, jeder Einzelne, künftig ein bisschen mehr trägt als bisher.

Von Navid Kermani

DER SPIEGEL 25/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung