DER SPIEGEL

ZeitgeschichteEin seltsamer Mann

Er vertuschte Watergate und führte Krieg in Vietnam: Richard Nixon war einer der schlechtesten Präsidenten der USA. Nun hat Donald Trump ihn für sich entdeckt.
Er liest kaum, heißt es. Doch als ein amerikanischer Reporter ihn kürzlich befragte, nannte Donald Trump zwei Bücher. Eines über Hillary Clinton, das andere über Richard Nixon. Und wenn Titel und Autor des Buchs über Nixon ihm auch entfallen sein mögen, zumindest behauptet Trump das, so spricht er doch, wenn er von Hillary Clinton spricht, fast immer auch über Richard Nixon. Er nennt sie "Crooked Hillary", ihrer E-Mail-Affäre wegen, die betrügerische Hillary, eine Formulierung, die amerikanische Wähler sofort an den einen denken lässt: an Richard Milhous Nixon, geboren 1913, gestorben 1994, US-Präsident von 1969 bis 1974. In einem Land, das die Extreme liebt, ist er der Inbegriff des Dunklen, des politischen Höllensturzes. Eine Gruselfigur fürs politische Halloween. Der einzige Präsident in der amerikanischen Geschichte, der zurücktreten musste, der Präsident, der 1973 in einer Fernsehansprache den Satz gesagt hat, an den sich die Amerikaner bis heute erinnern: "I'm not a crook", ich bin kein Betrüger.
Als "großen bösen Mann" bezeichnet ihn der amerikanische Journalist Tim Weiner in einer neuen Biografie(*). Weiner, bekannt geworden mit Büchern über die CIA und das FBI, hat neben den Notizen von Nixon und seinen Mitarbeitern Hunderte bislang gesperrte Tonbandmitschnitte ausgewertet, die der Präsident ohne Wissen der meisten Beteiligten von den Gesprächen im Oval Office und in anderen Räumen des Weißen Hauses hatte anfertigen lassen.
So entsteht ein Bild von epochaler Düsternis. Richard Nixon erscheint bei Weiner wie eine Mischung aus zwei großen amerikanischen Antihelden: so skrupellos wie Francis Underwood aus "House of Cards", ein Trinker wie Don Draper aus "Mad Men".
Als der damalige Militärberater Nixons, Alexander Haig, 1972 nach China vorausreiste, um Nixons Staatsbesuch vorzubereiten, schickte er aus Peking ein Telegramm ins Weiße Haus: "Unter keinen – wiederhole –, keinen Umständen sollte der Präsident tatsächlich mittrinken, wenn beim Bankett Trinksprüche ausgebracht werden", stand da, alles in Großbuchstaben. Haigs Warnung galt dem chinesischen Maotai, einem Schnaps mit über 50 Prozent Alkohol, vor allem aber den Trinkgewohnheiten Nixons. Der saß einige Wochen später im Gästehaus der chinesischen Regierung in Shanghai, vor sich eine Flasche Maotai. Die leerte er im Laufe der Nacht. "Schon beim Essen und auch während des Tages und beim Mittagessen heute hatte er bestimmt ein halbes Dutzend Gläser getrunken", schrieb Nixons Stabschef H. R. Haldeman in sein Tagebuch, "schließlich durften wir auf seine Terrasse hinaustreten und das nächtliche Shanghai betrachten. Offensichtlich spürte er die historische Dimension dieses Augenblicks."
Mao Zedong, ihm vor allem galt Nixons Reise, war als einer der großen Revolutionsführer des 20. Jahrhunderts eine Art kommunistisches Fabelwesen, zum "Großen Vorsitzenden" überhöht, im kapitalistischen Westen ein Star, von Andy Warhol porträtiert und von den Beatles in einem Songtext erwähnt, aber auch ein wichtiger Verbündeter des Vietcongs im Krieg gegen die USA. Als Nixon nach Peking reiste, war der alternde Mao schon seit Monaten nicht mehr öffentlich aufgetreten. Den US-Präsidenten empfing er. Und der US-Präsident gab sich versöhnlich: "Wir alle kennen den Lebenslauf des Vorsitzenden. Er stieg aus einer sehr armen Familie an die Spitze der bevölkerungsreichsten Nation der Welt auf, einer großen Nation. Auch ich stamme aus einer sehr armen Familie und stehe an der Spitze einer sehr großen Nation. Die Geschichte hat uns zusammengebracht."
Nixon wollte Geschichte schreiben. Als "Führer des Westens", so sah er sich selbst, als der Mann, der den Vietnamkrieg beendet, vielleicht sogar die Konfrontation zwischen Ost und West. Sein Staatsbesuch in China war ein Höhepunkt seiner Amtszeit, eine historische Sensation, inmitten des Kalten Kriegs und des Vietnamkriegs der erste Besuch eines US-Präsidenten im kommunistischen Feindesland, ein Wagnis, das fast so kühn wirkte wie die Mondlandung zweieinhalb Jahre zuvor. Wenn Trump behauptet, er werde nach Moskau fliegen, um sich dort mit Putin unter Männern zu einigen, dürfte er auch Nixons Chinareise im Kopf haben.
Zwei Jahre nach dieser Reise, am 9. August 1974, war Richard Nixons Platz in der Geschichte ein anderer. Es war der Tag seines Rücktritts, der Tag, an dem er dem drohenden Amtsenthebungsverfahren zuvorkam. Seitdem ist seine Amtszeit verbunden mit einem Skandal, dessen Name zum Inbegriff aller Skandale wurde: Watergate, in zahlreichen Wortschöpfungen verfremdet, von Irangate bis Schnüffelgate. Auf den Ranglisten aller US-Präsidenten seit 1789, die amerikanische Historiker mit einer Begeisterung erstellen, wie man sie in Deutschland eher von Fußballnerds kennt, rangiert Richard Nixon stets auf den letzten Plätzen, als schlechtester Präsident seit dem Zweiten Weltkrieg.
Und doch wurde er vom amerikanischen Volk, seine Wähler waren für ihn "Trottel", zweimal gewählt. Bei seiner ersten Wahl zum Präsidenten profitierten Nixons Republikaner 1968 von der Zerstrittenheit der Demokratischen Partei, damals ähnlich uneinig wie 2016. Grimmig standen der linke und der pragmatische Flügel sich gegenüber, fast wie heute beim Duell Sanders gegen Clinton. Und auch die amerikanische Gesellschaft war vergleichbar zerrissen, wie sie es nun wieder ist. Auf der einen Seite die Bürgerrechtsbewegung, die Hippies, die Gegner des Vietnamkriegs. Auf der anderen die eher konservative weiße Mittel- und Unterschicht. Und schließlich war 1968 in den USA ein Jahr voller Gewalt: Im April wurde Martin Luther King ermordet, im Juni Robert Kennedy. Der Nominierungsparteitag der Demokraten in Chicago gilt als Debakel von historischem Format, er war überschattet von Protesten gegen den Vietnamkrieg. Bis in die Parteitagshalle roch es nach Tränengas. Statt der Siegesrede des demokratischen Kandidaten beherrschte das Chaos auf den Straßen der Stadt die Nachrichten. Das könnte sich wiederholen: Für den Tag der Nominierung Hillary Clintons haben Anhänger von Sanders Proteste angekündigt.
"Wir leben in einem Zeitalter der Anarchie", glaubte Nixon selbst, er fühlte sich bedroht von "revolutionärem Terrorismus", dem "nur ein guter Nachrichtendienst" Einhalt gebieten könne. Im Krieg gegen Vietnam und Kambodscha befahl er Bombenangriffe, die das, was die Alliierten in Europa und Fernost während des Zweiten Weltkriegs an Bomben abgeworfen hatten, um ein Vielfaches übertrafen und Hunderttausende Tote und Verwundete forderten. An Wirtschaftspolitik hingegen hatte er kaum Interesse, und Innenpolitik war für ihn "Klohäuschenbauen". Mit Teilen seines Kabinetts sprach Nixon fast gar nicht, er regierte mit einer kleinen Gruppe ihm ergebener Männer, zu der außer seinem Militärberater Alexander Haig und dem Stabschef H. R. Haldeman auch sein Sicherheitsberater Henry Kissinger gehörte.
Was diese Mitarbeiter Nixons später über ihren Chef sagten, liest sich nicht gerade wie ein Empfehlungsschreiben für das Weiße Haus: "Er kämpfte allein gegen die Welt"; er habe "eine fast paranoide Angst, dass die Leute nicht vertrauenswürdig waren", gehabt; "er neigte dazu, in die Luft zu gehen – besonders im Verlauf eines Abends, wenn er einige Drinks intus hatte"; kurz: "Er war der seltsamste Mensch, den ich je getroffen habe."
Öffentlich gab sich der Republikaner Nixon gediegen, mit seiner adretten Familie entsprach er dem Bild, das sich das konservative Amerika von einem Staatsoberhaupt macht. Intern aber fluchte und schimpfte er, feuerte mit Worten in alle Richtungen auf eine Art, die sogar das übertrifft, was wir bislang aus dem Munde Trumps gehört haben. Ein Tonbandmitschnitt belegt, wie Richard Nixon seinen Justizminister mit "son of a bitch" anbrüllte, ein anderer, dass er glaubte, die Beamtenschaft des Landes sei durchsetzt von Landesverrätern. Den ausländischen Verbündeten misstraute er sowieso, besonders dem deutschen Kanzler Willy Brandt, auch der ein "son of a bitch". Nixon verachtete ganze Völker (Inder waren für ihn "Wilde" und "Kannibalen"), Journalisten erst recht ("der Feind") und auch die Intellektuellen des Landes ("Bastarde"). Kaum überraschend, dass er von Schwarzen und Juden wenig hielt, trotzdem war Henry Kissinger, ein Jude, sein Sicherheitsberater. Über dessen Privatleben zog er dann her und auch über dessen mangelnde psychische Robustheit. Nixon selbst war linkisch, aber er glaubte, der toughste Amtsinhaber seit Teddy Roosevelt zu sein, dem legendären Raubein unter den amerikanischen Präsidenten der Jahrhundertwende. Seine chronische Schlaflosigkeit versuchte Nixon mit Alkohol und Tabletten zu bekämpfen, vergebens. Sein übernächtigter Blick hat das Bild von Richard Nixon geprägt.
Bei seiner Wahlkampagne 1968 umwarb Nixon die "vergessenen Amerikaner", die weißen Kleinbürger. Auch das dürfte dazu geführt haben, dass sich Trump nun mit Nixon befasst – genau seine Zielgruppe. Nixon versprach einen "ehrenvollen Frieden" in Vietnam, Ruhe und Ordnung zu Hause, Verhältnisse wie in den Fünfzigern. Er hätte sagen können: "Make America great again!"
Trumps Wahlkampf führt fast zwangsläufig zu Nixon. Und das nicht nur, weil Trump mit "Crooked Hillary" beständig auf den früheren Präsidenten anspielt. Sondern weil Nixon der erste moderne republikanische Politiker war, dem es gelang, eine große Gruppe demokratischer Stammwähler zu gewinnen. In "Being Nixon", einer bislang nur auf Englisch erschienenen Biografie, beschreibt Evan Thomas, wie der Präsident 1969 in einer Fernsehansprache den Begriff von der "Silent Majority" prägte, der schweigenden Mehrheit. Damit brachte Nixon seine Wählerschaft auf eine einprägsame Formel: Es waren nicht nur die republikanischen Stammwähler, die ihm 1972 zur triumphalen Wiederwahl verhalfen, sondern auch 35 Prozent früherer Demokraten, viele davon weiße Arbeiter, denen die politische Linie der Partei zu progressiv geworden war. Ähnlich ist heute die Anhängerschaft Trumps. Nixons Sieg 1972 war einer der höchsten in einer amerikanischen Präsidentschaftswahl, sein Vorsprung betrug 18 Millionen Stimmen, nur in einem von 50 Bundesstaaten konnte sich der demokratische Bewerber durchsetzen. Im Jahr 1976, so plante der Präsident, wollte er eine neue Partei gründen – nicht Republikaner oder Demokraten hätten das Land regiert, sondern Nixons Partei der schweigenden Mehrheit. Es wäre eine politische Revolution gewesen, vergleichbar mit dem, was Trump vorhat. Nixon sei ein Populist gewesen, so schreibt Evan Thomas, und wie Nixon damals setze Donald Trump heute auf die schweigende Mehrheit.
Nixon stürzte, weil Mitarbeiter seines Teams 1972 in die Wahlkampfzentrale der Demokraten eingebrochen waren, die sich im Washingtoner Watergate-Komplex befand. Der Einbruch mag Ausdruck der unter Nixon herrschenden Paranoia gewesen sein, dass der Präsident im Vorfeld davon wusste, ist unwahrscheinlich. Nachgewiesen werden konnte ihm, dass er im Nachhinein die Justiz bei ihren Ermittlungen behindert hat. Damit hatte er gegen seinen Amtseid verstoßen. Nixons Verachtung des Washingtoner Establishments und der Institutionen findet sich heute bei Donald Trump und seinen Anhängern. Aber Nixons Fall zeigt auch, dass die amerikanischen Institutionen, das System der Checks and Balances, in der Krise stärker waren als der Präsident: Richard Nixon musste sich Justiz und Parlament beugen.
Nicht nur das liberale Europa, auch die Intellektuellen in den USA hegen seit Nixons Sturz Argwohn gegen die amerikanische Rechte. Robert Kagan, Vordenker der Neokonservativen, hält Donald Trump sogar für einen Wegbereiter des Faschismus ( SPIEGEL 22/2016 ). Schon Ronald Reagan wurde als Faschist bezeichnet, wenn auch eher in der Popkultur – und in Europa stöhnte man über den zweitklassigen Hollywoodschauspieler im Weißen Haus und fürchtete ihn ebenso, wie man Trump heute fürchtet. Reagan und sein Nachfolger George Bush standen in Nixons politischer Tradition. Bush führte 1988 einen besonders dreckigen Wahlkampf, der es in Niedertracht mit Trumps Kampagne aufnehmen könnte. Der Kopf dahinter war Lee Atwater, bis heute berüchtigt als Strippenzieher republikanischer Schmutzkampagnen. Ein enger Mitarbeiter Atwaters war Roger Stone, über Jahrzehnte einer der besten Freunde Donald Trumps. Wenngleich Stone sich mittlerweile angeblich mit Trump überworfen hat, gilt er als Vordenker von Trumps Kampagne.
Seine Karriere hatte Roger Stone in den Siebzigern als Mitarbeiter im Wahlkampfteam von Nixon begonnen. Er leitete einen Feldzug gegen einen demokratischen Konkurrenten. Bis heute trägt er ein Andenken an diese Zeit auf dem Rücken: eine Tätowierung mit dem Gesicht Richard Nixons.

Nixon wollte eine neue Partei gründen. Weder Republikaner noch Demokraten hätten regiert.

* Tim Weiner: "Ein Mann gegen die Welt. Aufstieg und Fall des Richard Nixon". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 464 Seiten; 24,99 Euro.
Von Sebastian Hammelehle

DER SPIEGEL 26/2016
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