DER SPIEGEL

Nils MinkmarZur ZeitKermanis Welt

Das "Salonfestival" veranstaltet in verschiedenen Städten Lesungen in den Privathäusern literaturbegeisterter Menschen. Dieses Mal war ich in Köln mit dabei, Stadtteil Marienburg, die Tür stand einfach offen. Es war ein bemerkenswert schönes Haus, der Empfang herzlich. Auch das gehört zur bundesrepublikanischen Lebensqualität: Die reichen Bürger müssen nicht in Gated Communities wohnen. An so einem Sommerabend können sie ihr Haus öffnen für alle, die gern lesen und diskutieren. Man kann auch als Linker feststellen, dass viele Reiche hierzulande sehr engagiert, bedacht und wirklich okay sind. Was man für einer ist, hängt nicht zwangsläufig vom Kontostand ab.
Die Leute waren an jenem Abend gekommen, um Navid Kermani zu hören. Ich sollte ihm danach einige Fragen stellen. Es war gut besucht, der Garten schon voller Menschen, die im Abendlicht plauderten und etwas tranken. Der Autor selbst war nicht darunter. Ich traf ihn in einem dunklen Nebenraum – kleiner als der Salon, in dem die Lesung stattfinden würde, aber doch so groß wie ein Saal. Er trank Wasser und trug das bequeme Zivil eines Familienvaters, der zu Hause arbeitet. Wie bei allen, die die Nachrichten verfolgen, war seine Stimmung gedämpft. War die parlamentarische Demokratie nur eine Laune der Geschichte? Haben Rassismus und Fremdenhass wieder eine Chance in Europa? Was wird aus der arabischen Welt, aus Afghanistan, der Türkei, Polen, Ungarn und Russland? Aus den USA mit Trump? Das waren unsere Themen, während draußen gelacht wurde. Kermani fragte nach Rotwein – überlegte es sich aber doch anders.
Seit seinen viel beachteten Reden, einmal im Bundestag während der Feierstunde zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes im Mai 2014 und dann im vorigen Oktober bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Paulskirche, hat sich seine Stellung verändert. Vom Experten und Journalisten ist er zum öffentlich wirksamen Intellektuellen geworden, seine Bücher sind Bestseller. Doch er dosiert seine Auftritte. Er schreibt, fährt durch das Land und besucht Kommunen, um zu schauen, wie sie mit den Flüchtlingen klarkommen. Dabei hat er nichts von einem Meisterdenker. Bei den Stücken, die er liest, stehen die Flüchtlinge und ihre Helfer im Mittelpunkt. Kermani verbindet Empirie, Analyse und eine klare humanistische Haltung. Er agitiert nicht, doziert nicht. Geduldig erklärt er später, dass die Sprache seiner Eltern, Farsi, etwas anderes ist als Arabisch. Er ist kein Politiker, kann den Leuten aber ziemlich gut klarmachen, woher wir kommen, wo wir derzeit stehen und wohin es gehen könnte. Der Philosoph Jürgen Habermas gab uns das Stichwort von der neuen Unübersichtlichkeit, Kermani bemüht sich darum, Perspektiven aufzuzeigen. Nach Joachim Gaucks Erklärung, nicht wieder als Bundespräsident anzutreten, nannten viele Navid Kermani als möglichen Nachfolger. Allein das scheint mir ein gutes Zeichen für dieses Land zu sein. Oder sagen wir es so: Es waren schon gedankenärmere Köpfe für dieses Amt im Gespräch.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 29/2016
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