DER SPIEGEL

SelbstsicherheitWas wäre, wenn?

Wie sich Menschen verändern, deren Alltag von der ständigen Möglichkeit des Fürchterlichen geprägt ist.
Am 16. November 2015 wurden mein Sohn und ich zu anonymen Symbolfiguren dafür, dass das Leben weitergeht, trotz allem. Es war der Montag drei Tage nach dem Terrorangriff auf Paris, 130 Tote auf Caféterrassen und im "Bataclan", und vor unserer Schule im Pariser Zentrum unweit der Tatorte hatte sich ein Kamerateam aus Norwegen oder Australien aufgebaut, ich weiß nicht mehr, woher sie kamen.
Die Kollegen filmten ankommende Eltern mit ihren Kindern, und wir waren rein zufällig darunter. Ich stellte mir damals vor, wie wir in den Abendnachrichten irgendeines Landes als Pariser an und für sich vorgeführt wurden, als Menschen in einer Krise, und wie die entsandten Reporter ihre Stimmen über die Bilder legten und vermutlich über "angespannte Ruhe" redeten oder sogar über einen "Alltag in Angst". Ich frage mich selbst oft, wie unser Zustand dieser Tage eigentlich genau zu bezeichnen wäre.
Letzte Woche wieder, am Abend des 14. Juli, stand ich mit Freunden, Franzosen, auf einem Pariser Dach mit grandiosem Blick auf den nahen Eiffelturm. Das Feuerwerk zum Nationalfeiertag sprühte lustig seine Funken, die Stadt ringsum glitzerte, wie nur Paris glitzert. Wir lachten, tranken, machten verwackelte Fotos, aber dann rumorten die Mobiltelefone, und die ersten Eilmeldungen aus Nizza trafen ein. Bald saßen wir schweigend vor einem Fernseher und verfolgten, was man in Kriegsgebieten den "body count" nennt. Das Zählen der Opfer stoppte in dieser Nacht erst bei 84.
Was solche Zahlen, solche Nächte, solche Eindrücke mit einem machen, darüber bin ich jetzt gezwungen nachzudenken. Paris und Frankreich sind meine Wahlheimat seit 2003. Ich erinnere mich gut daran, wie lächerlich die CNN-Leute wirkten, als sie 2005 teils in Splitterschutzwesten über den Aufstand in den Vorstädten berichteten und die Pariser Innenstadt zu großen Teilen zu kriegerischen No-go-Zonen erklärten. Als Reporter, der in solchen Zonen gewesen ist, im Irak, in Afghanistan, kann ich bezeugen, dass sich jeder Vergleich mit unserer aufgeräumten Welt in Westeuropa verbietet. Und trotzdem hat sich, in Frankreich, im vergangenen Jahr ein Gefühl eingeschlichen, das ich bis dahin nur von der Arbeit in Kriegsgebieten kannte.
Angst ist nicht das richtige Wort dafür. Auch unheilvolle Erwartung, ständige Bedrohung oder dergleichen wäre zu viel gesagt. Es ist den Terroristen aber gelungen, die diffuse Idee von der ständigen Möglichkeit des Fürchterlichen in den Köpfen zu verankern. Sie haben unseren gar nicht so riskanten Risikogesellschaften eine verstörende, unkalkulierbare Gefahr hinzugefügt. Gerade eben, als der schöne Zirkus der Fußball-Europameisterschaft durchs Land zog, mit all seinen Massenansammlungen, Fan-Zonen, Straßenpartys, war diese Gefahr ein steter, kleiner, lästiger Begleiter, der in alle Ohren flüsterte: Was wäre, wenn?
Das ist es, was gut dosierter, genau gezielter Terror schafft: Er vergällt uns nicht völlig den Alltag, er belästigt uns nur mit einer dauernden, leisen Sorge um die Kinder, um den Partner, um die Freunde. Er zerstört die Sorglosigkeit, die doch der Grundton des Lebens in unseren friedlichen, zivilen Gesellschaften stets war. Alles kostet jetzt einen Tick mehr Energie, aus der Selbstverständlichkeit, das eigene Leben zu leben, wird eine Kette kleiner Entscheidungen, Risikoabwägungen, und es kostet auch mehr Kraft, zivil zu bleiben, weiterzumachen, Freude zu suchen, Traurigkeit zu verscheuchen.
So gesehen sind die Franzosen zu bewundern. Seit Januar 2015, seit "Charlie Hebdo", ist eine massive organisierte Gewalt bei ihnen eingezogen, die nicht den Anschein macht, bald wieder abzureisen. Aber statt sich zu verkriechen, statt Gepflogenheiten zu ändern, macht die derart belagerte Gesellschaft im Wesentlichen doch weiter wie gehabt. Feste und Festivals finden statt, Restaurants und Caféterrassen sind voll, und nach keinem der bisherigen Attentate – es gab neben den großen ja auch mehrere kleine – hätte sich auch nur ein einziges Mal eine Hysterie breitgemacht, wie sie in Deutschland schon nach der berüchtigten Silvesternacht von Köln zu erleben war.
Demonstrationen oder gar Organisationen gegen eine angebliche "Islamisierung des Abendlands" sucht man in Frankreich vergebens, es läuft keine Suche nach Sündenböcken, und niemand wäre bislang auf die Idee gekommen, hinter jedem Muslim einen potenziellen Islamisten zu vermuten. Mein Eindruck ist, dass der Terror solche Tendenzen für den Moment paradoxerweise sogar eher beruhigt hat. Die als rechtspopulistisch oder extremer einzustufenden Parteien und Gruppen Marke Front National sind zwar im Kern so fremdenfeindlich wie eh und je, aber sie hüten sich aktuell davor, die Terrorakte für sich auszuschlachten. Ja, nach Nizza gab es nun erste hässliche Ansätze zum Wahlkampf mit dem Terrorthema. Und doch regiert das Gefühl, dass Politikern der Schwur auf die nationale Einheit gerade besser zu Gesicht steht.
Ein paar Etagen tiefer müssen wir uns fragen, was die Ereignisse mit unseren Kindern machen. Ich beobachte meine Söhne dabei, wie sie oft und ausgiebig Anti-Terror-Polizei spielen, was viel heißen kann und nichts bedeuten muss. Ihr Spiel erinnert mich an meine eigene jugendliche Begeisterung, als die GSG 9 die "Landshut" in Mogadischu gestürmt hatte. Ansonsten versuchen wir als Eltern, auf Empfang zu bleiben. Wenn die Kinder reden wollen, reden wir. Sie stellen wiederkehrend eine Frage: Warum unternimmt niemand etwas gegen den "Islamischen Staat"? Warum dürfen die Krieg führen gegen uns und wir nicht gegen sie?
Ich entgegne dann pflichtgemäß, dass Frankreich sehr wohl Krieg führt in Syrien, auch die USA, auch Russland, dass aber alles sehr kompliziert ist. Richtig überzeugt bin ich nicht von meinen Antworten. Ich bemerke neuerdings eine Ratlosigkeit, die ich von mir so nicht kenne. Ich fürchte auch, dass die Nähe des Terrors meine Haltung zur Welt verändert, dass Rationalität abhandenkommt, dass sich Wut ins Nachdenken mischt.
Ich rege mich seit einiger Zeit viel mehr über politische Versäumnisse auf. Dass der Austausch polizeilicher Daten in Europa immer noch nicht funktioniert, ärgert mich angesichts der Gefahrenlage maßlos. Dass niemand über den Zustand und die innere Organisation unserer Gefängnisse spricht, die ja nun zu den Berufsschulen des islamistischen Terrors geworden sind, macht mich ebenfalls wütend. Und manchmal stelle ich mir auch selbst die Frage meiner Kinder, frage mich, ob wir wirklich genug unternehmen oder ob wir als Generation versagen. Ob nicht, in Syrien und Umgebung, mit dem IS und dem Schlächter Assad, eine Lage entstanden ist, die ein ganz anderes militärisches Eingreifen der Weltgemeinschaft erforderlich machte.
Ich habe Sicherheit verloren. Man wird kleinlauter, irgendwie. Eine Zeit lang haben die schlauen Wahrscheinlichkeitsrechnungen geholfen, die so schön zeigen, dass es wahrscheinlicher ist, beim Fahrradfahren oder Joggen oder Holzfällen zu Schaden zu kommen als durch einen Terroranschlag. Das ist sicher so. Aber es hilft nicht. Nicht den Opfern von Paris, Nizza, Istanbul, Bagdad, Kabul, Brüssel, Madrid, London, Würzburg; und nicht uns, die wir uns im Alltag dauernd zu dieser gebrechlichen Welt verhalten sollen. Es hilft nicht, dass die Wahrscheinlichkeit, das eigene Kind, die eigene Mutter, den eigenen Mann bei einem Anschlag zu verlieren oder verwundet zu sehen, gering ist. Das ist die Bedingung für den Terror. Er steht für die Möglichkeit, dass uns das Unerträgliche, Unwahrscheinliche trotzdem widerfährt.

Nicht ein Mal gab es eine Hysterie, wie sie in Deutschland nach der Kölner Silvesternacht zu erleben war.

Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 30/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung