DER SPIEGEL

Zeitgeschichte„Eingefrorener Erfahrungsschatz“

Erich Honecker kämpfte als junger Kommunist gegen Hitler und behauptete, er sei immer standhaft gewesen. Eine neue Biografie weckt daran Zweifel. Von Klaus Wiegrefe
Am 3. Dezember 1935 gegen 21.30 Uhr ließ sich ein Mann an der Gepäckausgabe des Anhalter Bahnhofs in Berlin einen Koffer aushändigen. Er eilte zum Ausgang und stieg in ein Taxi.
Immer wieder blickte der 23-Jährige sich um. Denn unter dem doppelten Boden seines Koffers lag kommunistisches Propagandamaterial verborgen; würde er damit erwischt, könnte ihm die Todesstrafe drohen. Als er bemerkte, dass ihm ein Wagen mit abgeblendeten Lichtern folgte, sprang er am Berliner Zoo aus dem Taxi und rannte los. Erst nach rund vier Kilometern fühlte er sich sicher, etwaige Verfolger abgehängt zu haben.
Der Aktivist im Untergrund hieß Erich Honecker, er zählte zur Führung des verbotenen Kommunistischen Jugendverbands Deutschland in Berlin. Eine Kurierin der KPD-Auslandsleitung in Prag hatte die Druckschriften hinterlegt; mit den Texten sollten die Jungkommunisten Gleichaltrige für den Widerstand gewinnen.
Die Öffentlichkeit erinnert den Mann, der als Generalsekretär der SED von 1971 bis 1989 die Geschicke der DDR bestimmte, als verstockten Greis, der jene bleierne Stagnation personifizierte, die zum Untergang der SED-Herrschaft beitrug.
Honeckers erste, dramatische Lebenshälfte ist darüber weitgehend in Vergessenheit geraten – zu Unrecht, wie Martin Sabrow findet. Seit Jahren wirbt der Historiker dafür, den scheinbar blassen DDR-Lenker angemessen zu würdigen. Nun legt der Direktor des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung den ersten Band seiner Honecker-Biografie vor.
Sabrow hat Familienangehörige Honeckers und Wegbegleiter wie dessen Nachfolger Egon Krenz befragt und in zahlreichen Archiven geforscht. Das Buch überzeugt durch originelle Beobachtungen, Sinn für Ironie und kluge Analyse. Der Autor präsentiert ein beeindruckendes Panorama der Zeitumstände, in das er Honecker einordnet. Auf diese Weise kommt er seinem Protagonisten näher als wohl alle Biografen vor ihm. Mit sensationellen Funden wartet der Spezialist der DDR-Geschichte allerdings nicht auf.
623 Seiten für die ersten 33 Lebensjahre bis 1945 – den Umfang rechtfertigt Sabrow damit, dass Honecker einen "wesentlichen Teil der persönlichen Legitimation" aus der angeblichen Makellosigkeit seiner kommunistischen Vita schöpfte, die der Historiker nun kritisch hinterfragt.
Sabrow sieht auch eine ungewöhnliche Konstanz in Honeckers Weltbild. Der Starrsinn des späteren Generalsekretärs gehe auf dessen frühe Prägungen und Erfahrungen zurück. Als einen Beleg zitiert Sabrow das verstorbene Politbüromitglied Hermann Axen, Wegbegleiter Honeckers seit 1945: "Erich hat noch im Alter die Ideale aus den Dreißigerjahren gehabt: ein Dach überm Kopf, genug zu essen, warme Kleidung, genug Geld für eine Eintrittskarte fürs Kino am Wochenende und für ein Kondom."
Der DDR-Herrscher zählte nie zu den Ideologen im kommunistischen Orbit; sein politisches Bekenntnis war "familiengeschichtlich legitimiert", schreibt Sabrow. Honecker stammte aus einer Schweizer Bauernfamilie, die ins Saarland abgewandert war und im Bergbau ein Auskommen suchte. Die Eltern waren Kommunisten, die älteren Geschwister ebenfalls, auch Freunde und Verwandte. Der junge Erich, geboren 1912 in Neunkirchen und aufgewachsen im roten Wiebelskirchen, spielte Handball im linken "Arbeiterturn- und Sportverein Fichte" und schlug die Trommel im Spielmannszug des Rotfrontkämpferbundes. Eine Abkehr vom Kommunismus kam für ihn wohl nie infrage. Sie hätte seine "völlige Entwurzelung" bedeutet, glaubt Sabrow.
Und dennoch spricht die neue Biografie der Karriere des Protagonisten jede Zwangsläufigkeit ab. So erwog Honecker zeitweilig, Bauer in Hinterpommern zu werden. Und 1945 wäre er am liebsten aus Berlin in seine Heimat zurückgekehrt. Alles wäre dann anders gekommen.
Als Jugendfunktionär trat Honecker erstmals 1928 auf. Altersgenossen erzählten später, der Dachdeckerlehrling sei ein herausragender Agitator gewesen. Allerdings profitierte er vom Nachwuchsmangel der KPD – es gab nur wenige Konkurrenten. Und so durfte der 17-Jährige 1930/31 die Internationale Lenin-Schule in Moskau besuchen, die ausländische Funktionäre in "Konspiration" oder "Sabotageakten" ausbildete.
Die wenigen Quellen legen nahe, dass der Teenager die Moskauer Doktrinen bereitwillig aufnahm: Klassenfeinde waren zu vernichten, der Zweck heiligt alle Mittel. Bei zwei Veranstaltungen sah er Kreml-Diktator Josef Stalin und war begeistert: "Die größte Sache, die ich je erlebt habe." In Moskau legte er sich jene Härte zu, die ihn Stalins Massenmord an den selbstständigen Bauern, den Kulaken, als "objektiv notwendig" rechtfertigen ließ.
So wie Honecker erging es vielen Jungkommunisten. Sabrow ordnet sie einer "Generation des Unbedingten" zu – ein Terminus, mit dem der NS-Forscher Michael Wildt die gnadenlosen Weltanschauungstäter aus dem Reichssicherheitshauptamt beschrieben hat. Sabrow macht deutlich, dass Honecker und Genossen den Sinn des Lebens "nicht im persönlichen Fortkommen erkannten, sondern im Selbstopfer für eine übergeordnete Sache".
Das war zunächst der Widerstand gegen Hitler. Honecker hatte die Lehre inzwischen abgebrochen, um Berufsfunktionär zu werden, und führte ein Leben im Untergrund: wechselnde Quartiere, falsche Identitäten, Geldnot. Dank seiner Moskauer Ausbildung konnte er sich länger halten als viele andere.
Er baute die durch Verhaftungen geschwächte Jugendorganisation im Ruhrgebiet wieder auf. Die Gestapo konstatierte einen "gewissen Erfolg der Tätigkeit des Honecker". Später war er an einem Bombenanschlag im Saarland beteiligt, bei dem es einen Verletzten gab.
Historiker Sabrow beklagt, dass der Einsatz der Jungkommunisten heute "an den Rand des kollektiven Gedächtnisses verbannt" sei. Es waren allerdings fast noch Kinder, die Honecker im aussichtslosen Kampf gegen Hitler anleitete.
Im Dezember 1935 erwischte die Gestapo ihn schließlich doch. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn zu einer Zuchthausstrafe. Vorgesehener Entlassungstermin: 8. Dezember 1945, 15.50 Uhr. Honecker überstand die Strafe im Zuchthaus Brandenburg-Görden nur mit Glück. Ihm drohte, als "Asozialer" ermordet zu werden. Doch er kam in der Baukolonne unter, deren jüdische Mitglieder von den Nazis umgebracht worden waren.
Sabrow misst der Haft beträchtliche Bedeutung zu, weil Honecker dadurch zwischen seinem 24. und 33. Lebensjahr von äußeren Einflüssen abgeschottet war. Statt sich zu entwickeln wie etwa der ungefähr gleichaltrige Willy Brandt im Exil, verharrte Häftling 523/37 im alten Denken. Biograf Sabrow spricht von einem "eingefrorenen Erfahrungsschatz".
Als hoher DDR-Repräsentant erweckte Honecker den Eindruck, standhaft geblieben zu sein – das zieht Sabrow in Zweifel. Er präsentiert Indizien für eine "weitgehende Bereitschaft zur Kooperation mit der NS-Justiz". Der eingesperrte Genosse hielt Distanz auch zu kommunistischen Mithäftlingen. Er erweckte beim Direktor den Eindruck, er stehe dem "Dritten Reich" inzwischen loyal gegenüber. Und er belastete 1941 den ehemaligen Saarbrücker KP-Jugendbezirksleiter Hans Jennes, der vor dem Volksgerichtshof stand.
Die bislang unbekannte Aussage über den gemeinsamen Widerstand mit Jennes 1934/35 stützte die Version der Anklage, der Beschuldige sei ein "maßgeblicher Funktionär" gewesen. Am Ende kam der geständige Jennes mit einer Zuchthausstrafe davon.
Irritierend auch, dass Honecker ausgerechnet mit einer Wärterin anbandelte. Oberwachtmeisterin Charlotte Schanuel hatte sich – vergebens – um eine NSDAP-Mitgliedschaft bemüht. Sie erfüllte ihre Aufgaben im NS-Terrorbetrieb und bewachte Todeskandidatinnen auf dem Weg zur Hinrichtung. 1946 wurde Schanuel Honeckers erste Ehefrau; wohl nur ihr früher Tod 1947 verhinderte, dass er ihretwegen Schwierigkeiten mit der Partei bekam.
Und dann diese merkwürdige Flucht. Honecker setzte sich am 6. März 1945 bei Dacharbeiten in Berlin mit einem anderen Häftling ab. Sie suchten Verwandte und Kommunisten auf, doch entweder trafen sie niemanden an, standen vor ausgebombten Häusern oder durften nur kurz bleiben. Honecker kam schließlich bei der Mutter von Charlotte unter. Nach einigen Wochen brach er das Unternehmen ab – und stellte sich. Seine Freundin und ein ihm wohlgesinnter Staatsanwalt sorgten dafür, dass die Flucht ohne Folgen blieb.
Am 27. April 1945 befreite die Rote Armee den Zuchthäusler, dessen politische Perspektiven wenig aussichtsreich waren: ein abgehängter Jugendfunktionär, der nicht zu den Moskauer Emigranten um Walter Ulbricht zählte. Die gaben nun den Ton an. Honecker, so Sabrow, habe "so gut wie alle Auswahlkriterien für eine künftige Tätigkeit an führender Stelle" verfehlt.
Schon länger rätseln Honecker-Experten, wie es möglich war, dass ein derart "mittelmäßiger Mann" (Helmut Schmidt über Honecker) die Macht im SED-Staat erobern und sich dann 18 Jahre lang behaupten konnte. Sabrows Befund macht es noch schwieriger, den Aufstieg zu verstehen.
Auf seine Erklärung darf man gespannt sein. Er will sie im Folgeband präsentieren.

Über den Autor

Klaus Wiegrefe, geboren 1965, schreibt als Autor über Zeitgeschichte und politische Themen. Nach dem Studium in Hamburg, Berlin und Leningrad (heute St. Petersburg) arbeitete er im Europaparlament in Brüssel. 1991/1992 absolvierte er ein Postgraduiertenstudium am Bologna Center der Paul H. Nitze School of Advanced International Studies. Seit 1995 arbeitet der promovierte Historiker für den SPIEGEL.
Martin Sabrow: "Erich Honecker. Das Leben davor. 1912–1945". Verlag C. H. Beck, München; 623 Seiten; 27,95 Euro.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 37/2016
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