DER SPIEGEL

GlosseChe Guekater

Über die Katze als Waffe gegen den Kapitalismus
Gängeln oder manipulieren lässt sie sich kaum. Was sie nicht will, wird sie nicht tun. Der Freiheit verschworen, schnurrt sich die Katze durchs Leben, ein stiller Revolutionär mit Krallen und – "mit alleiniger Ausnahme des Menschen" – das "vollendetste" Tier überhaupt ("Brehms Tierleben").
Deshalb war es ein kluger Schachzug, die Katze gegen den Kapitalismus antreten zu lassen. Weil die allgegenwärtige Werbung nervt, hat ein britisches Kollektiv die Aktion "Citizens Advertising Takeover Service (CATS)" gestartet und genügend Geld eingesammelt, um sämtliche Werbeflächen einer Londoner U-Bahn-Station zwei Wochen lang mit Katzenfotos zu plakatieren. Kater statt Kaufrausch also. Wie schön.
Doch was die Feliden-Freunde vergessen: Die Katze taugt nicht als antikapitalistischer Bannerträger. Denn wie jeder gute Revolutionär ist sie auch Verführerin, eine Art Che Guevara der Tierwelt, und zugleich der ideale Diktator. Man rufe sich nur in Erinnerung, was die Katze mit Singvögeln macht; sie ist ein rücksichtsloser Killer. Auch hier tritt sie in die Stapfen mancher Revolutionäre.
So zeigt sich an den Katzenplakaten in der U-Bahn ein Urproblem des Sozialismus: Er will ein Kollektiv der Freien und Gleichen, aber einer muss doch immer der Tollste sein, der Held der Bewegung. Der Mensch braucht das; er lechzt nach Führung und Hierarchie, er liebt seinen Máximo Líder. Das hat er mit dem Hund gemein, jenem servilen Speichellecker und hechelnden Befehlsempfänger.
Dabei wissen wir: Ein Antikapitalismus, der Helden verehrt, muss scheitern. Deshalb sollte es uns nicht wundern, wenn die Katzen in der Londoner U-Bahn alsbald von schlauen Kapitalisten überklebt werden, und zwar mit Katzen, die Werbung machen. Für was auch immer – mit ihnen lässt sich nämlich alles verkaufen.

Kontakt

Twitter: @philipbethge
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 38/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung