DER SPIEGEL

Psychotherapie„Miesepeter? Phlegmatiker?“

Mithilfe von Internetanleitungen und YouTube-Tutorials lässt sich fast alles reparieren – auch die Seele? Iris Hauth, 58, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), über die Wirksamkeit von Onlinetherapien.
SPIEGEL: Können Apps bei psychischen Problemen helfen? Und wenn ja, wie?
Hauth: Es gibt viele mögliche Anwendungen: von der Prävention über psychotherapeutische Intervention bis hin zur Nachsorge. Manche Programme begleiten eine Verhaltensänderung, etwa wenn man sich das Rauchen abgewöhnen will. Aber auch für Depressionen und Angststörungen gibt es Programme, die in Holland und Skandinavien bereits in der Regelversorgung angeboten werden.
SPIEGEL: Wie sehen die aus?
Hauth: Meistens verfügen sie über verschiedene Module, informieren zunächst über die Erkrankung und bieten dann Interventionen an, die auf kognitiver Verhaltenstherapie basieren. Im "Mood-Gym" etwa findet der Nutzer nach und nach heraus, welche negativen Gedanken es sind, die seine Depression beeinflussen und verstärken. Die Website reagiert interaktiv und bietet Übungen an, wie man diese Gedanken umstrukturiert. Das ist sehr einladend und interessant gemacht, mit Avataren, die bestimmte Typen darstellen, da kann der Nutzer sich entscheiden: Ist er eher Miesepeter? Oder Phlegmatiker?
SPIEGEL: Kann eine App oder Website den Kontakt zum Therapeuten ersetzen?
Hauth: Nein, auf keinen Fall. Aber solche Angebote helfen, Wartezeiten bis zum Therapiebeginn zu überbrücken, oder können eine laufende Therapie begleiten. Wir wissen, dass 60 bis 70 Prozent der depressiv erkrankten Menschen nur beim Hausarzt behandelt werden. Da sind diese Programme eine gute Unterstützung.
SPIEGEL: Woher weiß man, was wirklich hilft?
Hauth: Im Moment ist für den Nutzer kaum unterscheidbar, was ein wirkungsvolles, fachlich fundiertes Programm ist und was nicht. In der DGPPN überlegen wir gerade, Qualitätskriterien einzuführen. Klar ist: Die Wirksamkeit muss wie bei jeder Methode und jedem Medikament von mehreren unabhängigen Studien nachgewiesen werden. Und vor jeder Behandlung muss eine Diagnose von einem Arzt oder Therapeuten stehen.
Von Kk

DER SPIEGEL 49/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung