DER SPIEGEL

FilmkritikWer ist hier der King?

In der Komödie „Elvis & Nixon“ spielt Kevin Spacey einen US-Präsidenten.
Elvis sitzt in seiner Villa in Graceland und leidet. Er starrt auf eine ganze Front von Fernsehern, die alle gleichzeitig laufen. Sie zeigen Bilder von Demonstranten, die gegen den Vietnamkrieg protestieren und Einberufungsbescheide verbrennen. Elvis nimmt eine Pistole und schießt. Es muss etwas getan werden gegen den Niedergang des Landes.
In ihrer Komödie "Elvis & Nixon" zeigt die Regisseurin Liza Johnson, wie sich Elvis Presley (Michael Shannon) auf den Weg nach Washington macht, um Präsident Richard Nixon (Kevin Spacey) seine Hilfe gegen einen neuen, gefährlichen Feind anzubieten. Elvis glaubt, dass Drogen und die Gegenkultur für alles Übel verantwortlich sind: für die Verwahrlosung der Sitten, die Bedrohung durch den Kommunismus und den Erfolg der Beatles.
Die Begegnung zwischen Presley und Nixon fand wirklich statt, 1970, drei Tage vor Weihnachten, im Oval Office des Weißen Hauses. Die beiden Männer redeten eine halbe Stunde lang über die Weltlage und über Hippies. Bald darauf bekam Elvis auf Nixons Anweisung eine Dienstmarke der Antidrogenbehörde überreicht. Das Foto der beiden wurde legendär.
Der Republikaner Nixon war knapp zwei Jahre im Amt, er hatte es im zweiten Anlauf endlich ins Weiße Haus geschafft, nachdem er 1960 die Präsidentschaftswahlen gegen John F. Kennedy verloren hatte. Er übernahm ein zerrissenes Land, der Kampf um die Bürgerrechte und der Krieg in Vietnam spalteten die Nation. Nixon wusste, dass ihn eine Hälfte der Bevölkerung hasste.
Presley dagegen war einer der populärsten Popstars der Welt, damals vielleicht der einzige, der Fans in allen Generationen hatte. Er wurde mittlerweile auch von den Konservativen verehrt, die ihn Jahre zuvor noch für seinen provokanten Gesang und seinen Hüftschwung beschimpft hatten. Mit dem Song "Suspicious Minds" eroberte er 1969 noch einmal die US-Single-Charts.
Die Regisseurin Johnson macht aus dem Besuch des Kings beim Präsidenten das Treffen zweier ziemlich neurotischer Männer, die sich ihrer Macht nur allzu bewusst sind und doch zutiefst an sich zweifeln. Im Film will Nixon Elvis zunächst gar nicht empfangen, denn er hat Angst vor attraktiven Männern. Beim Fernsehduell mit Kennedy hatte er extrem stark geschwitzt, war von einem Frauenhelden gedemütigt worden. Ein Trauma.
Elvis dagegen hat gerade Ärger mit der Familie. Sie wirft ihm Verschwendungssucht vor. Als Weihnachtsgeschenke hat er zehn Mercedes-Benz und mehr als 30 Handfeuerwaffen erstanden. Der Film legt nahe, dass er sich Freundschaft und Liebe erkaufen will. "Ich bin ein Ding, ein Objekt", sagt er einmal zu einem Freund, kaum jemand wisse, was wirklich in ihm vorgehe.
Zwei Herrscher prallen in dem Film aufeinander, jeder mit seinem eigenen Hofstaat, verklemmt der eine, lässig der andere. Doch beide ziehen ihr Ego am anderen hoch. Elvis fühlt sich endlich ernst genommen in seinem Bestreben, die Welt zu verbessern, Nixon kann seiner 22-jährigen Tochter endlich beweisen, wie cool er in Wahrheit ist.
Johnson gewinnt diesem Culture-Clash viele hübsche Momente ab. Mit größter Selbstverständlichkeit schnappt sich Elvis eine Cola, die für Nixon bestimmt ist, und trinkt direkt aus der Flasche. Es ist der Reflex eines Mannes, der seit vielen Jahren gewohnt ist, dass alles in seiner Reichweite extra für ihn hingestellt wird.
Der Film führt seine beiden Helden in ihrer Eitelkeit vor, aber er tut dies auf eine liebevoll ironische Weise. "Elvis & Nixon" ist ein amüsantes Kammerspiel, das die Außenwelt lediglich auf Fernsehschirmen zulässt. Die Kämpfe der Zeit sind nur in der Ferne zu erahnen, denn sie könnten das Geplänkel zwischen den Protagonisten schnell überschatten.
Die beiden Hauptdarsteller haben kaum Ähnlichkeit mit Presley und Nixon, ihre Gesichter sind zu eigen und zu markant. Doch das macht nichts. Shannon und Spacey erfinden eine Anekdote der Weltgeschichte mit großer Spielfreude neu und verdichten aus den Macken und Marotten der realen Vorbilder zwei Figuren, mit denen man gern anderthalb Stunden verbringt.
Kinostart: 8. Dezember
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 49/2016
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