DER SPIEGEL

Früher war alles schlechterWeiße Weihnachten

Wie grün sind deine Blätter. Früher war vielleicht mehr Lametta, mehr Schnee aber nicht. Trotzdem sind in der Erinnerung vieler Menschen die Weihnachtstage der Kindheit weiß eingefärbt. Es gibt Großeltern, die erklären dem Enkelkind auf dem Schoß mithilfe solch nostalgischer Scheingewissheiten den Klimawandel. Unsere Infografik beruht auf Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) für jeweils den 24., 25. und 26. Dezember an Messstationen in Berlin, Hamburg und München seit 1950. Als "weiße Weihnachten" betrachtet werden hier Jahre, in denen am 24. Schnee lag, wobei schon ein einziger Zentimeter dafür ausreicht. Es ergibt sich für die letzten 66 Jahre ein eher grünes Gesamtbild mit weißen Tupfern. Und das ist: normal. "Weiße Weihnacht ist zumindest für das deutsche Flachland die große Ausnahme", sagt Rüdiger Hartig vom DWD. Der erste Schnee der Saison fällt zwar oft bereits im November, doch milde Westwinde bringen das sogenannte Weihnachtstauwetter, das ist in etwa sechs von sieben Wintern der Fall. Frust über Schneemangel an Weihnachten ist also etwa so, als würde man an Ostern mangelndes Bikiniwetter beklagen oder sich im August über das Laub enervieren, das nicht fällt. Erfunden haben das weiße Trugbild vermutlich die Engländer. Auf einer 1843 wohl in London gedruckten Weihnachtskarte ist noch kein Schnee zu sehen. Kurz darauf, der Alpentourismus war geboren, brachten die Engländer von ihren Feiertagsausflügen in die Berge die Vorstellung der gezuckerten Idyllen mit, entsprechend änderten sich die Weihnachtsillustrationen. Die Bilder der weißen Pracht waren und sind bis heute einfach zu schön, um unwahr zu sein.

DER SPIEGEL 52/2016
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