DER SPIEGEL

Zeitgeschichte„Vertrauen gegen Vertrauen“

CSU-Chef Franz Josef Strauß rettete die DDR 1983 mit einem Milliardenkredit vor der Pleite. Dokumente belegen, dass Erich Honecker ihm nicht die Wahrheit erzählt hatte.
Als Erich Honecker, 70, und Franz Josef Strauß, 67, am 24. Juli 1983 im holzvertäfelten Jagdschloss Hubertusstock nördlich von Berlin erstmals zusammentrafen, zeigten sich der mächtigste Mann der DDR und sein Gast aus Bayern ziemlich unsicher. Wohin mit den Händen? Vor dem Bauch falten? In die Tasche stecken? Und dann dieses peinliche Schweigen.
Die Fotografen baten, sie mögen sich doch für eine Aufnahme die Hände reichen. Strauß versuchte einen Scherz: "Einen Handstand machen wir aber nicht." Honecker ergänzte: "Aber auch keinen Salto."
Der Besuch des bulligen CSU-Chefs beim schmächtigen SED-Generalsekretär symbolisierte die wohl spektakulärste Wende in den deutsch-deutschen Beziehungen seit dem Mauerbau. Die DDR stand 1983 vor der Zahlungsunfähigkeit, und ausgerechnet der lautstarke Antikommunist Strauß half ihr aus der Klemme. Kurz vor seinem Besuch bei Honecker vermittelte der bayerische Ministerpräsident einen Milliardenkredit westlicher Banken.
Bis heute wird über diesen Kredit gestritten wie über wenige andere Ereignisse der deutschen Teilung. Stabilisierte er das Honecker-Regime bis zum Mauerfall? Oder war er ein "Beitrag zum Fall des Eisernen Vorhangs?", so Kanzler Helmut Kohl.
Die gängige Version, die sich in Geschichtsbüchern, Strauß-Biografien, Nachschlagewerken und TV-Dokumentationen findet, ist die: Strauß habe seinem Verhandlungspartner Honecker "menschliche Erleichterungen" abgetrotzt, etwa bei Familienzusammenführungen oder Ausreisen. Vor allem aber habe er erreicht, dass die DDR danach die etwa 60 000 barbarischen Selbstschussanlagen des Typs SM-70 an der innerdeutschen Grenze abbaute. Diese zündeten, wenn jemand die Spanndrähte berührte; die Splitter rissen schreckliche Wunden. Mindestens zehn Menschen sind durch die SM-70 getötet worden, etliche wurden verletzt.
Strauß sei gegenüber der DDR-Führung "an die äußersten Möglichkeiten" gegangen, lobte sein einstiger Adlatus Peter Gauweiler. Auch Tochter Monika Hohlmeier verbreitete diese Deutung der Geschichte – nur leider ist sie falsch.
Denn der große Verhandlungserfolg war keiner. Zwischen Milliardenkredit und Abbau der Selbstschussanlagen besteht kein direkter Zusammenhang. Der einstige Dachdeckerlehrling Honecker hat den "Jahrhundertpolitiker Strauß" (CSU-Chef Horst Seehofer) einfach ausgetrickst.
Das zeigen Dokumente, die nun der SPIEGEL ausgewertet hat. Die Papiere stammen von der Stasi oder sind vom Auswärtigen Amt und dem Bundesarchiv veröffentlicht worden, teilweise schon vor längerer Zeit.
Danach war Honecker bereits vor den Verhandlungen über den Milliardenkredit entschlossen, die Todesautomaten abzubauen. Er hatte damit offenbar auch bereits begonnen. Und beides war in Bonn bekannt. Honecker hatte es selbst erzählt, am Montag, dem 13. September 1982.
Damals regierte noch Helmut Schmidt (SPD). In Ost-Berlin wurde eine Architekturausstellung aus München ("Stadt Park – Park Stadt") eröffnet, und Hans-Jürgen Wischnewski, Schmidt-Vertrauter und Staatsminister im Kanzleramt, nutzte den Anlass, um in die DDR zu reisen. Sein Termin bei Honecker dauerte 80 Minuten.
Es ging um Fragen der Weltpolitik und das deutsch-deutsche Kleinklein wie die Kosten für die S-Bahn im geteilten Berlin. Gegen Ende kam Honecker auf die SM-70 zu sprechen. Gleich zwei Mitglieder aus Wischnewskis Delegation fertigten Vermerke. Die Inhalte stimmen überein. Die DDR sei dabei, erklärte demnach Honecker, "die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten ,zu humanisieren' durch Abbau der Selbstschussanlagen". Er nehme an, Bonn habe dies "schon bemerkt".
Honecker stand unter Druck, seit Jahren musste er Kritik der Weltöffentlichkeit an der SM-70 einstecken. Die Nationale Volksarmee setzte inzwischen darauf, Fluchtwillige durch neue Grenzanlagen zu stoppen. Wochen vor dem Treffen mit Wischnewski trat die DDR einer Uno-Konvention bei, die Waffen wie die SM-70 verbot.
Doch Strauß bekam von alledem nichts mit. Nichts von Honeckers bekundetem Entschluss, die SM-70 abzubauen. Nichts von den offenbar eingeleiteten Arbeiten. Nichts von der Uno-Konvention. Der westdeutsche Unterhändler zog ahnungslos in die Verhandlungen zum Milliardenkredit, resümiert der Berliner Historiker Bernd Rother.
Über die Gründe kann man nur spekulieren. Am 1. Oktober 1982 übernahm Kohl das Kanzleramt, und es dauerte lange, bis die Regierungszentrale wieder ordnungsgemäß arbeitete. Die Behörde sei damals ein "großes Loch" gewesen, klagte später einer der deutschlandpolitischen Experten des Hauses. Ging die Information über die SM-70 im Durcheinander unter?
Oder wurde sie von Kohl-Leuten vor dem bayerischen Dauerrivalen verheimlicht? Horst Teltschik, Kohls langjähriger außenpolitischer Berater, erzählt heute, selbst wenn der zuständige Staatsminister in Kohls Kanzleramt von dem Gespräch Honecker/Wischnewski gewusst habe, bedeute das keineswegs, dass Strauß informiert worden sei.
Strauß war allerdings auch nicht der Typ Politiker, der Rat suchte. Der selbstbewusste CSU-Mann verhandelte mit Honeckers Beauftragtem Alexander Schalck-Golodkowski, DDR-Staatssekretär, Devisenbeschaffer und Stasioffizier, persönlich und streng geheim. Nur Kohl musste er auf dem Laufenden halten.
Den Bayern trieb der Wunsch, noch einmal ein großes Rad zu drehen. Der Kanzler hatte ihn weitgehend kaltgestellt, da kam Honeckers Interesse an einem Milliardenkredit gerade recht. So sieht es zumindest Biograf Peter Siebenmorgen, der wohl beste Strauß-Kenner.
Und dann war da noch die persönliche und finanzielle Verbindung zum Jugendfreund und CSU-Kumpel Josef März. Die Gebr. März KG zählte zu jenen Wirtschaftsunternehmen, die dem Ehepaar Strauß hohe Beträge über eine Briefkastenfirma zuschoben ( SPIEGEL 35/2015). Zugleich verdiente März mit seinem Fleisch- und Molkerei-Imperium im DDR-Handel viel Geld.
Und er hatte große Pläne. 1982 beteiligte sich März mit Rückendeckung von Strauß an einem Unternehmen aus Schalcks Devisenimperium "Kommerzielle Koordinierung" und plante eine weitere gemeinsame Firma im Steuerparadies Bahamas.
Schalck vermutete später, März habe ihm wie Strauß erzählt, der jeweils andere suche das Gespräch. Im Herbst 1982 kam der erste indirekte Kontakt zustande.
Den Berichten Schalcks zufolge stellte März – ausdrücklich auch im Namen von Strauß – zwei Bedingungen für etwaige Verhandlungen über einen Kredit: Seine "Stellung als einer der Haupthandelspartner für Fleisch und Fleischwaren und lebende Tiere" müsse "unangetastet" bleiben. Ebenso der Umfang seiner "bisherigen Käselieferungen (ca. 25 Mio.)" in die DDR. Das würde "völlig ausreichen, um seine und die Interessen seiner Freunde politisch zu befriedigen". Beide Wünsche wurden erfüllt.
Im Mai 1983 war es so weit: Strauß und Schalck trafen sich mehrmals auf Gut Spöck bei Rosenheim, dem Gästehaus der Familie März, und besprachen die Grundsätze. Obwohl die DDR fast pleite war, pokerte Schalck hoch.
Ein formales Junktim zwischen West-Geld und Ost-Zugeständnissen komme nicht infrage, es gelte "Vertrauen gegen Vertrauen". Strauß ging darauf ein: "Ich glaube an die Redlichkeit und ehrlichen Absichten des Herrn Generalsekretärs."
Am 25. Mai brachte Schalck eine lange Note Honeckers mit. Er sollte sie nur vorlesen, doch das fand er ein "bisschen albern" und schob den Text über den Tisch. Darin stand: "Der Generalsekretär und Vorsitzende des Staatsrates teilt Strauß streng vertraulich nur persönlich mit, dass er sich ernsthaft Gedanken macht, die ,Selbstschussautomaten' abbauen zu lassen und zu einer international üblichen Grenzsicherung überzugehen."
Sollte es dazu kommen, möge Strauß würdigen, dass "er als einziger und erster vorher darüber informiert war".
Noch am selben Tag rief der CSU-Chef begeistert bei Kanzler Kohl an. Dieser ließ sich schnell überzeugen, wie er im Rückblick erzählte: "Geld für den Abbau der Todesautomaten – das konnten wir allemal aufbringen." Am 1. Juli wurde der Kreditvertrag von Bankern beider Seiten unterzeichnet.
Einige Wochen später meldete Schalck an Strauß, erste Selbstschussanlagen seien entfernt, was der Bayer als "Entgegenkommen für seine bisherige Haltung zu Wünschen der DDR bewerten" könne.
Honecker machte sich später lustig, er sei zu dem Milliardenkredit gekommen "wie die Jungfrau zum Kinde".
Strauß hingegen prahlte, er habe erreicht, was die Union immer gefordert, aber der gerade abgelöste Helmut Schmidt in seiner Kanzlerschaft nie geschafft habe.
Zu seiner Überraschung hielt sich die Begeisterung bei CDU und CSU in Grenzen. Schlimmer noch: Über den Deal empörte Christsoziale gründeten die Republikaner, die erste Partei rechts von der CSU seit der Nachkriegszeit, die bundesweit die Fünfprozenthürde überwand – bei den Europawahlen 1989.
Auch von der Schwesterpartei fühlte sich der leidenschaftliche Außenpolitiker Strauß unzureichend gewürdigt. In seinen Memoiren klagt er, er hätte gerne in einer Serie von Pressekonferenzen der Weltöffentlichkeit Rede und Antwort gestanden, doch die Parteifreunde in Bonn hätten gemauert: "Man wollte nicht haben, dass zu viel Sonnenschein auf mich fiel."
Wie die Auswertung der Papiere nun zeigt, war das allerdings die richtige Entscheidung.
Mail: klaus.wiegrefe@spiegel.de

Wurde die Information von Kohl-Leuten vor dem bayerischen Dauerrivalen verheimlicht?

Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 3/2017
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