DER SPIEGEL

Affären35 Seiten Gift

Ein Dossier über Trumps Beziehungen zum Kreml und Details zu seinem Intimleben beschäftigen die US-Geheimdienste. Wie ernst zu nehmen sind die angeblichen Enthüllungen?
Das Ritz-Carlton ist eine der besten Adressen Moskaus, die Fassade zur Twerskaja-Straße eine kühne Verbindung von Hightech und Historismus, von der Dachterrasse schaut man auf den Kreml. Die schönste Suite des Hauses liegt im zehnten Stock, knapp 240 Quadratmeter groß, fünf Zimmer mit Marmorkaminen und schweren Vorhängen. Im Wohnzimmer steht ein schwarzglänzender Flügel, im Schlafzimmer ein Bett mit dicken kleinen Engeln am güldenen Bettkopf.
US-Präsident Barack Obama übernachtete im Sommer 2009 mit seiner Familie hier, als er auf Staatsbesuch war. Und auch Donald Trump, Obamas designierter Nachfolger, soll in derselben Suite gewohnt haben, bei einem Moskau-Aufenthalt 2013. So steht es zumindest in dem 35-seitigen, vertraulichen Bericht, der Mitte der Woche bekannt wurde und den künftigen US-Präsidenten wenige Tage vor seiner offiziellen Amtseinführung in Bedrängnis bringt.
Die weiteren Details des Dossiers, die die US-Geheimdienste prüfen, sind ausgesprochen unappetitlich. Trump soll Prostituierte auf jenes Doppelbett geladen haben, in dem zuvor die Obamas geschlafen hatten. Und er soll sie angeblich um "golden showers" gebeten haben, also darum, zu urinieren. Der Vorgang, so heißt es in dem Bericht, sei gleich mehrfach bezeugt worden, von einem anwesenden Trump-Mitarbeiter und Hotelangestellten. Und man wisse ja, der Geheimdienst FSB habe in allen wichtigen Räumen des Hotels versteckte Kameras installiert.
Trump dementierte die Geschichte auf seiner Pressekonferenz am Mittwoch, er warne selbst seine Begleiter vor installierten Kameras, außerdem habe er Angst vor Keimen.
Willkommen im Jahr 2017! Dem Jahr, in dem die Öffentlichkeit erstmals diskutiert, ob ein zukünftiger Präsident auf das Bett eines anderen Präsidenten hat pinkeln lassen.
Natürlich geht es nicht um erotische Vorlieben. Es geht um die Frage, ob der Kreml kompromittierendes Material gegen den künftigen US-Präsidenten in der Hand haben könnte – und ob dies die auffällige Milde Trumps gegenüber der russischen Führung erklären könnte. Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow erklärte, die russische Führung habe kein solches Dossier über Trump, dies sei pure Fantasie: "Der Kreml befasst sich nicht damit, Kompromat zu sammeln." Dass das Russische mit "Kompromat" ein eigenes Wort für kompromittierende Materialien hat, zeigt allerdings, wie verbreitet deren Einsatz ist. Und selbstverständlich sind der Kreml und Wladimir Putin da keine Ausnahme.
Putins Aufstieg basiert im Grunde auf dem Einsatz von Kompromat: 1999 bewies er dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin seine Treue, als er beim Sturz des Generalstaatsanwalts Jurij Skuratow half. Damals gelangte ein angebliches Sexvideo mit dem Staatsanwalt ins Fernsehen. Es war FSB-Chef Putin, der die Echtheit der Aufnahme offiziell bestätigte.
Seither sind zahlreiche Putin-Gegner in fremden Betten gefilmt worden, vor allem um sie erpressbar zu machen. Seltener als die russische Opposition traf es Diplomaten – so 2009 den britischen Vizekonsul in Jekaterinburg und einen Mitarbeiter der US-Botschaft. Beide sollten offenbar angeworben werden. Versteckte Kameras wird es auch im Ritz-Carlton geben, die Frage ist eher, ob Donald Trump sich ihnen so leichtfertig auslieferte.
Zusammengetragen wurde das vertrauliche Trump-Dossier von einem ehemaligen Agenten des britischen Auslandsgeheimdiensts MI6: Christopher Steele, 52 Jahre alt. Steele gilt als harter, gut vernetzter Wühler. Nach seinem Ausscheiden aus dem Geheimdienst gründete er 2009 die Firma Orbis Business Intelligence im noblen Londoner Stadtteil Belgravia. Dort huschen abgedunkelte Bentleys durch die Straßen, ausländische Botschaften und der Buckingham-Palast liegen gleich ums Eck. Auf ihrer Website wirbt Orbis damit, Nachrichten in aller Welt zu beschaffen und komplexe Recherchen innerhalb kurzer Zeit durchzuführen. Zu den Kunden zählen vor allem Unternehmen.
Die Vorgeschichte des Dossiers beginnt im Herbst 2015. Damals schaltete ein einflussreicher Republikaner und Gegner Trumps professionelle Rechercheure der Firma Fusion GPS mit Sitz in Washington ein, um belastendes Material über den Unternehmer zusammenzutragen. Fusion GPS wird geführt von einem früheren Journalisten des "Wall Street Journal".
Die Hoffnung war wohl, Trump durch Enthüllungen aus der Vergangenheit zu Fall zu bringen. Das Vorgehen ist nicht ungewöhnlich, zahlreiche Firmen an der Washingtoner Lobbyistenmeile K-Street suchen in Wahljahren nach belastenden Informationen über den jeweiligen politischen Gegner ihrer Auftraggeber.
Nachdem Trump die Vorwahlen für sich entschieden hatte, erlahmte das Interesse seiner Partei, aber Demokraten begannen, sich für die Expertise von Fusion GPS zu interessieren. Unterstützer Hillary Clintons nahmen die Firma in Anspruch.
Die Washingtoner Rechercheure interessierten sich vor allem für Trumps Verbindungen zum Kreml. Und so heuerten sie den ehemaligen Agenten Steele an, der in den Neunzigerjahren für den MI6 in Moskau stationiert war. Später soll Steele als Russlandexperte in der Londoner Zentrale gearbeitet haben.
Steele genießt in Geheimdienstkreisen einen guten Ruf. Mitarbeiter beschreiben ihn als verlässlich, Steele sei kein Großmaul wie so viele andere in diesem Geschäft. Nach Angaben britischer Nachrichtendienstler hat er unter anderem für das FBI während des Korruptionsverfahrens gegen die Fifa gearbeitet und soll maßgeblich zu dessen Aufklärung beigetragen haben. Außerdem hat er angeblich mit dem Putin-Gegner Alexander Litwinenko zusammengearbeitet, der vor zehn Jahren in London ermordet wurde.
Da Steele selbst nicht nach Moskau reisen konnte, soll er alte Kontakte in der russischen Hauptstadt aktiviert und diese mithilfe russischsprachiger Mitarbeiter aus London befragt haben. Und so basieren viele der Angaben in dem Dossier auf Auskünften verschiedener, nicht identifizierbarer Quellen, darunter angeblich hochrangiger Mitarbeiter des Kreml. Überprüfen lässt sich das nicht. Gravierender aber ist, dass viele Angaben vage bleiben. Auch deshalb ist fraglich, ob je aufgeklärt werden kann, was stimmt und was nicht.
So behauptet der Bericht, der Kreml habe Trump schon seit mindestens fünf Jahren gefördert. Ein ehemaliger Geheimdienstoffizier sage, Putin persönlich habe diese Operation geleitet. Man wüsste gern Genaueres, aber Belege gibt es keine. Und kann es tatsächlich sein, dass der höchste Beamte im Kreml, Sergej Iwanow, im Sommer 2016 sein Amt verlor, weil er sich zu übereifrig in den US-Wahlkampf einmischte und damit Putin verärgerte? So behauptet es der Bericht und unterstellt damit, im Kreml drehe sich alles um Trump und Clinton.
Ausgerechnet die brisanteste Information des Dossiers, ein angebliches Geheimtreffen zwischen Trumps Anwalt Michael Cohen und Kremlvertretern im August oder September 2016 in Prag, ist besonders schlecht belegt. Als Förderer des Treffens wird ein Duma-Mitglied namens Konstantin Kossatschow genannt. Kossatschow ist ein bekannter Politiker, aber die Duma hat er schon vor fünf Jahren verlassen. Das hätte ein ehemaliger MI6-Spion aus verfügbaren Quellen erfahren können. Unklar bleibt, ob es tatsächlich Kontakte zwischen den Russen und Mitarbeitern Trumps während des US-Wahlkampfs gegeben hat. Ein Vorwurf, der Trump gefährlich werden könnte, er würde an Landesverrat grenzen.
In Moskau wird der Streit um die neuen Enthüllungen in Washington mit Genugtuung kommentiert. "Das Ganze ist ein kolossales Kompliment an unsere Geheimdienste und an Russland als Staat", sagte der kremltreue Politiker Wjatscheslaw Nikonow in der Talkshow "60 Minuten": "Amerika macht in dieser Situation einen sehr kläglichen Eindruck."
Christopher Steele ist inzwischen untergetaucht. Ein Nachbar erzählte Journalisten, Steele habe seine Katze abgegeben – er müsse leider für einige Tage weg.
Von Christian Esch, Gordon Repinski, Christoph Scheuermann und Jens Weinreich

DER SPIEGEL 3/2017
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