DER SPIEGEL

TERRORISMUSSiggis Kapriolen

Im Fall Herrhausen setzte die Bundesanwaltschaft auf einen V-Mann - der wirres Zeug behauptete.
Der Patient hinterließ einen Mitleid erregenden Eindruck. Ein "in sich gekehrter Sonderling", urteilte der Essener Psychiater Norbert Leygraf, nachdem er ihn zwei lange Tage untersucht hatte, überzeugend allenfalls in seiner Ratlosigkeit über die Kapriolen seiner inneren Wahnwelt. Die Ergebnisse der Untersuchung legte der Mediziner jetzt in einem 92-seitigen Gutachten vor.
Demnach leidet der von Suizidversuchen, Alkohol- und Drogenexzessen gezeichnete Mann unter einer Störung der Persönlichkeit mit überwiegend "schizoiden und depressiven Persönlichkeitsanteilen", wahrscheinlich auch unter einer in Schüben auftretenden "schizoaffektiven Psychose". Und das seit vielen Jahren.
Für Leygrafs Auftraggeber Generalbundesanwalt Kay Nehm ist die Diagnose ähnlich niederschmetternd wie für den Kranken. Denn seit 1991 sieht die Karlsruher Bundesanwaltschaft in Siegfried Nonne, 43, ihren Kronzeugen im Mordfall Alfred Herrhausen.
Ein RAF-Kommando "Wolfgang Beer" hatte den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank am 30. November 1989 bei der Fahrt von seiner Bad Homburger Wohnung nach Frankfurt zu Tode gebombt. Herrhausens Chauffeur überlebte das Attentat schwer verletzt.
Die Ermittler müssen wohl wieder bei Null anfangen. Eine Anklage gegen den von Nonne belasteten Arztsohn Christoph Seidler, 41, der heute an der Universität Freiburg Islamwissenschaft studiert, ist nach dem Leygraf-Gutachten kaum mehr zu rechtfertigen. Auch der Mordvorwurf gegen die im September in Wien festgenommene angebliche RAF-Frau Andrea Klump, 42, ist schwerlich zu halten.
Nonne hatte schon in den achtziger Jahren als Spitzel des hessischen Verfassungsschutzes die Frankfurter Linksszene ausgehorcht, war aber 1986 "abgeschaltet" worden. "Der Siggi", wie er bei den Fahndern hieß, trank, galt als drogenabhängig, depressiv und geltungssüchtig. Daran hatte sich auch nichts geändert, als der Zuträger im Juli 1991 erneut Kontakt zu seinem V-Mann-Führer suchte.
Er habe, gab Nonne zu Protokoll, seine in Tatortnähe gelegene Wohnung den Herrhausen-Attentätern wochenlang als eine Art Basislager zur Verfügung gestellt. Zwei der vier Täter seien ihm aus gemeinsamen Tagen in der legalen Frankfurter Linksszene gut bekannt: Seidler und Klump, zwei seit Mitte der achtziger Jahre untergetauchte angebliche RAF-Mitglieder.
Der Mord an Herrhausen lag da schon 20 Monate zurück. Die Bereitschaft der Ermittler, dem verwirrten Zeugen Glauben zu schenken, wuchs mit jeder Vernehmung, in der Nonne die Wochen vor dem Anschlag akribisch, ausgeschmückt mit ungezählten Details zum Besten gab.
Rund ein Jahr später löste Nonne selbst die Ermittlungskatastrophe aus. In der ARD bekannte der Zeuge, er habe seine Geschichte erfunden - unter massiven Drohungen von Beamten des hessischen Verfassungsschutzes. Später widerrief Nonne gegenüber den Karlsruher Anklägern den Widerruf.
Die Bundesanwaltschaft beauftragte den Gießener Psychiater Willi Schumacher und den Kölner Psychologen Udo Undeutsch, Nonnes Glaubwürdigkeit zu prüfen. Die Ergebnisse der damals hinzugezogenen Experten entsprachen den Wünschen der unter Erfolgsdruck stehenden Fahnder: Nonne sei zwar in seiner Persönlichkeit gestört, labil und wankelmütig, bei den Aussagen über die Vorbereitung des Herrhausen-Mordes aber glaubwürdig.
Psychiater Schumacher erklärte ihn für psychisch gesund und "uneingeschränkt aussagefähig". Undeutsch versicherte, es sei "schlechterdings nicht menschenmöglich", dass Nonne die komplexe und in sich stimmige Geschichte frei erfunden habe. Dazu hätte es einer "erzählerischen Meisterleistung" bedurft. Die Bundesanwaltschaft behandelte daraufhin Nonne als Kronzeugen und weigerte sich, den vermeintlichen RAF-Helfershelfer wegen Beihilfe zum Mord an Herrhausen anzuklagen.
Im Sommer 1996 meldete sich der von Nonne beschuldigte Seidler überraschend aus dem Untergrund. Über den Verfassungsschützer mit dem Decknamen "Hans Benz" ließ der angebliche Attentäter mitteilen, er sei nie Mitglied der RAF gewesen und habe sich jahrelang, auch im Herbst 1989, in einem Palästinenserlager im Libanon aufgehalten. "Benz", der ausstiegswilligen Linksradikalen bei der Rückkehr in die Gesellschaft helfen sollte, trieb deutsche und arabische Zeugen auf und war am Ende überzeugt, dass der Heimkehrer die Wahrheit gesagt hatte.
Nicht so die Bundesanwaltschaft. Als Seidler sich im November 1996 stellte, bestanden die Karlsruher Oberankläger auf Inhaftierung. Doch der Bundesgerichtshof spielte nicht mit: Der 3. Strafsenat verneinte einen "dringenden Tatverdacht". Seidler kam nach eintägiger Vernehmung wieder frei.
Besonders verärgert waren die Bundesrichter darüber, dass der Zeuge Siggi den hessischen Verfassungsschützern kaum eine Woche vor seiner Herrhausen-Einlassung schon einmal eine opulente Geschichte aufgetischt hatte. Danach habe eine autonome Gruppe, der Seidler, Klump und Nonne Anfang der achtziger Jahre gemeinsam angehört hatten, einen Polizeispitzel in Frankfurt zunächst verprügelt. Anschließend habe Seidler den Verletzten kaltblütig mit seinem Auto getötet.
Die Überprüfung ergab: Die blutrünstige Episode war frei erfunden. Die Spitzelmord-Geschichte kam zu den Akten und wurde geheim gestempelt.
Obwohl sich der Tatverdacht gegen Seidler ausschließlich auf die Aussagen des dubiosen Kronzeugen stützte, erklärte Generalbundesanwalt Nehm unverdrossen, er werde den Verdächtigen wegen Mordes anklagen. Seidlers Alibi sei "keineswegs lückenlos".
Die Ermittlungen gegen den Verdächtigen wurden intensiviert. Zu rund 40 Gegenüberstellungen mit Zeugen unterschiedlicher RAF-Anschläge musste Seidler sich im vergangenen Jahr einfinden. Einmal standen - unangemeldet wegen möglicher Fluchtgefahr - vier Beamte des Bundeskriminalamts vor der Tür seiner Freiburger Wohnung. Die Herren verlangten Blut-, ersatzweise Speichelproben, für einen gentechnischen Spurenabgleich.
Die Leygraf-Diagnose fällt nun für die Bundesanwaltschaft verheerend aus. Im Verlauf der Exploration hatte Nonne zunächst auf seinen Aussagen zum "Komplex Herrhausen" beharrt. Aber dann: Seidler und Klump seien nie in seiner Wohnung gewesen. Trotzdem glaube er "gefühlsmäßig", an dem Mord mitschuldig zu sein. Nach seiner ersten Aussage sei er deshalb wie "von einer großen Last befreit" gewesen. Über Spitzelmord und Herrhausen-Anschlag, so das Resümee Leygrafs, habe Nonne in einer Zeit "gesteigerten Einfallreichtums" fabuliert. Die Aussagen entsprächen vielleicht seiner "inneren Realität", nicht aber einem tatsächlichen Geschehen.
Ob er dazu neige, bohrte Leygraf an einer Stelle der Untersuchung, dramatische Dinge zu erzählen, die so nicht stimmten. Nonne: Ja, deshalb sei er doch da. Das Problem sei nur, "dass die Bundesanwaltschaft das nicht so einsieht". GERD ROSENKRANZ
Von Gerd Rosenkranz

DER SPIEGEL 42/1999
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