DER SPIEGEL

EuropaGrenzgänger

Eine Reise in den Osten des Kontinents. Fünfte Etappe: die Krim. Von Navid Kermani
Kermanis Reise (V) Im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichte der SPIEGEL eine vierteilige Reportage des Kölner Schriftstellers Navid Kermani über seine Exkursion in den Osten Europas. Sie begann in Schwerin und führte bis in die Ukraine. Im Januar nun setzte er seine Expedition entlang des Risses fort, der sich dort zwischen Ost und West auftut: von der Krim bis in den Kaukasus.

Erster Tag

Als ich nach der Landung das Handy anschalte, habe ich keinen Empfang. So sieht es also aus, wenn man ein Territorium betritt, das für die Internationale Gemeinschaft illegal ist: Man kann mit einer ausländischen SIM-Karte nicht einmal gegen Roaminggebühren telefonieren. Auch die Kreditkarten funktionieren nicht, stellt sich an der Rezeption des Hotels heraus. Die Nummernschilder sind bis auf wenige Ausnahmen alle bereits russisch, nur dass bei einigen der alte tatarische Name auf der Plastikumrahmung steht: Qırım. Einzelne Autos haben noch ukrainische Kennzeichen, obwohl die Frist zum Austausch, mehrfach verlängert, längst abgelaufen ist.
Schon die Anreise von Odessa aus war kompliziert. Statt in den Kleinbus zu steigen, der mehrmals täglich auf die Krim fährt, nahm ich ein Taxi zum Flughafen. Für Ausländer ist die Passage gesperrt. Mit einer besonderen Genehmigung für Berichterstatter hätte ich sie womöglich passieren können, aber den Antrag hätte ich 500 Kilometer entfernt in Kiew stellen müssen; und wenn mir die Genehmigung erteilt worden wäre, hätte ich mich verpflichten müssen, über den gleichen Übergang zurückzukehren. Wäre ich trotzdem nach Russland weitergereist, hätte nicht nur ich, sondern hätten auch andere Kollegen des SPIEGEL bei der nächsten Einreise in die Ukraine Schwierigkeiten bekommen, da die Redaktion damit aus Sicht Kiews die abgebauten Grenzzäune und damit die Annexion legitimiert hätte. Die einzige Möglichkeit, auf die Krim zu gelangen, obwohl sie von Odessa nur einen Katzensprung entfernt liegt, war der Flug über Moskau, Luftlinie tausend Kilometer hin, tausend Kilometer zurück. Und Direktflüge gibt es seit dem Krieg nicht mehr.
Von den Gesprächen mit Bekannten und Kollegen, die ich während des Zwischenstopps in Moskau traf, blieben mir vor allem drei Bemerkungen im Gedächtnis. Ein deutscher Fernsehreporter erwähnte, dass er Menschenrechtsthemen kaum unterbringe, weil die Redakteure keine Lust mehr auf die Zuschauerproteste hätten, die es jedes Mal hagele, und die Beschwerden beim Rundfunkrat; die neuen Fahrradwege in der Moskauer Innenstadt würden hingegen gern gekauft, überhaupt alle "weichen" Themen. Ein langjähriger Zeitungskorrespondent erinnerte sich, dass in der Sowjetunion niemand die Propaganda ernst genommen habe, nicht einmal die Funktionäre selbst, die mindestens mit einem Augenzwinkern signalisiert hätten, dass die Wirklichkeit, na ja, komplizierter sei. Heute hingegen wundere er sich jedes Mal, dass die Menschen tatsächlich glaubten, was das Fernsehen verkünde. Ein Intellektueller, der über Russlands historische Stellung zwischen Asien und Europa philosophierte, gab mir eine verblüffende Antwort, als ich ihn fragte, ob Dostojewskis Gegenüberstellung von orthodoxem Slawentum und aufgeklärtem Europäertum noch relevant sei, Ersteres theokratisch, bäuerlich und autoritär, geführt von einem gottbefohlenen Zaren, Letzteres kosmopolitisch, individualistisch und dekadent. Klar, sagte der Intellektuelle, genau um diesen Gegensatz gehe es heute, nur leider lehne der russische Mainstream Dostojewskis politisches Denken ab. "Warum das denn?", fragte ich, Dostojewski feiere doch das Slawische, das Autoritäre, Russlands östliche, gerade nicht europäische Identität. Genau deshalb werde Dostojewski abgelehnt, der Mainstream sei total westlich ausgerichtet, Putin sowieso. Der Rekurs aufs Großslawentum, die ständigen Bilder mit Popen seien lediglich Folklore, in Wahrheit spiele die Orthodoxie über Weihnachten hinaus kaum eine Rolle mehr.
"Putin ist westlich ausgerichtet?", fragte ich nach.
"Ja, und 80, 85 Prozent der Russen auch. Sie sind nur von Europa enttäuscht, sie haben seit 200 Jahren das Gefühl, Europa will sie gar nicht. Und heute meinen sie auch noch, Europa ist nicht mehr, was es einmal war. Aber im Grunde denken sie immer noch, wir Russen sitzen schließlich wie Europäer auf Stühlen, die Asiaten auf dem Boden."
Bei minus 20 Grad lief ich durch die Straßen und dachte an das Versprechen, das Putin bei seinem Amtsantritt gegeben haben soll: Fortan werde jede defekte Heizung innerhalb von drei Stunden repariert. Und, hat er's gehalten? Das Fernsehen sagt bestimmt ja. Seltsam verwundert war ich, welche imperiale Pracht dieses Moskau ausstrahlt, die klassizistischen Gebäude, endlosen Boulevards und kühnen Plätze, welches Völkergemisch hier auch lebt, Hauptstadt eines Riesenreichs. Noch die sieben Wolkenkratzer, die Stalin hochziehen ließ, erneuern den Anspruch, eine ganz eigene Zivilisation und Weltmacht zu sein. Und heute werden neue, noch triumphalere Geschäftstürme gebaut. Tief im Westen Deutschlands aufgewachsen, hatte ich mit Russland immer die mausgrauen Anzüge der Parteifunktionäre verbunden, die Militärparaden, eine moderne, irgendwie trostlose Architektur, im Schulatlas die riesigen Flächen, auf denen keine einzige Stadt abgebildet, keine einzige Erhebung markiert war. Jetzt wurde für mich verständlich, warum man sich nach Moskau sehnen kann wie im Westen Europas nach Paris.

Zweiter Tag

Abgesehen vom Fabrikschlot mitten im Zentrum und den grauen Klötzen aus der Sowjetunion sieht Simferopol so aus, wie sich ein Leser Tolstois die russische Provinz vorstellt, zwei- bis dreistöckige Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, als Katharina die Große und ihre Nachfolger die Krim kolonisierten, breite Straßen, die ehemalige Prachtmeile mit den Verwaltungsgebäuden jetzt eine Fußgängerzone, ein imposantes Theater wie in jeder anständigen sowjetischen Stadt. Die Leninstatue steht noch an ihrem Platz, natürlich, wie schon während der gesamten ukrainischen Zeit. Ursprünglich russisch, hatte Chruschtschow die Krim aus Gründen, über die bis heute spekuliert wird – die besseren Verkehrswege, ein Schulterschluss mit dem Parteiapparat in Kiew, um die eigene Machtbasis zu stärken, Dezentralisierung oder vielleicht auch nur ein launischer Einfall, weil Chruschtschow zuvor Erster Sekretär der KP in Kiew war –, am 19. Februar 1954 gleichsam über Nacht der ukrainischen Teilrepublik zugeschlagen. 1991 wurde die Ukraine unabhängig, sodass auch die Krim im neuen Staat aufging, obwohl deren Bewohner in einem eigenen Referendum für einen Verbleib in der Sowjetunion gestimmt hatten.
Als am 22. Februar 2014 der Euromaidan die prorussische Regierung in Kiew aus dem Amt fegte, besetzte Russland die Krim, ohne auf Widerstand zu stoßen. Das war völkerrechtswidrig, entsprach jedoch wohl dem Wunsch der Mehrheit, mögen es auch nicht 97 Prozent gewesen sein, die bereits im März für den Anschluss votierten; die Tataren etwa, die bis zum Untergang ihres Khanats im Jahr 1783 die Krim beherrschten, hatten das Referendum boykottiert. Unter dem Vorwurf, mit den Deutschen kollaboriert zu haben, waren sie unter Stalin vollständig deportiert worden und erst mit der Perestroika nach und nach auf die Krim zurückgekehrt. Froh über die kulturelle Autonomie, die ihnen die Ukraine gewährte, fürchteten sie, in Russland wieder nur Bürger zweiter Klasse zu sein.
Ich frage unseren Fahrer Ernes, der selbst Krimtatare ist, was sich verändert hat, seit die Krim zu Russland gehört. Nicht viel, sagt Ernes, im Stadtbild jedenfalls nicht, sehe man von den neuen Kennzeichen und Fahnen ab. Die Menschen hätten schon vor dem Anschluss russisches Fernsehen gesehen. Auch die örtliche Verwaltung sei dieselbe, die Bürgermeister, die Polizei, die Beamten in den Behörden. Nein, im Grunde sei alles gleich geblieben. Und für die Krimtataren? Ernes überlegt. Wenn er abends nicht zur angekündigten Zeit zu Hause sei, rufe seine Frau innerhalb von Minuten an, zu viel passiere seit dem Anschluss, Verhaftungen, Entführungen, Schikanen.
In einem tatarischen Café mit angeschlossenem Souvenirshop, das an der Haupteinkaufsstraße liegt – Gastlichkeit und Folklore sind also erlaubt –, bin ich mit Nariman Dscheljal verabredet, der in Vertretung des exilierten Führers dem Rat der Krimtataren vorsitzt. Der Rat ist zwar als eine extremistische Vereinigung verboten, aber Nariman Dscheljal kann man dennoch treffen, einen Mann mittleren Alters in Jeans und langärmligem T-Shirt, der helle Bart kurz geschnitten, Hornbrille. Auch der Rat komme noch zusammen, berichtet Dscheljal, allerdings in Privathäusern, und draußen erwarte sie dann oft die Polizei, notiere sich die Namen, verhänge Geldbußen, 500 bis 1000 Rubel, umgerechnet keine 20 Euro. Es gehe den Behörden nicht um die Strafe; es gehe darum zu zeigen, dass sie jederzeit zuschlagen können. Schließlich sei jeder, der am international anerkannten Rechtsstatus der Krim festhält, über Nacht zum Separatisten geworden.
Ich frage, ob der Rat tatsächlich die Wiedervereinigung mit der Ukraine anstrebe. Nicht unbedingt, antwortet Dscheljal; so oder so blieben sie eine Minderheit, und in einem europäischen Russland könnten sie genauso gut leben. Ihr Problem sei dieses Russland. Die Tataren seien Europäer seit Jahrhunderten, hätten sich immer schon zum Westen hingewandt, während des Krimkriegs im 19. Jahrhundert aufseiten Englands und Frankreichs gekämpft. Am Umgang mit der Ukraine entscheide sich, ob Europa zu seinen Werten stehe.
"Und wenn nicht?", frage ich.
"Dann wird sich Europa an seinen Grenzen immer weiter auflösen."
Ich komme mit einer jungen Frau ins Gespräch, die das Radio der Krimtataren geleitet, im Fernsehen außerdem eine Musikshow moderiert hat. Ihren Namen möge ich besser nicht erwähnen – mein Gott, sie hätte nie gedacht, dass sie noch einmal Angst haben müsse, aber selbst mit ihrer Angst fühle sie sich allein; die Mehrheit sei einverstanden mit den neuen Verhältnissen und vermisse die Meinungsfreiheit nicht. Weil seit der Annexion durch Russland nur noch russischsprachige Medien erlaubt sind, unterrichtet sie jetzt Journalismus an einer privaten Hochschule der Krimtataren, die es eigentlich nicht geben darf, aber dennoch gibt, die Studenten zur Hälfte Landsleute, zur Hälfte Russen. Das Ressentiment gegen ihr Volk sei noch ein Erbe der Sowjetunion und unter den jüngeren Russen weit weniger ausgeprägt. Als sie mit den Eltern aus Zentralasien zurückgekehrt sei, hätten die Mitschüler noch gedacht, Tataren seien Monster, richtige Monster, mit Hörnern auf dem Kopf. Und der Lehrer habe sie am ersten Schultag gefragt, ob sie lesen und schreiben könne, dabei habe sie in Usbekistan eine Eliteschule besucht und als Einzige in der neuen Klasse Deutsch gelernt.
Ich frage mich, woran man die Frau überhaupt als Tatarin erkennt, ihre Haare rötlich, die Gesichtsfarbe hell, kurzes Kleid, schwarze Strumpfhose, elegante Schuhe. Klar erkenne man sie, sagt sie, für die Herkunft habe jeder auf der Krim einen Blick. Ich frage nach ihrer Hoffnung. Erst spricht auch sie von Europa, von Gleichberechtigung, Demokratie, Religionsfreiheit, Pluralität, Menschenrechten. Dann jedoch erinnert sie sich an das reale Brüssel und weiß, wie fern die Krim für Europa ist. Und hier?
"Hier waren wir einmal 90 Prozent, jetzt sind wir nur noch 12. Da hilft uns nicht einmal Demokratie viel."
Im Historischen Museum der Stadt erinnert keine Vitrine an die ursprünglichen Bewohner der Halbinsel, geschweige denn an ihre Deportation. Dafür ist der Krimkrieg, als auf der kleinen Halbinsel die damaligen Großmächte aufeinandertrafen, in den Uniformen des 19. Jahrhunderts nachgestellt. 750 000 Soldaten kamen innerhalb von drei Jahren um, zwei Drittel von ihnen Russen, dazu 100 000 Franzosen, 20 000 Briten. Es war der erste Krieg der Moderne, insofern brandneue, industriell hergestellte Waffensysteme zum Einsatz kamen, dazu Dampfschiffe, Telegrafen, Eisenbahnen. Außerdem nahm zum ersten Mal die Weltöffentlichkeit durch Fotografen und "embedded journalists" gleichsam live an den Schlachten teil. Zugleich gilt der Krimkrieg als der erste "totale Krieg", weil systematisch die Zivilbevölkerung einbezogen wurde und die humanitäre Not ein strategisches Mittel war.
Dem Zweiten Weltkrieg sind ebenfalls viele Exponate gewidmet, der "zweiten Verteidigung", wie es in der offiziellen Geschichtsschreibung der Krim heißt. Der Anschluss an Russland, der auf Plakaten in der Stadt als die "dritte Verteidigung" gefeiert wird, ist im Museum noch nicht ausgestellt. Die betagten Wärterinnen, die im Halbdunkeln schlummern, meditieren oder Kreuzworträtsel lösen, freuen sich nichtsdestominder, dass ich ihnen die Gelegenheit verschaffe, Saal für Saal das Licht einzuschalten.
Auf dem Weg zur Gedenkstätte für die Opfer des deutschen Faschismus kommen wir an den illegalen Siedlungen vorbei, die in den Neunzigerjahren überall auf der Krim entstanden sind, die Wege unbefestigt, viele Häuser noch immer ohne Strom und fließend Wasser. Als sie auf die Krim zurückkehrten, fanden die Tataren ihre Häuser von Russen bewohnt. Und andere Häuser oder Wohnungen fanden sie kaum, weil Asiaten nicht gern in der Nachbarschaft gesehen wurden. Auch Arbeit erhielten sie nur vereinzelt in den größeren Betrieben und im Staatsdienst, sodass heute die meisten Tataren selbstständig sind. Ernes zum Beispiel besitzt eine kleine Pension am Meer. Eine ukrainische Freundin aus Köln hat ihn mir als Begleiter empfohlen, weil er gut Englisch spreche, das Land kenne und überhaupt ein netter Kerl sei. Das ist er auch, ein leiser, sehr höflicher Mann um die dreißig, nur habe ich gestern Abend schon bemerkt, dass ich über ihn nur weitere Krimtataren kennenlernen werde, was sicher interessant ist, aber nicht eben repräsentativ. Russen und Tataren hätten auf der Halbinsel immer schon mehr nebeneinander als miteinander gelebt, entschuldigt Ernes sich; seit der Annexion sei das Misstrauen noch größer, seien Freundschaften noch seltener geworden. Für Morgen muss ich mir etwas anderes einfallen lassen, wenn ich auch die Sichtweise der 88 Prozent kennenlernen will.
Die Gedenkstätte selbst wurde letztes Jahr an dem Graben eröffnet, in dem allein die deutschen Besatzer 15 000 Menschen erschossen hatten. Ernes gesteht, dass ihm der Besuch nicht leichtfalle, weil die Krimtataren in der Schule stets unter den Tätern, nicht unter den Opfern aufgeführt worden seien. Umso überraschter ist er, als er unter den Namen, die in eine Wand eingraviert sind, auch Landsleute findet. Dass dem Faschismus vor allem Juden zum Opfer gefallen sind, wird nicht erwähnt. Wie überall in Russland haben die Deutschen auch auf der Krim nur "sowjetische Patrioten" umgebracht, wie es auf der Gedenktafel heißt.
Sie hätten nicht einzelne Völker herausheben wollen, erklärt der Museumsleiter, der aus seinem Büro heraustritt, als er mich mit einer Mitarbeiterin im Gespräch sieht; schließlich habe es sich bei den Massenerschießungen um ein Menschheitsverbrechen gehandelt. Auf meine Frage, ob sich die Zugehörigkeit zu Russland auf die Konzeption der Ausstellung ausgewirkt habe, möchte der Museumsleiter nicht antworten, er rede grundsätzlich nicht über Politik. Exakt die gleiche Antwort hatte bereits seine Mitarbeiterin gegeben, und heute Morgen im Museum der Geschichte Simferopols gab es die Auskunft auch. Man scheint auf der Krim grundsätzlich vorsichtiger zu sein, wenn man mit Fremden über Politik spricht. Alles, was ich auf Anhieb erfahre, ist, dass man Russe und natürlich froh über die Wiedervereinigung sei. Die Mitarbeiterin nickt.
Wir fahren weiter Richtung Küste und sind nach einer Stunde unvermutet im Orient angelangt: Die Altstadt von Bachtschyssarai, einem Örtchen, das einst die Hauptstadt des tatarischen Khanats war, besteht noch aus Steinhäusern mit Dächern aus Holz, schmalen Gassen, die sich den Berg hochziehen, Kuppeln, Minaretten und dem Palast des Khans, der aussieht wie aus Tausendundeiner Nacht. Aber Vorsicht: Erbaut wurde der Palast Anfang des 16. Jahrhunderts von einem Italiener. Nicht erst die russischen Kolonisatoren holten sich die Architekten aus dem Westen. Leider ist der Palast geschlossen, und als wir ein Bakschisch andeuten, deutet der Wächter mit dem Kopf bedauernd auf die Videokamera, mit der seit Neuestem die Korruption bekämpft wird.
In einer der Gassen sehe ich eine Katze hinterm Fenster und hinter der Katze einen Mann, der mich freundlich grüßt. "Fuck Putin", lacht er, als er das Fenster öffnet und erfährt, dass ich aus Deutschland bin. Er heißt Alex und hat bis zu einem Unfall, der ihn ein Bein kostete, im Ausland gearbeitet. Jetzt freut er sich, nach langer Zeit wieder ein paar Worte Englisch zu wechseln. Da er kein Problem zu haben scheint, über Politik zu sprechen, frage ich ohne Umschweife, ob er die Krim lieber bei der Ukraine oder bei Russland sehe.
"Am liebsten bei Amerika", lacht Alex wieder und fügt hinzu: "Und wenn das nicht geht, dann bei Lukaschenko." In Weißrussland gebe es wenigstens Arbeit und genügend Rente, er habe es mit eigenen Augen gesehen. Die Menschen hier seien zwar fast alle russisch, Jubelfeiern habe es jedoch nicht gegeben beim Anschluss. Im Grunde sei es ihnen egal, in welchem Staat sie lebten, wenn er nur funktioniere. Ob ich ihm ein paar Münzen schenke, damit er etwas zu essen kaufen könne. Ich bin irritiert, weil Alex ein eigenes Haus zu besitzen scheint, eine wohlgenährte Katze, dem Küchentisch nach zu urteilen auch Mitbewohner hat, vermutlich eine Familie. Sind die Menschen in Bachtschyssarai so arm, dass sie betteln müssen, oder ist dieser hier einfach ein Säufer?
Ein paar Schritte weiter treten wir in ein kleines Museum, in dem Kunsthandwerk ausgestellt ist, Kannen, Schüsseln, Teller. Es gehört Rustem Derwisch, einem groß gebauten Tataren mit einem fein bestickten Käppi auf den grauen Haaren, der die Exponate selbst herstellt und Workshops anbietet. Seine Schüler seien Tataren genauso wie Russen, das sei ihm egal, Hauptsache die Schüsseln gelängen ihnen gut. Ob wir einen echten Kaffee trinken möchten, fragt er und holt eine schlanke, hohe Mühle aus Silber, in die er die Bohnen mit so großer Sorgfalt schüttet, als wäre jede einzelne wertvoll. Die Flüche von Alex im Ohr, frage ich, ob viele Menschen hier unzufrieden seien mit den neuen Verhältnissen.
"Ach, die Menschen sind immer mit etwas unzufrieden", antwortet Rustem, "ob vor dem Anschluss oder nach dem Anschluss. Ich gehöre zur anderen Sorte Mensch: Ich war vorher zufrieden und bin es jetzt."
Auch für ihn sei es schwierig gewesen, ein Haus zu kaufen, als er aus der Verbannung zurückgekehrt sei, aber dann habe er sich als Grieche ausgegeben, und weil der Preis überteuert gewesen sei, habe der Besitzer nicht nachgefragt. Das sei noch während der Perestroika gewesen, als Chaos geherrscht habe in den Behörden. Ins Grundbuch eingetragen habe er den Kauf erst später, da habe man ihm das Haus schlecht wieder wegnehmen können. Dass es ein Haus in der Altstadt sein musste, ein traditionelles Haus mit Innenhof, um es zu einem Museum umzubauen, das habe für ihn festgestanden. Früher habe er Kunststoffisolierungen um Pipelines gelegt.
"Es gibt Jobs, die man machen muss, und es gibt Jobs, die machen Spaß. Was ich jetzt mache, das macht mir Spaß."
So weit reicht Rustems Dankbarkeit, dass er selbst an der Deportation noch etwas Gutes findet: Die Entbehrungen und die Sehnsucht hätten sein Volk nur stärker, selbstständiger und ehrgeiziger gemacht. Fühlt er sich denn in einer Nachbarschaft wohl, in der nur Russen wohnen? Irgendwer habe immer etwas gegen irgendwen, egal wo auf der Welt, meint Rustem, und außerdem müsse er aufpassen, was er sage, denn über Politik könne er nicht sprechen.
"Weil das gefährlich ist?", frage ich.
"Nein, weil mir die Kompetenz fehlt. Wenn du eine Frage zum Blinddarm hast, gehst du schließlich auch zum Arzt und nicht zum Schuster."
Seine Aufgabe sei es, die Kultur ihres alten Volkes wiederzubeleben, ordentliche Kupfergefäße herzustellen, Kaffee zu mahlen und Jüngeren das Handwerk beizubringen. Dann hört Rustem auf, die Mühle zu drehen – der kleine Raum ist längst erfüllt vom Duft der Bohnen – und holt zwei Mokkakannen aus Kupfer, die eine recht simpel und uneben, die andere verziert und ganz gleichförmig.
"Die eine Kanne haben wir vor zehn Jahren gemacht, die andere machen wir heute – siehst du den Fortschritt? So gute Kannen hatten nicht einmal unsere Vorfahren!" Zum Beweis holt Rustem eine dritte Kanne aus dem Regal.
Ohne den tatarischen Kaffee gekostet zu haben, der offenbar noch ein paar weitere Stunden gemahlen werden muss, folgen wir Rustem für einen Rundgang durchs Museum. Über dem Innenhof weht eine russische Fahne, die der Nachbar von seinem Grundstück aus schräg über die Mauer gehängt hat. Bevor ich eine Frage stelle, wiederholt Rustem, dass nur Ärzte über Blinddärme sprechen sollten. Sein politisches Engagement beschränke sich darauf, dass die Pflastersteine vor dem Haus restauriert würden. Vom Innenhof steigen wir eine schmale Treppe hoch und ziehen uns vor der Tür die Schuhe aus. Die obere Etage hat Rustem eingerichtet wie seine Vorfahren. Stühle findet man also nicht.

Dritter Tag

Und dann stehe ich in der Antike. 421 vor Christus gründeten die Griechen in der Bucht, in der heute Sewastopol liegt, den Stadtstaat Chersones. Geblieben sind das Theater, die Säulen und von den Häusern die Grundmauern. Geblieben ist von der Halbinsel auch der Name Tauris, wo Goethes Iphigenie Rettung vor dem Vater fand. Dass sich die griechische Antike nicht nur nach Westen, sondern auch weit nach Asien ausdehnte, weiß man noch halb. Aber dass der Urgrund Europas, der für die arabisch-islamische Kultur ebenfalls ein Quellgebiet ist, nördlich bis auf den Boden der ehemaligen Sowjetunion reicht, dürfte nicht einmal Goethe-Lesern bewusst sein. Wenn man sich dann noch erinnert, woher die Tataren kamen, aus der Mongolei, von woher die Russen, die heute die Krim prägen, die meisten blond wie Skandinavier, dass die Zarin selbst, die Kolonisatorin, eine Deutsche war und viele Deutsche holte, an die Unzahl anderer Völker, die sich an der wilden, fruchtbaren Küste ansiedelten, Skythen, Kimmerier, Römer, Ostgoten und Hunnen, auch Alanen und Chasaren, von denen ich vorher nie gehört habe, später die Byzantiner, Armenier, Juden, Genueser, Venezianer und vor allem die Osmanen, die wiederum aus vielen eigenen Völkern bestanden, später Briten und Franzosen, die aus dem Krimkrieg nicht mehr zurückkehrten – dann sieht die Krim beinah aus wie eine Mitte der Welt. Bei Ausgrabungen fand man auf Tauris auch das hunderttausend Jahre alte Skelett eines Neandertalers.
In der Stadt selbst erinnern weit über tausend Denkmäler, Gedenkstätten und Museen an die beiden großen Belagerungen, die der Alliierten im Krimkrieg und die der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, 349 Tage und 250 Tage lang. Eindrücklicher als alle Bauwerke und Tafeln hat die Literatur den Schrecken festgehalten, im Besonderen Tolstoi, der als junger Soldat in Sewastopol "den Krieg nicht in seiner korrekten, schönen, glänzenden Form" erlebte, "mit Musik und Trommelschlag, mit wehenden Fahnen und stolz zu Rosse sitzenden Generälen". Etwa zeichnete Tolstoi auf, wie im Hospital "die widerwärtige, aber wohltätige Arbeit des Amputierens" vonstattenging: "Wir sehen, wie das scharfe, krumme Messer in den weißen gesunden Körper fährt; wir sehen, wie der Verwundete auf einmal mit schrecklichem, herzzerreißendem Geschrei und argen Flüchen zum Bewusstsein kommt; wir sehen, wie der Feldscher den abgeschnittenen Arm in die Ecke wirft; wir sehen, wie ein anderer Verwundeter, der im selben Zimmer auf einer Trage liegt, der Operation seines Kameraden beiwohnt, sich krümmt und stöhnt, weniger aus körperlichem Schmerz als darum, weil ihn die seelische Pein der Erwartung quält."
Durchschnittlich 800 Menschen starben gegen Ende der ersten Belagerung Tag für Tag in Sewastopol; die Stadt glich einem einzigen Krankenlager, so ausgezehrt waren die Zivilisten, so erschöpft und überreizt zumal die Soldaten in ihren Schützengräben – allein schon aus Schlaflosigkeit wegen des dauernden Bombardements. Am Ende der zweiten Belagerung lag Sewastopol ein zweites Mal in Trümmern. Von den 112 000 Einwohnern hatten nur wenige Tausend überlebt, 99 Prozent aller Gebäude waren zerstört. Die Sowjetunion verlieh Sewastopol den Titel einer "Heldenstadt" und baute die Architektur des 19. Jahrhunderts erstaunlich originalgetreu wieder auf. Als Heimathafen der Schwarzmeerflotte behielt Sewastopol seinen Sonderstatus, als die Ukraine unabhängig wurde, und war noch bis 1994 für Krimbewohner gesperrt. In gewisser Weise – für das kollektive Gedächtnis, als militärischer Stützpunkt sowie mit seiner Bevölkerung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu bildete – ist Sewastopol die sowjetischste Stadt überhaupt. An keinem anderen Ort der Krim hängen heute mehr russische Fahnen.
Fährt man von Sewastopol weiter die Küste entlang, versteht man, warum die Griechen sich auf der Krim zu Hause fühlten – sie sieht wie Griechenland aus: weit geschwungene Hügel mit karger mediterraner Vegetation, dazwischen immer wieder der Weinanbau, im Umkreis der Siedlungen subtropische Bäume, die von südlichen Völkern blieben, idyllische Buchten, Felsen, die ins Meer hineinreichen, und im Hinterland die hohen, im Winter schneebedeckten Berge.
Geschätzt alle fünf Kilometer taucht eine große Werbetafel mit dem Gesicht von Wladimir Putin am Straßenrand auf, mal in Anzug und Krawatte, mal sportlich mit dunkler Sonnenbrille, mal kulant lächelnd, dann wieder grimmig, und jedes Mal mit einem Zitat, das der Krim eine goldene Zukunft verheißt, Tourismus, Industrie und Sicherheit. Auf die Vergangenheit weist hingegen ein deutschsprachiges Schild: 60 000 Deutsche sind auf der Krim gefallen, deren Überreste nach und nach auf einen Friedhof nahe der Ortschaft Gontscharnoje umgebettet werden. 60 000, das ist ein sehr weites Feld, das sich malerisch einen Hügel hochzieht. Über den gepflegten Rasen verteilt, stehen je drei Kreuze aus Stein, das mittlere jeweils erhöht, als stünde es auf einem Siegerpodest. Entlang des Fußpfades reihen sich dicht an dicht Stelen aus Granit, in die beidseitig Namen und Daten eingeritzt sind. Warum auch immer auf einem Gräberfeld, geht mir plötzlich auf, wie schön deutsche Namen eigentlich sind: Heinrich, Johann, Albert, Nikolaus, Bruno, August, Fritz, Max, Georg, Matthias, Andreas, Berthold, August, Ernst, Valentin.
Welcher Reichtum darin liegt, dass jedes Volk seine eigenen Namen hat, wird einem vielleicht erst in einem "melting pot" wie der Krim richtig bewusst. Und richtig ist es wohl auch, dass auf einem Friedhof, einem einfachen Soldatenfriedhof, nicht mehr von Schuld gesprochen wird. Stattdessen ruft die Inschrift allgemein zum Frieden auf und gedenkt der Verstorbenen, auf welcher Seite der Front sie auch standen. Auf dem Türgriff des kleinen Friedhofsgebäudes sind die russische und die deutsche Fahne ineinander verschränkt. Wer weiß, vielleicht lud Stalin die Führer der Alliierten im Februar 1945 nicht nur wegen des angenehmen Klimas auf die Krim ein, sondern weil sie wie kaum ein anderer Flecken Erde Schauplatz des Krieges "in seiner wahren Gestalt" geworden war: "in Blut, Leiden und Tod", wie es in Tolstois Aufzeichnungen heißt. Gegen Mittag treffe ich jedenfalls in Jalta ein.
Im nächsten Heft: Von der Krim auf das russische Festland

Immer wieder Putin auf Werbetafeln – mal in Anzug und Krawatte, mal mit Sonnenbrille, mal lächelnd, mal grimmig.

Russen, Tataren, Deutsche, Skythen, Römer, Ostgoten, Mongolen, Osmanen – die Krim ist beinah eine Mitte der Welt.

Von Navid Kermani

DER SPIEGEL 7/2017
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