DER SPIEGEL

EuropaRusslands Himmel

Eine Reise in den Osten eines zerrissenen Kontinents. Sechste Etappe: Jalta. Von Navid Kermani
Kermanis Reise (VI) Im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichte der SPIEGEL eine vierteilige Reportage des Kölner Schriftstellers Navid Kermani über seine Exkursion in den Osten Europas. Sie begann in Schwerin und führte bis in die Ukraine. Im Januar nun setzte er seine Expedition entlang des Risses fort, der sich dort zwischen Ost und West auftut: von der Krim bis in den Kaukasus.
Dritter Tag
In Jalta klingen die Straßennamen mehr als siebzig Jahre nach der Konferenz, auf der Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt wurde, noch immer versöhnlich. Die Uferpromenade, die nach Lenin benannt ist, geht nahtlos in die Roosevelta über, und die Hauptverkehrsader, die sich entlang des Flusses zieht, heißt am einen Ufer Moskowskaja, am anderen Kiewskaja, als wären Russland und die Ukraine brüderlich am Wasser vereint. Ansonsten tragen auffallend viele Straßen die Namen von Dichtern, die sich in Jalta erholt, vergnügt und getroffen haben, Puschkinskaja, Gogolja, Tschechowa und so weiter. Jalta, das war einmal Russlands südlicher Himmel. Seit die Krim 2014 wieder zu Russland gehört, ist das Mondäne allerdings weitgehend museal: Die Kreuzfahrtschiffe, die für die Stadt die wichtigste Einnahmequelle waren, legen nicht mehr an.
Natalja Dobrynskaja ist Chefredakteurin eines Reisemagazins für die Krim und von so überbordendem, herzlichem Temperament, dass man schnell ahnt, warum sie die Gastfreundschaft zum Beruf gemacht hat. "Ja, der Tourismus ist leider eingebrochen", räumt sie ein, nur um einen Satz später von der Euphorie des 16. März 2014 zu schwärmen, als die Halbinsel über den Anschluss an Russland abstimmte. Von Narzissen berichtet sie, die auch sie an Erstwähler verteilte, vom allgemeinen Gefühl, jetzt oder nie werde ihr Schicksal neu geschrieben.
Gab es denn auch pragmatische Gründe, sich von der Ukraine zu lösen, möchte ich wissen. Sicher, antwortet Natalja und verweist auf die Fischfabriken, bekannt in der ganzen Sowjetunion, die durch die Privatisierung zugrunde gerichtet worden seien, überhaupt, der Verfall der Straßen, Schulen, öffentlichen Gebäude. Vielleicht habe die Regierung in Kiew andere Regionen ebenfalls vernachlässigt, das wisse sie nicht genau, hier jedoch habe man immer schon nach Russland geschaut und Vergleiche angestellt. Und dann auch noch die Ablehnung des Russischen als zweite Amtssprache, die das Parlament im Februar 2014 beschloss, obwohl kaum jemand auf der Krim Ukrainisch beherrscht – das habe wie eine Ausladung gewirkt.
Am Tag des Referendums, berichtet Natalja, habe es so gestürmt, dass ihre Nachbarin, eine alte Frau, die seit sechs Jahrzehnten als Wärterin im Tschechow-Museum arbeite – von der Schwester Tschechows persönlich eingestellt! –, auf dem Weg zum Wahllokal vom Wind erfasst worden und gegen eine Mauer geprallt sei. Im Krankenhaus habe die älteste Wärterin Tschechows dennoch ihre Stimme für Russland abgegeben. Überhaupt sei der Tag sehr emotional gewesen, wenn auch zugegeben bitter für die Gegner des Anschlusses. Ihr eigener Bruder, der seit dreißig Jahren in Kiew lebe, habe angekündigt, die Heimat nicht mehr zu betreten, solange sie von Russland besetzt sei. Er bleibe natürlich ihr Bruder, sie telefonierten oft und stritten dann jedes Mal über Politik. Im Inneren verstehe sie ihn auch, nicht nur wegen seiner ukrainischen Frau, sondern weil er von Anfang an den Maidan unterstützt habe, genauso wie sie die Krimtataren verstehe, die in der Sowjetunion viel Leid erfahren hätten; aber sie selbst sei wie die allermeisten Bewohner der Krim nun einmal Russin und könne nicht anders, als sich über die Wiedervereinigung zu freuen. Das Haus, in dem sie wohne, hätten 1850 ihre russischen Urgroßeltern gebaut.
Ich frage Natalja nach Europa.
"Warum sollten wir zu Europa gehören?", fragt sie zurück. "Nur um leichter Visa zu bekommen?"
"Ihr Bruder würde sagen, wegen der Werte, also Demokratie, Menschenrechte, Freiheit."
"Vielleicht habe ich andere Werte. Vielleicht finde ich zu viele Freiheiten gar nicht so gut. Die Freiheit etwa, die sich ,Charlie Hebdo' nimmt. Oder die Freiheit, Waffen zu besitzen wie in den USA. Vielleicht meine ich nicht, dass Homosexuelle heiraten müssen. Vielleicht bin ich auch religiös und glaube an das, was in der Bibel steht."
Weil ich noch in einem Dorf außerhalb von Jalta verabredet bin, erkundige ich mich nach dem russischsten Ort, den es in Jalta gibt. "Das Tschechow-Museum!", ruft Natalja spontan und bietet an, mich zu begleiten. Das Stadtbild, das sich mir auf dem Weg bietet, hat Anton Tschechow selbst treffend beschrieben als "eine Mischung von Europäischem, das an die Ansichten von Nizza erinnert, und von etwas Billigem und Schäbigem". Mit dem Billigen und Schäbigen, damit meinte er unter anderem die vielen "Hotelkästen", die sich seither nur noch vermehrt haben.
Als wir an der Deutsch-Russischen Gesellschaft vorbeikommen, fragt Natalja, ob ich meinen Landsleuten Guten Tag sagen möchte. Meinen Landsleuten?, frage ich zurück und denke dann, ja, warum eigentlich nicht? Irgendwie gehört dann auch ein Iraner, dessen Eltern vor sechzig Jahren nach Deutschland gezogen sind, zum selben Volk wie die Deutschen, deren Vorfahren im 19. Jahrhundert nach Russland ausgewandert sind – oder umgekehrt, sie Russen, ich Deutscher, als ob das so wichtig wäre. Die Leiterin der Gesellschaft freut sich jedenfalls ungeachtet meiner Herkunft sehr, unsere Sprache zu hören, die sie selbst mit einem entzückenden Akzent spricht. Ihre Versammlungen werden auf Russisch abgehalten, weil nicht mehr alle Mitglieder der Gesellschaft Deutsch verstehen.
Ebenso wie die Krimtataren wurden auch die Deutschen unter Stalin deportiert, konnten allerdings schon 25 Jahre früher zurückkehren, Mitte der Sechzigerjahre. Nun ist ihre Kultur wieder am Verschwinden, weil die meisten Deutschen nach Deutschland ausgewandert sind. Das sei traurig, sagt die Leiterin, die ebenfalls Natalja heißt und genauso herzlich wie die Chefredakteurin des Reisemagazins ist; die Deutschen hätten unter Katharina der Großen so viel zur Entwicklung der Krim beigetragen und genössen bis heute einen guten Ruf, strebsam und fleißig, wie wir nun einmal seien. Ich glaube, Natalja meint tatsächlich mich mit. Die Gesellschaft bemühe sich, die zweihundert verbliebenen Deutschen in Jalta zu halten, und betreibe viel Aufwand für deren deutsche Bildung. Und ja, manche Krimdeutsche seien bereits zurückgekehrt, wenn auch vorläufig nur für eine Ferienresidenz am Meer.
Als wir zum Museum weiterfahren, meint Natalja – also die russische Natalja, nicht die Krimdeutsche –, dass sie im Herzen eigentlich noch Sowjetbürgerin sei. Sie wisse um die Verbrechen unter Stalin, die Deportationen, die Gulags, und wolle bestimmt nicht die Uhr zurückdrehen. Aber es sei doch auch schön, zu einer wirklichen Familie von Völkern zu gehören, diese Sicherheit, überall im Riesenreich zu wissen, wie man sich verhält, damit einem mit Respekt begegnet wird. Und die Krimtataren, frage ich, werden die ebenfalls respektiert? Sicher habe es Spannungen gegeben, als die Tataren zurückkehrten, sie hätten ihre alten Häuser zurückhaben wollen, Ansprüche gestellt, oft genug die Häuser einfach besetzt. Da hätten viele Russen natürlicherweise Angst gehabt, aus ihren Häusern vertrieben zu werden, sich in ihrer eigenen Nachbarschaft wie Fremde zu fühlen. Das Land, das der Staat angeboten habe, hätten die Krimtataren abgelehnt, weil sie wie ihre Vorfahren in der Nähe des Meeres leben wollten, das verstehe sie wiederum auch. Allein, am Meer sei der Boden nun einmal am teuersten und am dichtesten besiedelt. Das sei Anfang der Neunzigerjahre auch schlicht ein riesiges Chaos gewesen, in dem jeder an sein eigenes Überleben gedacht habe.
"Also war es aus Ihrer Sicht ein Fehler, dass die Krimtataren zurückgekehrt sind?", frage ich.
"Nein!" Natalja klingt beinah erschrocken: "Sie wollten zurück in ihr Land, das muss man verstehen. Es ist nun einmal ihr Land."
Hundert Jahre sind vergangen, seit Anton Tschechow seinen Garten auf einem öden Stück Land in der Nähe eines tatarischen Friedhofs angelegt hat; mehr als die Hälfte der Bäume, Sträucher und Weinreben soll er selbst gepflanzt haben. Gärten breiten sich auch in den Stücken und Erzählungen aus, die er in seinen letzten Lebensjahren auf der Krim schrieb, nicht zuletzt als der Ort, an dem sich Menschen ihre Liebe erklären. Aber auch das Schrecklichste lässt Tschechow in der Natur geschehen, die von Menschen gestaltet worden ist, so das Fällen der Bäume am Ende des "Kirschgarten", das Anfang des 20. Jahrhunderts den Untergang einer, seiner Welt vorausgenommen hat. Was für eine Welt war das?
Ich betrete das Haus und fühle mich vom ersten Schritt an in eines seiner Stücke versetzt, ja, als ob Tschechow seine eigene dramatische Figur gewesen wäre, die Diele, in der er seinen Hut abgelegt hat, die Küche, in der er sich auch mal selbst einen Tee gekocht haben wird, der Salon, in dem kein Geringerer als der greise Tolstoi oft saß, die Schlaf- und Gästezimmer, die Porträts seiner schönen Frau, der Esstisch mit den Stühlen, die ebenfalls noch original sind, überhaupt, die Sitzgelegenheiten: Fauteuils, Sofas, Bänke, dazu die Betten. Dass wir nicht wie Asiaten auf dem Boden sitzen, war in Russland bereits ein geflügeltes Wort, als Katharina die Große wie in so vielen anderen Gebieten des Riesenreichs auch auf der Krim eine Siedlung nach der anderen nach europäischem Vorbild bauen ließ. Darum sieht der Ort, den Natalja den russischsten von Jalta nennt, wie ein vornehmes Bürgerhaus aus, das ähnlich in Frankreich, Deutschland oder Norditalien stehen könnte, auch in einem Gründerzeitviertel von Beirut oder Alexandria. In welcher anderen Welt war ich hingegen gestern in der Altstadt von Bachtschyssarai, der Hauptstadt der Krim bis zur russischen Kolonisierung, wo die Häuser noch einen Innenhof haben statt eines Gartens, man die Schuhe an der Tür auszieht und auf dem Teppich Platz nimmt, um zu essen. Nur ein paar Kilometer und zugleich einen ganzen Kontinent entfernt.
Auch die Tataren haben der Krim eine reiche Kultur geschenkt – aber wie seltsam, dass sie, die asiatische, heute auf Europa angewiesen ist, um sich fortzuentwickeln. Es ist bereits Abend, da ziehen wir wieder die Schuhe aus, bevor wir ein Haus betreten. Von Herzen freundlich, vielleicht sogar dankbar für den ausländischen Besuch, begrüßt uns die Sängerin Elwira Sarychalil, die mit ihren Eltern in das Dorf ihrer Großeltern zurückgekehrt ist, etwa fünfzig Kilometer östlich von Jalta an der Küste. Nach vielen Anträgen und weil der Bürgermeister sich wirklich bemüht hat, durfte der Vater ein Haus bauen, allerdings oberhalb der Ortschaft an einem Hang, der eigentlich viel zu steil ist. Zum Glück war er von Beruf Ingenieur und sah vor dem inneren Auge die Terrasse mit dem schönsten Meerblick weit und breit. Inzwischen wohnt bereits die nächste Generation im Haus, die beiden Söhne Elwiras, die vier Sprachen lernen, Krimtatarisch, Russisch, Ukrainisch und ein bisschen Arabisch, weil Bildung über ihre Zukunft entscheiden wird. Das haben Elwiras Eltern in der Verbannung gelernt und ihr deshalb die Ausbildung auf einem der besten Konservatorien der Ukraine ermöglicht. Heute ist sie sowohl für modernen Jazzgesang als auch für ihr traditionelles Liedgut bekannt und am bekanntesten für die Verbindung aus beidem. So wie man an ihrer Tür die Schuhe auszieht und dennoch auf Stühlen sitzt.
Nach dem Abendessen, das mich in den Fernen Osten versetzt, projiziert der stolze Vater Konzerte von YouTube an die Wohnzimmerwand, in Kiew, Berlin oder Amsterdam. Auf der Krim hat Elwira lange kein Konzert mehr gegeben, und wenn sie sich im Ausland zu kritisch, also proeuropäisch, äußern würde, bekäme sie wie viele andere Künstler Schwierigkeiten nach der Heimkehr oder könnte gar nicht mehr zurück.
"Hast du nie darüber nachgedacht wegzuziehen", frage ich, "nach Kiew, Berlin oder Amsterdam, wo du singen kannst?"
"Nein", antwortet Elwira, "die Landschaft hier, die dringt in meinen Gesang. Wir alle sitzen so viel wie möglich auf der Terrasse."
Dann singt sie ein altes Volkslied, in dem die Brauen der Geliebten wie Meereswellen sind, die sich unruhig heben und besänftigt wieder senken.
Vierter Tag
Mit dem Blick aufs Meer wache ich auf. Bis jetzt hat es auf der Krim immer nur geregnet, das habe ich gar nicht erwähnt, weil ich in der vorausgegangenen Folge des Reiseberichts die Schönheit der Landschaft festhalten wollte und nicht, dass die Krim bei Regen nicht viel anders aussieht als das Siegerland, in dem ich aufwuchs – die Küste war in den dichten Wolken ja kaum zu erkennen. Jetzt jedoch strahlt die Sonne, und weil es gestern Nacht geschneit hat, sind nicht nur die weit entfernten Berge, sondern auch die Hügel, die sich im Halbrund an die kleine Bucht schmiegen, wie mit Puderzucker bedeckt. Der Kieselstrand ist allerdings nicht eben formvollendet bebaut, eine verlassene Imbissbude aus morschen Brettern oder sogar Wellblech neben der anderen, die etwas erhöhte Promenade aus nacktem Beton, die hässlichsten Treppen, die zum Wasser führen, und dazwischen Stege unterschiedlicher Länge und Beschaffenheit, als hätte jeder Angler seine eigene Rumpelkammer verbaut. Die Tretboote, die aufeinandergestapelt sind, wirken ebenfalls wie weggeworfen. Aber dann gehe ich zum Ende der Bucht und springe, um nicht nass zu werden, von Stein zu Stein um die Klippe herum. Plötzlich stehe ich allein auf einem weiteren, unbebauten Strand. Wie Elwira schaue ich aufs Meer und vergesse die Welt, in der ich gerade bin.
Das wird selbst im Krieg so gewesen sein, in den Weltkriegen, die Mitte der beiden vorigen Jahrhunderte auf der Krim ausgetragen wurden, dass ein britischer, russischer, französischer, türkischer oder deutscher Soldat an einem ruhigen Tag aus seinem Lager heraustrat, vielleicht weil nach langem, kaltem Regen, der mit Schnee vermischt war, erstmals wieder die Sonne schien. Dann blickte er aufs Meer und dachte an seine Liebste zu Hause, an die Kinder, an seine alltäglichen Sorgen und Nöte oder versank einfach für einen Moment in der Landschaft, atmete das Salz, hörte die Wellen, schloss die Augen und spürte das warme Licht. Er vergaß alles ringsherum. Ob heute wieder ein größeres Unheil naht, von dem die Spannungen auf der Krim, die Kriege im nahen Donbass und auf der anderen Seite des Schwarzen Meeres nur ein Vorbote sind? Im Osten der Türkei, im Norden des Irak, im südlichen Kaukasus und überall in Syrien, selbst im Jemen, in Libyen und noch weiter entfernt – oder ist das bereits ein einziger großer Krieg? Seit der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten, die viele Autokraten euphorisiert hat, spricht Moskau von einem "neuen Jalta", einer neuerlichen Aufteilung der Welt in Einflusssphären, der vermutlich noch ein paar weitere Kriege vorangehen würden, damit die Bereitschaft zum kalten Frieden wächst. Vielleicht fühle ich deshalb den Impuls so stark, einfach am Strand zu bleiben, der von Menschen unberührt ist.
Wir fahren weiter die Küste entlang Richtung Russland. Die Griechen, erzählt unser junger Fahrer Ernes, haben nicht nur Mythen, Weinreben und unzählige Ruinen hinterlassen, sie haben der Krim auch viele Ortsnamen geschenkt, die geblieben sind, als Katharina die Große sie weiter nördlich in die Steppe deportieren ließ, um in ihren Dörfern Russen anzusiedeln. Das heißt also – erst jetzt geht es mir auf –, dass die griechischen Dörfer, durch die ich in der Ostukraine fuhr, erst eine Folge der zaristischen Kolonisierungspolitik sind; unreflektiert hält man ja alles Griechische für antik. Auf der Krim hingegen waren die griechischen Ortsnamen zweitausend Jahre alt, als sie von der Sowjetunion ausradiert wurden.
So viele Völker, die auftauchen, wo sie dem Schulatlas nach gar nicht hingehören, die wandern, vertrieben werden oder sich miteinander, nebeneinander arrangieren, selten zu Freunden werden und wenn, dann meistens erst, nachdem sie sich die Köpfe eingeschlagen haben, Griechen, Russen, Tataren, Deutsche, Juden, Armenier und Dutzende weitere Völker allein auf der Krim. Am Ende hat jedes Volk, sofern es nicht ausgelöscht wurde, Ansprüche, Vorwürfe, Traditionen, Lieder oder schlicht ein Stück Boden von seinen Vorfahren geerbt, auf das andere ebenfalls ein Anrecht haben, sodass die Saat für neue Konflikte gesät ist. Aber genau daraus, aus nichts anderem als diesem Kuddelmuddel, das gerade auf der Krim häufig genug kriegerisch war, weltkriegerisch sogar, besteht eben Geschichte, soweit sie von Menschen gemacht wird, allerdings nicht nur Geschichte, sondern auch Kultur, die sich stets in der Abgrenzung von anderen Kulturen herausbildet, besteht der Reichtum, den man Zivilisation nennt. Es gibt keine Monokulturen, nirgends. Es gibt nur friedliche und nicht friedliche Wege zusammenzuleben, sofern man bereit ist, den anderen nicht auszulöschen.
Immer zerklüfteter wird die Landschaft, immer karger die Vegetation, immer kleiner die Dörfer, die am Wegrand auftauchen. Das Smartphone, das uns Richtung Russland navigiert, schlägt bei allen fünf Gebetszeiten Alarm, ohne dass Ernes deswegen bisher angehalten hat. Diesmal jedoch ruft es zum Freitagsgebet, und weil beinah gleichzeitig eine große Moschee auftaucht, deren Fassade weiß leuchtet, biegen wir von der Küstenstraße ab. Ich bin auch neugierig, weil in dem kleinen Dorf außerdem eine Kirche steht, die ebenfalls neu gebaut und genauso gesichtslos zu sein scheint.
Rund um die Moschee sind die Straßen unbefestigt und die Stromleitungen sehr improvisiert aufgehängt, die Häuser dafür neu: Die Krimtataren wohnen hier, die aus der Verbannung in ihr Heimatdorf zurückgekehrt sind. Aber trotz der Gebetszeit finden wir die Moschee verschlossen, und die Männer marschieren in mehreren Pulks in die andere Dorfhälfte, in Richtung der Kirche, die es in der Sowjetunion ebenso wenig gab. Sind hier etwa alle zum Christentum konvertiert?
Wir folgen den Krimtataren in den alten Teil des Dorfes, den ihre Eltern oder Großeltern bewohnt haben, laufen an der Kirche vorbei, die ebenfalls verschlossen ist – gut, es ist Freitagvormittag, wie gesagt –, begegnen weder freundlichen noch unfreundlichen Russen, die nun in den Häusern wohnen, und gelangen durch eine unscheinbare Passage zwischen zwei Mauern zu einer Eisentür, von der aus eine Treppe hochführt zum Gebetsraum der alten Moschee, die in der Sowjetunion ein Lagerraum war. An die vordere Fassade wurde ein anderes Haus angebaut. Die Männer berichten, dass sie vor ein paar Jahren die Tür aufgebrochen und das Lager leer geräumt hätten. Niemand brauchte mehr das Zeug, Tafeln für sowjetische Festtage, kaputtes Schulinventar und was nicht alles mehr. Selbst der Ortsvorsteher drückte ein Auge zu. In dem alten Gebetsraum fühlten sie sich einfach wohler, sagen sie. Außerdem ist die neue Moschee, die mit türkischem Geld erbaut wurde, viel zu groß für die wenigen Tataren, die über die Jahrhunderte nicht ausgelöscht wurden.
Als wir zum Auto gehen, spricht uns eine alte Frau an und fragt, ob wir Nachrichten aus der Ukraine hätten. Dass wir Reisende sind, Ausländer, scheint offensichtlich zu sein. Wieso aus der Ukraine, fragen wir. Die Frau stammt aus dem Donbass, genau gesagt aus Luhansk, und kam vor drei Jahren ins Dorf, um ihren Sohn zu pflegen, der von Banditen zusammengeschlagen worden war; da brach plötzlich der Krieg aus, und der Sohn ließ sie nicht mehr zurück. Inzwischen verbietet er ihr, Nachrichten zu sehen. Angeblich sei alles beim Alten geblieben, ihr Haus unbeschädigt, doch das glaube sie ihm nicht. Ob wir wüssten, wie es in Luhansk heute aussehe, wann der Krieg vorbei sei. Was antwortet man einer alten Frau?
Auf dem Rückweg zur Küstenstraße sehen wir einen Mann mit Zigarette im Mund, der in den Weinreben die Zweige abschneidet. Ich frage ihn, ob der Wein früher besser war oder heute.
"Früher", antwortet der Mann und meint nicht etwa die Zeit vor dem Anschluss an Russland, sondern die Sowjetunion: "Da gaben sie uns mehr Dünger."
Er wisse nicht, warum es heute an Dünger fehle, da er nur Angestellter der Sowchose sei, müsse 140 Reben schneiden, um seinen Lohn zu erhalten, da bleibe nicht einmal für eine Zigarettenpause Zeit. Seit dem Anschluss an Russland werde der Lohn immerhin pünktlich ausgezahlt, das sei früher anders gewesen. Mit früher meint er diesmal die Ukraine.
Ein paar Dörfer weiter führt uns Ernes in die Heimat, aus der seine Großeltern 1944 deportiert wurden. Ein Lkw, der vor dem Haus vorfuhr, eine halbe Stunde, um die wichtigsten Gegenstände, Dokumente und den Koran der Familie einzupacken, dann auf die Ladefläche, wo die Nachbarn schon versammelt waren, und von dort in einen überfüllten Güterwaggon, der sieben Tage bis ins ferne Asien durchfuhr, ohne dass jemand aussteigen durfte, ohne dass etwas hineingereicht wurde, Nahrung, Nachrichten oder Hoffnung, nur Wasser gelegentlich. Ernes' Vater kommt seit der Rückkehr einmal im Jahr vorbei, um das Haus seiner Eltern zu besuchen.
"Und das ist kein Problem?", frage ich.
"Nein, nein", versichert Ernes. "Die jetzigen Bewohner sind freundlich und laden uns jedes Mal zum Tee ein."
Neben dem Ortsschild aus der sowjetischen Zeit steht eine Steinsäule mit dem krimtatarischen Namen Ay Serez, der aus dem Griechischen abgeleitet ist. Fünfmal sei die Säule bisher zerstört worden, sagt Ernes, mal sehen, wie lange die sechste Säule hält.
Wir fahren durch das Dorf, das sich wie die meisten Dörfer an der Küste den Berg hochzieht, und parken den Wagen in einer der obersten Gassen. Zwei Geschosse haben die kleinen Häuser, das untere aus Stein, das obere aus Holz, und sind aufgeteilt in Wohnungen. In der Tür, an der Ernes vorsichtig klopft, erscheint eine Frau mit einer Strickmütze auf den blonden Haaren. Über den Pullovern trägt sie eine rote Skijacke. Mehr geschäftsmäßig als begeistert lässt sie uns in ihr Wohnzimmer eintreten, in dem sie auch isst und schläft. Der einzige Gegenstand in dem vollgestellten Raum, der nicht zweckmäßig erscheint, ist ein kleines Aquarium.
Seit ihrer Geburt lebt Tatjana in dem Haus, aus dem Ernes' Familie deportiert wurde. Ihr Vater, der aus Zentralrussland stammt, bekam es 1957 zugeteilt.
"Hatte er eine Wahl?", frage ich.
"Nein, er war in einem Kinderheim aufgewachsen."
Tatjana wusste als Kind schon, dass in dem Haus einmal Krimtataren gewohnt hatten, aber als sechsköpfige Familie hätten sie zu viele eigene Sorgen gehabt, um darüber zu sprechen. Inzwischen ist sie 56 Jahre alt und hat 35 davon gearbeitet, die längste Zeit als Hausmeisterin in einem Sanatorium am Meer. Von ihrem Mann ist sie geschieden, die Kinder leben irgendwo und haben eigene Kinder. Ihre Rente beträgt 7000 Rubel, umgerechnet gut hundert Euro. Was gedeiht, baut sie im Vorgarten selbst an. Zum Heizen reicht das Geld dennoch nicht.
Ich frage, ob sie Sorge gehabt habe, vertrieben zu werden, als mit der Perestroika die Krimtataren zurückkehrten. Nein, sagt Tatjana, einzelne Tataren hätten sich bereits in den Siebzigerjahren in ihr altes Dorf durchgeschlagen, das seien nette Leute, die Kinder seien mit ihren aufgewachsen. Und als der Vater von Ernes zum ersten Mal vor ihrer Tür stand?
"Das war im Sommer 1989", erinnert sich Tatjana sofort: "Er hat geweint wie ein Kind, das hat mich natürlich gerührt. Ich habe ihm einen Tee gekocht."
"Und hatten Sie immer noch keine Angst?"
"Nein, warum denn? Er hat uns angeboten, die Wohnung zu kaufen, aber das wollten wir nicht, und das hat er akzeptiert. Wo hätten wir denn hingehen sollen? Wissen Sie, wir haben keine Spannungen mit den Tataren, wir haben ganz andere Probleme."
"Was sind denn Ihre Probleme?"
"Dass wir nach so vielen Jahren immer noch keinen Wasseranschluss haben, zum Beispiel. Dass wir das Wasser in Kanistern ins Haus tragen müssen. Das ist wirklich ein Problem, besonders im Winter."
"Hat sich denn seit dem Anschluss nichts verändert?"
"Gar nichts hat sich verändert."
"Und sind Sie dennoch froh, dass die Krim wieder zu Russland gehört?"
"Ich bin froh, dass es keinen Krieg gibt. Darüber bin ich froh."
Gegen Abend erreichen wir den östlichsten Ort der Krim: Dass Kertsch sage und schreibe 2600 Jahre alt ist, sieht man der Stadt nicht an – kein Wunder, wurde sie doch bereits im vierten Jahrhundert nach Christus von den Hunnen zerstört und seither ein ums andere Mal, etwa 1855 von Briten und Franzosen sowie keine hundert Jahre danach noch einmal von den Deutschen.
Die Kirche jedoch, eine der ältesten byzantinischen Kirchen überhaupt, erbaut im achten Jahrhundert, die steht noch – und das, obwohl der Boden seismografisch aktiv sei, hebt der Priester stolz hervor. Selbst die Herrschaft der Tataren, die aus der Kirche eine Moschee gemacht hätten, habe die Kirche wie durch ein Wunder überlebt. Eigentlich hatte er schon die Tür abschließen wollen, aber so sehr freut er sich über die seltenen Besucher aus dem Ausland, dass er das Licht noch einmal angeschaltet hat und uns jeden Winkel zeigt. Der Gottesdienst fand im zweiten, größeren Schiff statt, das im 19. Jahrhundert angebaut worden ist. Dabei hätte die kleine Kirche aus dem frühen Mittelalter für die wenigen Gläubigen allemal genügt.
Der Besuch sei nur an Werktagen so schwach, entschuldigt sich der Priester und betont, dass die Russen selbst in der Sowjetunion fromm geblieben seien. Seither nehme die Frömmigkeit geradezu explosionsartig zu.
"Und die Jüngeren sind in der Kirche ebenfalls aktiv?", frage ich.
"Ja", versichert der Priester, "nur an Werktagen eben nicht."
Der Priester selbst ist noch nicht alt, keine vierzig, würde ich schätzen. Mit dem dunkelgrauen Nadelstreifenanzug, den er über einem schwarzen Hemd trägt, den hinten zum Zopf gebundenen Haaren und dem sorgfältig geschnittenen Bart könnte er auch in einem amerikanischen Film Pate stehen. In der Hand hält er ein Smartphone, einen elektronischen Türöffner fürs Auto und einen Rosenkranz, der um die Finger gewickelt ist.
"Russland und Glaube, das sind praktisch Synonyme", fährt der Priester fort. Ob es stimmt, frage ich, dass die Krim für Russland so heilig sei wie der Tempelberg für Juden und Muslime, wie es Präsident Putin in seiner programmatischen Rede zur Lage der Nation erklärt hat. Das sei unbestreitbar, antwortet der Priester und führt nicht allein den Großfürsten Wladimir an, der im zehnten Jahrhundert auf der Krim getauft worden sei und damit die Christianisierung der Ostslawen eingeleitet haben soll. Auf den bezog sich bereits Katharina die Große, um den Anspruch auf die Krim theologisch zu begründen. Der Priester jedoch spricht auch von einem Fußabdruck, den Johannes der Täufer hinterlassen habe. Es sei leider schon zu dunkel, sonst könnte ich ihn im Innenhof der Kirche sehen. Von solchen Wundern habe ich auch in Jerusalem gehört.
Der Priester löscht das Licht, verschließt die Kirche, verabschiedet sich freundlich und drückt auf den elektronischen Türöffner seiner Geländelimousine, die aus welchem Grund auch immer ein ukrainisches Kennzeichen hat. Die Frist zum Umtausch sei doch längst verstrichen, wundert Ernes sich, für den die Krim immer zu Europa gehören wird.
Weil das Meer unberechenbar ist, setzen wir noch am Abend aufs Festland über. Zumal im Winter kommt es vor, dass die Fähre über Stunden, wenn nicht Tage ausfällt. Obwohl es keine Zollabfertigung mehr gibt, dauert es ewig, bis die Fähre ablegt. Und so lange sie auch gewartet hat, es sind trotzdem nur wenige Passagiere an Bord. Als unser Auto aufs Festland rollt, ist es zu spät geworden, um noch bis zur nächsten Stadt zu fahren. Über das Internet buchen wir ein Hotel auf dem freien Feld. Wie sich herausstellt, ist es so frei nicht, denn nebenan steht ein Tanzlokal aus Blockholz, vor dem viele Autos geparkt sind.
"Wer seid ihr denn?", fragt der breitschultrige Türsteher belustigt, als wir nicht gerade im Ausgehlook vor ihm stehen.
"Menschen", antwortet der Fotograf Dmitrij Leltschuk ironisch.
"Ach so", grinst der Türsteher, "ich dachte schon, ihr seid Türken."
Ich betrete das Tanzlokal und fühle mich vom ersten Schritt in eine Persiflage auf Russland versetzt: Die Frauen tragen uniform die langen, glatten Haare, den Mittelscheitel, die überdehnten Lidschatten und ein körperbetontes langes Kleid wie Frau und Tochter Trump. Und die Männer sehen, nein, nicht wie das Oberhaupt der Präsidentenfamilie aus, mehr wie seine Leibwächter. Das Rollenmodell scheint weltweit wiederzukehren; fragt sich nur, wer von wem kopiert. Die Musik jedenfalls, zu der seltsamerweise nur die Frauen tanzen, ist zu 100 Prozent vom einstigen Klassenfeind. Die Männer ziehen lieber an der Schischa, als ob sie – zum Glück liest nicht der Türsteher mit – Türken wären.
Ich denke an das Arbeitszimmer zurück, das aussah, als hätte es Tschechow erst gestern verlassen, der Schreibtisch noch mit Papieren bedeckt, das Telefon so groß wie heute ein Tischcomputer, die Schale für die Visitenkarten seiner Besucher. Dort, auf jenem Stuhl, schrieb Tschechow seine großen Dramen, in denen sich jeder immerfort nach Moskau sehnt. "Und vergeht noch ein wenig Zeit", heißt es in den "Drei Schwestern", "so zweihundert, dreihundert Jahre, und man wird auf unser jetziges Leben genauso zurückblicken, mit Schrecken und einem spöttischen Lächeln, alles Heutige wird eckig und schwerfällig erscheinen, sehr unbequem und merkwürdig. Oh, was wird das wahrscheinlich für ein Leben, was für ein Leben ..." Gewiss, die Zuversicht trog, die Tschechow dem Offizier Werschinin in den Mund gelegt hat, die Zuversicht der frühen Moderne, denn es wurden "keine Menschen geboren, die besser sind als Sie". Andererseits haben wir noch hundert oder zweihundert Jahre Zeit.
Im übernächsten Heft: Von Krasnodar nach Grosny, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tschetschenien
Aus diesem Kuddelmuddel auf der Krim, das oft genug kriegerisch war, besteht der Reichtum, den man Zivilisation nennt.
Die Frauen im Nachtlokal tragen die langen, glatten Haare und lange, körperbetonte Kleider – wie Frau und Tochter Trump.
Von Navid Kermani

DER SPIEGEL 8/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung