DER SPIEGEL

EuropaEs sieht wie Frieden aus

Eine Reise an den östlichen Rand des Kontinents. Achte Etappe: von der Hauptstadt Grosny in die tschetschenischen Berge. Von Navid Kermani
Kermanis Reise (VIII) Der Kölner Schriftsteller Navid Kermani reist für den SPIEGEL durch den Osten Europas. Sein Weg begann in Schwerin und führte ihn durch Polen, die Ukraine und die Krim bis in den Kaukasus.
Vorbemerkung der Redaktion: Ein Maßstab für die politischen Verhältnisse eines Landes ist der Grad von Anonymisierung, den Gesprächspartner zu ihrem Schutz erfahren müssen. In Tschetschenien ist er derzeit so hoch, dass der SPIEGEL bei einigen Personen, die freimütig genug waren, mit dem Autor zu sprechen, nicht nur auf rückführbare biografische Beschreibungen, sondern auch auf Fotos verzichtet.
Siebter Tag
Nein, sagt die junge Frau, die mich durchs neu entstandene Zentrum von Grosny führt, nein, hier wohne tatsächlich kaum jemand. Für normale Menschen seien die Wohnungen unerschwinglich, und die Reichen zögen eine Villa vor, deren Bau sie selbst in Auftrag gegeben hätten, statt sich mit dem Pfusch eines Bauherrn herumzuschlagen, der sich alles erlauben könne, weil er zugleich der Herr im Staate sei. Der Wasserdruck in den Luxusappartements beispielsweise sei so schwach, dass die Wellnessduschen schon im ersten Stock kaum funktionierten, die Elektrik habe bereits mehrere Gebäude in Brand gesetzt, und der opulente Stuck an den Gründerzeitimitaten, die sich am Putinprospekt aneinanderreihen, bröckele wie Schulkreide. Nur merken solle es niemand, deshalb verpflichte sich jeder Eigentümer, die Fassade laufend zu erneuern. Und dann die Wolkenkratzer: Wer ziehe in einem Erdbebengebiet schon freiwillig in einen Turm, den Tschetscheniens junger Präsident erbauen ließ? Gerechnet hat sich der Wiederaufbau Grosnys trotz der vielen Leerstände: Man muss sie nicht nutzen wollen, um Ramsan Kadyrow eine Immobilie abzukaufen. Man kauft sie, um seine Loyalität zu demonstrieren.
Vielleicht sind auch die Luxusboutiquen, Coffeeshops oder italienischen Schuhgeschäfte, die sich am Putinprospekt aneinanderreihen, nur zur Demonstration geöffnet. Man tut so, als wäre Grosny eine Weltstadt – nur die Laufkundschaft fehlt. Als ich die Touristeninformation betrete, die aufgemacht ist wie in Florenz oder Madrid, sind die Mitarbeiterinnen derart überrascht, dass sie keine Auskunft herausbringen, welche Sehenswürdigkeiten es in der Stadt gibt. Dabei würden die neuen Prachtgebäude jeden Themenpark schmücken, ob Walt Disney oder Playmobil: Vom alten Athen über Istanbuls Blaue Moschee bis hin zum Weißen Haus sind alle Baustile nachgeahmt. Zu allem Überfluss wird gerade auch noch ein Wolkenkratzer gebaut, der der größte Europas sein soll. "Danke, Ramsan, für Grosny", heißt es großflächig auf Plakaten, als hätte es die Stadt zuvor nicht gegeben.
Und tatsächlich, es gab sie ja auch nicht, 2004, als Achmat Kadyrow, Moskaus gerade erst bestellter Statthalter, bei einem Anschlag starb und sein 27-jähriger Sohn als Nachfolger vorgesehen wurde. Auf den wenigen Bildern, die es von den Zerstörungen des Zweiten Tschetschenienkriegs gibt, sieht Grosny wie Dresden nach der Bombardierung aus. Aus den Trümmern hat Kadyrow ein kaukasisches Metropolis erschaffen, gegen das Berlins neue Mitte rund um den Potsdamer Platz geradezu organisch wirkt. Ein russischer Frieden, denke ich, könnte in Syrien ähnlich aussehen: ordentlich, blitzblank und von jeder Vergangenheit getilgt. Nur sollten die Planer, die etwa Aleppo neu bebauen, dann wenigstens Bäume entlang der Straßen pflanzen, Spielplätze für die Familien nicht vergessen und Parks anlegen, die nicht nur aus repräsentativen Rasenflächen bestehen.
Grosny soll einmal die grünste Stadt des Kaukasus gewesen sein, aber an Schatten für die heißen Sommertage, überhaupt an urbane Lebensqualität hat man bei dem Neubau nicht gedacht. Dafür gibt es riesige Plätze aus Beton, wo man keine weiteren Leerstände schaffen wollte, und an jeder Ecke Bilder von Tschetscheniens neuer Dreifaltigkeit: Vater und Sohn Kadyrow mit Putin als Heiligem Geist. Nicht einmal im Geschichtsmuseum wird an die beiden Kriege mit Russland erinnert, die ein Fünftel der Bevölkerung das Leben kosteten und mehr als die Hälfte vertrieben. Auch die Deportation der Tschetschenen unter Stalin ist der offiziellen Geschichtsschreibung keine Schautafel wert. Und die Nationalbibliothek kann schon deshalb keine kollektive Erinnerung bewahren, weil im Zuge der sowjetischen Schriftreformen fast alle tschetschenischen Bücher und Hand-schriften und damit das kollektive Gedächtnis der Tschetschenen vernichtet worden sind.
Und wie ist es mit der Gegenwart, kann über sie gesprochen werden? Ja, allerdings unter den konspirativen Umständen eines Agentenfilms: Der Beamte setzt sich in das verabredete Auto, das auf dem Parkplatz der Behörde steht. Sein Vorgesetzter, den er eingeweiht hat, wollte wegen der Kameras am Eingang nicht, dass wir das Gebäude betreten. Der Cousin des Beamten ist einer von zehntausend Tschetschenen, die seit dem Ende des Krieges verschwunden sein sollen. Ob er die Zahl bestätigen könne, die von Menschenrechtsorganisationen genannt wird, frage ich als Erstes. Ja, sagt der Beamte, etwa zehntausend Fälle seien realistisch; eine kritische Bemerkung am Arbeitsplatz, ein Witz über den Präsidenten, den der Falsche mithört, oder ein Salafistenbart genügten, um verschleppt zu werden. Wie schon unter Stalin lebten sie wieder in einem totalitären System, nur dass die Tschetschenen heute von ihren Landsleuten unterdrückt würden. Das sei die "Tschetschenisierung" des Konflikts, von der Wladimir Putin immer gesprochen habe: dass die Repression an lokale Verbündete delegiert werde. Im besten Fall tauchten die Angehörigen in einer Gefängniszelle auf, meistens nur als Leiche am Straßenrand, wenn überhaupt.
"Was hatte Ihr Cousin denn getan?", frage ich.
"Das wissen wir ja nicht", antwortet der Beamte. "Allerdings war er schon ein impulsiver Mensch, und wir nehmen an, dass er einfach nicht die Klappe gehalten hat. Wissen Sie, er war Professor, und wenn ich mir vorstelle, dass er im Hörsaal ... das geht dann schnell, und eigentlich wusste er das auch."
Als der Cousin des Beamten vor zwei Jahren verschwand, wandte sich sein Vorgesetzter an den Minister. Der Cousin sei verhaftet worden, hieß es, keine Sorge, er komme bald frei. Dann jedoch wurde der Familie die Leiche übergeben, der Oberkörper von blauen Flecken und Wunden übersät. Offiziell hatte der Cousin, der drei Kinder hinterließ, einen Autounfall. Eine Trauerfeier wurde der Familie dennoch nicht erlaubt, erst recht keine Obduktion.
"Und dennoch arbeiten Sie für diesen Staat", wundere ich mich.
"Was soll ich denn tun?", fragt der Beamte zurück: "Sollen wir alle aufhören zu arbeiten? Wir bemühen uns um die unpolitischen Fälle, im Arbeitsrecht, im Zivilrecht können wir einiges tun. Es gibt ja alle Gesetze, das ist nicht das Problem, man wendet sie nur nicht an. Und Menschenrechtsfälle sind für die Justiz tabu."
"Und doch haben Sie den Mut, sich in unser Auto zu setzen."
"Ja", sagt der Beamte und holt tief Luft.
Die Soziologin, die ich kurz darauf in der Universität besuche, hat kein Problem damit, dass ihr Name genannt wird. Ich staune, dass auf dem Campus so viele Studentinnen sind. Ja, bestätigt Lida Kurbanowa, nicht nur die Mehrheit der Studenten, auch 60 Prozent der Professoren seien weiblich. Über den Stand der Emanzipation, den sie empirisch erforscht hat, sage das allerdings nicht viel aus. So verheerend seien die Antworten in den Fragebögen ausgefallen – "Wie hat sich Ihre persönliche Situation in den letzten zehn Jahren verändert?", "Haben Sie persönlich schon Gewalterfahrungen in der Familie gemacht?" und so weiter –, dass sie die Ergebnisse nur im Ausland publizieren durfte.
In der Sowjetunion seien die Frauen überall im öffentlichen Leben präsent gewesen. Auch während der beiden Kriege hätten die Männer sie gebraucht. Aber nun gebe es nicht mehr genug Arbeit. Und gegen die Bedrohung durch den Wahhabismus werde ein so konservativer, trockener Islam in Stellung gebracht, dass zwischen beiden Auslegungen schon fast kein Unterschied mehr bestehe. Nicht nur das Kopftuch, selbst die Polygamie werde wieder öffentlich propagiert, obwohl sie in der Russischen Föderation eigentlich verboten sei: 16,8 Prozent der tschetschenischen Frauen zwischen 18 und 40 Jahren lebten in Vielehe, hätten ihre Untersuchungen ergeben; unter den Älteren gebe es das so gut wie nicht.
Ich frage, wie es zu ihren Zahlen passe, dass der Anteil der Frauen an den Lehrkräften höher als in Europa sei. Die Universität böte den letzten Ausweg, dem traditionellen Rollenmuster zu entkommen, erklärt Lida Kurbanowa. Allein schon ein Diplom zu besitzen mache eine Frau etwas unabhängiger von ihrem Mann. Wer allerdings wirklich emanzipiert leben wolle, müsse sich häufig gegen eine eigene Familie entscheiden. In ihrem Kollegium etwa sei mindestens die Hälfte der Professorinnen ledig.
Als es Mittag geworden ist, frage ich meine Begleiterin, wo man in Grosny heimisch essen könne. Bisher kamen wir nur an fremder Küche vorbei, Pizzerien, Fast Food, usbekisch und so weiter. Also fahren wir in einen der Randbezirke von Grosny, die nicht flächendeckend bombardiert worden sind: kleine, ärmliche Häuser mit Vorgarten entlang gerader, wenig befahrener Straßen, die bis in die letzten, unbefestigten Abzweigungen breit wie Boulevards sind. Platz hat man in der Ebene Eurasiens seit je genug, und in Grosny kommt hinzu, dass es fast die Hälfte seiner Bevölkerung in den beiden Kriegen mit Russland verloren hat: Die Stadt, in der bald der höchste Wolkenkratzer Europas stehen soll, wirkt jetzt schon wie ein zu großes Hemd. 300 000 Rubel hat der russische Staat jedem Eigentümer angeboten, umgerechnet 5000 Euro, um die Kriegsschäden zu beseitigen oder neu zu bauen. Das war nicht viel und wurde umso weniger, als die tschetschenischen Behörden die Hälfte einbehielten. Aber es war besser als nichts, zumal die Behörden damit drohten, alle beschädigten Häuser abzureißen, damit vom Krieg keine Spur bleibt. Folglich sehen wir so gut wie keine Ruinen, dafür viele Freiflächen, wo einmal Menschen gewohnt haben müssen.
Wir betreten ein Blockhaus, das sich lediglich durch seinen herzhaften Geruch als Restaurant ausweist. Obwohl die meisten Tschetschenen in der Ebene leben, sind sie ihren Traditionen, Gesängen und ihrer Küche nach ein Bergvolk geblieben; bei der Speisekarte stellt man sich die kleine Viehzucht vor, wenig Ackerland, mühsame Wege, Kartoffeln als Grundnahrungsmittel. Das getrocknete Fleisch, aus dem das Nationalgericht besteht, hält den ganzen Winter lang und schmeckt mit der deftigen Soße dennoch frisch.
Nach dem Essen komme ich mit den vier Köchinnen ins Gespräch, die das Kopftuch auf die alte Weise im Nacken zusammengebunden haben. Solange ich nach den Rezepten und Ursprüngen der Gerichte frage, geben sie fröhlich Auskunft. Auch, dass das Restaurant gut läuft, weil es eines der wenigen ist, in dem noch tschetschenisch gekocht wird, erzählen die Köchinnen gern. Als ich jedoch wissen möchte, ob sie also zufrieden mit den Verhältnissen sind, da ihr Geschäft brummt, spricht nur die Älteste weiter, die erkennbar Freude nicht nur am Kochen, sondern auch am Essen hat: Natürlich seien sie zufrieden, schließlich lebten sie endlich in Frieden nach so vielen Jahren des Kriegs. Ohne dass ich weiterfragen muss, lobt sie mit geradezu mütterlichem Stolz den jungen Ramsan, der Tschetschenien so tatkräftig wiederaufgebaut habe und sich um jede Beschwerde persönlich kümmere.
Als wir wieder im Auto sitzen, bestätigt meine Begleiterin, dass viele Tschetschenen dem Präsidenten dankbar seien, weil er so etwas wie Normalität geschaffen habe, Sicherheit und einen geregelten Alltag. Außerdem zirkuliere durch die Devisentransfers aus Moskau und den Bauboom viel Geld in Tschetschenien, von dem einiges nach unten sickere, etwa in die Küche der Restaurants. Und Ramsans burschikoser Charme komme gerade bei älteren Frauen gut an. Die drei anderen Köchinnen haben gleichwohl in ihre Töpfe oder aufs Gemüse geschaut.
Je weiter wir uns vom Zentrum entfernen, desto sowjetischer wird die Stadt. Grosny war einmal das industrielle Herz des Kaukasus. Aber anders als die Häuser wurden die Fabriken nicht wieder aufgebaut, sodass es zwar die Arbeitersiedlungen noch gibt, die Arbeiter aber nicht mehr. Die Fassaden sind mit Wellblech verkleidet, damit man die Einschusslöcher nicht sieht. Durch den Matsch, aus dem die Nebenstraßen im Winter bestehen, fahren wir vor einen der Plattenbauten und fragen in der Eingangshalle, die mit nacktem Beton ausgelegt ist, ob wir uns umschauen dürfen. In dem Gebäude, erfahren wir, leben Flüchtlinge, die sich allerdings nicht mehr Flüchtlinge nennen dürfen, weil das Wort an den Krieg erinnert. Also sind sie Menschen mit Wohnungsbedarf. Die Leiterin des Heims nennt uns die Einkommensverhältnisse: Arbeitslose erhalten 800 Rubel plus 130 Rubel für jedes Kind. Eine fünfköpfige Familie kommt so umgerechnet auf etwa 30 Euro, falls beide Eltern arbeitslos sind. Allerdings haben hier nur wenige Väter überlebt, sonst wären die Familien nicht im Heim. Etwas besser dran ist ein ehemaliger Soldat, der mal in Wittenberg stationiert war. 8400 Rubel beträgt seine Pension, 130 Euro, die er im Heim teilt, weil er sonst niemanden hat. Dafür kümmern sich die Nachbarn um ihn, als wäre er ihr Großvater.
Wir betreten eine der Wohnungen, die aus Zimmer, Küche, Bad besteht: drei Frauen, eine Jugendliche, drei Kinder, kein Mann, aber immerhin eine Oma, die Rente bezieht. Trotzdem schliefen die Kinder jeden Abend hungrig ein, sagen die Mütter. Immerhin besteht Schulpflicht, nur dass sich die Mütter oft nicht die Schulhefte leisten können. Ab und zu kommen gute Leute vorbei und öffnen ihren Kofferraum. Ansonsten ist schön an ihrem Leben nur das Miteinander, acht Menschen auf 35 Quadratmetern, das könne auch lustig sein.
"War jemand von Ihnen zuletzt mal im Zentrum?", frage ich in den Halbkreis, der sich um uns gebildet hat. Ja, die neuen Wolkenkratzer und Shoppingmalls haben alle von außen gesehen; dann sicher auch die teuren Geländelimousinen, die auf dem Putinprospekt auf und ab fahren.
"Und was ging Ihnen durch den Kopf?"
Niemand antwortet.
"Das ist keine so gute Frage", bittet die Leiterin des Heims um Verständnis und führt mich zurück in den Korridor, in dem es nach Chemikalien riecht.
In einem Dorf außerhalb von Grosny, das schon deshalb idyllisch wirkt, weil entlang der Straßen alte Bäume stehen, besuche ich Asya Umarowa. Sie gehört zu den wenigen prominenten Künstlern, die noch in Tschetschenien leben. Erst 31 Jahre alt, zeichnet sie dennoch dauernd den Krieg. Dabei hat sie sich ein so helles, ja ansteckendes Lachen bewahrt, dass ich Asya kaum mit den düsteren Motiven in Verbindung zu bringen vermag. Auf einem Bild sind ein alter Mann zu sehen und ein Pferd, das davonläuft. Ist die Zeichnung ebenfalls vom Krieg? Ja, sagt Asya und erzählt von ihrem Großvater: Als seine Frau im ersten Krieg starb, gab er bekannt, dass er nirgendwo mehr hinwolle, und ließ sein einziges Pferd frei. Asya lebte damals bei ihren Großeltern in den Bergen, um den Bomben zu entkommen. Zurück nach Grosny holte sie der Onkel; drei Tage lief sie mit sieben anderen Kindern zu Fuß, überall zerstörte Gebäude, brennende Autos, Checkpoints, vor denen man nicht wusste, wer hinter den Maschinengewehren stand. Im zweiten Krieg war ihr Dorf sechs Monate von der russischen Armee eingekesselt; militärische Operation, hieß es, nicht einmal für die nötigsten Besorgungen durfte jemand heraus. Zum Glück hatten sie Vorräte, genügend Wasser und einen Garten, um Gemüse anzubauen. Als die Sperre aufgehoben wurde, freuten sie und ihre Freundin sich am meisten auf die Musik. Ein junger Soldat, der auf dem Rücken eine Kalaschnikow trug, versperrte ihnen den Weg, als sie mit ihren Instrumenten zum Unterricht gingen, und rief: "Stopp!" Die Mädchen durchfuhr ein gewaltiger Schreck. Der Russe aber legte nur eine Narzisse vor ihre Füße, schaute die beiden Mädchen kurz an und rannte weg, als ob er selbst erschrocken wäre. Kein Wunder, dass Asyas Zeichnungen alle vom Krieg erzählen. Umso schöner, dass sie sich ihr Lachen bewahrt hat.
Achter Tag
Fahrt in die Berge, um das Grab der Mutter von Kunta Hadschi zu besuchen, dem bedeutendsten Mystiker Tschetscheniens. Als er 1864 verhaftet wurde, gingen Tausende seiner Anhänger aus Protest auf die Straße. Obwohl sie gemäß der Lehre des Heiligen, der einen radikalen Pazifismus vertrat, weiße Fahnen schwenkten, eröffneten die russischen Truppen das Feuer. 500 Sufis starben. Kunta Hadschi selbst blieb bis zu seinem Tod eingesperrt. Um für ihn zu beten, blieb nur das Grab seiner Mutter im Dorf Ilaschan-Jurt, in dem der Heilige aufwuchs. Die Berge hier wirken auf den ersten Blick gar nicht so wild, wie ich sie mir als Leser vorgestellt habe, Laubwälder, sanfte Steigungen und der Schnee, der auch das Menschengemachte lieblich bedeckt. Wenn man wie Tolstoi Tage und Wochen durch die Steppe gefahren ist, kommt einem vielleicht schon das Mittelgebirge wild vor.
Als wir abbiegen, um nach Ilaschan-Jurt zu fahren, das auf einem der Berge liegt, winkt uns eine Frau zu, 30, 35 Jahre alt vielleicht. Offenbar gehört Autostopp hier zum öffentlichen Verkehr. An den ersten Krieg hat sie keine rechte Erinnerung, der hat sie in den Bergen nicht erreicht, der zweite umso mehr. Von oben bombardierten die Russen, in den Wäldern trieben sich die Rebellen herum.
"Waren das gute Leute, die Rebellen?", frage ich.
"Wie soll ich jemanden gut finden, der uns nicht guttat?"
"Und die Russen?"
"Die Russen kamen ins Dorf und behaupteten, wir hätten Rebellen versteckt. Dabei haben wir die Rebellen nie gesehen. Trotzdem nahmen die Russen die Männer mit und schlugen sie. Und dann sprühten sie auch noch Gift, um die Bäume zu entlauben. Nein, die Russen waren auch nicht gut."
"Und jetzt?"
"Jetzt ist es ruhig, Gott sei Dank. Nur dass die Kinder immer noch krank werden, wenn sie in den Wald gehen, das ist wirklich ein Problem."
"Haben Sie genug zum Leben?"
"Nicht mehr, aber auch nicht viel weniger. Gott gibt genug."
Vor dem Friedhof von Ilaschan-Jurt sprechen wir die 77-jährige Malkan an, die das Mausoleum der Heiligenmutter pflegt.
"Ja, ich könnte zu Hause sein", erklärt sie, warum sie noch immer arbeitet, "aber ich habe Angst, dass ich dann sterbe."
Fünf Jahre alt war sie, als die Bewohner ihres Dorfes wie Vieh auf Lastwagen getrieben wurden. Nicht einmal Zeit, Schuhe anzuziehen, hatten sie gehabt, geschweige denn, warme Kleidung mitzunehmen. Weil die Männer von den Familien getrennt wurden, dachte Malkan, sie würde ihren Vater nie mehr sehen. Zum Glück schlug er sich auf dem Bahnhof in Grosny zu ihnen durch. Anderen Vätern gelang das nicht, bevor der Zug abfuhr. Obwohl sie eine kleine Feuerstelle hatten, auf der sie notdürftig kochten, was andere Familien mitgebracht hatten, erfror ihr Bruder auf dem Weg, andere Kinder und Alte ebenso, sodass immer mehr Leichen im Waggon lagen. Als sie nach sieben Tagen ausstiegen, sah Malkan, die nur grüne Berge kannte, nichts als Steppe. Die Nacht draußen war noch kälter als im Zug, sodass auch ihr zweiter Bruder starb. Für die zweite Nacht errichteten sie aus Sperrholz ein kleines Barackendorf. Zum Glück war ihr Vater Ofenbauer, sodass sie es bald warm hatten, und er fand sogar Arbeit. Aber er hatte immer noch keine Schuhe, der Weg zur Fabrik war weit, und als er Fieber bekam und drei Tage nicht zur Arbeit erschien, wurde er verhaftet und blieb vier Monate im Gefängnis. Da waren sie nur noch zu dritt, die Mutter, die ältere Schwester und Malkan, ohne Essen, ohne Geld. Vor den Fenstern der Häuser breiteten sie ihre Röcke aus, damit man ihnen die Abfälle zuwarf. Die wuschen sie dann, aßen sie auf und überlebten, bis die Mutter ihren Cousin fand, der eine Russin kennengelernt hatte, eine Agronomin mit Wohnung und Gehalt. Die Agronomin, die den Cousin später heiraten sollte, brachte sie alle durch. Andere seien gestorben vor Hunger, sagt Malkan, die vor dem Friedhof von Ilaschan-Jurt steht und längst weint.
"Ich sehe das alles, als ob's gestern wäre."
Ich frage Malkan, ob sie den Russen jemals vergeben könne.
"Nein", sagt sie mit fester Stimme: "Niemand, der das erlebt hat, kommt darüber hinweg. Die Russen sind auch Menschen, da gibt es gute, da gibt es böse. Eine hat uns das Leben gerettet, das vergesse ich genauso wenig. Aber Russland vergebe ich nicht."
Ich frage, was sie vom Präsidenten halte, der sich öffentlich als "Fußsoldat Putins" bezeichnet und damit gebrüstet hat, die Schmutzarbeit für seinen Herrn zu erledigen; allgemein wurde das als Hinweis auf tschetschenische Kämpfer in der Ukraine und in Syrien verstanden. Ramsans Vater habe Tschetschenien befriedet, sagt Malkan mit der gleichen Inbrunst, mit der sie Russland einen Satz vorher nicht vergeben konnte. Und Ramsan selbst sei ein guter Junge, der Straßen gebaut und der Mutter von Kunta Hadschi ein neues Mausoleum errichtet habe. Schon im Weggehen murmelt Malkan meinem Fahrer zu, er wisse schon, wie sie das gemeint habe.
"Zeig meine Bilder keinem Opa", ruft sie dem Fotografen noch hinterher und kichert wie ein junges Mädchen. "Sonst kommt einer und will mich heiraten."
Im neu gebauten Mausoleum, einem Kuppelbau, der im Vergleich zu dem Protz in Grosny erstaunlich schlicht und wohlgeformt gelungen ist, sitzen zwei Männer, einer Mitte 40, schätze ich, der andere deutlich über 60. Der jüngere, der einen noch jugendlicheren Kapuzenpulli trägt, hat Deep Purple als Klingelton und stellt sich als Spross einer noblen Mystikerdynastie heraus. Für den offiziellen Islam hat er nur Spott übrig. Die Verantwortlichen beriefen sich nur deshalb auf Kunta Hadschi, weil der Heilige die innere Läuterung gepredigt habe statt des politischen Kampfs. Passivität zu predigen gelinge ihnen zwar, die Innerlichkeit aber noch nicht so recht. Die Quellen des Sufismus, die Schriften der persischen Dichter Saadi, Rumi oder al-Halladsch, kenne man in Tschetschenien kaum noch, die Schulen lehrten nur Obskurantismus. Der Staat tue nur plötzlich so, als sei er religiös. Aber eine neue Moschee oder ein erzwungenes Kopftuch mache noch keine Frömmigkeit aus.
"Und Ramsan selbst", frage ich, weil der Präsident sich auf Instagram gern in Gebetshaltung zeigt, "tut er auch nur so, oder ist er wirklich religiös?"
"Ich habe den Eindruck, dass er schon gern religiös wäre", ätzt der Mystikersproß: "Er weiß bloß nicht, wie das geht."
Er kenne viele einflussreiche Leute, habe schon in diesem oder jenem Gremium gesessen, wegen seiner Familie achte man ihn irgendwie auch. Intern vertrete er seine Meinung, allerdings habe er nicht den Eindruck, dass jemand auf ihn höre. Die Verantwortlichen hielten Demokratie für ein gefährliches Konzept.
"Und haben sie einen realistischen Blick auf die Gesellschaft?"
"Nein, sie glauben, dass alle glücklich sind. Das glauben sie wirklich und tun nicht nur so."
Er sei immer gegen die Unabhängigkeit gewesen und deshalb lieber zum Studieren nach Europa gegangen, als der Krieg ausbrach. Sein Mitschüler hingegen – der Mystikerspross deutet auf den älteren Herrn, der neben ihm auf dem Teppich sitzt – habe Anfang der Neunzigerjahre im anderen Lager gestanden, im Kriegslager.
"Ihr Mitschüler?", frage ich, weil der Herr 15, 20 Jahre älter aussieht.
"Ja, wir kennen uns, seit wir Kinder sind."
Der Mitschüler, der einen grauen Bart, einen altmodischen Anzug mit Pullover über dem Hemd und die grüne traditionelle Mütze trägt, hat im Bataillon von Dschochar Dudajew gekämpft, dem ersten Präsidenten des freien Tschetscheniens. Er habe zu den letzten acht Soldaten gehört, die 1995 den Präsidentenpalast hielten, erwähnt er sichtlich stolz. Als er Dudajew in die Berge folgte, explodierte sein Wagen. Alle sechs Kameraden starben; er selbst wachte 37 Tage später aus dem Koma auf. Weil auch die Familie seines Freundes half, wurde er nach Deutschland verlegt, wo die Ärzte ihm jedoch keine Chancen einräumten. Drei Operationen später hatte er wie durch ein Wunder überlebt. Die Narbe am Hals, wo der Atemschlauch eingeführt war, erkennt man auf den ersten Blick. Er ist langsam in den Bewegungen geworden und kann nur leise, fast tonlos sprechen, aber er dankt Gott und Deutschland, dass ihm die Seele ein zweites Mal eingehaucht worden ist. Von den Deutschen habe er nichts als Menschlichkeit und Barmherzigkeit gesehen; Christen zwar, seien sie bessere Muslime als die meisten Menschen hier.
Ich frage, ob er auch im zweiten Krieg gekämpft hätte, wäre er unversehrt geblieben. Er glaube nicht, sagt der alte Herr; der zweite Krieg sei von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen, wie es Dudajew vor seiner Ermordung vorausgesagt habe.
"Dudajew hat den zweiten Krieg vorausgesagt?"
"Dudajew sagte immer, dass er sich weniger vor Russland als vor dem fanatischen, dem falschen Islam fürchte. Die Russen brächen mit ihren Waffen nur unsere Knochen, sagte Dudajew; die Wahhabiten jedoch zersetzten unseren Geist. Und so kam es ja dann auch."
Einmal, kurz vor seinem Tod, hätten sie Dudajew gefragt, wie lang der Krieg noch geht. Dieser Krieg werde nicht einfach aufhören, habe Dudajew geantwortet, der werde mit Unterbrechungen noch mindestens 50 Jahre gehen.
Die Frage, ob es aus heutiger Sicht ein Fehler war, für die Unabhängigkeit gekämpft zu haben, möchte der jüngere der beiden Männer, der in Wirklichkeit gleich alt ist, nicht mehr übersetzen. Die Antwort sei zu schmerzlich für seinen Freund.
Wir fahren weiter ins Gebirge, das allmählich doch so wild wird wie in der Literatur. Die Steinhäuser mit den rauchenden Schornsteinen, die Kinder, die Schlitten fahren, die Sonne, die die Wolken vertrieben hat, ein altes Auto, das in der Ferne entlangfährt –, das sieht jetzt wirklich nach Frieden aus. Ausnahmslos jeder, den wir nach dem Weg fragen, lädt uns zum Tee und gegen Mittag zum Essen ein. Gaststätten gibt es in der Gegend nicht, nur hier und dort ein kleines Lebensmittelgeschäft, und so treten wir gern in ein Haus, von dessen Vordach das eingewickelte Fleisch herabhängt. Das Wohnzimmer zeugt von einigem Wohlstand: ein großer Flachbildschirm, Satellitenanlage, Stereo, Gasheizung, eine neue Sofagarnitur. Der Gastgeber, ein groß gewachsener, schlanker Mann, war Polizist und trägt seit einem Überfall eine Metallschiene im Arm. Mit 45 000 Rubel (730 Euro) im Monat bezieht er die höchstmögliche Pension, die es für Invaliden gibt. Erst spricht er von gewöhnlichen Räubern, die eine Bombe legten, als er Patrouille fuhr, dann von Rebellen, die auch noch zu schießen anfingen.
"Rebellen?", frage ich dazwischen, "eben waren es noch Banditen."
"Banditen, Rebellen, das kommt auf die Perspektive an. Che Guevaras waren es jedenfalls nicht."
In einem Land wie Tschetschenien gebe es nur zwei Möglichkeiten: entweder Täter oder Opfer zu sein. In Europa müsse man sich nicht entscheiden, deshalb würde er gern dorthin ziehen.
"Und wieso nicht nach Russland?", frage ich. "Immerhin haben Sie Ihren Arm und beinah Ihr Leben für Russland gegeben."
"Ich habe nicht Russland gedient, sondern der Russischen Föderation, zu der Tschetschenien gehört – das ist ein Unterschied."
"Und sind Sie zufrieden, dass Tschetschenien in der Föderation geblieben ist?"
"Hier gibt es Leute, die sagen, dass sie zufrieden sind. Und es gibt andere, die schweigen, um nicht zu lügen. Wenn man in Russland Angst hat, seine Meinung zu äußern, hat man in Tschetschenien Panik."
"Aber Sie haben sich doch für diesen Staat entschieden."
"Ich stand vor der Frage, ob ich vernünftig oder patriotisch bin. Ich habe mir auch vor Augen geführt, wohin dieser Patriotismus führen wird. Der erste Krieg war ja wirklich noch Selbstverteidigung, da konnte ich mich für die goldene Mitte entscheiden und habe einfach nicht gekämpft. Aber der zweite Krieg war nur ein großes Durcheinander, da gab es keine Mitte mehr."
Auf dem Rückweg nach Grosny kommen wir an der Garnison vorbei, aus der ein tschetschenisches Bataillon nach Syrien verlegt worden ist. Der Fahrer erwähnt, dass er jemanden kenne, der von dort zurückgekehrt sei.
"Und was hat er erzählt?"
"Nicht viel", antwortet der Fahrer. "Er hat gesagt, dass sie die ganze Zeit herumgesessen und gewartet hätten. Dass es langweilig gewesen sei."
"Das ist alles, was er gesagt hat?"
"Nein, er hat auch gesagt, dass es überall Waffen gegeben habe und die Syrer noch mehr Angst hätten als wir. Wenn dort einer vom Geheimdienst auftauchte, dann hätte jeder auf den Boden geschaut."
Vielleicht dauert der Krieg doch 50 Jahre, und zwischen Tschetschenien und Syrien liegt nur die Unterbrechung, von der Dschochar Dudajew gesprochen hat. ■

Ruinen sieht man nicht, dafür viele Freiflächen, wo einmal Menschen gewohnt haben müssen.

"Die Russen haben die Bäume mit Gift entlaubt. Wenn die Kinder in den Wald gehen, werden sie krank."

In einem Land wie diesem gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder Täter oder Opfer zu sein.

Von Navid Kermani

DER SPIEGEL 11/2017
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