DER SPIEGEL

Psychologie„Frauen wollen ein Wikingerbaby“

Fernsehserien, Festspiele, vielleicht bald eine eigene Diät – weshalb sind die Wikinger derzeit so im Trend? Die schwedische Archäologin Nina Nordström, 55, untersucht an der Universität Tübingen die neue Sehnsucht nach einer angeblich guten alten Zeit.
SPIEGEL: Was macht die Wikinger so interessant?
Nordström: In den Sechzigerjahren hat man noch an Utopien geglaubt, sich die Zukunft schön ausgemalt. Jetzt leben wir im Zeitalter der Globalisierung, und die Menschen haben Angst vor der Zukunft. Wir beobachten diese Sehnsucht, die Geschichte zurückzudrehen.
SPIEGEL: Und warum landet man da ausgerechnet bei den Wikingern?
Nordström: Sie passen perfekt in unsere Zeit; sie stehen für Abenteuer, Eroberung, aber auch für starke Frauen. Dazu kommt das Bild, das man sich im Rest der Welt von den skandinavischen Ländern macht. Modernität, Gleichberechtigung, aber auch Ruhe und Einfachheit. Mit einem Schlag werden die Wikinger zum Vorbild in allen möglichen Bereichen.
SPIEGEL: Wo zum Beispiel?
Nordström: Die britische Zeitschrift "Economist" schrieb, dass ein Mensch mit durchschnittlichem Talent und Einkommen, würde er wiedergeboren, heute wohl am liebsten Wikinger wäre. Die "Vogue" fragte sich, ob nach der Paläodiät jetzt die Wikingerdiät komme. Frauen in Großbritannien, die einen Samenspender suchen, wollen ein "Wikingerbaby" aus Dänemark.
SPIEGEL: Historisch gesehen – werden die Wikinger ihrem neuen Ruhm gerecht?
Nordström: Steuern haben sie jedenfalls nicht gezahlt, und ob ihre Ernährung herausragend gut war, wissen wir nicht. Ich sehe den Wikinger-Boom deshalb lieber als Spiegel unserer Zeit: Vor hundert Jahren galten sie als Brutalos, die Kirchen und Klöster überfielen, in den Siebzigerjahren, Zeit der Hippies, als friedliche Bauern und Händler. Heute sind sie halt die edlen Rebellen.
Von Kk

DER SPIEGEL 14/2017
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