DER SPIEGEL

GolfstaatenUltimatum aus Riad

Zwei Anschläge in Teheran und die Krise um das Emirat Katar markieren eine neue Stufe im Machtkampf zwischen Saudi-Arabien und Iran. Droht ein Krieg am Golf?
Lässig lehnt der Mann an einer Mauer, ein Sturmgewehr an seine Brust gedrückt. Sein Gesicht ist bis auf die Augen vermummt, er blickt in die Kamera, spricht ruhig, seine Stimme klingt fest.
Der Maskierte spricht im Namen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), er hat eine "Botschaft" an die schiitische Führung in Teheran, vor allem an Revolutionsführer Ajatollah Ali Khamenei: "Hey, Khamenei, du verfluchter Kerl, der du das sogenannte islamische Regime Irans kontrollierst", ruft er. "Sei ganz gewiss, dass wir auch dein Haus zerstören werden, so wie dieses hier."
Dann dreht sich der IS-Mann um, deutet auf eine Ruine hinter sich und streckt die Faust gen Himmel, aus dem Off rufen Mitkämpfer "Inschallah!", so Gott will.
Nie zuvor hat der radikalsunnitische IS der Führung in Teheran den Krieg so deutlich erklärt wie in dieser Videobotschaft vom März. Und wenn das Bekennerschreiben authentisch ist, dann machte der IS seine Drohung am Mittwoch wahr und schlug zum ersten Mal in Iran zu, dem Kernland der Schiiten, die der IS als Ungläubige verdammt.
In zwei fast zeitgleichen Kommandoaktionen überfielen Extremisten die wohl symbolträchtigsten Orte der Islamischen Republik: Zuerst drangen vier von ihnen in den Madschlis ein, das im Zentrum Teherans gelegene Parlament, und lieferten sich ein mehrstündiges Feuergefecht mit Sicherheitskräften. Eine halbe Stunde später stürmten zwei Dschihadisten das Mausoleum des Republikgründers Ajatollah Khomeini im Süden der Stadt und schossen auf Betende.
Die Bilanz einer der schwersten Terrorattacken in Teheran seit der iranischen Revolution 1979: 17 Tote und mehrere Dutzend Verletzte. Die sechs Attentäter, einige als Frauen verkleidet, wurden erschossen oder sprengten sich vor dem Zugriff durch Sicherheitskräfte selbst in die Luft. Einer von ihnen soll eine Zyanidkapsel geschluckt haben.
Die Anschläge erfolgten nur zwei Tage, nachdem eine diplomatische Krise die Region erschüttert hatte. Irans Rivale, das Königreich Saudi-Arabien, und fünf weitere sunnitisch geprägte Staaten brachen ihre Beziehungen mit dem Emirat Katar ab – einem der wenigen arabischen Regime, das gute Beziehungen zu Teheran unterhält. Sie warfen Katar vor, Terrorgruppen zu unterstützen, und verhängten eine Land-, See- und Luftblockade gegen den Kleinstaat, der über die drittgrößten Gasreserven der Welt verfügt, den Nachrichtensender Al Jazeera betreibt und im Jahr 2022 die Fußballweltmeisterschaft ausrichten soll.
Binnen Stunden hatten weltweit Regierungen Position bezogen. Während Deutschlands Außenminister Sigmar Gabriel und andere europäische Politiker vor einer Eskalation warnten, feierte US-Präsident Donald Trump die Isolation Katars als Erfolg seiner ersten Auslandsreise nach Saudi-Arabien und als gelungene Maßnahme im Kampf gegen den Terror.
Russlands Präsident Wladimir Putin dagegen telefonierte demonstrativ mit dem bedrängten Emir. Die Türkei kündigte an, eigene Truppen nach Katar zu entsenden, und Iran versprach, dem Land drei seiner Häfen am Persischen Golf zur Verfügung zu stellen. Am Tag darauf schlugen in Iran die Terroristen zu. Donald Trump kommentierte: "Staaten, die Terrorismus finanzieren, riskieren, zum Opfer des Bösen zu werden, das sie befördern."
Die Anschläge in Teheran und die Krise um Katar markieren eine neue Stufe im Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten, ihren Führungsmächten Saudi-Arabien und Iran und deren Verbündeten in und außerhalb der Region. Er hat sich zum Kernproblem des Nahen Ostens ausgewachsen und damit die Konfrontation zwischen Israel und den Palästinensern abgelöst, die vor genau 50 Jahren im Sechstagekrieg ihren ersten Höhepunkt erreichte.
Woher aber rührt der Hass, der die Region so entzweit, der in Syrien, im Irak und im Jemen drei Bürgerkriege vorantreibt und weltweit den Terrorismus schürt? Droht, 14 Jahre nach der Invasion des Irak, erneut ein Krieg am Golf?
Aus welchen Abgründen sich der Streit zwischen den beiden islamischen Konfessionen inzwischen nährt, zeigt besonders drastisch das Video, mit dem der IS im März seinen Angriff auf Iran ankündigte. Fast 40 Minuten lang dauert die Hetze gegen Iran, ein Land, das eine Ausgeburt des Bösen sei und in dem sogar "Juden leben und Synagogen stehen" dürften. In kruden Worten verdammt das Video alle Schiiten und die Islamische Republik als "Schutzraum für Ungläubige und Apostaten".
Dem Vorspann zufolge stammt die Aufnahme von einer Gruppe namens Islamischer Staat Dijala, was auf eine Provinz im Osten des Irak hindeutet; ihrem Dialekt nach könnten die Kämpfer in dem Video auch iranische Kurden oder Balutschen sein. Der giftige Kern ihrer Botschaft aber geht auf den Salafismus zurück, die rigide sunnitische Ideologie, die nicht nur Terrorgruppen wie al-Qaida und der "Islamische Staat" teilen, sondern auch viele Sunniten in Saudi-Arabien und über die Arabische Halbinsel hinaus.
Seit Jahren hetzen radikale sunnitische Prediger gegen die Schiiten, die in Iran die Mehrheit stellen, mit insgesamt etwa 13 Prozent unter den Muslimen weltweit aber eine Minderheit sind. Selbst Führer sunnitischer Staaten nutzen das konfessionelle Vorurteil, wenn sie über Iran sprechen: Von einer "Schlange", der man "den Kopf abschlagen" müsse, sprach 2015 Saudi-Arabiens verstorbener König Abdullah, der als vergleichsweise gemäßigt galt.
Der Graben zwischen Sunniten und Schiiten, historisch dem Zerwürfnis zwischen Katholiken und Protestanten während des Dreißigjährigen Krieges vergleichbar, ist nur einer der Gründe für die Verschärfung am Persischen Golf. Ein zweiter ist der politische Machtkampf, das Ringen um die Vorherrschaft in der rohstoffreichsten Region der Welt.
Als US-Präsident Trump Ende Mai zu seiner ersten Auslandsreise nach Riad aufbrach und dort die Könige, Scheichs und Emire der Arabischen Halbinsel empfing, setzte er damit ein Zeichen: Die USA, die traditionelle Schutzmacht am Golf, sind zurück und unterstützen die Monarchen gegen Iran – ein Land, das Trump und viele von ihnen als Unruhestifter und Terrorunterstützer betrachten. Der Befund ist gut dokumentiert: Seit Jahren baut Iran sein Netzwerk im Nahen Osten aus und fördert schiitische Milizen im Irak, im Libanon und wohl auch im Jemen, Organisationen wie die Muslimbrüder in Ägypten und die radikalislamische Hamas in Gaza – vor allem aber das Regime Baschar al-Assads im syrischen Bürgerkrieg. Ermöglicht haben diese Entwicklung unter anderen Trumps Vorgänger George W. Bush, der den Irakkrieg begann, und Barack Obama, unter dem sich die USA weitgehend aus dem Nahen Osten zurückzogen. Das Vakuum, das so entstand, nutzte zunächst Teheran.
"Iran ist eine Kraft des Chaos, Iran ist eine Kraft des Todes und der Zerstörung", sagte Saudi-Arabiens Außenminister Adel al-Jubeir am Dienstag in Paris. Iran wolle den Nahen Osten aufrollen und ein neues "Persisches Reich" herstellen. Das sei nicht zu akzeptieren.
Saudi-Arabien hatte nie vor, Irans Aufstieg einfach hinzunehmen. Schon während des Arabischen Frühlings 2011 rückten Riads Truppen in Bahrain ein, um das Herrscherhaus vor einem schiitischen Aufstand zu schützen. Seit Jahren unterstützt das Königreich sunnitische Rebellen im Syrienkrieg, 2013 betrieb es den Sturz des ägyptischen Präsidenten Mohamed Morsi. 2015 schmiedete es eine sunnitische Allianz, die seither die mit Iran befreundete Huthi-Miliz im Jemen bombardiert – ein Luftkrieg, der inzwischen Tausende zivile Opfer gefordert hat.
Fast alle sunnitischen Staaten unterstützen Saudi-Arabien in dessen Kampf gegen Irans wachsenden Einfluss am Golf – mit einer wichtigen Ausnahme: dem Emirat Katar. Das führte Anfang der Woche zur diplomatischen Ächtung des Emirats, einer der schwersten politischen Krisen in der arabischen Welt seit Saddam Husseins Überfall auf Kuwait 1990.
Zwei Männer haben das moderne Katar geprägt: Emir Hamad Bin Khalif Al Thani, 65, der bis vor vier Jahren regierte, und der Gelehrte Jussuf al-Karadawi, 90, der mit seiner TV-Sendung "Die Scharia und das Leben" zum wohl einflussreichsten Prediger des sunnitischen Islam aufstieg. Der Emir, ein groß gewachsener, massiger Mann, hatte vor allem ein Ziel: sich und den kleinen Staat, den er 1995 in einem unblutigen Putsch übernommen hatte, gegen das große Saudi-Arabien zu behaupten. Riads Eliten betrachten das erst 1971 unabhängig gewordene Emirat bis heute wie eine abtrünnige Provinz.
Um seine Eigenständigkeit unter Beweis zu stellen, suchte Thani seine Partner von Anfang an unter Saudi-Arabiens Gegnern und trieb Projekte voran, die Riad missbilligte: Er ließ Universitäten und Sportanlagen bauen, erlaubte Ausländern, Alkohol zu trinken, und stellte den USA nach ihrem Abzug aus Saudi-Arabien eine große Luftwaffenbasis zur Verfügung.
Ende 1996 ließ er den TV-Kanal Al Jazeera gründen, einen Sender, der kritisch aus fast allen arabischen Ländern berichtete – mit Ausnahme von Katar und seinen Verbündeten. Zum Star des Programms stieg der Prediger Karadawi auf, ein Ägypter, der der Muslimbruderschaft nahestand, damals der mächtigsten Kraft des politischen Islam.
Thanis Geschick und Karadawis radikale Predigten ließen nach dem 11. September 2001 eine politische Insel entstehen, ein Refugium für Dissidenten arabischer Regime – und zugleich einen Hort des Radikalismus, der den Emir nicht störte, solange dessen eigene Herrschaft nicht infrage gestellt wurde.
Tausende Muslimbrüder ließen sich in Katar nieder, Funktionäre der radikalislamischen Hamas, der afghanischen Taliban, Regimekritiker aus Libyen, Sudan, dem Jemen und Saudi-Arabien. Selbst israelische und iranische Delegationen wurden eingeladen: Der Emir genoss es, Riad und die etablierten Mächte der arabischen Welt zu provozieren. Je verworrener die politische Lage nach dem Arabischen Frühling wurde, desto radikaler die Gruppen, die er unterstützte.
Die Folgen trägt sein Sohn, der seit 2013 regierende Emir Tamim, 37. Ein angeblich gefälschtes Interview, Doha zufolge von russischen Hackern auf der Website der staatlichen Nachrichtenagentur platziert, löste die aktuelle Krise aus. Darin werden dem Herrscher Äußerungen zugeschrieben, wonach Iran eine "islamische Macht" und Dohas Verhältnis zu Israel "gut" sei. Moskau bestreitet jede Beteiligung. Und Trump, der die Ächtung Katars in der Nacht zum Dienstag noch als Erfolg im Kampf gegen den Terrorismus gewürdigt hatte, telefonierte am Mittwoch bereits wieder mit Emir Tamim, den er auch während seines Besuchs in Riad getroffen hatte.
Saudi-Arabien und seine Verbündeten dagegen setzen den Emir massiv unter Druck: Die Forderungen, die sie ihm am Dienstag vorgelegt haben sollen, sind so umfassend und radikal, dass sie nach einem fast unannehmbaren Ultimatum klingen: Doha soll unter anderem die Beziehungen mit Iran abbrechen, den Fernsehsender Al Jazeera einstellen, Mitglieder der Muslimbruderschaft und der Hamas ausweisen und sich verpflichten, alle politischen Maßnahmen des von Saudi-Arabien dominierten Golfkooperationsrats zu befolgen.
"Sarajevo 1914, Doha 2017?", fragt der Nahostexperte Simon Henderson in der US-Zeitschrift "Foreign Policy". Die Land-, See- und Luftblockade Katars sei "ein Casus Belli nach geradezu jeder Definition". Der Sechstagekrieg im Juni 1967 sei schließlich ausgebrochen, weil Ägypten die Straße von Tiran geschlossen und Israel den Zugang zum Roten Meer versperrt hatte. Der Vergleich geht wohl zu weit – anders als Israel 1967 verfügt Katar über keine fähige Streitkraft, und die Zusagen Irans und der Türkei, Häfen und gar Truppen zur Verfügung zu stellen, sind eher als Protest gegen Riad zu verstehen denn als militärische Beistandserklärungen.
Doch viel steht auf dem Spiel: die Stabilität Saudi-Arabiens, das die Welt mit zehn Millionen Barrel Rohöl pro Tag versorgt. Der soziale Frieden in Iran, der den gemäßigten Hassan Rohani gerade als Präsidenten und damit den Fortbestand des Nuklearabkommens bestätigt hat. Die freie Schifffahrt durch die Straße von Hormuz, über die alle Golfstaaten Rohstoffe aus- und Güter einführen. Und schließlich die Souveränität und das politische Überleben des Staates Katar selbst.
"Der Krieg wird in Iran stattfinden, nicht in Saudi-Arabien", sagte Riads Vizekronprinz Mohammed bin Salman. Das ist, in Anbetracht der Anschläge, eine ebenso prophetische wie verantwortungslose Äußerung. Die Führer Saudi-Arabiens seien "nicht weise", und das Königreich werde "so nicht bestehen", sagte der iranische Politikberater Hussein Sheikh al-Islam schon Ende vergangenen Jahres. Auch das provokativ und wenig verantwortlich.
Die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industrienationen, die sich im Juli in Hamburg treffen, werden den Druck auf beide Regionalmächte erhöhen müssen, um den völligen Zusammenbruch der Ordnung im Nahen Osten zu verhindern. Die Wahrung von Frieden und Wohlstand am Persischen Golf ist zu wichtig, um das Riad und Teheran zu überlassen.
Von Dieter Bednarz, Susanne Koelbl und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 24/2017
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