DER SPIEGEL

Psychologie„Verlängerter Arm des Therapeuten“

Der Psychologe David Ebert, 37, von der Universität Erlangen-Nürnberg über den Nutzen von Smartphone-Apps in der Therapie
SPIEGEL: Neuere Studien zeigen, dass verhaltenstherapeutische Apps die Symptome von Menschen mit depressiven Verstimmungen verbessern können. Werden Psychotherapeuten bald überflüssig?
Ebert: Natürlich nicht! Es gibt zwar inzwischen Dutzende solcher Apps – vom buddhistisch inspirierten Mindfulness-Training über Programme zur Beobachtung der eigenen Stimmung bis hin zu echten verhaltenstherapeutischen Interventionen. Aber ich würde keinem Depressiven empfehlen, ausschließlich auf eine wahllos heruntergeladene Psycho-App zu setzen. Noch gibt es keinerlei Qualitätssicherung. Eine App kann aber ein sinnvolles Hilfsmittel in einer laufenden Behandlung sein, quasi der verlängerte Arm eines leibhaftigen Therapeuten.
SPIEGEL: Man erarbeitet in der Therapie psychologische Strategien, und die App hilft dann bei der Umsetzung im Alltag?
Ebert: Genau. Wobei ein begleitender Praxisbesuch gar nicht unbedingt notwendig sein muss. Studien zeigen, dass man auch mit Trainingsprogrammen, die ausschließlich über das Internet funktionieren, Depressionen erfolgreich behandeln oder, wenn man frühzeitig ansetzt, verhindern kann. Der Therapeut gibt dabei den Teilnehmern ein schriftliches Feedback, motiviert sie und achtet auf sich anbahnende Krisen.
SPIEGEL: Sind Therapie-Apps nur für Jüngere geeignet?
Ebert: Keineswegs! Unsere älteste Patientin, die eine solche App genutzt hat, war 78 Jahre alt. Das Schlimme ist ja, dass rund die Hälfte der Depressiven derzeit gar nicht behandelt wird, unter anderem weil sie Angst vor Stigmatisierung haben. Therapie-Apps sind ein niederschwelliges Angebot. Wenn sie allein nicht ausreichen, können sie vielleicht auch den Weg in eine klassische Therapie ebnen.
Von Vh

DER SPIEGEL 40/2017
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