DER SPIEGEL

EuropaDer große Gürtel des Glücks

Der Schriftsteller Navid Kermani setzt seine Reise für den SPIEGEL fort. Nun schildert er den Weg von Georgien nach Baku, auf dem er eine Nonne, die Formel 1 und eine Heldin trifft.
Kermani, 50, ist Schriftsteller und lebt in Köln. Bislang hat der SPIEGEL neun Teile seiner Reisereportage veröffentlicht. Drei weitere werden in den nächsten Wochen folgen. Seine Reise endet in Iran, der Heimat seiner Eltern. Ende Januar erscheint das gesamte Reisetagebuch auch im Verlag C. H. Beck ("Entlang den Gräben").
Fünfter Tag
Dass sich die Kirchen in Kachetien so harmonisch in die Landschaft einfügen, als wären sie aus der Erde emporgewachsen, liegt nicht nur am Sandstein oder ihren menschlichen Dimensionen, die Kuppeln kaum höher als der höchste Baum; es liegt auch am Zustand nach ihrer Wiedereinweihung. Den Reichtum, den die Kritiker dem georgischen Klerus vorhalten, merkt man den Restaurierungen nicht an, die nicht mehr als das Nötigste instand gesetzt, freigelegt, geputzt, statisch gesichert haben. Aber gerade dies, das Gebrechliche, Imperfekte, nur fragmentarisch Erneuerte, macht ihre Aura aus. Jedes einzelne Fresko, auf dem mühsam die Figuren zu erkennen sind, jeder der Steine, auf denen sich Feuchtigkeit und Rauch, aber auch die Hammerschläge und Nageleinwölbungen von Hirten, Obdachsuchenden und Invasoren abzeichnen, der Putz, der über den Ziegeln über die Jahrhunderte hinweg schon abblättert, jede Kachel, die auf dem Boden fehlt, erzählt vom Leben, das vergangen ist, ohne zu Ende zu sein.
Nein, der Staat tue nicht viel für den Erhalt der Kirchen, und auch die Gemeinden hätten kaum Geld, meint Schwester Mariani, die wir vor der Alawerdi-Kathedrale ansprechen. Ohne private Mäzene und die Arbeit der Freiwilligen wäre nicht einmal das Nötigste bewältigt worden. Die Nonne erzählt von den Fremden, die über die Jahrhunderte einfielen, von den Persern, die das Kloster als Garnison nutzten und den Gläubigen nur zu Festtagen erlaubten, in der Kirche zu beten, von den Sowjets, die in der Kathedrale Getreide lagerten oder Schweine mästeten. Wer schlimmer war? Die Perser hätten bloß mit Pfeil und Bogen gekämpft, die Sowjets hingegen auf die Gedanken und die Seelen der Menschen gezielt. Außerdem hätten die Perser auch etwas Schönes hinterlassen, fügt Schwester Mariani hinzu und zeigt auf einen Gartenpavillon, dessen Gitterwerk aus der goldenen Zeit der persischen Safawidendynastie stammt.
Woher sie sich so gut in der persischen Architektur auskenne, frage ich. Sie habe in Tiflis Orientalistik studiert, antwortet Schwester Mariani, und nicht zuletzt durch die Begegnung mit einer fremden Kultur zu ihrer eigenen Religion gefunden; das sei zum Ende der Sowjetunion gewesen und, nein, nicht ungewöhnlich, schließlich gehörten Ferdousi, Hafis und die anderen großen Perser zum georgischen Kanon, in ihrer Generation jedenfalls. Immerhin auf Bildung habe der Kommunismus Wert gelegt. Dann zitiert sie – man soll das Bild ruhig vor Augen haben: eine bis übers Kinn und über die Augenbrauen verschleierte Nonne in einem abgelegenen Kloster südlich des Kaukasus –, zitiert sie Goethe, nach dem Ost und West nicht mehr zu trennen seien, was für alle Himmelsrichtungen und erst recht für die Literatur gilt. Als der Fotograf Dmitrij Leltschuk fragt, ob er trotz des Verbotsschilds in der Kathedrale Aufnahmen machen dürfe, schließlich verwende er keinen Blitz, der die Fresken verbrennen könnte, schüttelt sie freundlich, aber bestimmt den Kopf: "Die Fresken verbrennen sich nicht am Blitz; sie verbrennen sich an der Eiligkeit."
Gegen Mittag lässt uns die Fahrerin an der Grenze zu Aserbaidschan aussteigen. Uns bis zur nächsten Stadt zu bringen kommt ihr gar nicht erst in den Sinn. Immerhin kommt man über die Grenze, das ist ja schon mal was. Nach Dagestan, das wir auf dem Weg nach Osten als nächstes Reiseziel ausgemacht hatten, weil es auf der Landkarte über viele Zentimeter mit Georgien verbunden ist – nach Dagestan gibt es keinen einzigen Übergang. Südossetien und Abchasien sind ebenfalls kaum zugänglich, die Grenze zwischen Aserbaidschan und Armenien beziehungsweise Bergkarabach sowieso. Von Armenien geht es außerdem nicht weiter in die Türkei und ebenso wenig in die autonome Republik Naxçıvan. Links und rechts zwei Meere, da bleiben gar nicht so viele Möglichkeiten, um zu verreisen. Das einzige Land der Region, von dem aus man überall hinkommt, ist ausgerechnet ein sogenannter Schurkenstaat, nämlich die Islamische Republik Iran.
Hinter der Grenze stehen mehrere Taxis, aber nur einer der Fahrer spricht Russisch, sodass sich Dmitrij mit ihm verständigen kann. Dass er humpelt, liege am Krieg, wie der Fahrer uns vorsorglich mitteilt; 1993 sei er in Bergkarabach auf eine Mine getreten. Aber keine Sorge, die Kupplung könne er auch mit der Prothese treten.
"War denn der Krieg gegen Armenien notwendig?", frage ich.
"Ach was", sagt der Fahrer. "Den Krieg haben die Mächtigen geführt. Wir haben nur unsere Toten dazugegeben, unsere Häuser und unsere Gliedmaßen."
"Aber es gab doch auch Hass, oder nicht?"
"Der Krieg ist nicht wegen des Hasses ausgebrochen, sondern der Hass wegen des Krieges."

Sechster Tag
Gegen Mittag fahren wir schon wieder an eine Grenze, allerdings finden wir sie nicht. Wen wir auch fragen, niemand weiß, wo es Richtung Armenien geht. Wozu auch? Grenzen, die geschlossen sind, schaffen einen ganz eigenen Raum: Es leben Menschen davor und vermutlich auch dahinter, aber niemand muss mehr zu ihnen hin, niemand zieht an ihnen vorbei, für niemanden liegen sie noch auf dem Weg. Es gab auch in Deutschland Flecken auf der Landkarte, Zonenrandgebiete hießen sie, die fern jeder Route und jedes Interesses waren.
Jetzt sind wir in Tartar, weil es auf der Karte am nächsten an der Waffenstillstandslinie liegt. Zu der Linie kommen wir nicht hin, hören wir ein ums andere Mal. Gut, sagen wir, aber man muss doch bis zu einer Stelle fahren können, ab der es nicht weitergeht, zu einem Checkpoint, einem Verbotsschild, einer Straßensperre – irgendwo müssen die Straßen zu Ende sein. Das stimmt theoretisch, aber praktisch ist niemand, den wir ansprechen, schon einmal in westlicher Richtung aus der Stadt gefahren.
Auf Google Maps, wo auch die Feldwege markiert sind, finden wie das Dorf Tap Qaraqoyunlu, das genau an der Waffenstillstandslinie liegt. Auf dem Bildschirm ist es nur einen Zentimeter entfernt, doch müssen wir einen weiten Bogen fahren, weil dazwischen eine Stiefelspitze – je nach Sichtweise – armenisches oder besetztes Gebiet liegt. Sieht man von Tschetschenien ab, ist der Konflikt um Bergkarabach der schwerste, den die Union der Sowjetvölker hinterließ. 50 000 Tote, Pogrome auf beiden Seiten, weit mehr als eine Million Vertriebene, zwei Völker, die sich voneinander abschotten, obwohl sie noch vor 30 Jahren miteinander verbunden, ja fast ineinander verschlungen waren. Und anders als in Tschetschenien dauert der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan noch immer an. Bald geht das Sterben ins vierte Jahrzehnt.
Bevor wir uns auf den Weg machen, schauen wir uns in Tartar um. Vom Ölboom, der Aserbaidschan in den Neunzigerjahren über Nacht reich gemacht haben soll, sieht man in den Straßen nichts, die gerade wie mit dem Lineal gezogen sind: wenig Verkehr, leere Betriebe, und auch an den Läden scheint die schöne neue Warenwelt vorbeigegangen zu sein. Selbst der Fluss ist ausgetrocknet – weil Armenien das Wasser gekappt hat, wird uns erklärt.
Wir fahren schon wieder aus Tartar heraus, da sehe ich doch noch so etwas wie einen Ölboom: An der Tankstelle lädt ein Mann große Plastikcontainer mit Benzin in seinen Lada, auf die Rückbank, den Beifahrersitz, in den Kofferraum und aufs Dach. Fernab der Städte sei dem Benzin Wasser beigemischt, sodass er die Kanister für gutes Geld loswerde, erklärt er uns. Möge er der erste Aserbaidschaner sein, der nicht im Auto raucht.
Es ist bereits früher Abend, als wir in Tap Qaraqoyunlu eintreffen. Das war wahrscheinlich auch eine Schnapsidee, erst zwei Stunden nach Süden und anschließend in einem östlichen Bogen zurück nach Westen zu fahren, nur um einmal die Front zu sehen. Vielleicht gibt es die Front gar nicht! Ja, vielleicht findet der Krieg nur noch im Fernsehen statt, wie man es aus Hollywoodsatiren kennt. Denn selbst Tap Qaraqoyunlu wirkt auf den ersten Blick friedlich: Doch am Ende des Dorfes stoßen wir auf eine zwei bis drei Meter hohe Mauer, die sich die Querstraße entlangzieht. Davor haben einige Frauen Tücher unter einem Baum ausgebreitet, und Kinder schaukeln auf den Zweigen, sodass die Maulbeeren herunterfallen. Noch immer wirkt die Szenerie entspannt, doch als wir den Wagen auf der anderen Straßenseite parken, ruft uns ein Mann zu, dass wir besser nicht aussteigen sollten.
"Warum?", fragen wir.
"Weil die Mauer dort keinen Schutz bietet."
Jetzt fällt mir auf, dass sich alles Leben nur auf der einen Seite der Straße abspielt. Beinah täglich komme es zu Schusswechseln, sagt der Mann und fügt – pflichtschuldig oder ehrlich? – hinzu, dass stets die Armenier mit der Gewalt begännen. Auch Scharfschützen seien drüben postiert, erst letzte Woche sei ein Bewohner verwundet worden.
"Kann man die Armenier von hier aus sehen?", frage ich.
"Kommt mit", meldet sich eine Frau und führt uns in den Hof, wo ihr Mann am Traktor beschäftigt ist. An einer Stelle ist ein Stückchen Beton aus der Mauer herausgebrochen, und so lugen wir durch das Loch. Vielleicht 1000, vielleicht 2000 Meter entfernt meine ich einen Gefechtsstand zu erkennen, die Soldaten selbst allerdings nicht. Tap Qaraqoyunlu sei immer schon aserisch gewesen, erklärt der Mann; die Armenier hätten im Nachbardorf Talisch gewohnt, das nun im Niemandsland liege. Vor dem Krieg seien die Beziehungen normal gewesen, fügt die Frau hinzu, eigentlich sogar freundschaftlich. Ob sie Talisch noch einmal besuchen würde, wenn es die Mauer nicht mehr gäbe?
"Sie meinen, wenn Frieden herrscht?", fragt die Frau zurück.
"Ja, wenn Talisch wieder bewohnt wäre."
"Nein, ich würde da nicht mehr hingehen. Es wäre ja dann von unseren Feinden bewohnt."
Bevor wir den Nachtzug nach Baku nehmen, bleibt noch Zeit für einen Schlenker in ein Städtchen, das von Deutschen im Osten mal nicht zerstört, sondern erbaut worden ist. Es waren Armutsflüchtlinge, denen der Zar 1819 diesen entlegenen Flecken seines Riesenreichs zugewiesen hat, damit sie ihn kultivieren. Helenendorf haben sie ihre Siedlung genannt, Weinstauden gepflanzt und Giebelhäuser errichtet, von so guter Qualität, dass sie bis heute Schmuckstücke sind. Die Kirche hat aus Deutschland das Giebeldach, die ovalen Fenster, die rötlichen Ziegel, den spitzen Turm und sogar die Turmuhr mitgebracht.
Wenn ich nicht wüsste, dass ich nahe dem Kaspischen Meer bin, würde ich meinen, durch eine norddeutsche Kleinstadt zu laufen, in der freilich der Migrationsanteil 100 Prozent erreicht. Zufall oder nicht, werden gerade sogar zwei Autos vor der Haustür gewaschen, als hätten die Neubürger die deutsche Leitkultur adaptiert. Gleich der Erste, den wir ansprechen, ein Herr mittleren Alters mit gemütlichem Vollbart und warmen Augen, Imran Isajew sein Name, Fahrer von Beruf, erzählt uns, dass der Großvater seiner Frau in erster Ehe mit einer Deutschen verheiratet gewesen sei, die nach Kasachstan deportiert wurde, die beiden Kinder auch.
"Sprach der Großvater über seine erste Frau?"
"Nein, nicht viel. Er hat nur gesagt, dass er die Deutsche geliebt hat und die Trennung nicht freiwillig war. Und dass er seine beiden ersten Kinder vermisst."
"Gab es denn nie wieder einen Kontakt?"
"Nicht, dass ich wüsste. Aber Opa hat nie schlecht von seiner deutschen Frau gesprochen, nie, und er hat sich bis zum Schluss nach seinen beiden ersten Kindern gesehnt. Meine Frau fragt sich auch manchmal, wie ihre Halbcousins aussehen mögen, ob sie blonde Haare haben oder schwarze wie wir. Es wäre doch für alle bewegend, wenn sich die Nachfahren einmal träfen. Nach so vielen Jahren."

Siebter Tag
Nicht nur aus Müdigkeit reibe ich mir die Augen, als ich aus dem Zugfenster blicke: die Wüste. So weit nördlich? Gestern Morgen, an den südlichen Ausläufern des Kaukasus, war noch alles grün, da gab es Wälder, Quellen, Flüsse, Berge. Da ich jetzt durch den Staub, den Sand, die Kratzer, das Fett, die Wischspuren und die Fingerabdrücke schaue, die sich auf dem Zugfenster abbilden, denke ich, dass es die Wüste ist, nichts anderes, die den Orient über alle Zeitläufte hinweg von Europa unterschieden hat. Natürlich liegen zwischen Marokko, Jemen, Indien unterschiedliche Klimazonen. Aber die Wüste ist nirgends weiter als zwei, drei Tagesmärsche entfernt, und ebendas macht den Orient aus, seine Teppiche wie Gärten, seine Kunst als Abbild einer tatsächlich gegenstandslosen Welt, seine Ornamentik als Formel für den unendlichen Horizont, seine Gastfreundschaft eine Notwendigkeit, Lebensversicherung für den Gastgeber selbst.
Womöglich lassen sich sogar manche der Schwierigkeiten, die die Demokratie im Orient hat, mit der Wüste erklären, da sie den Kontrast zwischen Stadt und Land verschärft – keine größere Oase, die je vor Räubern, Eroberern, Vandalen sicher war. Die Entstehung einer bürgerlichen Gesellschaft beschränkte sich schon aufgrund der Topografie auf wenige Zentren, deren Gefüge zudem permanent durch die Landflucht durcheinandergeriet. So ist die Wüstengesellschaft bis in die Städte hinein nach Clans und Stämmen segregiert. Heute setzt sich der mythische Gegensatz zwischen Nomaden und Siedlern in den Elendskokons um die Metropolen fort. Alle Städte und selbst die Gärten – nein, gerade sie – sind als Zuflucht und paradiesische Gegenwelt zu dem Nichts ringsherum geprägt, das man als Möglichkeit in Europa allenfalls in unzulänglichen Gletscherregionen kennt.
Wir fahren in Baku ein. Größer als der Kontrast zwischen den tristen Betonsilos am Rand und den Skyscrapers im Zentrum können die sozialen Unterschiede an der Wende zum 20. Jahrhundert kaum gewesen sein, als das Öl schon einmal einige Magnaten steinreich machte und die Arbeiter abends in ihren Baracken nicht mehr die Kraft hatten, den Dreck aus der Haut zu bürsten. Berauscht vom schwarzen Gold, stürmte Baku damals in die Moderne: Villen, Konzerthäuser, Industrieanlagen, Klassenkämpfe und auf den Boulevards die halbe Welt.
Als ich die ersten Schritte durch Baku mache, begegne ich allerdings weder dem Sprachen- und Völkermischmasch von einst noch sowjetischer Uniformität, sondern Angehörigen einer ganz anderen Spezies, geradezu Lebewesen von einem anderen Stern: Sie tragen orange oder hellbraune Overalls aus knittrigem Kunststoff, und alle haben sie rote Schirmmützen auf dem Kopf, Stöpsel in den Ohren und eine Plastikkordel um den Hals: Am Wochenende steigt hier die Formel 1. Nicht nur ist die Rennstrecke seit Tagen mit hohen Zäunen, Betonklötzen und Plastikplanen abgedeckt, damit kein kostenloser Blick auf die Gladiatorenwagen fällt; auch viele weitere Straßen sind für den Verkehr gesperrt, sodass eine gespenstische oder dann doch wieder wüstenähnliche Stille herrscht.
Ich versuche, ans Kaspische Meer zu gelangen, das auf dem Stadtplan nur einen Straßenzug entfernt liegt. Nach einer Stunde im Zickzack finde ich endlich die Unterführung der U-Bahn, die unter der Zielgeraden hindurchführt. Auf der breiten Uferpromenade haben die Besatzer ihr Lager aufgeschlagen: Mediacenter, VIP-Lounge, Kinderbetreuung, Roter Halbmond, abgetrennt die Bereiche für die Piloten, ihre Mannschaft und die Mechaniker, außer Pizza und Pasta, Hotdogs und Hamburger auch ein Zelt mit lokaler Gastronomie. Eine ganze Armada von Golfwägelchen steht für den Transport bereit oder fährt bereits hin und her, und in vielen Ecken werden die jungen Teams zweisprachig von ihren Instruktoren eingewiesen, Service, Security, Fahrdienst, Statistik, Rennaufsicht, Ticketing oder Sanitäter. Noch kann ich über die Promenade spazieren, später kommen nur noch zahlende Besucher in diesen Bereich hinein. 90 Euro ist das Minimum, um überhaupt mal einen Ferrari oder Silberpfeil beim Rennen zu Gesicht zu bekommen. Tickets sind noch in allen Kategorien zu kaufen, das Interesse scheint bei einem Durchschnittslohn von 280 Euro begrenzt.
Durch die Unterführung kehre ich zurück in die Stadt, die in altem Glanz erscheint: Die Bürgerhäuser, Theater, Akademien und Plätze sind ebenso herausgeputzt wie die engen Gassen der orientalischen Altstadt. Als ich genauer hinblicke, merke ich allerdings, dass auch die Gründerzeitarchitektur oft nagelneu und entsprechend luxuriös ausgestattet ist: Statt sich mit den Mühen der Renovierung oder gar des Denkmalschutzes herumzuschlagen, hat mancher Bauherr das Alte durch ein Imitat ersetzt. So aseptisch wird also Berlins historische Mitte ebenfalls aussehen, wenn erst einmal das Hohenzollernschloss und als Nächstes dann wohl Schinkels Bauakademie nachgebaut sind. Die Volksbühne wird gerade auch von aller Vergangenheit befreit. Anschließend könnte man mit dem Neubau der Altbauten beginnen, die unglücklicherweise im Krieg stehen geblieben sind. Baku geht voran.
Einen "Gürtel des Glücks" gebe es in jeder Stadt, meint Khadija Ismayilova. In den anderen Städten konzentriere sich die Entwicklung auf einige Straßenzüge, Einkaufscenter und Parks, gerade genug, damit der Präsident sein Land blühen sehe, wenn er zu Besuch sei. In Baku hingegen, wo sich der Reichtum, die Geschäftswelt und der Tourismus konzentriere, sei der "Gürtel des Glücks" besonders lang: vom Flughafen 13 Kilometer nördlich der Stadt bis zum Flaggenmast im Süden, dem mittlerweile dritthöchsten der Welt, an dem 162 Meter hoch die aserbaidschanische Fahne weht. Eigentlich sollte er der höchste sein, aber dann holte ihn kurz nach seiner Errichtung der tadschikische Fahnenmast ein, der wiederum vom saudischen eingeholt wurde. Es sei schwierig, sagt Khadija, eine selbstbewusste Gesellschaft zu werden, wenn der Staat auf einem "faked victory" gründe: dem Krieg mit Armenien, der ein Sieg gewesen sein soll, obwohl 20 Prozent des Landes verloren gingen.
Khadija ist investigative Journalistin, Trägerin des diesjährigen Alternativen Nobelpreises und hat lange vor den Panama Papers die Vermögensverhältnisse in der Familie Alijew aufgedeckt, die in zweiter Generation herrscht; sie wurde bedroht, verleumdet, verhaftet und 2015 zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Nachdem sich internationale Organisationen für sie eingesetzt hatten, kam sie im vergangenen Jahr auf Bewährung frei.
In Aserbaidschan selbst hatten sich Dutzende Kollegen zu einem Khadija Project zusammengetan, um die Recherchen ihrer Kollegin fortzusetzen. "Die Regierung hat gemerkt, dass zwei neue Kritiker auftauchen, wenn sie einen verhaften", meint Khadija, "dazu der Imageschaden im Ausland – der Preis für meine Inhaftierung wurde ihr zu hoch."
Khadija darf kein Geld verdienen, seitdem sie aus dem Gefängnis entlassen worden ist, sie darf nicht ausreisen, sie muss sich regelmäßig bei der Polizei melden, sie wird überwacht, auch ihre Geschwister verloren ihre Arbeit. Eine Schwester ist deswegen nach Ankara gezogen – und doch ist die 41-Jährige mehr als nur ungebeugt, nämlich entschlossener denn je. Beinah amüsiert berichtet sie, wie sie vor ihrer Verurteilung mundtot gemacht werden sollte. Sie wurde beschuldigt, einen Geliebten so sehr bedrängt zu haben, dass er versucht habe, sich umzubringen, und dann tauchte auch noch ein Video im Internet auf, das in ihrem Schlafzimmer aufgenommen worden war.
"Eine unverheiratete Frau beim Sex – sie dachten, damit sei ich in unserer konservativen Gesellschaft erledigt."
Es kam anders: Khadija schloss aus der Perspektive des Videos, wo in ihrem Schlafzimmer die Kamera angebracht worden sein musste. Dort brach sie die Wand auf und fand eine Öffnung, in der ein loses Kabel hing. Sie rief die Telefongesellschaft an und meldete eine gewöhnliche Störung. Als sie dem Techniker das Kabel zeigte, sagte der sofort, das habe er selbst verlegt. Er war schockiert, von dem Video und den Verleumdungen zu erfahren, hatte wie jeder Aserbaidschaner selbst jeden Tag mit der Korruption zu tun und beteuerte, keine Ahnung gehabt zu haben, dass an dem Kabel eine Überwachungskamera angebracht werden sollte.
"Wie kamst du überhaupt auf die Idee, bei der Telefongesellschaft anzurufen?", frage ich.
"Ich bin nun einmal investigative Journalistin", antwortet Khadija: "Ich wusste, dass für jeden Bezirk dieselben drei Techniker zuständig sind. Da habe ich es einfach probiert." Der Telefontechniker sagte aus, der Liebhaber ebenso, der sich weder von Khadija bedrängt gefühlt noch einen Selbstmord versucht hatte, und als auch noch eine Reihe von Freitagspredigern und sogar die islamistische Partei sich auf die Seite Khadijas stellten, hatte sie erfolgreich einen weiteren Skandal aufgedeckt. Kurz darauf war sie wegen Steuerhinterziehung angeklagt worden, die als Delikt in Diktaturen immer geht.
Ich frage, warum die Freitagsprediger und Islamisten sie unterstützt hätten.
Das habe sie sich selbst gefragt, antwortet Khadija. Sie sei bekennende Atheistin und habe die Geistlichkeit immer wieder kritisiert.
"Es hatte davor schon solche Verleumdungen und auch eine Reihe von Sex Tapes gegeben, die anonym ins Internet gestellt worden waren. Ich war nur die Erste, bei der die Drohung nicht funktioniert hat. Ich habe gesagt: Stellt ins Internet, was ihr wollt, ich weiche nicht zurück. Und das führte dazu, dass die Praxis aufgehört hat. Das rechnen mir auch jene an, die es selbst hätte treffen können, auch wenn sie sonst ganz andere Ansichten haben als ich."
"Ist das ein Fortschritt?"
"Ja, natürlich. Früher wäre eine Frau gesteinigt worden für so etwas."
Im nächsten Heft: Nach Armenien und Bergkarabach

DER SPIEGEL 52/2017
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