DER SPIEGEL

EuropaSehnsucht nach Weltkultur

Der Schriftsteller Navid Kermani bereist die Außenbezirke des Kontinents, trifft einen armenischen Komponisten, diverse Aktivisten und einen erstaunlich unbarmherzigen Pater.
Kermani, 50, ist Schriftsteller und lebt in Köln. Bislang hat der spiegel elf Teile seiner Reisereportage veröffentlicht. Seine Reise endet in Iran, der Heimat seiner Eltern.
Zehnter Tag
Tigran Mansurian empfängt mich im Separee eines altmodischen Cafés in Eriwan, ein zuvorkommender Herr mit eckiger Metallbrille und schmalem Gesicht, in das bei jeder Drehung die schneeweißen Haare fallen. Er ist Komponist, der berühmteste seines Landes, steht weltweit auf den Spielplänen von Philharmonien und Festivals für Neue Musik. Dabei klingen seine Quartette, Sonaten, Konzerte und Chöre ganz anders, als es ein westliches Konzertpublikum von Neuer Musik erwartet, gefühlvoll, ja sogar oft tragisch, ohne je melodramatisch zu sein, wie eine einfache Weise oder ein Kinderlied tragisch klingen kann, allerdings mit dem vollen, mächtigen Klang eines Symphonieorchesters.
Seine CDs im Ohr, möchte ich fragen, ob das musikalische Erbe des Orients eine natürliche Verbindung zur Neuen Musik bietet. Aber kaum habe ich mich gesetzt, bin ich wie in allen Gesprächen bisher wieder beim Aghet, bei der "Katastrophe", wie der Genozid in Armenien heißt, nur weil das Wort Erbe fällt. Mansurians Mutter war wenige Monate alt, als türkische Soldaten seinen Großvater mitsamt den anderen Männern ihrer Stadt Marasch in einer Scheune einsperrten und sie anzündeten. Die Großmutter und die Tante starben auf dem Marsch nach Syrien. Nur die Mutter überlebte, wenige Monate alt, und wuchs in einem amerikanischen Waisenhaus in Beirut auf. So viel zum Erbe eines Armeniers seiner Generation.
In Beirut wurde auch Mansurian geboren und zog mit den Eltern 1947 nach Armenien, da war er acht Jahre alt. Die Eltern hätten sich in Beirut sicher gefühlt, erklärt Mansurian, die Stadt sei sehr kosmopolitisch gewesen. Allein, der Vater habe an die Versprechen der Sowjetunion geglaubt, rundherum falsche Versprechen, wie Mansurian hinzufügt. Dann erzählt er einen Witz: Ein Armenier, der in die Sowjetrepublik übersiedeln will, macht mit seinen Freunden und Verwandten in der Diaspora aus, dass er ihnen ein Foto schicken wird. Wenn er auf dem Bild steht, ist alles gut, dann sollen ihm die Freunde und Verwandten folgen. Wenn er sitzt, sollen sie fortbleiben. Als die Freunde und Verwandten den Briefumschlag mit dem Foto öffnen, sehen sie, dass der Mann auf dem Boden liegt.
"Ich bin dennoch dankbar, dass es kam, wie es kam", sagt Mansurian in das traurige Schmunzeln hinein.
"Bei all dem Leid?"
"Wenn wir einsehen, dass Leben nun einmal aus Verlusten besteht, dann war es das Beste, was mir unter den gegebenen Umständen passieren konnte, dass ich als Flüchtlingskind nach Armenien kam. Es war der 'best loss'. Ich hätte als Komponist niemals das Gerüst gehabt, wenn ich in einem anderen Land aufgewachsen wäre."
Das Gerüst, das Mansurian meint, ist mehr als 1600 Jahre alt. Ja, man denkt, man hätte bei den Lebensdaten die Eins am Anfang überlesen, bis man sich versichert, dass dieser oder jener armenische Komponist tatsächlich im fünften Jahrhundert gestorben ist.
"Und die gab es wirklich?", frage ich. "Ich meine, sind das verbürgte Namen und Kompositionen, die damals schon niedergeschrieben wurden und seither erhalten sind?"
"Aber natürlich gab es die", antwortet Mansurian belustigt und fängt mit seiner kehligen Stimme so laut zu singen an, dass noch im Nachbarseparee die Melodie zu hören sein müsste, die Mesrop Maschtoz im fünften Jahrhundert in Noten festgehalten hat. Ich blicke Mansurian an, dem wieder die Haare ins Gesicht gefallen sind, und stelle mir vor, dass einmal auch sein großes Requiem zum Genozid, das 2011 in Berlin uraufgeführt wurde, in Istanbul verstanden wird. Wenn wir einsehen, dass das Leben nun einmal aus Verlusten besteht, dann wäre es unter den gegebenen Umständen das Beste – "the best loss", wie Mansurian es genannt hat –, dass aus der Katastrophe etwas Verbindendes entsteht.
Im Matenadaran, dem Manuskriptmuseum, das einem Tempel gleich auf einer Anhöhe mitten in der Stadt liegt, sind Schriften aus dem fünften, sechsten Jahrhundert ausgestellt, die namentlich unterzeichnet und immer noch leicht zu lesen sind. Deutsche oder Franzosen tun sich schon schwer, ihr spätes Mittelalter zu verstehen, und selbst in Iran reicht das sprachliche Kontinuum nur bis zum neunten Jahrhundert zurück. Versteht sich, dass auch die armenische Kirche die älteste Staatskirche der Welt ist.
Um mehr von der Gegenwart mitzubekommen, habe ich mich bei Pink Armenia angekündigt, einer Nichtregierungsorganisation, die sich für die Rechte von LGBT einsetzt, also Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender. Gerade dieser Tage musste nach Protesten und Drohungen eine Reihe innerhalb des Internationalen Filmfestivals abgebrochen werden, weil eine Dokumentation über armenische Homosexuelle ins Programm genommen wurde. Nun wird eilig eine Aufführung außerhalb des Festivals organisiert. Eine gewöhnliche Wohnung in einem mehrstöckigen Gebäude ohne ein Schild an der Haustür – das ist der einzige überdachte Ort außerhalb der eigenen vier Wände, an dem sich Homosexuelle in Armenien umarmen können. Die Polizei nehme "hate crimes" nicht einmal auf, sagt Mamikon Hovsepyan, der mit 35 schon einer der Ältesten in den drei oder vier karg möblierten Zimmern ist.
Finanziert wird Pink vor allem aus Europa. Hovsepyan weiß, dass damit das homophobe Klischee bedient wird, aber ohne die Gelder aus Holland oder Schweden gäbe es das Büro nicht, in dem Homosexuelle Beratung finden oder einfach einen geschützten Raum. Hinzu komme, dass viele Europäer tatsächlich nur an diesem einen Thema interessiert seien, wie es ein weiteres Klischee will. Auf Konferenzen im Ausland erkläre er dann immer, dass er schwul sei, ja, aber sein Leben sich nicht aufs Schwulsein beschränke und es andere Probleme gebe, politische und gesellschaftliche Probleme etwa, die für ihn mindestens genauso wichtig seien. Aber mit Hinweisen auf die sozialen Verwerfungen, die Oligarchie, den Nationalismus oder den nicht enden wollenden Krieg finde man kaum Gehör in Europa. Stattdessen werde er immerfort nach der Einführung der Homo-Ehe gefragt, als ob das der einzige Indikator für Entwicklung wäre.
Im überfüllten Media-Center, das sich mehrere Nichtregierungsorganisationen für Veranstaltungen und Konferenzen teilen, ist die Stimmung angespannt trotzig. Gegnerische Aktivisten sollen von der Aufführung erfahren haben, jemand will draußen einige grimmige Gestalten ausgemacht haben. Zur Sicherheit sind die Türen von innen versperrt. Das Publikum ist jung, kaum jemand älter als dreißig und, wie man so sagt, westlich gekleidet, also nicht anders als in Berlin oder Brüssel, die Frisuren, die Jeans, die Tattoos, auch die Körperlichkeit im Umgang untereinander und das Selbstbewusstsein der Frauen. Wen immer ich anspreche, er oder sie versteht Englisch, was in Armenien alles andere als selbstverständlich ist. Und soweit ich es auf die Schnelle in Erfahrung bringe, werden alle beteiligten NGOs mindestens teilweise von europäischen Institutionen gesponsert. Welch Wunder, dass für die grimmigen Gestalten auf der Straße der europäische Kulturimperialismus hier ein Stelldichein feiert. Aber sollte Europa deswegen diese jungen Armenier nicht unterstützen, die der Homophobie die Stirn bieten?
Als ich aus dem Gebäude trete, erblicke ich keine grimmigen Gestalten, sondern auf der anderen Straßenseite einen schmächtigen Burschen, keine dreißig, schätze ich, so alt wie die Besucher des Media-Centers, die er fotografiert. Erst wende ich ihm wie alle anderen den Rücken zu, nicht verängstigt, aber doch mit dem Gefühl, wehrlos seiner Linse ausgesetzt zu sein. Dann drehe ich mich um und gehe über die Straße. Als der Mann begreift, dass ich zu ihm will, scheint er zu überlegen, ob er fortrennt, deshalb beschleunige ich den Schritt. Jetzt ist er es, der Angst hat oder wenn schon nicht ängstlich, dann irritiert und nervös ist. Zu seiner Überraschung schlage ich einen freundlichen Ton an, sodass er, anfangs zögerlich zwar, nach und nach immer bereitwilliger Auskunft gibt. Haik Ayvasian heißt er und meint, dass Armenien ein christliches Land sei, deshalb stehe er hier. Die Bibel lasse keinen Zweifel, dass Homosexualität eine Sünde sei, todeswürdig sogar. Wolle er denn, frage ich, dass die jungen Menschen auf der anderen Straßenseite auch die biblische Strafe treffe?
"Nein, wir haben nichts gegen diese Leute. Wir haben nur etwas dagegen, dass für Homosexualität auch noch geworben wird."
"Wen meinen Sie mit 'wir'?"
"Wir Armenier. 98 Prozent lehnen so etwas ab."
Sie – womit Haik weiterhin "sie, die Armenier", meint – wollten die Homosexualität nicht kriminalisieren, darum gehe es nicht, schon gar nicht um Gewalt. Es gehe nur darum, die ausländische Propaganda zu stoppen. Deshalb habe er sich einer Organisation angeschlossen, Luus ("Licht"), in der junge Menschen die christliche Identität Armeniens verteidigten.
"Und wieso machen Sie Fotos?", frage ich.
"Ich möchte wissen, wer sich so einen Film anschaut."
"Dann stellen Sie sich halt an den Eingang, und schauen Sie sich die Menschen an. Aber warum die Fotos?"
"Die sind nur für mich."
"Aber wozu denn?"
"Wozu wollen Sie das wissen?"
"Ich bin mindestens so neugierig wie Sie."
"Vielleicht möchte ich wissen, ob jemand von der Regierung hier ist."
"Um ihn dann anzuschwärzen?"
"Habe ich denn kein Recht zu wissen, was die Regierung unterstützt?"
Für Haik sind die Altersgenossen auf der anderen Straßenseite nicht die eigentlichen Schuldigen; sie seien Opfer der Europäischen Union, der sich die Regierung willenlos unterwerfe. Auf mich hätten die Zuschauer sehr selbstbestimmt gewirkt, wende ich ein: wie er darauf komme?
"Weil die EU ständig von den Rechten der Homosexuellen spricht. Ständig. Warum denn nur? Wie viele Leute betrifft das denn hier? Wieso ist ihr das Thema so wichtig? Was bezweckt sie damit?"
"Was denken Sie?"
"Weil sie uns von unserer eigenen Kultur entfremden und uns gegen unsere Religion aufbringen will."
"Hat das nicht eher die Sowjetunion getan?"
"Die Sowjetunion hat uns mit Waffen besiegt, aber Europa will an unsere Köpfe heran."
"Aber wie kommen Sie denn darauf? Sie müssen doch Belege haben für Ihre Behauptung."
"Schauen Sie, in Deutschland werden Kinder von ihren Eltern getrennt, wenn die Eltern den Sexualunterricht kritisieren, wenn sie sagen, dass Homosexualität etwas Schlechtes ist."
"Ich komme aus Deutschland, ich habe noch nie davon gehört, dass man deswegen Kinder von ihren Eltern trennt."
"Aber das ist belegt!"
"Und woher wissen Sie, dass Ihre Belege stimmen?"
"Ich kann Ihnen die Berichte zeigen mit Fotos und allem, das sind alles belegte Fälle", versichert Haik und schreibt sich meine Mail-Adresse auf.
Nachts klicke ich mich durch die Links, die Haik Ayvasian mit freundlichen Grüßen geschickt hat. Die Berichte informieren über die Reform des Sexualunterrichts in Baden-Württemberg. Es ist nicht die Rede davon, dass Kinder von renitenten Eltern getrennt würden, aber ich kann mir schon vorstellen, dass man es aus den Artikeln herauslesen kann, wenn man den Kontext nicht kennt, schließlich ist die Teilnahme am Sexualunterricht zwingend. Haik hat auch YouTube-Videos verlinkt, die mit versteckter Kamera zeigen sollen, wie deutsche Jugendämter mithilfe der Polizei Kinder aus ihren Elternhäusern abholen. Er bietet an, mich morgen noch einmal zu treffen und mich seinen Freunden vorzustellen, damit ich besser verstehe, warum sie die Welt von heute sehen, wie sie sie sehen. Es wäre lohnend, mit ihm weiterzureden, denke ich, denn er hört zu und versucht, sich begreiflich zu machen. Ob er auch mit den Gleichaltrigen reden würde, die aus der Filmvorführung gekommen sind? Und sie mit ihm?
Ich werde es nicht herausfinden, denn in aller Herrgottsfrühe brechen wir auf, damit wir für die Fahrt nach Bergkarabach den Umweg über den See Sewan nehmen können, über den Ossip Mandelstam einige seiner bewegendsten Notizen hinterlassen hat. Die Reise nach Armenien war ein letztes Aufatmen, bevor der Dichter verhaftet wurde, die letzten Jahre seines Lebens in Armut und Ächtung, Verfolgung und Fron verbrachte und schließlich 1938 unter den elenden Umständen eines sibirischen Arbeitslagers starb. Auf die Frage, die ihm nach der Reise bei einer seiner letzten öffentlichen Lesungen provokativ gestellt wurde, wodurch sich seine Dichtung denn überhaupt charakterisiere, antwortete er knapp: "Sehnsucht nach Weltkultur."
Elfter Tag
Ohne dass uns Armenien jemals verabschiedet hat, taucht ein Schild auf, auf dem uns die Republik Bergkarabach willkommen heißt. Der Schlagbaum besteht aus einer simplen Holzstange, an der eine Kordel hängt, und ist hochgefahren. Um sicherzugehen, dass wir nicht illegal die Grenze überqueren, parkt der Fahrer dennoch den Wagen. Der Beamte, den wir hinter seinem Schreibtisch vorfinden, studiert sogar die leeren Seiten des deutschen Reisepasses mit Hingabe und nickt bedeutungsvoll. Ohne nach dem Grund der Reise gefragt zu haben, händigt er den Pass ungestempelt wieder aus und sagt, ich müsse in der Hauptstadt Stepanakert ein Visum beantragen. Dann begleitet er uns zum Auto, verabschiedet sich mit Handschlag und schaut uns lange nach. Seltsamer Staat, denke ich, wo man die Erlaubnis zur Einreise erst erhält, nachdem man eingereist ist.
Wir halten beim Kloster Dadiwank an, das einer Legende zufolge im ersten Jahrhundert nach Christus gegründet worden ist. Die heutigen Gebäude mitsamt der Kirche wurden seit dem neunten Jahrhundert auf einer Anhöhe in ein steiles, waldiges Gebirge gebaut, das heute noch genauso einsam und sich selbst überlassen wirkt, als wäre seitdem nichts auf Erden geschehen. Weder verbergen die Fresken ihr Alter, noch sind die Kabel hinterm Putz oder auch nur einer Fußleiste versteckt. Eine Wand ist vollständig von Ruß bedeckt, an einer anderen zeichnen sich die Umrisse einer Treppe ab, die einmal zu einer Empore geführt haben muss. Der Hirte, der zur Zeit der Sowjetunion mit seiner Familie in der Kirche gewohnt hat, soll sich gesorgt haben, dass seine Kinder von der Treppe fallen, deshalb riss er sie ab. Am Ruß erkennt man, wo der Herd stand, der zugleich Ofen war. Auf den alten Perserteppichen, die den Boden heute bedecken, haben schon viele Gläubige und ebenso die Vögel im Dachstuhl ihre Spuren hinterlassen. Wieder frage ich mich, was den Zauber dieser Räume ausmacht, die doch viel besser, viel authentischer hätten restauriert werden können. Es ist nicht nur, dass sie ihre Geschichte zeigen, alle Erfahrungen, Schmerzen und Glück, wie ein uraltes Gesicht oder eben die Rinde eines Baums. Der Zauber entsteht auch aus dem Zufälligen, dem Unvollkommenen, das die Jahre zusammengewürfelt haben, selbst den Kabeln, dem Ruß, den Löchern im Teppich, dem Lichteinfall und den Vögeln, die jeder Sekunde eine andere Wendung geben, weil nur Gott ewig und vollkommen ist.
Pater Hovhannes Houhamesyan, ein hochgewachsener, athletischer Mann mit sorgsam geschnittenem Bart und nach hinten gekämmten Haaren, erklärt uns, dass er einen Vertrag mit den Vögeln habe.
"Einen Vertrag?"
"Ja, dass sie überall wohnen können, nur nicht in der Kirche."
"Und?"
"Sie halten sich einfach nicht daran."
Pater Hovhannes hat ein geradezu intimes Verhältnis zu seiner Kirche, weil es in der Einsamkeit weder eine Gemeinde im eigentlichen Sinne gibt noch ein klösterliches Leben, nur die Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen für die umliegenden Dörfer und einzelne Beter, gelegentlich armenische Touristen, den Kiosk einer alten Frau und die Bauarbeiter, die nach 24 Jahren immer noch nicht fertig sind mit der Renovierung. Vor der Befreiung sei die ganze Region noch von Türken besiedelt gewesen. Dass es wohl eher Kurden waren, die unter den Türken selbst viel gelitten haben, und mit den Türken aber auch gar nicht Türken, sondern Aserbaidschaner gemeint sind, solche Differenzierungen scheinen dem Pater nicht bewusst zu sein oder verwischen sich im Krieg.
"Es gibt kein Land, das Aserbaidschan heißt", beharrt er, als ich frage, warum er die Aserbaidschaner Türken nennt.
Dass die Bewohner ihre Häuser aufgeben mussten, findet er nur folgerichtig, schließlich hätten lange vor den Türken bereits Armenier hier gelebt. Man müsse nur das Alter der Kirchen und der Moscheen vergleichen, beinah 2000 gegen allenfalls 200 Jahre, um zu wissen, wem dieses Land gehört. Vergebens versuche ich, Pater Hovhannes ein Wort des Mitgefühls für die Menschen zu entlocken, die ihre Heimat verloren haben, einfache Bauern und Hirten. Heimat?, fragt der Pater, der als Armeepriester an der Front gedient hat. Ja, Heimat, sage ich, für den Einzelnen sei es doch Heimat, wenn man an einem Ort geboren und aufgewachsen ist, egal was vor 200 oder 2000 Jahren war. Der Pater jedoch mag nicht auf Einzelne eingehen, er spricht von den Türken nur als Kollektiv, das die Armenier vertrieben und massakriert habe. Ich versuche es über die Feindesliebe, die das eigentlich Spezifische am Christentum sei: Was bedeute sie an der Front? Wie auf einer Kanzel erhebt der Priester die Stimme und erklärt feierlich, dass man als Christ niemals einen Krieg anfangen dürfe.
"Gut", sage ich, "aber wenn man nun einmal im Krieg ist – hat die Feindesliebe dann irgendeine Bedeutung?"
"Wir mussten unser Land verteidigen gegen den Feind."
"Aber liebten Sie den Feind?"
"Es gibt eine Regel", sagt der Priester langsam und lehnt im Stehen den Oberkörper zurück, als verschaffte er sich damit Luft: "Der Feind muss wenigstens eine Chance bieten, damit man ihn liebt. Aber das tun die Türken nicht. Sie sind dazu erzogen worden, uns zu hassen, uns zu töten. Sie geben uns keine Chance, sie zu lieben."
"Dann wäre es ja einfach!", entfährt es mir nicht sehr ehrfurchtsvoll: "Wenn der Feind Ihnen eine Chance böte, ihn zu lieben, dann wäre er kein Feind mehr. Das Besondere an Christus ist doch, dass er sagt, du sollst nicht nur deinen Nächsten lieben, sondern deinen Feind. Also den, der dich hasst oder dir schaden will oder dich jedenfalls ablehnt. Den sollst du lieben. Ist das möglich?"
"Ja, wenn wir friedlich mit ihnen zusammenleben würden, also die verschiedenen Religionen, dann könnten wir sie auch lieben. Aber im Krieg geht das nicht."
"Warum nicht?"
"Du kannst keinen Menschen töten, den du liebst."
"Und wie war das dann für Sie, als Sie an der Front waren?"
"Wenn du dir in dem Augenblick, wo du auf jemanden zielst, sagst, dass du ihn liebst, dann kannst du nicht abdrücken, das geht einfach nicht. So war das für mich. So ist das im Krieg."
Im nächsten Heft: Durch Armenien und nach Iran, dort ans Kaspische Meer, dann weiter bis nach Teheran
Von Navid Kermani

DER SPIEGEL 2/2018
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