DER SPIEGEL

ReiseFrischer, kalter Melonensaft

Der Schriftsteller Navid Kermani fährt von Bergkarabach, einem Außenbezirk des europäischen Kontinents, ins Land seiner Eltern: Iran.
Kermani, 50, ist Schriftsteller und lebt in Köln, für den SPIEGEL hat er diese insgesamt 13-teilige Reportage verfasst. Am 26. Januar erscheint die vollständige Fassung als Buch: "Entlang den Gräben – Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan" (C. H. Beck).
Zwölfter Tag
Stepanakert ist keine schöne, dafür aber auch keine arme Stadt. Man sieht den Straßen an, dass viel Geld nach Bergkarabach geflossen ist, mehr jedenfalls als in jede armenische Kleinstadt. Denn klein ist Stepanakert mit gerade mal 50 000 Einwohnern, obwohl es nun Hauptstadt einer zwar nicht anerkannten, aber doch selbstbewussten Republik ist, klein wie alles in Bergkarabach außer den Bergen, die die Hochebene von drei Seiten umfassen. Besonders Diaspora-Armenier beweisen ihren Patriotismus, indem sie sich für den Aufbau der jungen Republik engagieren; sie spenden, investieren, verbringen ihren Urlaub oder leisten einen Freiwilligendienst wie junge amerikanische Juden in Israel. Auch eine Schnellstraße gibt es, die einmal quer durchs Land führt, und einen neu gebauten Flughafen, von dem wegen des Krieges noch nie ein Flugzeug abgehoben hat. Zu unserer Überraschung schwingen die Türen dennoch auf, sodass wir in den blitzblanken Terminal spazieren können.
Wir können uns an die Counter stellen, einen Gepäckwagen nehmen, auch die Toiletten benutzen. Auf der Anzeige steht, dass der Check-in um 15.30 Uhr beginnt, aber das ist nur ein Test, erfahren wir vom Flughafenmanager, der vielleicht auch nur ein gut gekleideter Hausmeister und jedenfalls die einzige anwesende Person im gesamten Gebäude ist.
"Könnte heute Mittag ein Flugzeug landen?"
"Ja, absolut", versichert der Manager, für den ich ihn mal halten will, und erklärt, dass einmal die Woche eine Übung abgehalten werde, um eine Landung zu trainieren. Dann zeigt er auf den Kontrollturm, von dem tatsächlich – ich glaub's nicht – zwei Fluglotsen herabwinken.
"Und was tun die Fluglotsen?"
"Sie warten", sagt der Manager.
Wir fahren zurück ins armenische Kernland und weiter Richtung Iran. Je weiter wir nach Süden kommen, desto mehr persische Schriftzüge tauchen am Wegrand auf, für Hotels, Restaurants oder Disco Dancing, und desto schäbiger werden die sozialistischen Wohnblocks. Das Orientalischste an den Städten und Städtchen ist das Gewimmel auf den Straßen und Bürgersteigen, das es bei gleicher Architektur nördlich des Kaukasus nirgends gab. Dass die Szenerien so dörflich wirken, liegt außerdem an den wenigen Autos und dem Schwarz, das die alten Frauen tragen. Ich stelle mir vor, wie der erste Eindruck ist, wenn man aus umgekehrter Richtung kommt: ernüchternd, weil man die Armut nicht mit Armeniern verbindet, die in Iran zum Mittelstand gehören, und unter Disco Dancing sich etwas anderes vorgestellt hat als eine Kaschemme im Erdgeschoss eines Plattenbaus, dessen Fassade ansonsten gütig von trocknender Wäsche versteckt wird.
Als wir den Fluss Arax erreichen, hinter den das zaristische Russland Iran zurückgedrängt hat, erblicke ich eine andere, die mir so vertraute Landschaft: das warme Braun der weiten, kahlen Hänge, das in der Abendsonne aufglüht, scharf getrennt vom leuchtenden Grün der Täler, durch das sich das rauschende Wasser wie eine Silberkette zieht. Der Kaukasus mit seinen tiefen Schluchten und steilen Bergen, die mit Wäldern, Sträuchern oder Gräsern überzogen sind, könnte keine natürlichere Grenze haben als diese, so willkürlich sie im 19. Jahrhundert auch gezogen worden ist.
Nach der armenischen Passkontrolle laufe ich mit meinem Koffer wie in einem Agentenfilm mutterseelenallein über die breite Brücke, an deren Ende indes keine schwarze Limousine wartet, sondern ein Zöllnerpaar, wie es das nur in der Islamischen Republik Iran geben kann. Während der Jüngere, der Uniformierte, der meine Daten in den Computer tippt, schmale Koteletten und zu einem Spitzdach gegelte Haare trägt, als träte er nachher noch bei MTV auf, fläzt sich der Ältere, der Vorgesetzte offenbar, im Jogginganzug von Adidas auf dem Stuhl und scheint auf seinem Bildschirm die Einträge mitzulesen, falls er sich nicht irgendwelche YouTube-Videos anschaut. Beide sind glatt rasiert, was allein für iranische Beamte lange Zeit undenkbar war, weil die revolutionäre Ideologie mindestens einen Dreitagebart verlangte. Demnächst binden sie sich noch Krawatten um, dann ist die Revolution am Ende.
Etwas ist mit meinen Daten nicht in Ordnung, sodass der Vorgesetzte in seinen Sneakers davonschlurft. Als er zurückkehrt, fordert er mich auf mitzukommen. Das Du zwischen Staat und Bürger, das mit den zirzensischen Floskeln persischer Konversation radikal gebrochen hat, ist noch von der Revolution geblieben. Im Eingangsbereich des Amtszimmers, in das ich geführt werde, ist der Teppichboden ausgeschnitten, damit man auf dem Linoleum seine Schuhe auszieht wie vor einer Moschee. Durch die offene Tür entdecke ich im Nebenzimmer zwei Beine, die in Pyjamahose auf dem Schreibtisch liegen. Bauern, denke ich in meiner bourgeoisen Arroganz, nicht mal ein Arbeiter-, sondern nur ein Bauernstaat: Die Zöllner, ich bin sicher, der schnieke MTVler wie der vermeintliche Sportler und erst recht der Fromme, zu dem die beiden Beine in Pyjamahose gehören, ebenso die meisten Minister, Botschafter, Generäle, Staatssekretäre, millionenschweren Chefs der staatlichen Betriebe und religiösen Stiftungen, sie haben ein, zwei, allenfalls drei Generationen nach der Landflucht noch die Sitten und die Lebensweise der Provinz. Ihr Du, das ist nicht der Genosse, das ist noch das Dorf.
"Ya Ali!", höre ich, womit der erste Imam der Schiiten angerufen ist, und kurz darauf tritt ein bärtiger Offizier ins Zimmer, ohne Uniformweste, das grünbraune Diensthemd halb über der dunklen Hose, und entschuldigt sich als Erstes, dass ich die Schuhe ausziehen müsse. Falls mir das Umstände bereite, käme er nach draußen, aber hier drinnen hätten wir's gemütlicher. Dann lädt er mich ein, auf einem der Sofas Platz zu nehmen, und fragt mit dem beruhigenden Sie in der Anrede und im Tonfall so unterwürfig, wie es das persische Höflichkeitsritual verlangt, nach Beruf, Ausbildung, Familie, Reiseroute, Adresse in Deutschland, Adresse in Iran, Telefonnummer in Deutschland, Telefonnummer in Iran und so weiter. Ich erkundige mich, ob ich derweil mein Handy aufladen darf, da zieht der Offizier den Stecker des Fernsehers aus der Dose, in dem der staatliche Nachrichtenkanal CNN zu kopieren versucht, nur dass die Anchorwoman Tschador trägt und die Korrespondenten Bart. Einmal bittet der Offizier mich um Rat, was noch zu fragen wäre, da nenne ich ihm das Jahr, in dem meine Eltern aus Iran ausgewandert sind. Wieso er das alles aufschreibe, möchte ich wissen. Das sei leider eine Vorschrift bei Auslandsiranern; er bitte vielmals um Nachsicht, dass er mir meine sicher sehr kostbare Zeit stehle. Offenbar gehört zur Vorschrift seit Neuestem auch, Auslandsiranern freundlich zu begegnen. Der Bürger, den man beschimpfte, der will man jetzt selbst sein.
Das war die letzte Grenze, die ich auf dieser Reise überschritten habe, fällt mir ein, als ich mit dem erstbesten Taxi am südlichen Ufer des Arax in die Nacht fahre. Nach ein paar Kilometern ist es nicht mehr Armenien, das auf der anderen Seite liegt, sondern die Autonome Republik Nachitschewan, die ein Kapitel für sich wäre. Soviel für die europäische Einigung spricht, so schwierig die Lebensverhältnisse und politischen Zustände nach Osten und Süden werden, hat es doch auch etwas Schönes, wenn Grenzen noch Grenzen sind und es einen Unterschied macht, ob man diesseits oder jenseits ist, einen wirklichen Unterschied nicht nur der Sprache, sondern der Systeme, Lebensweisen, Kulturen und Erfahrungen, wie es ihn so tief greifend innerhalb der Europäischen Union nicht mehr gibt und nicht einmal innerhalb des Westens insgesamt. Nur offen müssen die Grenzen sein, sonst lernt man die Unterschiede gar nicht kennen und also auch nicht sich selbst.

Dreizehnter Tag
Die Küste des Kaspischen Meeres, die in meiner Kindheitserinnerung aus Urwäldern, Maisfeldern, einsamen Stränden, Fischerdörfern und hier und dort Villen besteht, ist von den Bergen aus gesehen eine einzige, endlos sich hinziehende Stadt, durch die eine Autobahn führt. Am Stau vorbei, der sich auf der gegenüberliegenden Fahrbahn mehr als hundert Kilometer Richtung Kaspisches Meer zieht, überqueren wir das Albors-Gebirge. Vor dem Wochenende liegt günstig ein Feiertag, einer von so vielen: Neben den allgemein islamischen und nationalen Festen gibt es nämlich noch die rein schiitischen Feiertage, von denen die meisten Trauertage sind: Sie erinnern sämtlich an ein Martyrium, das Martyrium des ersten Imams oder des zweiten, dritten, vierten bis elften sowie das Verschwinden des zwölftes Imams, für dessen Wiederkehr der vormalige Präsident Mahmoud Ahmadinejad wohl das Weltende herbeizuführen suchte mit seinen Drohungen gegen Israel. Kein Wunder, dass mit dem schiitischen Islam kein Staat zu machen ist, wenn dem Volk ständig zum Weinen freigegeben wird! Und da habe ich noch gar nicht das Neujahrsfest mit sage und schreibe 13 weiteren Feiertagen erwähnt, die sich kein Iraner von egal welcher Regierung nehmen lässt.

Vierzehnter Tag
Schon oft habe ich gedacht: Die Verwandten, die in Iran geblieben sind – die wenigen –, haben eine ganz eigene Güte, die ich unter uns Auslandsiranern nicht finde. Schwer ist sie zu beschreiben – die Festessen, die sich jagen, die Tage, die man sich eigens für Besuch freinimmt, die Nachsicht gegenüber unseren Macken und Marotten, das Glas frischen, kalten Melonensafts, das schon beim Eintreten aus der heißen, knochentrockenen Stadtluft auf dem Garderobentisch steht – und noch schwerer zu erklären. Sind es die tieferen Einschnitte eines Lebens mit Revolution und Krieg, und nicht nur des Lebens, sondern auch der kollektiven Erinnerung an Unterdrückung und vergebliches Aufbegehren, Opfer und jedes Mal neuen Niedergang? Ja, die Vergeblichkeit ist es wahrscheinlich; wer auswandert – erst recht, wer in die Neue Welt auswandert wie der größte Teil meiner Verwandtschaft –, achtet vielleicht eher auf die Möglichkeiten, beginnt bei null, und dann geht es aufwärts. Hier lebt man seit 50 Jahren oder 60 oder, wie meine Tante, seit 95 Jahren und hat jedenfalls subjektiv den Eindruck, dass noch jede Hoffnung getäuscht hat. Das erzeugt vielleicht auch eine Freundlichkeit gegenüber denen, die sich dennoch interessieren, den Touristen und Verwandten aus dem Ausland.
Sicher, unsere Familie ist alles andere als repräsentativ, gehört sie doch der bürgerlichen Schicht an, deren Ansichten, alltägliche Abläufe, Wohnungseinrichtungen, Geschlechterverhältnisse, Lektüren, amerikanische Serien nicht so viel anders als die eines westlichen Bürgertums sind. Selbst den Alkohol nimmt man sich inzwischen in die besseren Restaurants mit, natürlich nicht mit Etikett, sondern in Wasser- oder Limonadenflaschen, die man zum Einschenken aus der Plastiktüte hervorholt. Man muss also nicht einmal mehr nach Baku oder Tiflis, Eriwan oder Antalya fliegen, um wie in Europa auszugehen. Entlang der Stadtautobahnen kündigen die Leuchtreklamen ein Konzert der Gipsy Kings an.
Dass das Bürgertum immer noch die Großstädte prägt, mag Besucher so sehr erstaunen wie Teherans modernes Stadtbild; tatsächlich konnte es die antiwestliche Revolution ja nur geben in einem Land, dessen Bildungseliten wie in kaum einer anderen Nation im Nahen Osten verwestlicht waren. Aber inzwischen hat jeder von uns einen Großteil der Familie im Ausland, und das Schlimme ist: Fast jeder sucht nach einer Möglichkeit, die Kinder spätestens zum Studium fortzuschicken. Den Staat freut es, dann hat er noch mehr Platz für seine armen Leute, die inzwischen oft in Geländelimousinen durch Teheran fahren und in den wohlhabenden Norden der Stadt ziehen, die Wohnungen der Bürger also benötigen, reich geworden sind, aber immer noch ihre Arme-Leute-Kultur haben, statt mit Hafis und Rumi aufgewachsen zu sein, die Toleranz und Feindesliebe auch ohne den westlichen Bildungskanon lehren. Dass der riesige See, der am Rande von Teheran angelegt worden ist, wörtlich übersetzt "See der Märtyrer des Persischen Golfs" heißt, finden die Neubürger für ein Naherholungsgebiet ganz normal und breiten ihre Decken, Thermoskannen, Grillgeräte und Wasserpfeifen gern am Wasser aus, das in der Landwirtschaft immer knapper wird.
In Teheran selbst trifft man die aufsteigenden Schichten in einem neuen Park beidseits der Stadtautobahn, über die eine grellgrün angeleuchtete, dreistöckige Fußgängerbrücke führt, "Brücke der Natur" genannt. Unter einer zeltartigen Konstruktion, die an den Münchner Olympiapark erinnert, herrscht an den Wochenenden Rummel noch nachts um zwei. Einerseits ist es gut, dass sie sich jetzt mischen, dass auch die Tschadoris da sind, wo die Skateboarder mit den gewagten Frisuren hin und her springen, dass der Stadtraum nicht mehr nur dem alten Bürgertum gehört. Aber dann sucht man in der Foodcorner, die so groß wie der Viktualienmarkt ist, nach einem annehmbaren Essen, für uns annehmbar, meine ich, die bürgerliche Schicht, und findet ausschließlich Steaks, Nachos und westliches Fast Food. Und die Polizei hält in diversen Formationen die Knüppel bereit, falls aus dem Rummel eine Versammlung wird.
Ich fahre in den äußersten Süden zum Behescht-e Sahra, dem Paradies der Prophetentochter Sahra, ein Friedhof, so groß wie eine Stadt, mit Straßen, Bushaltestellen, Restaurants, Ampeln, Geschäften und Verkehrsschildern, nur dass die Lebenden ausschließlich Besucher sind. Dort, wo die Gräber der Märtyrer beginnen, stand während des Krieges gegen den Irak ein großer Brunnen, aus dem das Wasser blutrot sprudelte. So dick das auch aufgetragen war, so effekthascherisch, habe ich das Bild vor Augen, seit ich mit 13 oder 14 Jahren das letzte Mal den Friedhof besuchte, der in Iran Paradies genannt wird. Die Gräber liegen so dicht beieinander, dass man über die Steine und zwischen den Stellwänden hindurchgehen muss, in denen die schwarz-weißen Porträtfotos mit Weichzeichner aufgehängt sind. Endlos geht das, die Grabreihen mit Blech überdacht wie Parkplätze. 17, 18, 19, 20 Jahre sind die Gefallenen, einzelne Erwachsene darunter oder auch mal ein alter Mann. Oft steht zwar der Todestag, aber nur das Geburtsjahr auf dem Grab, vielleicht weil man auf dem Dorf keinen Geburtstag feierte, ihn oft nicht einmal selbst wusste. Pick-ups fahren umher, aus denen schiitische Trauergesänge erklingen, mit monotonen Trommelschlägen fast wie von einem Technobeat unterlegt. Auf einem Ehrenfeld liegen Eltern, die der Nation mehrere Kinder geopfert haben. "Zwei aufwärts und fünf abwärts haben wir", sagt ein Wärter, als würde er sein Sortiment erklären. 30 Jahre ist der Krieg vorbei, aber die meisten Gefallenen sind so jung, dass sie kaum schon Frauen, kaum Kinder gehabt haben werden. Wer trauert dann um sie? Viele Eltern mögen selbst schon verstorben oder jedenfalls sehr alt sein.
"Solange die Flammen der Märtyrer glühen, brennt der Hochofen der Islamischen Republik", sagt ein Mann von vielleicht 50 Jahren, der Wasser über eine Grabplatte schüttet und mit einem Tuch den Staub wegwischt. Mit Jeans, Poloshirt und frisch rasierten Wangen sieht er nicht aus, als würde er sich selbst am revolutionären Feuer erwärmen. Sein Bruder fiel 1985, als der Feind längst zurückgeschlagen war. "Fast eine Million Märtyrer, das muss man sich vor Augen halten, eine Million Familien, die sich von den Zuwendungen, Vergünstigungen und Posten nähren, dazu die Versehrten, noch mal eine Million oder zwei plus deren Familien: Das ist ihr Kapital. Nicht umsonst hat Khomeini den Angriff Saddam Husseins ein göttliches Geschenk genannt."
Einen alten Herrn mit weißem Stoppelbart, der zwei volle Gießkannen trägt, frage ich nach der Blutfontäne. Nein, die gebe es schon lange nicht mehr, antwortet er und stellt die Gießkannen ab. Ob ich etwa zum ersten Mal hier sei? Er hat seinen Sohn verloren und findet nicht, dass es einen Unterschied macht, ob jemand am Anfang oder am Ende des Krieges gefallen ist. So oder so hat sein Sohn die Krone des Martyriums erlangt.
"Viele meinen, der Krieg hätte früher beendet werden müssen", wende ich ein.
"Da irren sich die vielen", erwidert der Alte: "Wir hatten bis zum Ende alle Chancen auf Sieg."
"Aber warum hat der Revolutionsführer dann den Schierlingsbecher getrunken?", frage ich in Anspielung auf Khomeinis berühmten Satz, dass die Einwilligung in den Waffenstillstand für ihn wie das Trinken eines Giftbechers gewesen sei.
"Das meine ich ja, das Ende kam überraschend, wir waren doch kurz vorm Sieg."
"War es etwa falsch?"
"Die Leute waren einfach erschöpft, das ist die Wahrheit", sagt der Alte und erinnert an die schweren Giftgasangriffe und den Abschuss einer iranischen Passagiermaschine durch ein amerikanisches Kriegsschiff über dem Persischen Golf: "Wir hätten gewinnen können, aber die Füße trugen nicht mehr. Ich meine, das ist vielleicht auch menschlich, und Imam Khomeini hat unsere Schwäche gesehen."
Mit dem heutigen Staat ist er nur halb zufrieden, genau gesagt mit der Hälfte der Konservativen: Die Wirtschaft liege am Boden, das Land werde schlecht verwaltet – daran trägt natürlich Präsident Hassan Rohani Schuld, der das Land, wenn er könnte, an den Westen verkaufen würde. Dafür traue sich kein Land der Welt, nicht einmal Amerika, Iran anzugreifen – dafür bürgt "unser" starkes Militär, das dem Revolutionsführer nahesteht.
"Wir haben unsere Lektion aus der Geschichte gelernt", ist der Alte froh, dass Iran in der Lage wäre, die Atombombe zu bauen.
Abends ziehe ich durch die neuen Cafés in Südteheran. Südteheran? Ja, die Künstler, die coolen Gastronomen und Teherans Jeunesse dorée haben den Süden entdeckt, wo die Immobilien noch bezahlbar sind und die Patina sich von selbst einstellt. Alt heißt in Teheran allerdings Sechziger-, frühe Siebzigerjahre, allenfalls mal ist ein Gebäude aus der Zeit von Schah Reza unter den Galerien und Szenekneipen dabei, in denen Funk-Musik läuft, auf der Speisekarte traditionelle Gerichte stehen und Kräuterlimonaden nach altem Hausrezept getrunken werden.
In einem der Einfamilienhäuser mit Innenhof, das in ein Café verwandelt worden ist, hängen an den Wänden die schwarz-weißen Familienfotos der ersten Bewohner. Sie sehen wie Bilder aus dem heilen Amerika aus, der Vater im Anzug mit schmaler Krawatte, den geschniegelten Sohn an der Hand, der Sohn auf dem ersten Fahrrad, die Mutter im knielangen Rock, ohne Kopftuch natürlich, strahlend vor Glück, Hausfrau zu sein. Der Wirt hat die Familie, die nach der Revolution ausgewandert ist, irgendwo in Amerika aufgetan und um Erlaubnis gebeten, ihre Fotos auszustellen.
Von Narvid Kermani

DER SPIEGEL 3/2018
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