DER SPIEGEL

Iran„Freiheit ist billig für uns“

Navid Kermani über die Proteste, die derzeit die Islamische Republik erschüttern
SPIEGEL: Herr Kermani, was lösen die Bilder der iranischen Demonstranten in Ihnen – einem, wie Sie in Ihrem Reisebericht schreiben, "Auslandsiraner" – aus?
Kermani: Es berührt mich natürlich sehr, dass die Menschen trotz der Repressionen, der wirklich konkreten Gefahren für jeden einzelnen Demonstranten, immer wieder und in so großer Zahl den Mut finden, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen. Das macht auch demütig, weil wir den Preis der Freiheit kaum noch kennen, so billig ist sie für uns.
SPIEGEL: Was treibt die Menschen auf die Straße?
Kermani: Es ist nicht nur die politische Unfreiheit – aber die natürlich auch. Es ist die Wut über die Lebensperspektiven, die insbesondere den jungen Menschen von den Herrschenden geraubt werden, die Korruption, der Raubbau, den die Revolutionswächter und die staatsnahen Stiftungen an den finanziellen und natürlichen Ressourcen des Landes üben, übrigens auch die schlimme Luftverschmutzung, die die Leute unmittelbar nervös macht, der selbst verschuldete Wassermangel. Und so weiter und so weiter. Dieses Land wird nicht nur diktatorisch, es wird einfach auch schlecht regiert.
SPIEGEL: Was müsste sich in Iran ändern, damit es nicht zu solch heftigen Protesten kommt? Könnten Reformen innerhalb des bestehenden Systems helfen?
Kermani: Das ist die andere Seite: Die Menschen fürchten sich sehr, dass aus Iran ein zweites Syrien, ein zweiter Irak wird. Aber wenn sich das System nicht reformiert, wird der Druck irgendwann zu viel, dann brechen Chaos und Gewalt aus. Denken Sie nur daran, dass fast die Hälfte der Iraner keine persischen Muttersprachler sind und was in anderen Vielvölkerstaaten geschehen ist.
Interview: Jurek Skrobala
Von Jurek Skrobala

DER SPIEGEL 3/2018
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