DER SPIEGEL

NostalgieNelken welken

Der Gedenktag für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ist das Allerseelen der Linken.
Der Arbeiter verhalte sich, so Marx, zum Produkt seiner Arbeit wie zu einem "fremden Gegenstand".
Auch die Werktätigen in den überseeischen Großgärtnereien werden kaum wissen, warum sie einmal im Jahr die Produktion von roten Nelken für Berlin um ein Vielfaches heraufsetzen müssen. Und die asiatischen Verkäuferinnen, die im eisigen Wind auf der S-Bahn-Brücke unweit des Zentralfriedhofs Friedrichsfelde sitzen, haben nur eine vage Ahnung, warum so viele Menschen am Sonntagmorgen um acht diese Blumen brauchen.
"Jemand gestorben, ja?", sagt eine. "Traurig, traurig."
Die Todesfälle liegen 99 Jahre zurück, am 15. Januar 1919 wurden die Arbeiterführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Freikorpssoldaten ermordet. Am zweiten Sonntag des Jahres, dem Allerseelen der Linken, wird ihrer gedacht, auf dem einstigen Armenfriedhof, wo Liebknechts Gebeine vermutlich noch begraben sind und Luxemburgs womöglich nie begraben waren, ihr Verbleib ist ungewiss. Die Menschen ziehen zu Tausenden zur Gedenkstätte der Sozialisten und legen dort die Nelken nieder, das Stück zu einem Euro.
Aus Lautsprechern schallt Chopins Trauermarsch. Die Menge bewegt sich im getragenen Takt der Musik, als folge sie einer geheimen Choreografie. Der Reigen gemahnt an einen frühkirchlichen Gottesdienst, nur eben ohne Gott. Ein Friedhofswärter streut Sand auf den Weg ringsum. "Achtung, Blitzeis!", ruft er. "Et herrscht akute Unfalljefahr."
Am Rande der Gedenkstätte franst das Weihevolle aus, es zeigt sich die Dialektik von Pathos und Banalität. Dort steht eine Reihe mobiler Toiletten, so diskret, wie mobile Toiletten auf einem Friedhof eben stehen können. An den Ständen dahinter werden Glühwein und Bratwurst angeboten, man kann auch Abonnements bei etwa einem Dutzend sozialistischer Kleinstzeitungen abschließen.
Ulli Zelle, der rasende Reporter des RBB, weist seinen Kameramann an, sich rasch zum Parkplatz zu begeben. Dort wird in Kürze die Parteispitze vorfahren. "Ich will die Wagenknecht", raunt er ihm zu.
Um halb zehn entsteigt die Fraktionsvorsitzende ihrer Limousine. Im Licht der tief stehenden Sonne sieht sie aus, als bestünde sie aus einer edleren Substanz als ihr Mann Oskar Lafontaine, der ihr die Tür aufhält. Sie hat einen schwarzen Mantel an, auf dessen Pelzkragen ihr Dutt ruht wie eine schlafende Katze. Für einen Moment ist es vorstellbar, dass sie nun gleich ein Märchenschloss bezieht, als Königin eines utopischen Landes.
Die Chopin-CD springt wieder auf Anfang, Wagenknecht schreitet den gestreuten Weg entlang, durch das Spalier der Trauernden. Der Kameramann vom RBB stellt sich für die bessere Perspektive auf die Gedenktafel von Otto Grotewohl, Wagenknechts Gesicht schimmert, als sie den Kranz niederlegt, auf den Berg von roten Nelken. Sie hält inne, ganz so, als wäre sie eine nahe Verwandte der Verstorbenen, eine Enkelin womöglich. Hinter ihr wartet Gregor Gysi, bis er auch endlich mal dran ist.
Auf dem Rückweg gibt Wagenknecht ein Interview, sie sagt: "Im entfesselten Kapitalismus wird Rosa Luxemburgs Botschaft immer wichtiger." An ihrem Wagen wird sie noch von einer Greisin angesprochen, die eine Breschnew-Fellmütze trägt, eine Uschanka, auf deren Stirnklappe Hammer und Sichel prangen. "Viel Kraft wünsch ich dir, Sahra", sagt die Frau. "Bleib bei deiner Linie. Wir haben uns ja so dafür eingesetzt, dass die SED sich nicht auflöst." Die Fraktionsvorsitzende lächelt kühl. Dann steigt sie mit Lafontaine in den Fond und wird davongefahren.
Auf dem frei gewordenen Parkplatz hält kurz darauf ein Lieferwagen. Ein Vietnamese lädt 20 Kübel roter Nelken aus, die schon bald verwelkt sein werden.
Von Dirk Gieselmann

DER SPIEGEL 4/2018
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