DER SPIEGEL

KommentarEthisch unreif

Das fahrerlose Auto ist eine gute Idee – bei dem Billigtaxibetreiber Uber jedoch in schlechten Händen.
Die 49-jährige Frau, die am 18. März in Tempe, Arizona, als erste Passantin der Welt von einem Roboterauto überfahren wurde, erlangte eine ebenso traurige Berühmtheit wie die Person, die zur Sicherheit hinterm Steuer saß. Videoaufzeichnungen der Bordkameras kursierten bald im Internet. Sie zeigen kurz das Opfer und sehr ausgiebig eine erkennbar unkonzentrierte Frau auf dem Fahrersitz. Unabhängig davon, dass hier ein krudes Verständnis von Persönlichkeitsrechten herrscht, dürften die Aufnahmen dem Fahrzeugbetreiber Uber wohl keine Argumente liefern, mit denen sich erneut von seinen technischen Problemen ablenken ließe. Der Fahrdienstleister, nicht gerade von sozialen Skrupeln gepeinigt, schob schon einmal die Schuld auf Sicherheitsfahrer (und hat laut "New York Times" auch einen gefeuert), als Uber-Versuchswagen 2016 in San Francisco mehrfach Ampelsignale missachteten und ein Gefährt sogar bei Rot einen Fußgängerweg querte. Es gab Streit mit den dortigen Behörden, und Uber startete eine Testreihe in Arizona, wo nun der Roboter ungebremst in einen Menschen fuhr. Uber ist kein Technologietreiber, eher ein Trittbrettfahrer der Automobilrobotik, nach einer Expertise des Beratungsunternehmens Navigant technologisch ähnlich weit abgeschlagen wie der Elektroautohersteller Tesla, dessen "Autopilot" nach einem tödlichen Unfall in ein Assistenzsystem zurückprogrammiert werden musste.
Solcher Leichtsinn diskreditiert eine Technologie, die segensreich sein kann, wenn sie wirklich mit dem Ziel verfolgt wird, das Fahren sicherer zu machen. Uber beteuert, das zu wollen, scheint aber in erster Linie daran interessiert, einen billigen Ersatz für Taxifahrer zu bekommen. Den Testwagen fehlt die technologische Reife für einen sicheren Erprobungseinsatz, weil diesem Unternehmen die ethische Reife fehlt, solche Entwicklungen seriös voranzubringen. Die Regierung von Arizona hat Uber nun die Erlaubnis für Straßentests entzogen. Sie hätte sie nie erteilen dürfen.
Von Christian Wüst

DER SPIEGEL 14/2018
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