DER SPIEGEL

TECHNIKZukunfts- macher*innen

 Frauen und IT? Das kann ja nichts werden, denken immer noch viele Nerds. Also hacken Frauen nun unter sich und widmen sich der Frage: Warum sollen nur Männer definieren, was Fortschritt ist? Von Judith Horchert
Wer zum »Damensalon« möchte, sollte schwindelfrei sein. Nur eine Metallleiter führt ins Obergeschoss des Backsteinhäuschens in einem Kreuzberger Hinterhof, ein Griff bietet Halt beim heiklen Schritt zwischen letzter Sprosse und Eingangstür, man schwingt sich hinein und sieht: eine Menge Kabel und ein paar Frauen.
Es ist Donnerstagabend, offener Treff, willkommen sind alle »Frauensternchen«, also diejenigen, die sich, hauptsächlich zumindest, als Frau fühlen. So steht es auf der dazugehörigen Website, sie heißt »Heart of Code« (»Herz aus Code«). Dies hier ist ein Hackerspace, eine Mischung aus Klubhaus und Werkstatt, wo Frauen ungestört über Technologie sprechen können, schrauben, löten, programmieren.
Offenbar ist so ein Ort nötig in der Hackerszene, die sich doch für tolerant und offen hält. Die aber mittlerweile so oft mit Sexismusvorwürfen konfrontiert wird, dass sie sich ihnen stellen muss. Die Frauen, die hier oben im »Baumhaus« sitzen, wie sie es auch nennen, sehen es jedenfalls so.
Vor aufgeklapptem Laptop sitzt zum Beispiel Fiona Krakenbürger, 28 Jahre alt, Techniksoziologin und Aktivistin, bekannt geworden in der Szene mit ihrem Blog und ihren Vorträgen über genderspezifische Gestaltung von Technologie. Doch, sagt sie, Frauen dürften heutzutage schon mitreden, wenn es um Technik gehe. Aber abseits vom Baumhaus »wird man schon mal gefragt, ob denn der Freund was in dem Bereich macht«.
Eine andere, Physikerin, 32 Jahre alt, erzählt, dass ihr Klassenlehrer alle Mädchen automatisch der schlechtesten Informatikgruppe zugeordnet hätte, »dabei war ich eine der Besten«. Eine dritte musste sich als Vortragende auf der Bühne fragen lassen, ob sie wisse, was HTML sei, ja, danke, es ist die Sprache, mit der man Webseiten erstellt. Einer vierten wurde bei einem Besuch in ihrem Stamm-Hackerspace erklärt, was ein Hackerspace ist. Und sie alle erzählen von Männern, die ihnen schon mal in die Tastatur gegriffen haben.
Im Baumhaus wollen sie nicht nur Ruhe haben vor solchen Typen. Sie organisieren Kurse, für türkischstämmige Mädchen beispielsweise; sie wollen sich und anderen Zugang verschaffen zu einer Welt, die denen, die in ihr zu Hause sind, gute Jobs verspricht – und Macht.
Es sind immer noch wenige, die sich mit der Technik wirklich auskennen, eine digitale Elite.
Sie sind die Leute, die beispielsweise im Silicon Valley sitzen, die Wünsche kreieren und auch gleich Wege, wie man sie in Zukunft erfüllen kann. An Orten wie dem Baumhaus herrscht allerdings die Überzeugung, dass es der Zukunft nicht guttut, wenn immer die gleichen männlichen Nerds entscheiden, wie sie wird.
»Auf den Kongressen sieht es in gewisser Weise aus wie in Informatik-Studiengängen«, sagt Constanze Kurz, 44 Jahre alt, Sprecherin des Chaos Computer Clubs und selbst eine Berühmtheit in der Szene. Sie spricht über den jährlichen Hackertreff im Dezember, den Chaos Communication Congress, auf dem es überall blinkt, an Schuhen, Skateboards, Geländern. Im Jahr 2017 trafen sich auf Zehntausenden Quadratmetern 15 000 Gäste, die meisten davon Männer, viel weniger Frauen.
Fiona Krakenbürger ist eine von ihnen. »Hier wird die Welt von morgen gestaltet und entwickelt«, sagt sie auf dem Kongress, »aber Technologien, die von einer Minderheit entwickelt werden, bedienen auch nur die Bedürfnisse dieser Minderheit.« Mit Minderheit meint sie Männer, meist aus der Mittelschicht, überwiegend weiß.
Es scheint tatsächlich, als stehe die IT-Szene nicht im Fokus des feministischen Interesses, als sei das Silicon Valley der tote Winkel der Emanzipation. Zwar beklagen sich die Frauen dort schon seit Jahren über Sexismus in der Branche, vielleicht sind sie aber zu wenige und zu unbekannt, um öffentlichkeitswirksam so viel zu verändern wie die Schauspielerinnen bei #MeToo. Dabei gibt es auch unter Hackern einen Starkult, manche Männer dort werden wie Rockstars verehrt. Viele Frauen, so wirkt es, suchen sich nur einen Platz in den Zuschauerrängen.
Und das ist paradox, denn es ist eigentlich Ziel der Szene, nicht nur Technik zu hacken, sondern auch die Gesellschaft. Da sollen nicht nur Systeme und Schlösser geknackt und geöffnet werden, sondern auch Strukturen. »Wir sind eine galaktische Gemeinschaft von Lebewesen, unabhängig von Alter, Geschlecht und Abstammung sowie gesellschaftlicher Stellung, offen für alle mit neuen Ideen«, schrieb der Chaos Computer Club 2005 in seiner »Unvereinbarkeitserklärung«. Das war die Idee, eine Utopie, die auf den bunten Hackerkongressen schon gelebt wird. Herzlich wird aufgenommen, wer anderswo aneckt, hier darf abseits von Konventionen gedacht, gelebt und geliebt werden. Trotzdem fallen auch dort herablassende, paternalistische Bemerkungen, trotzdem werden dort Menschen belästigt, und trotzdem fühlen sich Menschen dort unwohl.
»Bei meinem ersten Kongress vor Jahren in Berlin bin ich an der Tür wieder umgedreht und nach Hause gefahren«, erzählt Krakenbürger, »ich habe mich nicht reingetraut.« Sie will, dass sich das ändert, und hat vor ein paar Jahren die »Chaospatinnen« gegründet. Besucherinnen, die schon häufiger auf dem Kongress waren, nehmen die an die Hand, die zum ersten Mal dabei sind.
Krakenbürger und ihr Team haben ihren Bereich in der Messehalle diesmal wie einen Garten gestaltet, mit einem Teich aus Pappe und Blumen aus Papier. Er soll ein Zuhause sein für Neue auf dem Kongress, eine sichere Anlaufstelle, wo keiner und keine blöd angemacht wird.
Immer wieder äußern Frauen Vorwürfe, bei denen es keineswegs nur um männliche Überheblichkeit geht oder darum, wer wem in die Tastatur gegriffen hat. Es geht auch um Missbrauch, sexuelle Belästigung, selbst Vergewaltigungsvorwürfe hat es gegeben. Einige davon richteten sich gegen Jacob Appelbaum, der in der Vergangenheit auch für den SPIEGEL geschrieben hatte, und Julian Assange, beide Stars der Szene. Gegen keinen der beiden ist je ein Urteil ergangen, die großteils anonymen Vorwürfe gegen Appelbaum wurden weder zur Anzeige gebracht noch führten sie zu einem Ermittlungsverfahren, das Verfahren gegen Assange wurde eingestellt, bis heute ist nicht geklärt, was passiert ist. Beide hatten die Vorwürfe bestritten, doch beide fielen tief, nicht nur von den Bühnen der IT-Konferenzen.
Ist es ähnlich wie in der Kunst, wo ein Geniekult um sich selbst großartig findende Männer bewirkt, dass einige Männer glauben, Grenzen gebe es für sie nicht? Immer wieder flammen Diskussionen darüber auf, auch im Chaos Computer Club: Begünstigt die Hackerszene in ihrer jetzigen Form den Sexismus? Oder ist die Zahl der Vorfälle und Beschwerden noch vergleichsweise niedrig angesichts dessen, dass aus dem Treff einer verschworenen Gemeinschaft eine Großveranstaltung geworden ist? Die Debatte ist fast so alt wie der Club selbst. Die Datenschutzaktivistin Rena Tangens war Ende Dezember 1988 zum ersten Mal dabei, als sich die Hackerszene traf, damals noch im Bürgerhaus in Hamburg-Eidelstedt. Neben rund 350 Männern habe sie dort genau 2 weitere Frauen gefunden, so erzählt sie. »Ich war erstaunt: Interessiert die Frauen das Thema nicht? Oder haben sie zwischen Weihnachten und Neujahr zu viel zu tun?« Im Jahr darauf lud sie gemeinsam mit einer Mitstreiterin explizit zu einem Workshop für Hackerinnen ein und hatte bereits einen Namen dafür: Haecksen. »Es kamen sofort 20 Frauen. Es wirkt, Frauen explizit anzusprechen.«
Tangens zählt ebenfalls zur Prominenz der Szene, die alte Gruppierung namens Haecksen gibt es immer noch. Sie existiert parallel zu den vielen anderen Gruppen, die sich mit der Geschlechter- und Sexismusfrage in der Hackerszene auseinandersetzen. »Allerdings gibt es da heute auch manche Gruppen, denen es gar nicht mehr um die Inhalte der Konferenz geht, sondern nur noch um Identität, darum, wer wie behandelt und wie angesprochen werden will«, sagt Tangens. Sternchen- und Genderdebatten, Empfindlichkeiten, Vorwürfe, Drama. Das sei heikel, »die Aufgeregtheit in der Diskussion tut unseren Themen nicht gut«. So ließen sich Probleme kaum noch offen und sachlich besprechen.
Dabei ist das dringend nötig. Auch beim vergangenen Jahrestreff des Chaos Computer Clubs beschwerte sich eine Person via Twitter, ihr Ex-Partner sei von den Organisatoren nicht von der Konferenz ausgeschlossen worden, obwohl er ihr Gewalt angetan habe. Von anderer Seite hieß es, ein Mann dürfe auf die Bühne, obwohl er jemanden sexuell belästigt habe. Es ist die Grundfrage der #MeToo-Ära: Ist es ungerecht, wenn jemand aufgrund juristisch nicht abgesicherter Beschuldigungen Sanktionen erfährt? Oder ist es ungerecht, wenn nichts aus diesen Beschuldigungen folgt? Der Club, das seien »Männer, die Frauen hassen«, so lautet die Überschrift eines Blogeintrags, und der Club weiß nicht recht, wie er damit umgehen soll.
Der Chaos Computer Club reagiert hilflos auf die Vorwürfe, denkt über Konsequenzen nach, ist sich dabei noch immer unschlüssig, welche das sein könnten. »Mittlerweile gucken wir genauer hin, wer einen Vortrag halten darf«, sagt die Sprecherin Constanze Kurz. »Wenn es solche Vorwürfe gäbe, würden wir den Kandidaten wohl gar nicht mehr in Erwägung ziehen.« Ungerecht sei es aber, unter Umständen jemanden allein wegen Anschuldigungen nicht mehr auf die Bühne zu lassen.
Tatsächlich tut sich hier ein Spannungsfeld auf zwischen zu viel Freiheit und zu harten Grenzen für die Kreativen der Szene. Manche von ihnen fordern mit Nachdruck einen Code of Conduct, ausgerechnet ein Regelwerk für die Hacker, die Regelwerke doch so verabscheuen.
Die Kreuzberger Hackerinnen sehen sich nicht als Abspaltung vom Chaos Computer Club, eher als Korrektiv. »Wir wollen nämlich keine parallele Community etablieren«, sagt Fiona Krakenbürger. Irgendwann, so hofft sie, brauche es ihre Organisation nicht mehr.
Die Frauen im Baumhaus sind der Überzeugung, dass es sie gibt, die computeraffinen Frauen, mit deren Hilfe man den Club verändern kann; man muss sie nur finden. Und dann wackelt es tatsächlich an der Leiter, es sind zwei Frauen, die Computer mögen. Sie bekommen Sitzsäcke, freundliches Lächeln und die fürsorgliche Frage: »Braucht ihr auch Strom?«
Von Judith Horchert

DER SPIEGEL 54/2018
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