DER SPIEGEL

Überleben nach dem Schlag

Der Film „Black Box BRD“ porträtiert Täter und Opfer der RAF.
Frankfurt am Main, das Bankenviertel, vom Hubschrauber aus gefilmt, Hochhausfassaden im Morgenlicht - so fangen heutzutage normalerweise Börsensendungen an. Die Kamera schwenkt weiter, auf die gläsernen Zwillingstürme der Deutschen Bank. Drinnen, ganz oben, wird gerade alles für eine Vorstandssitzung vorbereitet. Eine Assistentin spitzt Bleistifte, legt diese akkurat auf einen Marmortisch, an jeden Platz einen. Schnitt.
Eine Vorstadtidylle, viel Grün. Drei schwere Mercedes-Limousinen setzen sich in Bewegung, fahren im Konvoi durch eine schmale Straße. Plötzlich ein Geräusch, dumpf, undefinierbar, und auf einmal scheinen die Bilder zu ertrinken; die Leinwand wird weiß. "Dann", sagt eine Frauenstimme mit leicht österreichischem Akzent, "kam dieser Schlag." Sie sagt es nicht gern.
So beginnt der Dokumentarfilm "Black Box BRD", der jetzt in die Kinos kommt. Die Frau ist Traudl Herrhausen, heute 58 und CDU-Landtagsabgeordnete in Hessen. "Der Schlag", der Frau Herrhausen 1989 zur Witwe machte, war eine Bombe: Die RAF hatte ihren Mann Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank, in seinem Dienstwagen ermordet. "Dieser Teilnehmer", hörte Frau Herrhausen, als sie nach dem Knall das Autotelefon ihres Mannes anzurufen versuchte, "ist im Augenblick nicht erreichbar."
Fast zwölf Jahre hat es gedauert, bis Traudl Herrhausen über den Tod ihres Mannes sprechen konnte und wollte. Dass sie es überhaupt getan hat, noch dazu vor einer Kamera, ist nur der Beharrlichkeit und dem Einfühlungsvermögen von Andres Veiel zu verdanken. Veiel, 41, Diplompsychologe und mehrfach preisgekrönter Dokumentarfilmer ("Die Überlebenden"), hatte ihr zugesichert, ihre Aussagen jederzeit zurückziehen zu können.
Dieses Angebot galt für alle Beteiligten an Veiels Film, auch für die Angehörigen und Freunde des verstorbenen Terroristen Wolfgang Grams. Denn "Black Box BRD" ist - unter anderem - ein Doppelporträt: ein Film über einen Banker und einen Terroristen, zwei Männer also, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Eigentlich. Doch beide haben Menschen hinterlassen, die jetzt, fast alle zum ersten Mal, öffentlich über die Toten sprechen, und zwar jenseits aller Klischees und Schlagzeilen: von Hilmar Kopper über Grams' Eltern bis zum Herrhausen-Freund Helmut Kohl.
Dadurch kommt der Film ohne jeden Kommentar aus; nicht einmal Veiels Fragen sind zu hören. Stattdessen reichert Veiel sein Porträt-Diptychon an mit Archivmaterial über die bleierne Zeit, aber auch mit privaten Urlaubsbildern von Grams und Herrhausen: nach dem Terror in der "Tagesschau" die Idylle auf Super-8. Schon wegen dieser Vielschichtigkeit eignet sich "Black Box BRD" eher nicht für nostalgisch gestimmte Veteranen der Revolte oder Sozialkundelehrer auf der Suche nach endgültigen Antworten. Vielmehr dürfte "Black Box BRD" Zuschauer aller Altersschichten faszinieren, auch die vermeintlich unpolitischen Nachgeborenen der "Generation Golf". Denn wenn etwa Frau Herrhausen vom Heiratsantrag ihres Mannes berichtet ("Ich möchte Sie heiraten" - "Sie spinnen ja!"), ist das zuallererst ein großartiger Dialog und ganz nebenbei ein perfektes Sinnbild für die verklemmten Rituale der ach so lockeren siebziger Jahre.
Veiel selbst geht noch weiter: Die Lebensläufe seiner Protagonisten ("Beide starben an einem Punkt größtmöglicher Einsamkeit") erinnerten ihn an "die Königsdramen von Shakespeare".
Eine, nein, zwei Tragödien: Die zeigt der Film zweifellos. Aber "Black Box BRD" ist auch ein Glücksfall - für das Kino, für das Verständnis des blutigsten Kapitels der deutschen Nachkriegsgeschichte und, wenn alles gut geht, vielleicht auch für die Überlebenden selbst. MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 21/2001
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