DER SPIEGEL

DENKMALDEBATTEVom Gedenken überfordert

Der Streit um ein neues Monument für Rosa Luxemburg wird heftiger: Die Idee, das von den Nazis geschleifte Ehrenmal für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg - ein Werk von Mies van der Rohe - zu rekonstruieren, bringt die PDS-Kulturpolitiker in Verlegenheit. Von Walter Grasskamp
Grasskamp, 51, lehrt an der Münchner Kunstakademie Kunstgeschichte und veröffentlichte zuletzt "Konsumglück - Die Ware Erlösung" (2000). -------------------------------------------------------------------
Der lebendige deutsche Denkmalkult hat ein neues Thema: In Berlin haben SPD und PDS die Errichtung eines Denkmals für Rosa Luxemburg auf dem gleichnamigen Platz vereinbart. Und der angesehene Kunsthistoriker Werner Hofmann hat in der "FAZ" ein geistreiches Plädoyer für den Wiederaufbau jenes Denkmals gehalten, das Ludwig Mies van der Rohe 1926 auf dem Friedhof Friedrichsfelde errichtete und das von den Nationalsozialisten zerstört wurde.
Es war zwar allen sozialistischen Opfern der November-Revolution von 1918 gewidmet, von denen auch zahlreiche in seinem Umfeld beerdigt lagen, wird aber gern als eines für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bezeichnet.
Lohnt es sich, das Denkmal von Mies van der Rohe wieder aufzubauen? Ohne Frage war es eine der faszinierendsten Architekturplastiken des frühen 20. Jahrhunderts. Der mit dunklen Ziegelsteinen aus Abbruchbeständen und schwarz angestrichenen Fugen verblendete Block muss mit rund zwölf Metern Länge, vier Metern Tiefe und sechs Metern Höhe überaus imposant gewirkt haben; die genauen Maße sind freilich nicht bekannt.
Er war von vorspringenden Kuben geprägt, die sich den abstrakten Formexperimenten des De-Stijl-Konstruktivismus verdankten, bei manchen Betrachtern aber auch übereinander gestapelte Särge assoziieren ließen. Jüngst wollte ein besonders einfallsreicher Interpret in den Backsteinen sogar die Köpfe einer demonstrierenden Menschenmenge erkennen.
Ursprünglich hatte man eher an Mauern gedacht, vor denen Revolutionäre erschossen worden waren, aber auch an die Kreml-Mauer, vor der Helden der russi-
schen Revolution beigesetzt worden sind. Aber offenbar war das Mies-Monument abstrakt genug, dass es vielen vieles sagte und Hans-Ernst Mittig es 1969 als Meilenstein in der "Entstehung des ungegenständlichen Denkmals" betrachten konnte.
Zusammen mit dem expressiv zackigen Beton-"Denkmal für die Märzgefallenen", das Walter Gropius bereits 1921 für Weimar entworfen hatte, war das Werk von Mies ein früher Höhepunkt in diesem immer noch kontroversen Experiment: Kann die abstrakte Kunst die traditionelle Aufgabe des Denkmals, die Vergegenwärtigung des Historischen, angemessen erfüllen?
Inzwischen sind die Zweifel eher gewachsen, nachdem Serra und Eisenman bei ihrem Berliner "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" die spartanischen Mittel der Abstraktion ins Bombastische einer Materialschlacht gesteigert haben. Dagegen wirkt das markante Opus von Mies geradezu bescheiden.
Aber bescheiden war Mies gerade nicht, als er es plante. Nach Gropius hat er ein weiteres Beispiel dafür gegeben, dass die radikale Moderne die Figuration auch aus dem Denkmal zu verdrängen vermochte.
Bis dahin hatte der nachvollziehbare Glaube geherrscht, dass man einer Person nur vor einem Stein oder einer Bronze gedenken könne, der ihre Physiognomie wiedergibt, und eines Ereignisses nur dann, wenn man es erzählerisch in Figuren dargestellt fand. So blieben Kriegerdenkmäler auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch lange figürlich, während sich die Abstraktion schon auf ihrem Eroberungszug durch die Kunst im öffentlichen Raum befand.
Das Denkmal von Mies ist abstrakt und damit unanschaulich, aber durchaus nicht
unansehnlich. War es schon für den Auftraggeber, die KPD, eine Provokation, so wirkt die Schleifung durch die Nazis heute umso mehr als Skandal, als das inzwischen geschulte Auge der disziplinierten Unruhe der Formen durchaus einen ästhetischen Mehrwert abgewinnen kann.
Dabei hilft übrigens, dass es nicht von Sichtbeton, sondern von heute nostalgisch wirkenden Ziegelsteinen geprägt war, mit denen Mies damals auch im großbürgerlichen Villenbau arbeitete. Hinter den Ziegeln des Denkmals muss sich allerdings etwas anderes verborgen haben, aber niemand scheint genau zu wissen, was. Das ist im Fall von Mies keine Petitesse, hat er doch später stets die Ablesbarkeit der Konstruktion betont, die hier nun wirklich nicht gegeben war.
Aber bedarf die Darstellung von Geschichte nicht doch des erzählerischen und damit letztlich des figürlichen Elements? Eisenman und Serra haben das mit ihrem Berliner Holocaust-Mahnmal vehement abgestritten, sind aber dabei künstlerisch letzten Endes gescheitert. Denn ihre Orgie der konzeptuellen Abstraktion, jenes wortkarge Stelen-Feld wird unter dem Druck der Öffentlichkeit nun doch um Figürliches und Narratives ergänzt, und zwar reichlich, das heißt: Sie ist nicht mehr das, was sie sein möchte.
Das erledigt dann ein angegliedertes Medienzentrum, womit das Pathos der Abstraktion an sich unbehelligt bleibt, aber gleich nebenan dementiert wird. Diese Niederlage eines der ehrgeizigsten Projekte der modernen Kunst hat keiner seiner Befürworter bisher bemerkt, was wohl durch den Respekt vor dem Thema der Mahnstätte zu erklären ist.
Schon das Denkmal von Mies war ohne Kommentar vom Gedenken überfordert: Auf der düsteren Verblendung glänzte ein über zwei Meter großer Sowjetstern aus Metall, und auf diesem prangten Hammer und Sichel. Auf den Fotografien wirkt dieses Sternzeichen wie ein überdimensionales Ansteck-Emblem, das die wuchtig-dynamische Mauer zur Pinnwand degradiert. Vor allem aber dementiert es die Abstraktion durch ein eindeutiges und inzwischen nur allzu assoziationsreiches Propaganda-Signal.
In den drei bekannten Entwürfen, die eine deutlich dünnere Mauer zeigen, hatte Mies den Stern bereits vorgesehen, im letzten sogar mit Hammer und Sichel. Aber warum er sich damit abfand, dass seinem Kubenstapel dieses Emblem vorgeblendet wurde, ist nicht zu verstehen. Dass der "provokativ unpolitische Architekt" (SPIEGEL 23/1989) sich mit diesem dominanten Lesezeichen identifiziert haben könnte, ist ausgeschlossen. Mit dessen Anbringung war aber sein Experiment der Abstraktion gescheitert.
Wie soll man das zwiespältige Denkmal nun wieder aufbauen: Mit oder ohne Stern? Wer ihn draufklebt, zerstört den Charakter eines entspannten postmodernen Historismus, der sich sogar mit der Rekonstruktion von Preußenschlössern anfreundet, und das wäre fast wieder ein Skandal. Denn Hammer und Sichel sind heute ein genauso unerträgliches Zeichen wie das mit Recht penibel tabuisierte Hakenkreuz.
Wie dieses steht der Sowjetstern für die rigorose Ausbeutung von "Menschenmaterial" und für Justizwillkür, organisierte Folter und Massenmord, Pogrom und Konzentrationslager. Das mag noch nicht so gewesen sein, als Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von deutschen "Freikorps"-Soldaten ermordet wurden. Ihren Klassenkampf konnten sie für vertretbar halten, weil er in der Tat bereits über ein Jahrhundert lang von beiden Seiten geführt worden war, bevor er von Marx auch theoretisch erklärt wurde.
Aber jede Unschuldsvermutung für die beiden Protagonisten des kommunistischen Programms stünde im Schatten der erwiesenen Schuld, die sich unter dem Zeichen von Hammer und Sichel angesammelt hat; den Skandal des Mordes überbietet längst der ungleich größere Skandal der Verwirklichung des Programms, für das die Ermordeten kämpften.
Oder soll es, abstrakt, wie es nun mal ist, für all das stehen, was der Kommunismus, ebenfalls sehr abstrakt, an Gutem gewollt hat: internationale Solidarität mit den Unterdrückten der Erde, das Absterben des Staates und die materielle Gleichheit statt der Freiheit weniger Privilegierter?
Dann sollte man das wiedererrichtete Monument aber gleich unter einen Glassturz stellen. Als "Denkmal für ein Denkmal" stünde es dann nicht nur für die allfällige Musealisierung des öffentlichen Raums, sondern auch für die des guten Willens. Der postmoderne Historismus würde in Geschichtskitsch umschlagen. Das ließe sich auch kaum durch die üblich gewordenen illustrierten Texttafeln verhindern.
Ungeklärt blieb bis heute, warum das Mies-Denkmal, anders als das von Gropius, zu DDR-Zeiten nicht wieder aufgebaut wurde. Immerhin hatte sich schon 1946 die Politprominenz der Ostzone vor einem provisorisch mit Pappe und Stoff verkleideten Gerüst versammelt, das die zerstörte Mies-Mauer halbwegs maßstäblich, wenn auch auf der Grenze zur Karikatur imitierte.
Darunter befand sich auch Wilhelm Pieck, der schon 1926 bei der Einweihung des Denkmals gesprochen hatte. Warum sorgte er nun nicht dafür, dass aus dem Provisorium eine dauerhafte Rekonstruktion wurde? Passte die Formensprache der Mies-Mauer nicht mehr ins Konzept des Sozialistischen Realismus? Oder wollte man den Personenkult um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht beenden, den offenbar auch die Abstraktion nicht hatte verhindern können? 1951 stellte man stattdessen in der Nähe der Gräber einen konventionellen Gedenkstein mit der Aufschrift "Die Toten mahnen uns" auf.
In der Tat war die Luxemburg keine einfache Ahnfrau für den Aufbau des "real existierenden Sozialismus". Warum ist sie nun für die SPD/PDS-Koalition so attraktiv, dass man einen Künstlerwettbewerb für ihre umgehende Verdenkmalung auf dem Rosa-Luxemburg-Platz ausloben will?
Der Plan ist nur allzu durchsichtig, weil beide Parteien etwas davon haben: Die SPD borgt sich historisch ein sozialistisches Profil, das sie durch ihre Tagespolitik laufend gefährden muss; mit der Heroine des proletarischen Internationalismus kann sie die neuen Innenstadt-Kathedralen des globalisierten Kapitalismus symbolisch austarieren.
Die PDS kann dagegen ihre realsozialistische Herkunft nobilitieren: Mit der Luxemburg hat sie eine der wenigen Gründerfiguren des Kommunismus, die nicht von ihresgleichen ermordet oder später, in stalinistischer Unterwürfigkeit, den Nationalsozialisten überlassen wurden, um Machtkämpfe bequem vom Gegner erledigen zu lassen.
Gern würde man lesen, was der scharfzüngigen und unduldsamen Polemikerin zu dieser Rolle als rot-rotem Entlastungsphantom eingefallen wäre. Vielleicht hätte sie Lessings Vorbehalt "Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein" auf das Niveau des Denkmalkults gebracht.
Dagegen möchte man schon jetzt die salbungsvollen Formeln nicht lesen, die Kultursenator Thomas Flierl im Namen der SPD/PDS-Koalition bei der Einweihung vortragen wird. Ohne Zweifel werden sie im Zeichen des ebenso sympathischen wie kurzsichtigen Ausspruchs "Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden" stehen, mit dem sich die Bürgerrechtsbewegung 1988 in der DDR bemerkbar machte.
Damit hatte Rosa Luxemburg 1918, in bewunderungswürdiger Naivität, Presse- und Versammlungsfreiheit ausgerechnet für die russische Revolution in Moskau gefordert. Andere Genossen wurden dort später für geringere Provokationen hingerichtet. Aus seinem Kontext gerissen, kann der Spruch heute jede Sonntagsrede zieren, lässt sich damit doch vernebeln, dass die Probleme der Freiheit ja erst mit dem anders Handelnden beginnen.
Vielleicht sollte man sich bei Denkmälern zu der Lösung bequemen, die in Debatten um Kunst im öffentlichen Raum jetzt favorisiert wird: die zeitweilige Aufstellung, die "Intervention".
Um daran zu denken, mit welchen Versprechungen der Kommunismus begann und in welchem Desaster er endete, muss man die Künstler jedenfalls nicht ein weiteres Mal mit Denkmal-Ambitionen überfordern. Seit langem sorgt ja die Natur dafür, und zwar seit Arthur Koestler seinem Roman über die stalinistischen Schauprozesse den deutschen Titel "Sonnenfinsternis" gegeben hat.
Wer dieses Buch gelesen hat, kann seither Sonnenfinsternisse nicht mehr nur als Naturereignisse betrachten.
* Demonstration zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 14. Januar 1996.
Von Walter Grasskamp

DER SPIEGEL 12/2002
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