DER SPIEGEL

SALOMONENSchaurige Tropen

Der Wirbelsturm „Zoe“ fegte über eine Gruppe abgelegener Inseln im Südwestpazifik hinweg, auf denen 3700 Menschen lebten.
Seit zwei Jahrzehnten arbeitet Geoff Mackley als Fotograf und Filmemacher, und eines hat er dabei gelernt: "Das Leben ist entweder ein unglaubliches Abenteuer, oder es ist nichts."
Mit Digitalkameras, Mikrofonen und Schwimmweste geht der multimediale Journalist auf beschwerliche, meistens auch gefährliche Reisen. Der aus Neuseeland stammende Mackley hat sich auf Naturereignisse mit starker Schreckenskomponente spezialisiert.
So charterte er zu Neujahr eine Cessna samt Pilot und flog über die blauen Weiten des Stillen Ozeans bis an den östlichen Rand des Archipels der Salomonen. Dort hatte drei Tage zuvor ein Wirbelsturm derart gewütet, dass es den Katastrophen-Junkie magisch anzog.
Kaum zurück in der Inselrepublik Vanuatu, berichtete Mackley auf seiner Website, das salomonische Eiland Tikopia sei von dem mit circa 350 Stundenkilometern tosenden Unwetter niedergemäht worden, die Hütten Kleinholz, die Palmen geschreddert, Tikopia biete "ein Bild völliger Zerstörung".
Der Pilot zählte beim Überflug etwa 100 Menschen, die zum Teil weiße Plastikfetzen schwenkten, doch habe es keine Landemöglichkeit gegeben. Die restlichen schätzungsweise 1200 Tikopianer blieben unsichtbar, verschollen - womöglich fortgespült von elf Meter hohen Monsterwellen.
Hatte der Wirbelsturm "Zoe" auf Tikopia und vier kleineren Nachbarinseln fast ein ganzes Volk, das dort seit etwa 3000 Jahren siedelt, an einem einzigen schaurigen Tropensonntag ins Meer gerissen und vernichtet? Immerhin setzte "Zoe" ähnlich viel Energie frei wie der Orkan "Tracy", der 1974 die nordaustralische Stadt Darwin zerstörte.
Andererseits: Wie konnte ein solch gruseliger Verdacht zunächst auf einem einzigen Augenzeugenbericht beruhen - drei Tage nach dem Ereignis? Wird nicht der ganze Erdball von Nachrichtenjägern und Satelliten lückenlos erfasst und von einem dichten Kommunikationsnetz überzogen? Die Salomonen offenkundig nicht.
Kurz nach Mackley erkundete ein australisches Flugzeug vom Typ Hercules C-130 das Gebiet und relativierte die allerschlimmsten Befürchtungen. Die Besatzung meldete zwei Dutzend bereits reparierte "Pandanus", wie die Palmenhütten der Einheimischen heißen, sowie nach Alltag aussehende Verrichtungen. Die Bevölkerung fischte wieder und kümmerte sich um ihre Pflanzungen.
Dennoch war klar, dass dringend geholfen und bilanziert werden musste. Denn dieser Aufklärungsflug stärkte die Vermutung, dass "Zoe" zumindest 2 große Dörfer, vielleicht sogar insgesamt 15 Siedlungen fortgespült haben könnte. An eine Zahl von 700 Opfern glaubten die Behörden nun, das wären immerhin noch dreieinhalbmal mehr als beim Terrorattentat auf Bali im Oktober 2002, einem anderen Tropenparadies.
Im Unterschied zu Bali sind die Salomonen allerdings ein Armenhaus mit 447 000 Menschen auf einer Gesamtfläche knapp so groß wie Brandenburg, ein wirtschaftlich belangloser und politisch unruhiger Dritte-Welt-Staat. Zwischen 1998 und 2000 kamen bei Ausschreitungen rund hundert Insulaner ums Leben. Das führte zum Rückzug der wenigen Investoren, schädigte die auf Holz, Kopra, Fisch und Palmöl ausgerichtete Wirtschaft und trieb den Staat in den Ruin.
Mangels Geld wurde die schon vor zwei Monaten zusammengebrochene Funkverbindung zum gut 1100 Kilometer von der Hauptstadt Honiara entfernten Krisengebiet nicht repariert. Und aus demselben Grund war die Regierung von Premierminister Allan Kemakeza zunächst außer Stande, ein Boot mit Hilfsgütern auf den Weg zu bringen. Der Diesel konnte nicht vorab bezahlt werden, ebenso wenig der Sonderzuschlag, den die hauptsächlich aus Polizisten bestehende Mannschaft forderte. Außerdem war gerade Feiertag.
Letzten Donnerstag erst stach die "Auki" in See; Australien hatte den Sprit spendiert. Die rund 3700 Bewohner der betroffenen Inseln in der Provinz Temotu, hieß es unterdessen beruhigend, seien Stürme gewohnt, sie verfügten über unterirdische Lebensmittellager und hätten sich zumindest auf Tikopia in Höhlen gerettet. Am Wochenende sollte die Lieferung eintreffen und eine erste Bestandsaufnahme erfolgen - eine Woche nach "Zoe".
Das schleppende Procedere empört viele Helfer, die das Fehlen eines staatenübergreifenden südpazifischen Krisenmanagements beklagen. Kein Zufall, dass nicht etwa sie es waren, die am Freitag Tikopia als Erste betraten, sondern die Passagiere eines Hubschraubers, den die Tageszeitung "The Australian" gechartert hatte. Zu ihnen zählte auch Mackley: "Ich hatte mich auf Leichenberge eingestellt, aber es liefen uns Hunderte Menschen freudig entgegen." RÜDIGER FALKSOHN
Von Rüdiger Falksohn

DER SPIEGEL 2/2003
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