DER SPIEGEL

Akte Saddam (II)„Der gefährlichste Mann der Welt“

Nicht nur die USA, auch Deutsche, Franzosen und Briten sahen in Saddam Hussein ein Jahrzehnt lang ihren Sachwalter am Persischen Golf. Sie halfen, ihn aufzurüsten, und schauten weg, als er Giftgas einsetzte. Erst sein Überfall auf Kuweit beendete den Schmusekurs. Von Kenneth Pollack
Nach dem Zweiten Weltkrieg war es den USA 23 Jahre lang gelungen, bei der Sicherung des Persischen Golfs eine Rolle im Hintergrund zu spielen. So lange zeigte sich Großbritannien bereit, militärisch einzugreifen, wenn andere Mittel versagten. Im Januar 1968 geriet die Nahost-Politik der USA jedoch in eine Klemme, als die Briten verkündeten, ihnen fehle die militärische Stärke, ihre traditionellen weltweiten Verpflichtungen aufrechtzuerhalten. Sie kündigten an, sich bis
1971 aus allen Gebieten "östlich von Suez" zurückzuziehen. Gleichzeitig begannen die Sowjets damit, eigene Seestreitkräfte in den Indischen Ozean zu entsenden. Die USA dagegen waren zu tief in den Vietnam-Konflikt verstrickt und konnten deswegen nicht eigene Kräfte erübrigen, um Großbritanniens Rolle als Wächter am Golf zu übernehmen.
Die Lösung der Regierung von Richard Nixon für dieses Problem bestand darin, sich auf Stellvertreter zu verlassen, die als Ersatz für US-Streitkräfte am Golf zu regionalen Vormächten aufsteigen sollten. Die Amerikaner wandten sich an den Schah von Persien und machten ihn zu ihrem wichtigsten politischen Sachwalter. Erst in zweiter Linie suchten sie die Annäherung an Saudi-Arabien, wohl weil das Königreich nicht über die gleiche wirtschaftliche oder politische Macht verfügte wie heute und damals keine nennenswerten militärischen Kräfte besaß. Während der siebziger Jahre ruhte die amerikanische Golf-Politik auf diesen "zwei Säulen".
Im Januar 1979 brach die Stellvertreterpolitik allerdings zusammen, als die iranische Revolution den Schah von seinem Thron fegte. An seine Stelle trat der eifernde Prediger Ajatollah Ruhollah Chomeini, der Gift und Galle gegen den "Großen Satan" (die Vereinigten Staaten) und den "Kleinen Satan" (Israel) versprühte. Die Lage verschärfte sich erheblich, als die Iraner im November die US-Botschaft besetzten, 52 Diplomaten und Marineinfanteristen als Geiseln nahmen und die Vereinigten Staaten 444 Tage lang in einen Alptraum von Frustration und Lähmung stürzten. In weniger als einem Jahr war aus dem engsten Verbündeten der Region ein erbitterter Feind geworden.
Das Blatt schien sich erst zu wenden, als im Herbst 1980 der irakische Präsident Saddam Hussein in Iran einfiel. Saddam wollte sich die ölreiche südwestliche Provinz Chusistan einverleiben. 1980 förderte der Irak etwa sechs Millionen Barrel Rohöl pro Tag, Iran etwa fünf Millionen, das meiste davon in Chusistan. Elf Millionen Barrel hätten etwa 20 Prozent des weltweiten täglichen Verbrauchs ausgemacht - die Verfügungsgewalt darüber hätte Saddam mehr Reichtum verliehen als Saudi-Arabien.
Doch die Invasion erwies sich keineswegs als der Blitzkrieg, den Saddam sich erhofft hatte. Sie war vielmehr eine der unprofessionellsten Militäroperationen des 20. Jahrhunderts. Schon im Januar 1981 hatten die wenigen iranischen Verteidiger die Angreifer gestoppt. Ende Mai 1982 war es den Iranern sogar gelungen, die Invasoren aus dem Land zu werfen, und Ajatollah Chomeini beschloss, Ernst zu machen mit dem versprochenen Export der islamischen Revolution. Er wollte Nadschaf und Kerbela befreien, die heiligen Stätten der Schiiten im Südirak.
Im Juli 1982 startete er die Operation "Gesegneter Ramadan", eine gewaltige Offensive, mit der er zunächst Basra erobern wollte, die zweitgrößte Stadt des Irak und Zentrum der irakischen Schiiten. Nach sechs Wochen blutiger Kämpfe gelang es den Verteidigern im letzten Moment, die Iraner aufzuhalten.
Die Gefahr eines iranischen Sieges über den Irak empfand die Regierung von Präsident Ronald Reagan in den achtziger Jahren als so bedrohlich, dass sie beschloss, die irakischen Streitkräfte gegen die Legionen des Ajatollah zu unterstützen. Bisher hatte sich Washington weder besonders um das Regime der Baath-Partei noch um Saddam gekümmert. Die Führungsclique in Bagdad galt als eine Bande von Gaunern, der Staatschef als ein Tyrann ersten Ranges, der aber plötzlich in rosigem Licht erschien, als sein Regime das letzte Hindernis war, das den revolutionären Iran von den Ölfeldern am Persischen Golf trennte.
Im Februar 1982 strich die Reagan-Regierung den Irak von der Liste der Staaten, die den Terrorismus unterstützen, obwohl es nur dürftige Anhaltspunkte dafür gab, dass sich Saddam geändert hatte. Dennoch begann Washington schon bald damit, dem Irak Informationen von hohem militärischem Wert zu liefern. Darunter waren auch Satellitenaufnahmen, die es Saddam ermöglichten, die entscheidenden Lücken in seinem Verteidigungsring um Basra zu schließen.
Im weiteren Verlauf des Kriegs wurde die US-Hilfe für den Diktator umfangreicher. Ab 1983 leistete Washington auch Wirtschaftshilfe. Die Regierung stellte Kredite für den Einkauf von US-Landwirtschaftsprodukten zur Verfügung. Dies ermöglichte es dem Irak, Gelder, die er ansonsten für die Lebensmittelversorgung ausgegeben hätte, zu militärischen Zwecken zu nutzen. Washington verkaufte Bagdad 10 Hubschrauber vom Typ Bell UH-1 Huey und weitere 60 vom Typ Hughes MD-500 Defender, die angeblich in ziviler Version geliefert wurden, die der Irak aber im Handumdrehen zur militärischen Nutzung umrüstete.
Überdies konnte Saddam eine große Anzahl Lastwagen kaufen, die, wie Washington wusste, für die Front bestimmt waren. Im März 1985 begannen die USA damit, Hightech-Exportlizenzen auszustellen, die sie dem Irak bis dahin verweigert hatten. Die Spitzentechnologie, die Bagdad mit diesen Genehmigungen einkaufte, bildete die entscheidende Voraussetzung für Saddams Programm zur Produktion von Massenvernichtungswaffen.
Schließlich ermunterte Washington auch seine Verbündeten, den Irak zu unterstützen. Großbritannien lieferte Nahrungsmittel, Hightech-Güter und sogar Waffen. Frankreichs umfangreiche Beziehungen zum Irak datierten hingegen schon aus der Zeit vor dem Krieg. Paris hatte dem Irak 1976 jenen Nuklearreaktor verkauft, der angeblich für die zivile Nutzung bestimmt war, der aber mit Wissen der Franzosen zur Produktion atomarer Waffen bestimmt war. 1982 entfielen 40 Prozent des französischen Waffenexports auf den Irak. Die Regierung verkaufte Bagdad ein breites Sortiment: Panzerfahrzeuge, Radaranlagen, Luftabwehr-Raketen, Kampfflugzeuge vom Typ Mirage und Exocet-Raketen zur Bekämpfung von Kriegsschiffen.
Deutsche Firmen machten sich ebenfalls ohne große Bedenken auf den Weg nach Bagdad. Sie lieferten dem Irak nicht nur eine große Anzahl von Lastwagen, sondern errichteten Fabriken, die der Irak für den Bau chemischer und biologischer Waffen sowie für sein Raketenprogramm benötigte. Obwohl der Irak stets vorgab, dass er die Ausrüstung und das Know-how aus Deutschland nur für zivile Zwecke erwerbe, war die Tarnung so lächerlich durchsichtig, dass kein respektabler deutscher Wissenschaftler darauf hereinfallen konnte. Doch im Westen stellte niemand während der achtziger Jahre allzu viele Fragen nach Saddams Einkäufen, solange sie nur halfen, Iran zu besiegen.
Die Vereinigten Staaten ließen sich überdies viel vom Irak gefallen. Washington vermied bewusst jede diplomatische Eskalation, als ein irakischer Mirage-Pilot mit seiner Exocet-Rakete versehentlich die US-Fregatte "Stark" traf und 37 Besatzungsmitglieder tötete. Die Reagan-Regierung sah auch darüber hinweg, als Saddam jene Massenvernichtungswaffen einsetzte, die er mit Hilfe der Deutschen und anderer Staaten erworben hatte. In einem verzweifelten Versuch, die Iraner zum Friedensschluss zu zwingen, griff der Irak die iranischen Truppen mit chemischen Kampfstoffen an, beschoss iranische Städte mit Raketen und attackierte iranische Tanker und Ölanlagen, worauf Teheran mit ähnlichen Mitteln antwortete.
Das erste Mal setzten die irakischen Streitkräfte 1983 Giftgas ein, um die Selbstmordattacken der Iraner aufzuhalten. Im März 1984 dokumentierte die Uno die Anwendung der Chemiewaffen, woraufhin die USA nur förmlichen Protest einlegten. Washington drängte allerdings die Europäer, vor allem die Deutschen, ihre Exportkontrollen zu verschärfen. Dennoch weigerte sich die Reagan-Regierung, ihre Hilfe für Saddam einzuschränken und blockierte eine Resolution des Kongresses, die den Irak mit Sanktionen belegt hätte.
Im Rückblick erweist sich das Vorgehen gegen die irakischen Kurden, die Operation al-Anfal, als das schrecklichste Verbrechen Saddams, das Amerikaner und Europäer allerdings geflissentlich übersahen.
Als die Iraner 1982 ihren Gegenangriff starteten, eröffneten sie auch eine Front in Kurdistan. Weil sie die Möglichkeit sahen, Saddams Herrschaft abzuschütteln, entschlossen sich die irakischen Kurden, auf Seiten der Iraner zu kämpfen. Im März 1987 ernannte Saddam seinen mörderischen Cousin Ali Hassan al-Madschid zum Gouverneur des Nordirak.
Einige Zeit später begann der die Operation Anfal, einen Kampfeinsatz von beinahe biblischer Brutalität. Mit massiven Einsätzen chemischer Waffen und konventioneller Bomben vertrieben die irakischen Streitkräfte die kurdische Bevölkerung aus ihren Dörfern. Wenig später setzte die Armee nach und tötete jeden, der die ersten Angriffe überlebt hatte.
Am 16. März 1988 unternahm Ali Hassan seinen berüchtigten Überfall auf die kurdische Stadt Halabdscha. Er setzte verschiedene chemische Kampfstoffe ein und tötete mindestens 5000 kurdische Zivilisten. 1989, am Ende seines Feldzugs, waren etwa 200 000 Kurden tot und ungefähr 1,5 Millionen vertrieben. Ganze Landstriche Kurdistans waren durch den Einsatz chemischer Waffen verwüstet und ungefähr 4000 Gemeinden zerstört. Zwar erließ der US-Senat Sanktionen gegen den Irak, aber es gelang der Reagan-Regierung, die Strafmaßnahmen zu verhindern.
Natürlich hat Washington für seine Unterstützung Saddams auch etwas erhalten. Zunächst einmal gelang es den Irakern, wenn auch nur mit Mühe, Iran aufzuhalten. Zweitens: Der Irak zahlte nicht nur prompt alle Kredite zurück, sondern bot den Vereinigten Staaten Rohöl zu einem Discountpreis an, der einen Dollar unter dem Weltmarktpreis lag. Daraufhin vervierfachte sich der US-Verbrauch irakischen Öls von 30 Millionen Barrel 1987 auf 126 Millionen Barrel 1988.
1987 war dem Irak mit der Hilfe aus Europa ein technologischer Durchbruch gelungen: Er konnte die Reichweiten seiner alten russischen Scud-Raketen mehr als verdoppeln. Jetzt konnten die irakischen Truppen die iranische Hauptstadt erstmals mit Raketen angreifen. Das führte 1988 zu den entscheidenden Schlachten des ersten Golfkriegs. Der Irak feuerte fast 200 Raketen meist auf Teheran und auf Ghom, das religiöse Zentrum Irans. Als sich das Gerücht verbreitete, der Irak habe seine Raketen mit chemischen Sprengköpfen ausgestattet, flohen fast eine Million Menschen aus der iranischen Hauptstadt.
Am 17. April 1988 begann der Irak seine erste größere Bodenoffensive seit 1980 und nutzte die Republikanische Garde als Speerspitze eines Panzerangriffs. Am nächsten Tag griffen auch die Vereinigten Staaten ein und starteten ihre Operation "Gottesanbeterin". Als Antwort auf die iranische Verminung der Straße von Hormus attackierte die U. S. Navy iranische Kriegsschiffe im Golf und versenkte zwei der größten Schiffe der iranischen Marine. Den Gnadenstoß versetzten die US-Streitkräfte Iran, als der US-Kreuzer "Vincennes" am 3. Juli ein iranisches Passagierflugzeug mit einem Militärjet verwechselte und abschoss. Dies wurde in Teheran als Zeichen interpretiert, dass die USA den Irak nun mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln aktiv unterstützen würden. Im August stimmte Ajatollah Chomeini einem Waffenstillstand zu.
Zwar hatte der Irak seine ursprünglichen Kriegsziele nicht erreicht, doch hatte er im Kriegsverlauf größere militärische Macht errungen als je zuvor. Mit 1,2 Millionen Soldaten verfügte der Irak über die mächtigste Armee im Nahen Osten und die viertgrößte der Welt. Darüber hinaus besaß Bagdad nun Massenvernichtungswaffen und Erfahrung mit ihrem Einsatz. Zudem machte Saddam sich daran, einen gigantischen militärisch-industriellen Komplex zu errichten, der die Schlagkraft seiner Armee vermehren sollte.
Zwischen 1989 und 1993, während der Amtszeit von George Bush, erreichten die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Irak ihren Höhepunkt, um dann rasch in einen Krieg abzustürzen. War die Haltung der Reagan-Regierung zum Irak noch schwankend gewesen, hielt die neue Bush-Regierung sie hingegen für viel versprechend - eine Folge der irrigen Annahme, Saddam wäre ein konservativer und vergleichsweise einsichtiger Herrscher, jemand, mit dem man genauso zusammenarbeiten könnte wie in der Vergangenheit mit einer ganzen Reihe anderer Gewaltherrscher.
Saddam wiederum ging, vielleicht nur kurzfristig, von der Annahme aus, dass die Vereinigten Staaten weiterhin den Erwerb einer ganzen Palette von Massenvernichtungswaffen ebenso tolerieren würden wie
seine Ambitionen, zur Vormacht am Golf aufzusteigen. Es dauerte nicht lange, bis beide Seiten ihre Fehler bemerkten.
Nach dem Ende des Kriegs bedrohten Wirtschaftsprobleme die Sicherheit des Regimes in Bagdad. Die Lebenshaltungskosten stiegen um 25 Prozent, was Unruhen und eine ganze Kette von Umsturzversuchen nach sich zog. Gleichwohl glaubte Saddam zunächst, er könne seine Stellung am besten dadurch sichern, dass er weiterhin den Westen, vor allem die USA hofierte. Er wollte seinen Zugang zu westlicher Technologie, zu Krediten und anderer Hilfe nicht gefährden. Im Januar 1990 erhöhte der Irak sogar seinen Abschlag für Öl auf 1,24 Dollar unterhalb des Marktpreises.
Die neue Regierung in Washington versuchte, den Irak zu einem regionalen Verbündeten zu machen. Schon in seinem ersten Amtsjahr, am 2. Oktober 1989, unterzeichnete Präsident Bush Sr. die Sicherheitsdirektive NSD-26, in der festgelegt wurde, dass "die Vereinigten Staaten dem Irak wirtschaftliche und politische Anreize geben sollten, um sein Verhalten zu mäßigen und unseren Einfluss zu stärken".
Theoretisch sollte das eine Politik sein, in der Zuckerbrot und Peitsche einander die Waage hielten. Das Zuckerbrot, die politischen und wirtschaftlichen Anreize, sollte dazu dienen, dass der Irak Menschenrechtsverletzungen aufgab und seine Massenvernichtungswaffen abbaute; die Peitsche sollte in der Androhung von Sanktionen bestehen, falls die Iraker sich weigerten, ihre Politik zu ändern.
Doch bald schuf Saddams Streben nach Massenvernichtungswaffen ernsthafte Probleme. Der Diktator hatte sich entschlossen, mit Israels Atomwaffenarsenal gleichzuziehen, was er als Voraussetzung für die Verwirklichung seiner Ziele ansah.
Israelische Politiker äußerten deshalb immer häufiger ihre Sorgen über die Bemühungen des Irak um ein strategisches Arsenal. Im Dezember 1989 testete der Irak die erste Stufe seiner al-Abid-Interkontinentalrakete, die aus einer Anzahl gebündelter Scud-Raketen bestand. Es war offensichtlich, dass die al-Abid Saddams künftigen Raketen eine bedeutend größere Reichweite verleihen würde.
Mit diesem Test begann ein Krieg der Worte zwischen Bagdad und Jerusalem. Im Februar 1990 verschlechterte sich die Situation. Der Irak nahm seine erste Fabrik zur Anreicherung von Uran in Tarmijah in Betrieb, um so an spaltbares Material für seine Nuklearwaffen zu gelangen.
Am 15. Februar sendete die "Stimme Amerikas" einen Kommentar, in dem es hieß, der Fall der osteuropäischen Diktatoren sei ein Fanal für das, was anderen Diktatoren, inklusive dem Herrscher von Bagdad, noch bevorstünde. Der Radiobeitrag rührte an Saddams geheimste Ängste. Er hatte seine Sicherheitsdienste angewiesen, die Entmachtung und den Tod des rumänischen Diktators Nicolae Ceauçescu genau zu studieren, damit ihm so ein Los erspart bliebe. Nun empörte er sich darüber, dass eine solche Warnung von einer offiziellen amerikanischen Regierungsstelle ausgegangen war.
Am 24. Februar hielt Saddam eine Rede auf einem Gipfeltreffen des Rats für Arabische Zusammenarbeit in Amman und forderte den Abzug der US-Marine aus dem Golf. Er bedrängte die arabischen Staaten, ihr Kapital vom US-Finanzmarkt abzuziehen.
Ebenfalls im Februar erfuhr die amerikanische Presse, dass die CIA im Westen des Irak fünf Orte mit festen Raketenabschussrampen identifiziert hatte, von denen Saddam seine Scuds in Richtung Israel starten konnte. US-Medien diskutierten daraufhin die Wahrscheinlichkeit eines Präventivschlags der israelischen Streitkräfte.
All das bestärkte Saddam in seinem Glauben, dass es zwischen Israel und den USA keinen Unterschied gebe, und es schien auch seine Überzeugung zu stärken, dass beide Länder darauf aus seien, ihn zu stürzen. Schon einen Monat später wurde der berüchtigte Artilleriewaffenkonstrukteur Gerald Bull höchstwahrscheinlich von Mossad-Agenten ermordet. Der Brite hatte den Irakern geholfen, eine Superkanone zu entwickeln, deren Geschosse israelisches Territorium erreichen sollten. Wenige Tage später stoppten amerikanische und britische Zollbeamte eine Lieferung für den Irak, bei der sie 95 so genannte Krytronen sicherstellten, wichtige Bauteile für einen Atomwaffenzünder.
Wie so häufig reagierte Saddam viel zu heftig. Am 2. April griff er in einer Rede vor Offizieren die USA an. Er brüstete sich, hochgiftige Chemiewaffen entwickelt zu haben und drohte: "Wir werden ein Feuer entfachen, das halb Israel verbrennt, wenn Jerusalem irgendetwas gegen den Irak unternimmt." Obwohl diese Drohung deutlich als Abschreckung gemeint war (Saddam ließ keinen Zweifel daran, dass er nur dann solche Waffen einsetzen würde, wenn Israel ihn angreifen würde), entfesselte die wüste Drohung eine Krise. Beinahe widerwillig sahen sich die USA gezwungen, Saddams Aussagen zu verurteilen. Im Westen wurde er nun als "der gefährlichste Mann der Welt" beschrieben.
Saddams Überzeugung, dass die USA zum Feind geworden waren, während die gesamte arabische Welt fest hinter ihm stand, bestimmte seinen künftigen Kurs. Irgendwann in diesem April hatte er sich offenbar entschieden, Kuweit anzugreifen und zu annektieren. Im Mai begann die Republikanische Garde ein intensives Training für die Invasion von Kuweit. Zur Tarnung ließ er jedoch verlauten, es seien Manöver für eine Operation gegen Israel.
Natürlich waren Saddams politische Auseinandersetzungen mit den USA und Israel nicht allein verantwortlich für den Entschluss, Kuweit anzugreifen. Ein weiterer Anreiz war finanzieller Gewinn: Die wirtschaftliche Situation des Irak hatte sich zusehends verschlechtert, das Land gab sehr viel mehr aus, als es einnahm. 1990 war die Inflationsrate auf 45 Prozent gestiegen. Importe für den zivilen Konsum, den die Iraker inzwischen dank ihres Ölreichtums als Selbstverständlichkeit ansahen, erreichten zwölf Milliarden Dollar pro Jahr. Dazu kamen weitere fünf Milliarden Dollar für Rüstungsimporte. Um die Kredite des Irak außerhalb der arabischen Welt zu bedienen, benötigte Bagdad weitere sechs bis sieben Milliarden Dollar jährlich. Gleichzeitig stürzte der Ölpreis von 22 Dollar pro Barrel im Januar auf 15 Dollar pro Barrel im Juni - Resultat einer Überproduktion von Opec-Mitgliedern wie Kuweit oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Im Frühjahr 1990 steckte Bagdad in schwerer finanzieller Not.
Saddams Lösung dafür war so einfach wie verhängnisvoll: ein Überfall auf die Schatzkammern nebenan. Kuweit war klein, schwach und phantastisch reich. Die Ölreserven des Emirats waren beinahe so groß wie die des Irak. Darüber hinaus verfügten die Kuweiter über Finanzanlagen in Höhe von 208 Milliarden Dollar, und Saddam glaubte, durch eine Invasion Kuweits könne er nicht nur den Ölreichtum des Emirats an sich reißen. Unglücklicherweise für die Iraker waren die kuweitischen Gelder meist in Übersee angelegt, so dass Saddam alles in allem nur etwa vier Milliarden Dollar in Gold erobern konnte.
Den ersten Hinweis auf seine Absichten ließ Saddam Ende Mai bei einem Treffen der Arabischen Liga in Bagdad durchblicken, wo er Israel und die USA angriff und Kuweit beschuldigte, einen Wirtschaftskrieg gegen den Irak zu führen. Knapp sechs Wochen später, am 16. Juli 1990, klagte Außenminister Tarik Asis in einem Brief an die Arabische Liga, sie hätte sich mit den USA verschworen, um die irakische Wirtschaft in den Ruin zu treiben.
Schon am Tag zuvor hatten alle sechs Divisionen der Republikanischen Garde ihren Marsch auf die kuweitische Grenze begonnen. Die Vorwürfe von Asis verschärfte Saddam noch einmal in einer Rede am 17. Juli, dem Gedenktag des Putsches seiner Baath-Partei, der ihn an die Macht gebracht hatte. An diesem Tag entdeckten amerikanische Satelliten die Ankunft einer Vorhut der Hammurabi-Division, einer Elitetruppe der Republikanischen Garde, an der kuweitischen Nordgrenze.
Der Aufmarsch schuf ein Dilemma für die Regierung Bush. Während des Frühjahrs und Sommers hatte sich Washington zunehmend unzufrieden mit der Haltung von Saddam gezeigt. Seine jüngsten Drohungen gegen Kuweit hatten die Stimmung nicht verbessert. Auf der anderen Seite hielt die Regierung Saddam weiterhin für einen Pragmatiker, der nicht unüberlegt handeln würde.
Während Washington noch über Saddams Intentionen rätselte, erhielt die US-Regierung das berüchtigte Telegramm von April Glaspie, der amerikanischen Botschafterin in Bagdad. Am 25. Juli hatte sie das irakische Außenministerium aufgesucht, um eine diplomatische Note zu übermitteln. Unerwartet wurde sie von Saddam persönlich empfangen. Ihr Bericht über das Treffen trug dann die Unterzeile "Saddams Friedensbotschaft" - eine völlig falsche Auslegung ihrer Unterredung.
Im Wesentlichen hatte Saddam Botschafterin Glaspie mitgeteilt, dass Kuweit und die Vereinigten Arabischen Emirate mit Rückendeckung durch die USA den Irak wirtschaftlich ausbluten würden und dass er dieses Problem mit allen notwendigen Maßnahmen lösen würde. Vielleicht lag es an der Atmosphäre, vielleicht aber auch an Saddams Körpersprache, auf jeden Fall überhörte Botschafterin Glaspie diese Warnung.
Sie versicherte Saddam, die USA hätten keineswegs vor, im Disput des Irak mit Kuweit zu vermitteln. Sie drängte ihn, eine friedliche Lösung zu finden. Glaspie wusste sehr wohl, dass Washington sich einer irakischen Invasion Kuweits widersetzte. Hätte sie die volle Tragweite der Worte Saddams erkannt, hätte sie sehr viel deutlicher klar machen können, dass die USA eine friedliche Lösung verlangten.
Bestärkt durch den falschen Optimismus des Telegramms aus Bagdad, entschied Bush, einfach abzuwarten, bis die "vorüberziehende Sommerwolke" verschwunden sei. Washington betonte seinen Abstand zur Krise, und sowohl der Sprecher des Außenministeriums als auch der Staatssekretär für den Nahen Osten machten öffentlich deutlich, dass die Vereinigten Staaten keine vertraglichen Verpflichtungen eingegangen seien, Kuweit zu verteidigen.
Zwar mobilisierte Kuweit Ende Juli sogar sein Militär, aber es erschienen so wenige Reservisten - und andere verschwanden nur wenige Tage später -, dass sich die Einberufung als Witz erwies. Jetzt richteten sich alle Erwartungen auf ein Treffen zwischen Irakern und Kuweitern am 1. August im saudi-arabischen Dschidda, bei dem die Krise beigelegt werden sollte.
Die Zusammensetzung der Delegation machte klar, dass die Iraker es nicht darauf abgesehen hatten, ernsthaft mit Kuweit zu verhandeln. Gleichzeitig enthüllten Satellitenbilder, dass die Republikanische Garde entlang der gesamten Grenze zu Kuweit Stellung bezogen hatte. Es gab keine Zweifel mehr an einer Invasion.
Noch in derselben Nacht, um ein Uhr Ortszeit, strömten 120 000 irakische Soldaten über die Grenze. Innerhalb von 36 Stunden war Kuweit erobert, sein Militär besiegt und seine Führung geflohen.
Die Invasion war ein übler Schock für die Regierung Bush. Sie bedrohte die Ölversorgung des Westens und versetzte Saddam Hussein in eine Position, in der er sich zur Vormacht am Golf aufschwingen konnte. Es wäre einfach eine Frage der Zeit gewesen, bevor sich die Welt einem Saddam im Besitz von Nuklearwaffen gegenüber- gesehen hätte - wie die Waffeninspektoren der Uno später herausfinden sollten, wäre es nur eine sehr kurze Frist gewesen.
Schon drei Tage später, am Sonntag, dem 5. August, trafen zunehmend bedrohlichere Berichte ein. Satelliten hatten die riesigen Nachschub-Einheiten, mit denen die Iraker ihre Invasion unterstützten, tief im Süden Kuweits entdeckt, was keinen Sinn machte, wenn sie nur der Besetzung des Emirats dienen sollten. Für eine Invasion Saudi-Arabiens war dieser Aufmarsch jedoch äußerst plausibel.
Obwohl sich später einige dieser Entwicklungen als weniger dramatisch herausstellten, schrillten in Washington die Alarmglocken. Auf einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates überzeugte CIA-Chef William Webster die Teilnehmer, dass die Bedrohung für das Königreich sehr real sei, ein Angriff allerdings nicht notwendigerweise unmittelbar bevorstünde. Die Sitzungsteilnehmer entschieden, Verteidigungsminister Richard Cheney sofort nach Saudi-Arabien zu entsenden, um König Fahd zu überzeugen, einer Verteidigung seines Reichs durch die USA zuzustimmen.
Am nächsten Tag verkündete Präsident Bush, die irakische Invasion Kuweits werde "keinen Bestand haben". Nach dem Treffen mit Cheney stimmte König Fahd der "Operation Wüstenschild" zu, die 250 000 US-Soldaten in sein Land bringen sollte. Als im Verlauf der folgenden Wochen deutlicher wurde, dass Saddam keine unmittelbaren Angriffspläne gegenüber Saudi-Arabien hegte, richtete Washington sein Augenmerk wieder auf Kuweit und sah in der Besetzung eine Chance für eine gründlich veränderte Politik.
Nun wollte Bush die Gelegenheit ergreifen, Iraks Militärmacht zu schwächen und seine Massenvernichtungswaffen zu zerstören. In der Zwischenzeit hatte die Bush-Administration auf der Grundlage kluger Diplomatie den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen überreden können, eine Reihe von Resolutionen zu verabschieden, welche die irakische Invasion verurteilten, den Rückzug forderten und Sanktionen androhten, falls der Irak sich weigere. Diese Resolutionen ermöglichten wiederum die Bildung einer Allianz zur Verteidigung Saudi-Arabiens, in der arabische Staaten Seite an Seite mit dem Westen arbeiteten. Als Saddam klar machte, dass Sanktionen allein ihn nicht zum Rückzug aus Kuweit bewegen konnten, entschloss sich die Bush-Regierung, den Rückzug militärisch zu erzwingen.
Egal, welchen Illusionen er vor seiner Invasion Kuweits erlegen war, jetzt entdeckte Saddam schnell, dass die Vereinigten Staaten seine Eroberung nicht hinnehmen würden. Er drohte, ein Krieg werde in der "Mutter aller Schlachten" enden, in der Tausende von Soldaten den Tod finden würden. Er drohte auch damit, die Öl-Infrastruktur des Irak und Saudi-Arabiens zu zerstören, in der Hoffnung, damit den ölabhängigen Westen zu überzeugen, auf einen militärischen Showdown zu verzichten. Außenminister Asis ließ keinen Zweifel daran, dass der Irak Israel in einen Krieg hineinziehen werde und so den Konflikt in eine israelisch-arabische Auseinandersetzung verwandeln würde.
Bagdad schaffte so viele Truppen wie nur möglich nach Kuweit, um die Allianz davon zu überzeugen, dass ein Krieg lang und blutig werden würde. Zu Beginn der "Operation Wüstensturm" im Januar 1991 hatte der Irak ungefähr 550 000 Mann in Kuweit stationiert, verfügte über 3475 Panzer, 3080 Schützenpanzer und 2475 Artilleriegeschütze.
Doch alle Annahmen Saddams, wie der Krieg noch zu vermeiden sei, erwiesen sich als falsch. Am 17. Januar 1991 begann die Allianz unter Führung der Vereinigten Staaten die 43 Tage dauernde "Operation Wüstensturm". ÜBERSETZUNG: HANS HOYNG
Aus dem Buch: "The Threatening Storm", von Kenneth Pollack, erschienen bei Random House, Inc., New York. © 2002 by Kenneth Pollack * Mit Saddam Hussein am 20. Dezember 1983.
Von Kenneth Pollack und Hans Hoyng (Übersetzung)

DER SPIEGEL 6/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung