DER SPIEGEL

AUSTRALIENWarmer Regen

Der fünfte Kontinent plant ein gewaltiges Rüstungsprogramm. Die Regierung will beim internationalen Krisenmanagement ganz vorn dabei sein.
Die meisten Nationen haben ein Sicherheitstrauma - das australische datiert vom 19. Februar 1942. In zwei Angriffswellen stießen damals 135 japanische Kampfflugzeuge auf Darwin nieder, machtvoll und entsprechend effektiv. Sie versenkten oder demolierten fast vier Dutzend Kriegsschiffe und verwüsteten binnen Stunden die Hafenstadt samt deren Militärflugplatz.
Insgesamt 97 Attacken flogen die Piloten des Tenno in den folgenden 21 Monaten auf Ziele im Tropengürtel des Kontinents. Dort wurden alle Kräfte mobilisiert. Jeder fünfte Bürger war im Einsatz, an der Front, in Munitionsfabriken, beim Bau von Nachschubwegen; Hausfrauen halfen im Zivilgewerbe. Nur sieben Millionen Menschen lebten damals in Australien. Die dünn besiedelte Küstenlinie des Nordens war eigentlich kaum zu verteidigen. Dennoch schlugen die "Aussies", unterstützt von US-Truppen, die Japaner zurück und setzten sogar bis in den Pazifik nach.
Die Übergriffe blieben die einzigen auf ihr Territorium. Australien selbst beteiligte sich hingegen im Laufe seiner 103-jährigen Geschichte als souveräner Staat an zahlreichen Auslandseinsätzen, in Frankreich und Korea, von Irak bis Vietnam. Diese traditionelle Kriegsbereitschaft nimmt jetzt neue Dimensionen an: Die liberal-konservative Regierung in Canberra plant das aufwendigste und teuerste Rüstungsprogramm aller Zeiten.
In den nächsten drei Jahren soll der Militäretat mehr als verdoppelt werden. Bis 2014 kalkuliert Verteidigungsminister Robert Hill insgesamt 31 Milliarden Euro ein - obwohl kein Feind den Inselkontinent bedroht. Selbst die Seelenverkäufer aus Indonesien mit ihren illegalen Asylanten an Bord, die lange Zeit das wichtigste politische Reizthema waren, erreichen kaum noch das gelobte Land.
Stattdessen streckt Canberra seinen muskulösen Arm in die Region aus. In Osttimor, auf den Salomonen und zuletzt in Papua-Neuguinea sorgten australische Einheiten für Ruhe - mal als Anführer einer internationalen Friedensmission, mal auf Bitten einer bedrängten Regierung, mal aus freien Stücken.
Hill macht keinen Hehl daraus, dass sein detailliertes Beschaffungsprogramm, mit dem er Anfang Februar an die Öffentlichkeit ging, vor allem eigennützigen Interessen dient. Die Armee soll in möglichst großem Radius möglichst autonom handeln können. Und die Industrie werde "Seite an Seite" eingebunden, sagt der Minister, "als wirkungsvolle, entscheidende Komponente unserer nationalen Verteidigungsfähigkeit".
Ein warmer Regen öffentlicher Aufträge steht damit ins Haus:
* Das meiste Geld kommt der Luftwaffe zugute, allein neun Milliarden für moderne Kampfjets ("SDD-Projekt"); speziell dafür brauchen die australischen Firmen allerdings ausländische Partner.
* Ähnlich viel investiert der Staat in Zukunftselektronik; in diesem Bereich stehen die meisten Posten auf dem Wunschzettel, nämlich 98.
* Die Kosten für den maritimen Auftritt sollen bis 2009 "dramatisch steigen" und dann vier Jahre lang auf höchstem Niveau (über 700 Millionen Euro) stagnieren.
* Die Modernisierung von Heer und Fuhrpark wird in den beiden teuersten Phasen auf jährlich mindestens 430 Millionen Euro veranschlagt.
* Nur bei der Anschaffung von Waffen und Munition bleibt Hill eher bescheiden; größere Ausgaben sind nur einmal, in sechs Jahren, vorgesehen (für 230 Millionen Euro).
Unabhängige Experten vermuten allerdings, die Gesamtrechnung könne deutlich höher ausfallen als angenommen. Ihre ersten Schätzungen beziffern den Kraftakt auf rund 38 Milliarden Euro.
Das Riesenland mit seinen nur gut 19 Millionen Einwohnern ist entschlossen, in der Oberliga des internationalen Krisenmanagements mitzumischen. Aufgerüttelt durch die Terroranschläge von Bali im Oktober 2002, denen 88 Australier zum Opfer fielen, setzen Hill und sein Premierminister John Howard, der im Herbst eine vierte Amtszeit anstrebt, auf Vorwärtsverteidigung. Australien würde mit seiner Aufrüstung Anschluss gewinnen an die führenden Militärnationen und sich hinter die Mitglieder des Uno-Sicherheitsrates sowie Japan und Saudi-Arabien einreihen.
Doch auch persönlicher Ehrgeiz spielt eine wesentliche Rolle: Großmachtphantasien gefallen dem Wahlvolk, und der routinierte Taktiker Howard könnte dank dieses Prestigeprojekts zum Premier mit der zweitlängsten Amtszeit avancieren - übertroffen nur noch von seinem Vorbild Robert Menzies. Das war jener streng konservative Regierungschef, der Australien in den Zweiten Weltkrieg führte.
RÜDIGER FALKSOHN
Von Rüdiger Falksohn

DER SPIEGEL 8/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung