DER SPIEGEL

HÖHLENFORSCHUNGUnterwelt am Himmel

Seit über fünfzig Jahren erkundet der Science-Fiction-Autor Herbert W. Franke die Höhlen der Alpen. Nun will er nach Leben auf dem Mars suchen - und klettert dazu in die unterirdischen Lavalabyrinthe auf der Vulkaninsel Hawaii.
Schwarze Schlacke bedeckt den Boden kilometerweit, Reste des rot glühenden Lavastroms, der sich hier herabwälzte. In dieser Steinwüste gibt es weder Wälder noch Wiesen. Der Westhang des Mauna-Loa-Vulkans auf Hawaii ist eine monotone Mondlandschaft - ideale Voraussetzungen also für die Suche nach Leben im All, findet Herbert W. Franke: "Wenn hier Leben möglich ist", sagt er, "dann kann es theoretisch überall entstehen."
Franke, ein zierlicher Mann mit weißer Mähne und stechendem Blick, schlüpft in einen abgewetzten Blaumann, setzt einen Schutzhelm auf, knipst die Stirnlampe an und stapft hinab zum schwarz gähnenden Eingangsportal der Höhle von Kula Kai, wo der Höhlenforscher Ric Elhard schon auf ihn wartet. Ihre Stiefel knirschen über den Lavaboden. Die Dämmerung wird dichter, schließlich ist es stockdunkel. Nur die Lichtkegel der Stirnlampen huschen umher. In dieser Unterwelt will Franke nach möglichem Leben auf fremden Himmelskörpern suchen.
Franke, der Mitte Mai seinen 77. Geburtstag feierte, ist der wohl dienstälteste Science-Fiction-Autor deutscher Sprache. Seine erste Geschichte ("Kalziumaktivierung") erschien 1953 in der Wiener Kulturzeitschrift "Neue Wege", in der auch die Sprachartisten Ernst Jandl und Friederike Mayröcker veröffentlichten. Seitdem sind über 50 Romane, Sachbücher und Kunstbände von ihm erschienen. Zusammen mit den Fremdsprachenausgaben beanspruchen sie bald zwei Regalmeter daheim im winzigen Örtchen Puppling bei München, wo er mit seiner Frau in einem abgelegenen Haus wohnt.
Seine Romane wie "Das Gedankennetz" (1961), "Der Orchideenkäfig" (1961) oder "Endzeit" (1985) wurden vielfach ausgezeichnet, jahrzehntelang prägte er das Genre als Herausgeber von Reihen und Anthologien. Wird er nach seiner Biografie gefragt, so fragt er kokett zurück: "Welche meinen Sie denn? Ich habe drei."
Seinen zweiten Lebenslauf widmete Franke der Computerkunst. Schon in den fünfziger Jahren experimentierte er mit Oszillatoren herum und schuf mathematisch-psychedelische Bildwelten. Vor 25 Jahren zählte er dann zu den Gründern der Ars Electronica, einem wichtigen Medienkunst-Festival.
Daneben aber widmete sich Franke auch der harten Wissenschaft. In seinem dritten Lebenslauf nämlich ist der promovierte Physiker ein international anerkannter Höhlenforscher. Vor allem eine neue Methode zur Altersbestimmung von Tropfsteinen und seine Mitarbeit bei der Erforschung
der Dachstein-Mammuthöhle in Österreich haben ihn seit den fünfziger Jahren bekannt gemacht.
Nun kehrt Franke zu seinen Ursprüngen als naturwissenschaftlicher Höhlenforscher zurück - ohne jedoch die Phantasie des Geschichtenerzählers aufzugeben.
Seine "wissensbasierte Vision" ist so einfach wie überraschend: Wer nach Hinweisen auf außerirdisches Leben sucht, solle das am besten in Höhlen tun. Auf dem Mars zum Beispiel fahnden die Roboter bislang stets auf der Oberfläche nach Spuren von Wasser und Leben. "Aber da würden Organismen von Meteoriten, Stürmen, harter UV-Strahlung, Temperaturschwankungen und Trockenheit heimgesucht. In geschützten Höhlenräumen sind die Lebensbedingungen dagegen viel besser", sagt Franke. Um das nachzuweisen, stolpert er hier durchs Dunkel.
Im Schein seiner Stirnlampe schimmert eine fremdartige Welt auf. Die Höhlenwände scheinen mit einer glatten Lasur wie ein Schokokuchen überzogen - "Chocolate Factory" heißt daher eine Kammer. Der hohe Anteil an Magnetit verwirrt den Kompass.
Zimmergroße Bälle aus erkalteter Lava liegen herum, von der Decke hängen Tropfen aus rotem Basalt, die teilweise schräg nach oben gewachsen sind - dem heißen Aufwind der Lava folgend. Immer wieder kreuzen und verzweigen sich die Gänge, oft öffnet sich jäh ein Loch im Boden. Die Gänge mäandern umeinander, verschlungen wie ein Teller Makkaroni. Über 25 Kilometer lang ist dieses Labyrinth, nur eines von vielen auf Hawaii.
Entstanden sind diese Höhlensysteme durch einen Lavastrom, der sich seit 1500 Jahren immer wieder vom Mauna Loa hinabwälzt, das letzte Mal 1907. "Langer Berg" bedeutet sein Name, er reckt sich vom Meeresboden aus 9000 Meter empor und gilt als mächtigster Vulkan der Erde.
Die Tunnel entstehen dadurch, dass die äußerste Lavaschicht bereits zu einer Steinhülle erkaltet, während die glutflüssige Lava in der Mitte weiterrinnt. So bilden sich teilweise unterhöhlte Böschungen, Canyons und meterhohe wasserfallähnliche Steilstufen, die eben nicht durch Wasser, sondern durch feuriges Magma entstanden sind. "Pyroducts" werden diese "Feuerleitungen" genannt, über deren Entstehung schon der Philosoph Immanuel Kant vor 200 Jahren in seiner "Physischen Geographie" spekulierte.
Franke bleibt stehen. Ein Gerippe liegt im Lichtschein seiner Stirnlampe: eine junge Ziege, die vermutlich von oben zu Tode gestürzt ist, als sie durch ihr Gewicht die mürbe Decke zum Einstürzen brachte. Derlei Deckenstürze machen junge vulkanische Landschaften gefährlich für Wanderer. Andererseits öffnen diese steinernen Falltüren völlig neue Einblicke für die Astrogeologie. Denn einige Regionen des Mars sind offenbar übersät von ihnen.
Olympus Mons heißt der mit rund 27 Kilometer Höhe größte Vulkan des Sonnensystems auf der Nordhalbkugel des Mars. Erst 1971 enthüllte die Marssonde "Mariner 9" , dass an seinen Flanken geheimnisvolle Vertiefungen aufgereiht sind wie Perlen auf einer Schnur - möglicherweise die eingestürzten Decken darunter verborgener Lavaröhren.
"Große Teile des Mars müssen von Höhlen geradezu wie ein Schweizer Käse durchlöchert sein", glaubt Franke. Auf dem Mars seien erstarrte Lavaströme von 1000 Kilometer Länge zu erkennen: "Dort muss es also Höhlen geben, weitaus größer als jene der Erde, denn der beschriebene Vorgang der Röhrenbildung beruht auf einem Naturgesetz, das nicht nur für unseren Planeten, sondern im gesamten Weltraum gültig ist."
Seit Jahren schon spekulieren Wissenschaftler über die verborgenen Unterwelten am Himmel: Nicht nur auf dem Mars gebe es ausgedehnte Lavahöhlensysteme, sondern vielleicht auch auf Merkur, Venus und auf dem Jupitermond Io.
Diese unterirdischen Schutzzonen seien das ideale Habitat für außerirdisches Leben, glaubt auch der angesehene amerikanische Astrogeologe Ronald Greeley, "aber bislang sind extraterrestrische Höhlen so gut wie unerforscht".
"Die Nasa und die anderen Raumfahrtbehörden ignorieren uns Höhlenforscher fast völlig", klagt Franke, "wir Speläologen dagegen waren schon immer vom Weltall fasziniert." Er zeigt auf einen strahlend weißen Tropfen, der von der Decke hängt: "Mondmilch nennen wir diese Struktur aus Calcit." Heruntergestürzte Deckenteile auf dem Höhlenboden würden hier "Asteroid" genannt. "Und als wir im Februar 1971 in der Dachstein-Mammuthöhle unterwegs waren, mussten wir viel an die Astronauten von ,Apollo 14'' denken, die zur gleichen Zeit im Fra-Mauro-Hochland den Mond erkundeten", erinnert sich Franke. "Genau wie die waren auch wir mehrere Tagesreisen von der Erdoberfläche entfernt
in einer fast außerirdisch fremden Welt - nur hatten wir, im Gegensatz zu den Astronauten, keinerlei Funkkontakt."
Zurück in die Unterwelt von Hawaii: Der Gang scheint zu Ende - ein Versturz aus großen Lavabrocken verbaut den Weg. Doch ein Lufthauch auf Beinhöhe verrät Franke, dass es weitergeht. Ohne zu zögern zwängt er sich kriechend durch den kniehohen Spalt. Zum Schutz vor den messerscharfen Lavakanten trägt er Plastikschoner an Knien und Ellenbogen. Sein Lichtkegel verschwindet im Spalt, nur noch ein Schnaufen ist zu hören und das Schleifen und Reißen am scharfkantigen Boden. "Es geht weiter!", tönt es schließlich hohl aus dem Loch.
"Solche engen Schluf-Stellen waren schon immer meine Spezialität", prahlt der 77-Jährige am anderen Ende. Die Forscherkarriere des ehemaligen Flakhelfers aus Wien begann im August 1951 mit einer Expedition zu einem Unglücksschacht im "Toten Gebirge", wo kurz zuvor ein Skifahrer spurlos in einer Felsspalte verschwunden war. "Höhlenforschung war für mich damals die einfachste Art, so weit weg wie möglich zu reisen und Neuland zu betreten", erinnert sich Franke. Die Höhlen des Dachsteingebietes lagen quasi vor seiner Haustür und waren doch fremdartiger als jedes Land unter der Sonne.
Der Abstieg in die Unterwelt war für den damals 24-jährigen Jungphysiker gleichzeitig der Einstieg in die Science-
Fiction - die Fortsetzung der Abenteuerlust mit anderen Mitteln. In vielen seiner Geschichten wird nicht nur mit Raumschiffen das All erkundet, sondern immer wieder in dunklen Labyrinthen geklettert, gekrochen, abgeseilt, abgestürzt.
Peter Parsival war eines seiner frühen Pseudonyme, welches man als "Stein-Sucher" übersetzen könnte. Seitdem produziert er Höhlengleichnisse am laufenden Band: Auch seine Computergrafiken simulieren oft steinerne Unterwelten.
Frankes nächster Roman "Cyber City Süd", der 2005 erscheinen soll, handelt von einer zukünftigen Zivilisation, deren Wasserversorgung sich komplett aus unterirdischen Kanalsystemen speist - wie einst auch auf Hawaii üblich.
Denn der Urbevölkerung dienten die Lavaröhren als natürliche Zisternen, um in Trockengebieten die Wasserversorgung zu garantieren: Immer wieder stoßen Höhlenforscher auf jahrhundertealte Holzgefäße, die dazu dienten, das Wasser aufzufangen, das vielerorts von den Wänden tropft.
Je tiefer Franke vordringt, desto schwüler wird die Luft, die Wände glänzen. In anderen
Höhlen befinden sich sogar reißende Bäche und stille Seen.
Plötzlich, Stunden vom Eingang entfernt und über zehn Meter unter der Erde, steht Franke vor einem Vorhang aus dichtem Wurzelwerk: Die zähen Eisenholz-Bäumchen saugen von hier unten die lebensnotwendige Feuchtigkeit. Gelbliche Schleimballen hängen von der Decke, Bakterienkolonien, von denen vermutet wird, dass sie zur Medikamentenherstellung geeignet sein könnten. Eine blinde Spinne huscht über die Wand, aufgeschreckt von den Erschütterungen der Schritte. Winzige bleiche Insekten krabbeln umher.
Über 70 hoch spezialisierte Arten wurden in den letzten Jahren in den Lavahöhlen der Hawaii-Inseln entdeckt, bisweilen exotisch wie Aliens: spezielle Höhlengrillen, flugunfähige Fliegen, blinde Wolfsspinnen. Die lichtlosen Oasen des Lebens gaben den Höhlenbiologen anfänglich große Rätsel auf, denn die Besiedelung neuer Hohlräume vollzieht sich unerklärlich schnell. Bis ihnen auffiel: Weite Teile der hawaiianischen Unterwelt sind großräumig vernetzt, schon wenige Millimeter enge Spalten reichen für die Einwanderung einiger Spezies aus benachbarten Höhlensystemen.
Die Steinwüste lebt - nur eben anders und woanders, als man vermutet hätte. Als bereits Astronauten über das Fra-Mauro-Hochland des Mondes tappten, war die fremde Welt direkt unter den Sohlen der Hawaiianer weitgehend unbekannt.
Möglicherweise werden sich zukünftige Astronauten sogar wieder in Höhlenmenschen verwandeln, spekulieren Wissenschaftler wie der Darmstädter Lavaröhren-Spezialist Stephan Kempe oder der Astrogeologe Greeley: Mit vergleichsweise geringem Aufwand ließen sich extraterrestrische Lavahöhlen in Raumstationen verwandeln: Ein luftdichter Abschluss würde reichen, um Höhlenbewohner vor Stürmen, Temperaturschwankungen und UV-Strahlung zu schützen.
Franke behagt dieser Gedanke. Zufrieden setzt er sich auf eine Basaltböschung und betrachtet die unterirdische Oase ringsum. Ob Ähnliches dereinst auf Mars, Venus oder Io gefunden wird? Es steht in den Sternen - oder vielleicht in einem neuen Roman von Herbert W. Franke. HILMAR SCHMUNDT
* Aufnahme der Sonde Mars Express ; die kettenförmig angeordneten Vertiefungen gelten als mögliche Einbrüche von Lavaröhren.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 23/2004
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