DER SPIEGEL

JOURNALISTENVon My Lai nach Abu Ghureib

Seymour Hersh ist eine lebende Legende, er hat Kriegsverbrechen in Vietnam und den Folterskandal im Irak aufgedeckt. Nur eines wurmt ihn bis heute: dass Watergate-Enthüller Bob Woodward mehr Erfolg hat - und mehr Geld.
Mitte April bekam der Journalist Seymour Hersh den Tipp, dass beim Fernsehsender CBS Fotos aufgetaucht seien, die US-Soldaten wäh-rend der Nachtschicht in einem Militärgefängnis nahe Bagdad aufgenommen hatten. Auf den Fotos war angeblich zu sehen, wie Gefangene von den Aufsehern bedroht, geschlagen und sexuell gedemütigt wurden. Von einer internen Ermittlung der Armee war die Rede und davon, dass die Bilder so drastisch seien, dass das Pentagon den Sender gebeten habe, sie nicht zu zeigen.
Es klang alles sehr viel versprechend, aber auch ein wenig undurchsichtig. Bis dahin hatte noch niemand davon gehört, dass irakische Kriegsgefangene gequält wurden - mit dem Ziel, ihnen Informationen abzupressen. Hersh machte ein paar Anrufe, und ein paar Tage später traf er in einem kleinen Hotel in Neuengland einen Informanten, der ihm einen Umschlag mit ungefähr 50 Bildern zusteckte und einen 53 Seiten umfassenden Untersuchungsbericht zu den Vorgängen, der später als Taguba-Report bekannt werden sollte.
Der Tag war anstrengend gewesen, am Morgen war Hersh von einer Reise aus Iran zurückgekehrt. Er war müde, und so warf er nur einen Blick auf das Material, bevor er sich kurz hinlegte. "Es ist eigenartig, aber als ich das erste Mal den Taguba-Report las, war mir nicht gleich klar, wie brillant er war", erinnert er sich. "Nach einer Stunde stand ich auf, las noch einmal und sagte: O mein Gott."
"Folter in Abu Ghureib" hieß die Geschichte, die am 10. Mai im "New Yorker" erschien, wo Hersh seit zehn Jahren als Reporter unter Vertrag ist. Auch wenn am Ende dann doch CBS als Erste die Bilder veröffentlichte, war es der Hersh-Text im "New Yorker", der den Skandal fassbar machte und auf den sich Zeitungen in aller Welt beriefen. Es war die Art von Geschichten, von der Journalisten ihr Leben lang träumen - ein Scoop. Für Hersh war es die Bestätigung, dass er noch immer für eine Überraschung gut ist.
Hersh, 67, hat so ziemlich jeden Preis gewonnen, den man in Amerika als Journalist gewinnen kann. In seinen acht Büchern hat er das israelische Atomwaffenprogramm untersucht, den Abschuss von Flug KAL 007 durch die Russen 1983, das Leiden der Veteranen des ersten IrakFeldzugs am so genannten Golfkrieg-Syndrom. Er hat den Kissinger-Mythos zertrümmert und John F. Kennedy als notorischen Fremdgeher mit Mafia-Verbindungen beschrieben. Er ist das, was man eine Reporterlegende nennt. Er könnte sich zur Ruhe setzen. Oder an der Uni Journalismus lehren. Eigentlich muss er niemandem mehr etwas beweisen.
An diesem Nachmittag turnt Hersh auf seinem Stuhl herum und kräht fröhlich: "Ich bin eine richtige Nutte." Gerade ist sein neuntes Buch herausgekommen, eine überarbeitete und mit neuem Material angereicherte Fassung seiner "New Yorker"-
Artikel seit dem 11. September, das es auf Anhieb auf die "New York Times"-Bestsellerliste brachte*. Die Presseagentin seines Verlags hat ihm eine ganze Reihe Termine gemacht. Am Morgen war er bei der "Early Show", dem Frühstücksfernsehen von CBS. Er wirkte leicht deplatziert. Hersh erzählte etwas von den Verhältnissen in Guantanamo und wie die Gesetzlosigkeit von dort auf Abu Ghureib übergriff. Die Moderatorin wedelte aufgeregt mit ihren Stichwortkarten. "Es war lächerlich", sagt Hersh. "Sie hat die ganze Zeit hektisch zur Seite nach Hilfe geschaut, wenn die Kamera auf mich gerichtet war."
Das Telefon klingelt. Nachdem er kurz in den Hörer gelauscht hat, verzieht er das Gesicht. "Bullshit, Roger", ruft er ins Telefon und wackelt auf seinem Stuhl hin und her. "Das ist alles Bullshit."
Bullshit ist ein Wort, das bei Hersh oft vorkommt. Er hat nie viel Zeit damit verloren, Nettigkeiten auszutauschen. Er bevorzugt es, direkt zum Punkt zu kommen.
Seit 14 Jahren arbeitet Hersh von einem Büro an der Connecticut Avenue in Washington aus. Eigentlich ist es mehr eine Abstellkammer. Es gibt einen Vorraum, in dem Kisten mit alten Artikeln die Wand hoch stehen. Sein Arbeitszimmer besteht aus einem altersschwachen Regal, einem angeschlagenen Computertischchen und einem Schreibtisch, den ein Berg aus Notizblocks, Büchern, Zeitungsausrissen und Manuskriptseiten bedeckt, aus dem Hersh hin und wieder vorsichtig ein Papier zieht. Über dem Computer hängt ein Foto, das Henry Kissinger in einem Chinarestaurant zeigt. Kissinger schiebt sich gerade eine Frühlingsrolle in den Mund. Er sieht ein wenig lächerlich aus.
"Nur 600 Dollar im Monat", sagt Hersh stolz. Er könnte vom "New Yorker" ein fabelhaftes, modern eingerichtetes Büro bekommen, aber dann wäre er für die Zen-
trale jederzeit erreichbar. Er ist kein besonders geselliger Mensch. Er hat nicht einmal eine Sekretärin.
Es gibt eine Menge Geschichten über seine Ausbrüche. Gelegentlich wurden Kollegen Zeugen, wie er Leute am Telefon zusammenstauchte, die nicht mit ihm reden wollten oder seinen Fragen auswichen.
In einer Geschichte über ihn, die vor einigen Jahren in "Vanity Fair" erschien, ist beschrieben, wie Hersh alles vom Schreibtisch fegte, als ein Besucher den Blumentopf erwähnte, den Bob Woodward von der "Washington Post" während der Watergate-Recherchen als geheimes Signal benutzte; wie Hersh dann aus einer Schublade die Geheimcodes für die amerikanischen Nuklearwaffen zog und schrie: "Verdammte Scheiße, ich habe mir das alles ohne einen Scheißblumentopf besorgt, ich brauche keinen Scheißblumentopf." Hersh hat anschließend bestritten, dass er jemals Missile-Codes besaß, aber er hat mehrfach offen eingestanden, dass er Woodward wegen seines Geldes beneidet.
Woodward und Hersh sind das Zwillingsgestirn des investigativen Journalismus. Für ein paar Jahre, während Watergate, waren sie sogar direkte Konkurrenten. Die "New York Times" hatte Hersh geholt, um den Abstand zur "Washington Post" aufzuholen. Hersh war dann der Erste, der eine direkte Mitwirkung des Weißen Hauses bei der Vertuschung nachwies. Er bearbeitete zehn Stunden am Tag das Telefon, sieben Tage die Woche, aber er konnte nie wirklich aufschließen. Dazu waren Woodward und dessen Kollege Carl Bernstein zu weit enteilt.
So richtig aufgeholt hat Hersh bis heute nicht. Es gibt nicht wenige, die ihn für den besseren Journalisten halten, aber Woodward ist der erfolgreichere. Woodwards Bücher haben Millionenauflagen, er verkehrt in den ersten Kreisen Washingtons, und man muss lange suchen, um jemanden zu finden, der über ihn nicht etwas Nettes sagt.
Was Woodward mit Charme und sanfter Überredungskunst schafft, erreicht Hersh mit harter Arbeit. Einer wie Hersh wird nicht zu den Partys in Georgetown eingeladen. Er kommt nicht mal in die Vorzimmer der Macht.
Hat er versucht, mit Donald Rumsfeld zu reden? "Machen Sie Witze?", ruft Hersh und schaukelt wild auf seinem Stuhl. "Ich habe ihn Dutzende Male in seinem Büro angerufen, ich faxe ihm jede Geschichte vorab. Er hat noch nicht einmal zurückgerufen. Für diese Regierung gibt es nur mit uns oder gegen uns."
Die Gesprächspartner von Hersh sitzen in der dritten oder vierten Reihe. Sie sind beim Geheimdienst, dem Pentagon, einige sind schon pensioniert oder zur Seite geschubst, aber sie halten immer noch ihre Ohren offen und tauschen sich untereinander aus. Es ist eine eigene, klandestine Welt, und Hersh ist Teil von ihr.
Seymour Myron Hersh wuchs in Chicagos South Side auf. Die Eltern waren jüdische Immigranten aus Osteuropa, der Vater hatte einen Reinigungsbetrieb im schwarzen Ghetto, aber weder Politik noch Religion waren ein großes Thema. Respektiert werden, das Geschäft in Schwung halten, den Kindern eine vernünftige Erziehung ermöglichen - das waren die Dinge, die in seinem Elternhaus zählten.
Sy, wie er gerufen wurde, hatte zunächst Schwierigkeiten, im Berufsleben Fuß zu fassen. Nach einem Geschichtsstudium schrieb er sich für Jura ein, doch weil er seine Zeit vor allem mit Kreuzworträtseln und Bridgepartien zubrachte und die meisten Nächte in irgendwelchen Bars vertrödelte, musste er die Uni schon nach einem Jahr wegen zu schlechter Noten wieder verlassen. Er fing als Verkäufer bei der Drogeriekette Walgreens an, für 1,50 Dollar die Stunde.
Es war eher der Zufall, der ihn zum Journalismus brachte - und Geldnot. Als ein Freund erwähnte, dass das Chicago News Bureau Aushilfen suchte, bewarb er
sich eben dort. Sein erster Auftrag war ein Kabelbrand in einem Gully. Es war zugleich das erste Mal, dass Hersh das Gefühl hatte, am richtigen Platz zu sein. Die Nachrichtenagentur UPI wurde auf ihn aufmerksam, dann AP, die ihn 1966 zum Pentagon-Korrespondenten machte.
Schon früh zeigten sich zwei Eigenschaften, die bei Hersh besonders ausgeprägt sind: sein Talent, Informanten zu gewinnen, und sein Problem mit Hierarchien. Man könnte auch sagen, es ist ein und derselbe Charakterzug, nämlich sein Unwillen, ein Nein für ein Nein zu nehmen.
Hersh war erst wenige Monate auf dem neuen Posten, als er mit seinen Vorgesetzten wegen einer Geschichte über biologische Waffen aneinander geriet. Während viele Kollegen ihre Informationen vorzugsweise aus Pressemitteilungen bezogen, hatte es sich Hersh zur Angewohnheit gemacht, höherrangige Offiziere während ihrer Mittagspause aufzusuchen. Aus einem dieser Kontakte war die Waffen-Story entstanden. Die Ressortleitung hatte den Text um 80 Prozent gekürzt und den Rest umgeschrieben. Hersh bekam einen Wutanfall und kündigte.
Man kann nicht wirklich sagen, dass sich sein Verhältnis zu Chefredakteuren im Laufe der Jahre deutlich gebessert hätte. In seinem ersten Telefonat mit A. M. Rosenthal von der "Times" legte Hersh einfach auf. Rosenthal hatte nach einer Quelle gefragt. "Wissen Sie, wer ich bin?", fragte Rosenthal, nachdem er sich noch einmal hatte durchstellen lassen. "Yep", sagte Hersh und hängte wieder auf.
Hersh blieb in Washington und schlug sich als Freelancer durch. Im Herbst 1969 erzählte ihm jemand von einem jungen Offizier, dem wegen Mordes an vietnamesischen Zivilisten ein Kriegsgerichtsverfahren drohe. Zwei Tage und 25 Anrufe später hatte er den Angeklagten als William Calley Jr. identifiziert, eine weitere Runde von Telefonaten - und er hatte auch den Anwalt. Hersh flog nach Fort Benning in Georgia, wo Calley zuletzt stationiert gewesen war, und fuhr so lange den Stützpunkt ab, bis er schließlich an einer Kreuzung auf den Soldaten stieß. Sie besorgten sich Steaks und Schnaps und redeten die ganze Nacht.
Lieutenant Calley hatte im März 1968 eine Division der Charlie Company in ein Dorf in der Quang Ngai Provinz geführt, das auf den Karten als My Lai 4 eingezeichnet war. Die Soldaten verbrachten ein paar Stunden damit, auf alles zu schießen, was sich bewegte, und als sie das Dorf verließen, waren 500 Menschen tot, nahezu ausnahmslos Frauen, Kinder und Greise.
Hersh schrieb die Geschichte auf dem Rückflug nach Washington und bot sie Magazinen wie "Life" und "Look" an, ohne Erfolg. Er wandte sich an seinen Nachbarn, David Obst, der einen kleinen, linken Depeschendienst aufgezogen hatte und häufig die Arbeit von Freien vertrieb. 36 Tageszeitungen
übernahmen schließlich das Stück, dann stieg das Fernsehen ein. Hersh war 32 Jahre alt und ein Star. "Die Leute fragten mich, ob ich beim Schreiben nicht an die Folgen für den Krieg gedacht hätte. Und ich antwortete: Sind Sie verrückt? Mein Gedanke war sofort: Pulitzer-Preis. Reichtum, Ruhm und Herrlichkeit."
Gibt es Parallelen zu Abu Ghureib?
"Diese Kids im Irak haben niemanden umgebracht. Andererseits wird Abu Ghureib weit ernstere Auswirkungen für uns haben als My Lai. Vietnam war ein Desaster, aber ein taktisches. Ein Jahr nach dem Ende des Krieges in Vietnam hat sich die vietnamesische Regierung schon wieder um unsere Anerkennung bemüht, um Tourismus und Handel in Schwung zu bringen. Abu Ghureib ist ein strategisches Desaster."
Hersh ist überzeugt, dass die Verantwortung für den Folterskandal bis ganz nach oben reicht. Er hat einen CIA-Mann aufgetan, der bereits im Sommer vor zwei Jahren nach einem Inspektionsbesuch in Guantanamo von "Kriegsverbrechen" sprach; ein entsprechender Bericht sei dem Nationalen Sicherheitsrat zugegangen, ohne dass Konsequenzen folgten. Hersh sagt, dass er am Tag zuvor neues Material bekommen habe, "aufregendes Zeug".
Er muss los, er hat später noch eine Signierstunde in einer Buchhandlung Downtown. Er möchte pünktlich sein, sie haben extra einen großen Raum für ihn angemietet. "Ich signiere und rede. Ich fange mit der Prämisse an: Es ist der 20. Januar 2005, und wir haben wieder Bush. Was machen wir jetzt? Ich erschrecke die Leute zu Tode."
Er glaubt, dass John Kerry keine Chance mehr hat zu gewinnen - "es sei denn, er tut etwas wirklich Dramatisches, aber dazu ist er nicht fähig. Ziemlich gruselig". Hersh wirkt seltsam aufgekratzt, als er das sagt. Es sieht für ihn so aus, als ob er vier weitere aufregende Jahre vor sich hätte. JAN FLEISCHHAUER
* Seymour M. Hersh: "Die Befehlskette". Rowohlt, Reinbek; 288 Seiten; 14,90 Euro.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 41/2004
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