DER SPIEGEL

„Man hofft, solange man atmet“

Die Auschwitz-Überlebende und Cellistin Anita Lasker-Wallfisch, 79, über ihr Schicksal als Jüdin im Dritten Reich, den alltäglichen Terror in den Konzentrationslagern und das Gedenken der Deutschen an den Holocaust
SPIEGEL: Frau Lasker-Wallfisch, Sie waren 18 Jahre alt, als Sie 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurden. Können Sie sich an Ihre ersten Eindrücke erinnern?
Lasker-Wallfisch: Es war Nacht, es war laut, Hundegebell, Geschrei und Gestank, das ist der Eindruck. Und Menschen mit schwarzen Umhängen. Die Aufseherinnen haben solche Capes getragen. Es war unheimlich. Dass man dort an keinem guten Platz angekommen ist, das hat man schnell verstanden.
SPIEGEL: Wurde geschossen?
Lasker-Wallfisch: Nein, das brauchte man gar nicht. Es gab schließlich Gaskammern. Die Menschen sind dort auch so krepiert. Ich kann gut verstehen, warum man den 27. Januar, den Tag der Befreiung, als Gedenktag gewählt hat, denn in Auschwitz, da war alles drin, alles.
SPIEGEL: Sie haben etwa ein Jahr dort verbringen müssen, bis Ende 1944. Wie sehr beherrscht diese Zeit noch heute Ihr Bewusstsein?
Lasker-Wallfisch: Sie beherrscht nicht mein Bewusstsein, aber natürlich ist sie mir präsent. Und seitdem ich so viel in Schulen von dieser Zeit berichte, ist sie mir sogar noch gegenwärtiger als früher.
SPIEGEL: Sie haben ein Buch über Ihre Zeit in Auschwitz geschrieben und lesen daraus öffentlich vor*. Hat dieser Prozess der Auseinandersetzung auch Wunden geheilt?
Lasker-Wallfisch: Nein. Nur eine Sache hat sich bei mir verändert: dass ich nicht mehr wütend bin auf die Menschen, die mich jahrzehntelang nicht gefragt haben, was damals geschah. Aber Befreiendes, nein. Für mich ist das Erzählen und Berichten von dieser Zeit eine Art Pflichterfüllung. Millionen Menschen können nicht mehr sprechen, wir sind sozusagen die Stimme jener Menschen, die nicht mehr reden können, weil man sie umgebracht hat.
SPIEGEL: Ihr Vater war Rechtsanwalt in Breslau, Ihre Mutter Musikerin. Warum sind die Laskers nicht wie viele andere bürgerliche Familien emigriert?
Lasker-Wallfisch: Wir waren so eine typisch deutsch-jüdische, komplett assimilierte Familie. Mein Vater war Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg mit Eisernem Kreuz und dem ganzen Zeug, was dazugehört. Ein überzeugter Deutscher. Ich weiß nicht, ob Sie mal in Auschwitz waren und die ganzen Prothesen dort gesehen haben. Die gehörten überwiegend den Verletzten aus dem Ersten Weltkrieg.
SPIEGEL: In den assimilierten Familien spielte das Judentum häufig keine große Rolle mehr - auch bei Ihnen?
Lasker-Wallfisch: Wissen Sie, das Judesein ist ein ziemliches Problem. Man weiß im Grunde gar nicht, was das ist. Man gehört sozusagen einer Leidensgemeinschaft an. Das verbindet uns. Aber wir sind so verschiedenartig. Das möchte man gern in die Köpfe der Menschen hineinbekommen, die Juden en gros hassen, weil sie anders sind. Wir sind untereinander auch vollkommen anders! Ja, im Grunde ist es nur eine Gemeinschaft, die viel mitgemacht hat, nicht nur den Holocaust.
SPIEGEL: Viele Überlebende sagen, dass erst die Nazis sie zu Juden gemacht hätten.
Lasker-Wallfisch: Ja. Man hat es mir in der Schule gesagt, dass ich Jude bin, "ein dreckiger Jude". Zuerst habe ich mich gefragt, was das eigentlich ist. Aber dann hat man es verstanden, man ist also Jude, man gehört der jüdischen Religion, der jüdischen Gemeinschaft an. Man hat mich bei einer Lesung in einer Schule kürzlich gefragt: "Wenn es so gefährlich war, jüdisch zu sein - warum bist du nicht christlich geworden?" Da sagte ich: "So einfach ist das auch wieder nicht. Du bist eben Jude."
SPIEGEL: Als Ihre Eltern 1942 deportiert und wenig später umgebracht worden sind, mussten Sie und Ihre Schwester Renate Zwangsarbeit leisten in einer Papierfabrik - unter welchen Bedingungen?
Lasker-Wallfisch: Wissen Sie, alles ist relativ im Leben. Es war besser, in der Papierfabrik
zu sein als in der Munitionsfabrik. Natürlich, wenn ich jetzt zurückdenke, war es nicht angenehm. Wir waren mit französischen Kriegsgefangenen zusammen, dazu Polinnen und andere Zwangsarbeiter.
SPIEGEL: Aber Sie als Jüdin hatten schon einen besonderen Status in dieser Fabrik?
Lasker-Wallfisch: Ich glaube nicht. Wir waren dort halt alle Untermenschen.
SPIEGEL: Es bestand ja damals schon die Pflicht, den gelben Stern zu tragen. Sie und Ihre Schwester waren auf der Straße für jedermann als Juden zu erkennen. Wie haben die nichtjüdischen Deutschen reagiert? Mit Ignoranz oder Mitleid oder Hass?
Lasker-Wallfisch: Mitleid bestimmt nicht. Ich kann aber nicht in die Köpfe anderer
Menschen schauen. Meine Tante, also die Schwester meiner Mutter, war groß, blond, mit Stupsnase, also der germanische Typ. Als sie den gelben Stern angesteckt hat, haben sich die Leute angeblich umgedreht und gesagt: "Das kann doch nicht sein. So sieht doch kein Jude aus."
SPIEGEL: Nie hat jemand Ihnen gegenüber so etwas wie Mitgefühl gezeigt?
Lasker-Wallfisch: Eine einzige Episode fällt mir ein. Wir durften ja nicht in der Straßenbahn sitzen, wir mussten immer draußen auf dem Perron stehen. Da habe ich also eines Tages wieder mit meinem gelben Stern gestanden, und die Mutter eines Klassenkameraden aus der kleinen Privatschule, in die ich gegangen bin, bevor ich in die jüdische Schule wechseln musste, entdeckte mich. Diese Frau, eine adlige Dame, deren Name mir leider entfallen ist, ist dann aufgestanden und hat sich neben mich gestellt. Das werde ich nie vergessen. Für mich war das phantastisch.
SPIEGEL: Aber das ist nur einmal passiert?
Lasker-Wallfisch: Ja. Es gab bestimmt auch noch andere Leute, die nicht einverstanden waren mit dem, was passiert ist. Aber niemand hat ja den Mut gehabt. Alle Leute haben Angst gehabt voreinander, vor Denunziationen.
SPIEGEL: Hatten Sie damals auch Angst?
Lasker-Wallfisch: Ich weiß es nicht. Wir haben uns jedenfalls nicht so verhalten. Meine Schwester und ich haben den französischen Kriegsgefangenen sogar Ausweispapiere gefälscht. Wir konnten Sütterlinschrift schreiben, wissen Sie. Und wir hatten auch Möglichkeiten, ihnen Zivilkleider zu beschaffen. Wenn man mich schon schnappt, so habe ich damals wohl gedacht, soll man mich für etwas Verbotenes schnappen, nicht dafür, dass ich zufällig jüdisch bin.
SPIEGEL: Konnten die Kriegsgefangenen dann mit Hilfe dieser Papiere fliehen?
Lasker-Wallfisch: Ja. Die sind dutzendweise weg.
SPIEGEL: Und das hat die Gestapo mitbekommen?
Lasker-Wallfisch: Nein, sie hat mitbekommen, dass wir uns durch ein Loch in der Toilettenwand mit den Franzosen verständigt haben. Und eines Tages war dieses Loch zugemauert. Da haben meine Schwester und ich gewusst, dass man uns auf der Spur ist. Also haben wir uns gesagt: Jetzt hauen wir ab; wir sind aber nicht sehr weit gekommen. Auf dem Breslauer Bahnhof war schon Schluss.
SPIEGEL: Und man hat Ihnen den Prozess gemacht?
Lasker-Wallfisch: Ja, es war Glück im Unglück. Wir haben ein Jahr wegen Urkundenfälschung im Gefängnis gesessen, und in der Zeit wurden die letzten Juden aus
Breslau weggebracht. Wir haben bald verstanden, dass es im Gefängnis besser ist als in Auschwitz.
SPIEGEL: Heute behaupten viele Deutsche, man habe damals über die Situation in den Vernichtungslagern nichts gewusst.
Lasker-Wallfisch: Ich will Ihnen etwas sagen: Wir, meine Schwester und ich, hatten von den Gaskammern gehört. Aber wir haben es nicht geglaubt.
SPIEGEL: Wann wussten Sie Genaueres?
Lasker-Wallfisch: Im Zuchthaus hat meine Schwester Renate ein Mädchen getroffen, das von Auschwitz dorthin zurückgeschickt worden war. Und dieses Mädchen hat ihr erzählt, dass das wahr ist, was man über Auschwitz hört. Aber wir wollten es immer noch nicht glauben. Das soll nicht als Entschuldigung dafür gelten, dass man heute sagt, man habe nichts gewusst. Ich akzeptiere, dass viele Deutsche nicht gewusst haben, was in den Konzentrationslagern los war. Andererseits gab es eine Menge Menschen, die ganz in der Nähe der Lager gewohnt haben. Die hätten sich schon fragen können: Was ist mit diesen Leuten, die da eingesperrt werden?
SPIEGEL: Sie haben also auch auf der Fahrt ins Lager noch gehofft, dass Sie dort heil wieder herauskommen würden?
Lasker-Wallfisch: Ich glaube, solange man atmet, hofft man auch immer. Die Sache war ja raffiniert angelegt. Die Leute, die so aus dem normalen Leben herausgerissen und in die Züge gesteckt wurden, hatten vielleicht gehört, dass in Auschwitz furchtbare Sachen passieren, aber sie haben doch bis zuletzt gedacht: Vielleicht ist es doch nicht so schlimm. Und dann sind sie angekommen, und die SS hat ihnen gesagt: "Die Alten und die Kranken können auf den Lastwagen fahren, und wer noch jung ist, kann laufen." Es hat gedauert, bis man kapiert hat, dass die, die gefahren sind, in die Gaskammern gebracht wurden. Und selbst dort hieß es nur: "Jetzt kriegt ihr eine Dusche, und dann kriegt ihr eine Suppe. Schuhe zusammenbinden und passt auf" und so weiter. Dann denkt man wieder: Also so schlimm kann es doch nicht sein. Schuhe zusammenbinden - verstehen Sie? Es war eine Art Hypnose. Es gab natürlich auch einzelne Menschen, die gewusst haben, was da los ist. Aber im Allgemeinen hat man sich bis zum letzten Moment belügen lassen.
SPIEGEL: Wie lief Ihre Aufnahmeprozedur ab?
Lasker-Wallfisch: Die Haare wurden abrasiert, ich wurde tätowiert - das sind aber alles Gefangene gewesen, die das gemacht haben. Und die wollten immer wissen: "Was ist draußen los?"
SPIEGEL: Sie haben sich also unterhalten?
Lasker-Wallfisch: Sicher. Also die haben gefragt: "Wird der Krieg noch lange dauern? Was hast du denn früher gemacht?" Und da habe ich etwas gesagt, was mir wohl das Leben gerettet hat: "Ich spiele Cello." "Phantastisch", war die Antwort. Das habe ich erst überhaupt nicht kapiert. Ich bin jetzt in Auschwitz, hier spielt man Cello? Vollkommen wahnsinnig.
SPIEGEL: Wie ging die Prozedur weiter?
Lasker-Wallfisch: Na ja, dann sind sie erst mal weggegangen, und ich stand da, splitternackt, ohne Haare und mit einer Zahnbürste in der Hand. Was das bedeutet, habe ich erst später verstanden. Denn die Menschen haben in Auschwitz natürlich keine Zahnbürsten bekommen. Das war schon das erste Privileg, eine Zahnbürste. Und dann kam die Alma Rosé zu mir ...
SPIEGEL: ... eine berühmte Musikerin und Nichte Gustav Mahlers, die das Lagerorchester in Auschwitz leitete ...
Lasker-Wallfisch: ... genau. Und sie sagte nur: "Wunderbar, wir brauchen ein Cello. Wir haben hier kein Cello."
SPIEGEL: Gab es überhaupt Instrumente?
Lasker-Wallfisch: Sie müssen an Folgendes denken: Auschwitz war einer der reichsten Plätze der Welt. Alle Menschen, die dorthin deportiert worden sind, haben in der Eile nur noch das mitnehmen können, was ihnen am liebsten ist. Nun, ein Musiker nimmt sein Instrument mit. Aber an Ort und Stelle ist einem ja alles weggenommen worden. Aufbewahrt wurden diese Dinge in einem Teil des Lagers, der von den Gefangenen "Kanada" genannt wurde, das war wie ein großes Warenlager.
SPIEGEL: Wer durfte in dem Orchester mitspielen?
Lasker-Wallfisch: Also, ich war die Einzige, die eine tiefere Note gespielt hat. Das andere waren Blockflöten, Gitarren, wissen Sie, kein Orchester, wie man sich ein Orchester vorstellt, es war eine Mischung von Instrumenten, einige Geigerinnen, manche, die kaum spielen konnten. Daraus musste man irgendetwas machen, und das eben hat Alma geschafft.
SPIEGEL: Auschwitz-Überlebende können sich daran erinnern, dass das Orchester morgens und abends am Lagertor gespielt hat.
Lasker-Wallfisch: Ja, wir mussten Märsche spielen, also wenn Tausende Häftlinge in die umliegenden Fabriken rausmarschiert sind, und auch am Abend, wenn sie wieder zurückkehrten. Ansonsten haben wir den ganzen Tag geprobt und neue Stücke gelernt. Wir waren sozusagen "the show piece". Ich nehme an, wenn jemand ins Lager kam und sich Auschwitz ansehen sollte, hat man ihn in unseren Block geführt - und nicht woandershin.
SPIEGEL: Waren Sie nahe am Tor untergebracht?
Lasker-Wallfisch: Nicht am Tor, wir waren sehr nahe an der Gaskammer. Wir waren im Block 12, ganz nah an der Lagerstraße. Wir haben alles gesehen, was los ist.
SPIEGEL: Sie haben vom ersten Tag an begriffen, was in den Krematorien passierte?
Lasker-Wallfisch: Das hat man sofort begriffen. Und wenn man es nicht gewusst hat, ist es einem gleich gesagt worden. Da gab es Leute, die gefragt haben: "Ich bin hier mit meiner Mutter angekommen. Wo ist sie denn?" Nach der Antwort war dann alles klar.
SPIEGEL: Wie viel Kontakt hatten Sie zu den führenden SS-Männern im Lager?
Lasker-Wallfisch: Nicht viel, aber es konnte immer jeder von denen in unseren Block reinkommen und sagen: "Spielt mir was vor." Einmal musste ich für Josef Mengele die "Träumerei" von Schumann spielen - ein musikalischer Herr, wie man sieht.
SPIEGEL: Wussten Sie, wer er ist?
Lasker-Wallfisch: Absolut. Wir haben alles gewusst.
SPIEGEL: Es gibt ja auch eine Debatte darüber, ob die Alliierten Auschwitz hätten bombardieren sollen.
Lasker-Wallfisch: Ja, ich weiß. Ich gehöre zu den Leuten, die der Meinung sind: Okay, sie hätten vielleicht bombardieren sollen. Aber es hätte nicht lange gedauert, bis sie die Schienen wieder repariert hätten, vielleicht ein, zwei Tage. Aber natürlich geht die ganze Debatte viel weiter: Wie wichtig waren die Juden dort überhaupt für die Welt?
SPIEGEL: Und Ihre Antwort?
Lasker-Wallfisch: Nein, die Juden waren absolut nicht vorrangig. Da muss man schon ehrlich sein. Ein paar Juden retten? "Wir müssen erst mal den Krieg gewinnen, und dann werden wir weitersehen" - so hieß es doch überall.
SPIEGEL: Gab es jemanden beim Wachpersonal, der sich menschlich verhalten hat?
Lasker-Wallfisch: Nein, Auschwitz war eine sehr strenge Hierarchie. Wir hatten übrigens nicht viel mit den Deutschen direkt zu tun. Die hatten ja das Kapo-System erfunden. Und die Leute, die uns angeschrien haben, das waren selbst Gefangene: dass alles in Ordnung sein muss, dass man dies oder das tun soll.
SPIEGEL: Haben Sie die Kapos verachtet?
Lasker-Wallfisch: Nicht alle waren schlimm. Natürlich haben wir vor denen Angst gehabt. Manche waren furchtbar.
SPIEGEL: Ende 1944 sind Sie mit Ihrer Schwester Renate nach Bergen-Belsen gebracht worden. War dieses Konzentrationslager genauso straff organisiert?
Lasker-Wallfisch: Es war Chaos dort, komplettes Chaos verglichen mit Auschwitz. Und vor allen Dingen gab es nichts mehr zu essen. Aber für uns war allein die Tatsache, dass wir aus Auschwitz wegfahren und nicht in die Gaskammer gehen, schon ein Riesentriumph.
SPIEGEL: Hatten die Deutschen die Kontrolle über die Abläufe in Bergen-Belsen verloren?
Lasker-Wallfisch: Das ist möglich. Vor allem der KZ-Kommandant Josef Kramer muss ein Vollidiot gewesen sein. Dabei gab es sogar Nahrungsmittelvorräte in der Umgebung, man hätte uns verpflegen können, wie wir später erfahren haben. Aber wir kamen mit einem Transport von etwa 3000 Menschen in Bergen-Belsen an, darunter wahrscheinlich auch Anne Frank - und nichts klappte. Wir sind in Zelten untergebracht worden, weil da überhaupt kein Platz war. Geschlafen haben wir auf dem nackten Erdboden. Und eines Nachts, bei einem kräftigen Unwetter, sind die Zelte alle zusammengefallen. Wir standen die ganze Nacht im strömenden Regen bei Eiseskälte. Erst später wurden wir in Baracken untergebracht.
SPIEGEL: Im Frühjahr 1945 breiteten sich tödliche Seuchen im KZ aus ...
Lasker-Wallfisch: ... und damit begann das große Sterben, denn damals kamen die
Todesmärsche aus allen Lagern im Osten nach Belsen. Die Menschen waren am Ende ihrer Kräfte.
SPIEGEL: Im April wurde das Lager von der britischen Armee befreit. Wie sind die Briten empfangen worden?
Lasker-Wallfisch: Es war eine merkwürdige Situation. Dieser Kramer wollte ja wirklich so eine Art Waffenstillstand abschließen, also sind die den Engländern mit der weißen Fahne entgegengekommen. "Okay, wir werden euch laufen lassen, wenn ihr uns das Lager übergebt", haben die Engländer gesagt. Die haben gedacht, das sei ein Gefangenenlager ...
SPIEGEL: ... und waren dann schockiert.
Lasker-Wallfisch: So was hatte noch niemand von denen gesehen, das war einmalig. Tausende von Toten, nichts als Leichen, nichts als Leichen und Verwesung. Es war damals im April schon sehr heiß. Es war furchtbar. Die Engländer waren fassungslos. Wir Häftlinge waren so daran gewöhnt, wissen Sie, für uns war das nichts Besonderes mehr.
SPIEGEL: Hatten Sie überhaupt noch Kraft, um sich über die Befreiung zu freuen?
Lasker-Wallfisch: Man soll sich da kein großes Jubeln vorstellen. Es war wie ein Traum. Wir konnten es nicht glauben.
SPIEGEL: Warum sind Sie nicht gleich aus Bergen-Belsen weggegangen? Die dritte und älteste der Lasker-Schwestern, Marianne, war doch als Einzige aus der Familie rechtzeitig nach Großbritannien emigriert?
Lasker-Wallfisch: Jetzt treffen Sie einen sehr wunden Punkt. Das ist natürlich der Skandal, der damals, 1945, passiert ist. Kein Land hat zu den Displaced Persons gesagt: "Also, kommt zu uns." Natürlich wollten wir weg. Aber es hat elf Monate gedauert, bis wir endlich nach England gehen konnten.
SPIEGEL: Wann haben Sie zum ersten Mal wieder Deutschland besucht?
Lasker-Wallfisch: Beinahe ein halbes Jahrhundert später, ich glaube, es war 1994. Ich war ja Mitglied des English Chamber Orchestra und bekam jeden Monat einen Reiseplan. Und da standen plötzlich Konzerte in Soltau und Celle auf dem Programm, also ganz in der Nähe von Bergen-Belsen.
SPIEGEL: Das Orchester war doch auch vorher schon in Deutschland aufgetreten.
Lasker-Wallfisch: Ich bin nie mitgefahren, und es war auch für alle klar, warum. Aber nun Soltau und Celle, da habe ich mir gedacht: Ich muss sehen, was aus Belsen geworden ist.
SPIEGEL: Sie sind jetzt häufig in Deutschland. Sind Sie mit der Art und Weise, wie hier an den Holocaust erinnert wird, einverstanden?
Lasker-Wallfisch: Ja und nein. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit Lesungen in Schulen gemacht. Aber ich habe auch ein bisschen Angst vor der Überfütterung der Jugend. In Deutschland macht das Fernsehen ja immer irgendwas über den Holocaust. Das kann für die jungen Leute schon fast zu viel sein. Das Wichtigste ist gar nicht, so viel von damals zu erzählen; wichtiger ist es, die Erfahrungen von damals auf den heutigen Tag zu übertragen. Ich sehe die Gefahr, dass man den Holocaust in so eine Glaskugel steckt, so wie die Napoleonischen Kriege oder den Dreißigjährigen Krieg. Wenn man die Erinnerung an die Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten nicht mit der Gegenwart verbindet, ist es sinnlos. Und es gibt wieder genug Schrecklichkeiten in Deutschland und in der Welt.
SPIEGEL: Frau Lasker-Wallfisch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* "Ihr sollt die Wahrheit erben". Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 256 Seiten; 8,50 Euro. * Oben: Anita, Renate, Marianne mit ihren Eltern; unten: auf dem Beifahrersitz. * Mit den Redakteuren Klaus Wiegrefe und Martin Doerry in Lasker-Wallfischs Londoner Wohnung.
Von Klaus Wiegrefe und Martin Doerry

DER SPIEGEL 4/2005
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