DER SPIEGEL

218-PROTESTVon hinten gegriffen

Schon zu Beginn der Frauen-Kampagne gegen den mutmaßlichen Urteilsspruch aus Karlsruhe zur Fristenregelung kam es in Frankfurt und Berlin zur harten Konfrontation zwischen Demonstrantinnen und Polizei.
Bestürzt über die "beschämenden Vorgänge", rief der Bischof nach dem Staat.
Der Zorn des Oberhirten galt dem Auftakt der Kampagne gegen den Paragraphen 218, bei dem am vorletzten Samstag in Frankfurt drei Kirchen "beschmutzt" und drei Stoffpuppen -- verkleidet als Arzt, Richter und Priester -- verbrannt worden waren. "Wir erwarten", so die offizielle Stellungnahme des Bistums Limburg, "Schutz von den Behörden."
Den Kämpferinnen für die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen ging dieser Schutz freilich schon zu weit: In Frankfurt waren von den Ordnungshütern Schlagstöcke und Tränengas eingesetzt worden, als Demonstranten mit Steinwürfen die Festnahme eines jungen Mannes verhindern wollten, der beim Parolenspritzen erwischt worden war. Und in Berlin kam es am gleichen Tag zu zwei Festnahmen, die von den Betroffenen sogar als Bedrohung der Pressefreiheit empfunden wurden.
Die Filmemacher Heike Sander und Skip Norman waren "während der Ausübung ihres Berufes gewaltsam festgenommen" worden, so hieß es später in einer Protestresolution. Heike Sander, Mitglied der Frauengruppe "Brot und Rosen", sammelte Material für einen Dokumentarspielfilm über das Thema Abtreibung und filmte deshalb vor der Berliner Gedächtniskirche.
Eimerweise hatten Demonstrantinnen rote Farbe über die Stufen gekippt, die zur Kirche führen, und den Vorplatz des Gotteshauses mit 218-Parolen und dem Symbol der Feministinnen bemalt." Ich habe", so Heike Sander, "die ganze Aktion gedreht und ein paar Interviews gemacht."
Als "die Sache schon zu Ende war", sei die Polizei gekommen und habe nach der Feuerwehr gerufen, die das kirchliche Areal reinwaschen sollte. Heike Sander packte die Kamera noch mal aus und filmte, "wie die Feuerwehr den Schlauch rausholte".
Während des Drehens sei sie "von hinten gegriffen" worden, "ohne Anmeldung". Sie habe sich "dagegen gewehrt". Die Filmgeräte seien ihr weggenommen worden, und man habe sie "in den Polizeiwagen verfrachtet". Ähnlich sei es ihrem Kollegen Skip Norman ergangen, der "einen Photoapparat umhängen hatte" und dem sie während ihrer Festnahme habe Zeichen geben wollen, er solle "das aufnehmen". Helke Sander: "Da sind sie zu ihm hingesprintet und haben ihn auch gleich mitgenommen."
Gegen die Festnahme -- sie dauerte mehrere Stunden -- haben die beiden Filmemacher mit einem Strafantrag wegen Freiheitsberaubung reagiert. Indes, viel gravierender erscheint dem Anwalt Otto Schily, der Heike Sander vertritt, was mit dem Filmmaterial seiner Mandantin geschieht. das die Polizei als "Beweismaterial" beschlagnahmt hat. Es könnte zum Beispiel zur Identifizierung der Paragraph-218-Demonstrantinnen dienen.
Schilys Antrag auf Herausgabe der Video-Bänder wurde am letzten Donnerstag vom Berliner Staatsanwalt Victor Weber an das Amtsgericht Tiergarten weitergeleitet und dort von der Richterin Gisela Hennig abschlägig beschieden. Begründung: Für Helke Sander gelte das Zeugnisverweigerungsrecht nicht, denn es handele sich bei ihrem Film-Material nicht um periodische Druckwerke, und ihre Auftraggeberin, die Produzentin Regina Otto-Gundelach von der KIDO-Filmgesell-
* von West-Berliner Demonstrantinnen aufs Pflaster gemalt: eine Faust durchbricht das weibliche Sexualsymbol.
schaft, sei nicht Angehörige einer Rundfunkstation.
Anwalt Schily hat dagegen Beschwerde eingelegt: "Wenn diese Praxis Schule macht, muß künftig jeder freie Bildjournalist, der bei einer Demonstration photographiert oder filmt, damit rechnen, zum Hiwi der Polizei zu werden."

DER SPIEGEL 9/1975
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