DER SPIEGEL

SPIEGEL-GESPRÄCH„Es wird Geld regnen“

Tom Freston, Co-Präsident und künftiger Chef des amerikanischen Medienkonzerns Viacom, über die Zukunft des Kinogeschäfts, die Hoffnung auf eine Rückkehr des Internet-Booms und die Zusammenarbeit mit deutschen Filmemachern
SPIEGEL: Mister Freston, Ende des Jahres wird Ihr Medienriese Viacom in zwei Unternehmen aufgespalten. Sie selbst werden dann einen - vor allem aus MTV und den Paramount-Filmstudios bestehenden - neuen, aber kleineren Konzern führen. Gilt plötzlich das seit Jahren herrschende Postulat der Unterhaltungsindustrie nicht mehr: Je größer, desto besser?
Freston: An diese These habe ich nie geglaubt. Die meisten großen Deals haben nie den erwarteten Wert geschaffen. Schauen Sie sich nur AOL und Time Warner an. Die Medien- und Unterhaltungsindustrie ist im Kern eben ein Kreativgeschäft. Und dabei ist Größe nicht entscheidend.
SPIEGEL: Das klang vor fünf Jahren noch ganz anders, als Viacom für 37 Milliarden Dollar den US-TV-Riesen CBS schluckte.
Freston: Nach der Fusion sind die Wachstumsraten in vielen Bereichen stark zurückgegangen. Wir hatten das Gefühl, unser Geschäft neu fokussieren zu müssen. Künftig machen wir nur Film, Kabelfernsehen und das Digitalgeschäft - und nicht auch noch Buchverlage, Radio, Freizeitparks und Außenwerbung. All das hat untereinander keine große Beziehung und versperrt den Blick auf die Wachstumsbereiche, die die Börse von uns fordert.
SPIEGEL: Jahrelang wurden die Übernahmen in der Medienindustrie mit endlosen Möglichkeiten gegenseitiger Werbung und Synergien begründet. Jetzt soll das alles plötzlich keine Rolle mehr spielen?
Freston: Auf jeden Fall nicht genug, um ein Unternehmen zusammenzuhalten.
SPIEGEL: Warum sollen plötzlich Kabelsender wie Ihr MTV und große Networks wie CBS nicht mehr zusammenpassen?
Freston: Ein klassischer Fernsehkonzern wie CBS ist schon erwachsen, während Kabel-TV rasant wächst. Sogar in Deutschland legen wir aktuell mit unserer Gruppe aus MTV, Viva und Nickelodeon um fast zehn Prozent zu. Dabei erholt sich der TV-Werbemarkt bei euch im Gegensatz zum Rest der Welt nicht. Warum eigentlich?
SPIEGEL: Das wüssten wir gern von Ihnen!
Freston: Ich kann es nicht erklären, das ist einfach seltsam. Was ist bloß los bei Ihnen? Und was sollen diese ewigen Geschichten von Deutschland als dem "kranken Mann Europas"? Deutschland sieht überhaupt nicht krank aus, wenn man dort ist. Die Leute sind gut angezogen, gehen gut essen und machen den Eindruck, als sei ihr Leben sehr komfortabel.
SPIEGEL: Man kann in Deutschland sogar mit frei empfangbarem Fernsehen eine Menge Geld verdienen, wie Haim Saban gerade mit dem Verkauf von ProSiebenSat.1 an Springer bewiesen hat.
Freston: Wahnsinn, dieser Typ ist unglaublich, oder? Der verdient sich jedes Mal dumm und dämlich mit seinen Deals.
SPIEGEL: Ärgern Sie sich mittlerweile, dass Sie die Senderkette nach der Kirch-Insolvenz nicht selbst übernommen haben?
Freston: Oh, ich hätte ProSiebenSat.1 gern gekauft. Allerdings war ich damals noch MTV-Chef und konnte nicht selbst zuschlagen. Die Viacom-Zentrale in New York war nicht überzeugt. Dabei war es wirklich keine Zauberei, den Laden finanziell auf Vordermann zu bringen.
SPIEGEL: Stattdessen kauften Sie sich im vergangenen Jahr mit der Mini-Sendergruppe Viva auch eine Menge Ärger: Der Betriebsrat stellte sich quer, Medienpolitiker fühlten sich getäuscht.
Freston: Wir sind mit Viva sehr glücklich, auch wenn der Integrationsprozess länger gedauert hat, als wir wollten. Nun läuft auch der Kindersender Nickelodeon erfolgreich, und wir haben noch weitere Pläne.
SPIEGEL: Wie sehen die aus?
Freston: Wir haben mit Comedy Central in den USA einen erfolgreichen Comedy-Sender. Und mit Viva haben wir den TV-Produzenten Brainpool übernommen ...
SPIEGEL: ... der Spaßformate wie "Ladykracher" mit Anke Engelke und Stefan Raabs "TV total" produziert ...
Freston: ... und ein kleiner, sehr kreativer Laden ist. Einen auf Comedy spezialisierten Kanal können wir uns auch für Deutschland gut vorstellen.
SPIEGEL: Das wird der Börse nicht reichen.
Freston: Wir müssen sicher auch weltweit neue Marken aufbauen, schon weil es MTV so ziemlich überall außer in der Antarktis bereits gibt. In den Niederlanden etwa haben wir den Musiksender TMF gekauft und erfolgreich in England etabliert. Nun überlegen wir, wohin wir Viva am besten exportieren können. Osteuropa bietet sich da an.
SPIEGEL: MTV ist längst kein "Music Television" mehr. Stattdessen flimmern dort ständig Dating- und Reality-Shows über den Schirm. Kratzen Sie da nicht gefährlich am Mythos des Senders, den Sie vor rund 25 Jahren mitbegründet haben?
Freston: Tatsächlich sieht man heute viel weniger Musikvideos als früher, und viele Leute sagen deshalb: Oh, das ist nicht mehr das MTV, mit dem ich groß geworden bin. Diese Leute gehören aber altersmäßig nicht mehr zur Zielgruppe.
SPIEGEL: Und die Jugend von heute hat kein Interesse mehr an Musik?
Freston: Doch, schon, aber sie will eben auch mehr - unsere wachsenden Zuschauerzahlen beweisen das. Musikvideos sind heute nur noch Bedarfsware: Wer einen Clip sehen will, holt ihn sich aus dem Internet. Musik war und ist im Zentrum der Jugendkultur. Aber die Musikbranche hat in den letzten Jahren sehr geschwächelt, und auch wir können allein mit Musik nicht mehr genügend Zuschauer anlocken.
SPIEGEL: Wo will Viacom wachsen?
Freston: MTV und unsere Kabelkanäle legen ja bereits jedes Jahr kräftig zu. Und wir werden das eine oder andere kaufen: Kabelsender, Filmproduzenten und sicher auch Internet-Firmen.
SPIEGEL: Auch Ihr Konkurrent Rupert Murdoch hat gerade Internet-Unternehmen für rund 1,3 Milliarden Dollar übernommen. Woher das wiedererwachte Interesse?
Freston: Stimmt, Internet ist derzeit das große Thema in der Medienbranche. Aber wir folgen nur dem Konsumenten: In den späten Neunzigern waren wir wohl alle ein bisschen früh dran, heute dagegen ist doch wirklich fast jeder online.
SPIEGEL: Das Geschäft mit Online-Werbung ist doch immer noch sehr klein. Wird da nicht ein neuer Hype geschaffen?
Freston: In den nächsten 20 Jahren wird es im Internet- und Digitalgeschäft mit Breitbandnetzwerken geradezu Geld regnen. Unsere Internet-Firmen legen derzeit um 50 Prozent im Jahr zu, davon will ich mehr.
SPIEGEL: Aber womit genau lässt sich das Geld verdienen im Internet?
Freston: Wir wollen sicher kein Portal bauen wie Microsofts MSN - und wie es offenbar auch Rupert Murdoch vorhat. Mit Paramount und MTV haben wir bekannte Marken, die sich sehr gut für Online-Werbung oder Download-Angebote wie etwa Filme vermarkten lassen. Wir kreieren zudem ganz neue Inhalte fürs Handy.
SPIEGEL: Neue Geschäftsfelder sind schön und gut, aber müssen Sie sich nicht vordringlich um die alten kümmern? Paramount Pictures war noch vor wenigen Jahren mit "Titanic" und "Forrest Gump" eines der erfolgreichsten Hollywood-Studios überhaupt. Jetzt dümpeln Sie mit einem Marktanteil von gut sechs Prozent auf dem letzten Platz unter den großen Studios. Wie soll die Rückkehr gelingen?
Freston: Zum Beispiel indem wir endlich unsere Filmbibliothek auf DVD bringen. Das haben wir dämlicherweise als Einzige weitgehend verschlafen. Kaum ein Film spielt heute sein Geld noch an der Kinokasse ein: Bis zu 70 Prozent der Einnahmen kommen aus dem DVD-Geschäft.
SPIEGEL: Das bringt Ihnen allerdings noch nicht mehr Zuschauer für Ihre aktuellen Filme. Abgesehen von Steven Spielbergs "Krieg der Welten" floppten die meisten.
Freston: Unser Ziel ist, künftig verschiedene Marken unter dem großen Studiodach zu haben und damit spezielle Zielgruppen anzusprechen. Wir werden also unter anderem auch MTV Pictures und Nickelodeon Pictures gründen.
SPIEGEL: Ihre TV-Sender sollen Zuschauer auch ins Kino locken?
Freston: Ja, es sollen mehr Filme für diese Zielgruppen entstehen - für weniger Geld. Zum einen geht das mit weniger namhaften Schauspielern, zum anderen spart es Werbeausgaben: Eltern wissen, dass sie mit ihren Kindern in einen Nickelodeon-Film gehen können. Junge Leute wissen, dass ein MTV-Film sicher cool ist.
SPIEGEL: Trauen Sie den neuen Ansatz keinem Hollywood-Insider zu? Im Frühjahr schockten Sie die Branche, als Sie die langjährige Studiochefin Sherry Lansing durch den Talentagenten Brad Grey ersetzten.
Freston: Brad kennt sich super aus und wird den Laden vor allem kreativ in Schwung bringen. Brad Pitts Produktionsfirma zum Beispiel arbeitet jetzt mit uns. Und wir werden ja auch weiter die großen Kassenknüller machen wie "Mission Impossible 3" mit Tom Cruise, der gerade hier auf dem Studiogelände gedreht wird ...
SPIEGEL: ... und dessen Budget Grey erst einmal beschnitten hat. Geht's künftig nur noch billig?
Freston: Nein, das lief nur etwas aus dem Ruder, und wenn so ein Film bei Kosten von über 150 Millionen Dollar landet, muss man irgendwann die Bremse anziehen. Aber sonst spricht nichts gegen aufwendige Produktionen. Oliver Stone etwa macht für uns einen Film über den 11. September: Es geht um zwei Polizisten, die es als Letzte noch aus dem World Trade Center schaffen. Ein sehr heroischer, packender Film. Billig ist so etwas nicht.
SPIEGEL: Fragt sich nur, ob er außerhalb der USA viele Zuschauer findet. Und die brauchen Sie dringend, denn die US-Studios spielen inzwischen einen Großteil ihrer Kinoeinnahmen im Ausland ein.
Freston: Zugegeben: In den letzten Jahren hatte vor allem Paramount einen viel zu nationalen Blickwinkel. Aber wir wollen künftig nicht nur stärker amerikanische Filme für das internationale Publikum machen. Ich will vor allem lokale Filme in den jeweiligen Märkten mitproduzieren und mich mit smarten, kleinen Firmen vor Ort zusammentun.
SPIEGEL: Schielen Sie auf den Erfolg kleiner Produzenten wie X Filme in Deutschland, die mit "Good Bye, Lenin!" erfolgreicher waren als manch teure US-Produktion?
Freston: Klar, warum soll Paramount keine deutschen Filme mitproduzieren?
SPIEGEL: Haben Sie mit dem zuletzt erfolgreichsten Filmemacher in Deutschland, "Bully" Herbig, schon gesprochen?
Freston: Nein, aber sagen Sie ihm, er soll das nächste Mal bei mir vorbeikommen, wenn er in Los Angeles ist. Das gilt auch für andere deutsche Produzenten mit guten Ideen: Meine Tür steht offen!
SPIEGEL: Sie wirken überzeugt, dass sich mit dem Kinogeschäft weiter eine Menge Geld
machen lässt. Die Filmindustrie ist jedoch extrem verschwiegen, wenn es darum geht, wie viel wirklich verdient wird. Also verraten Sie uns bitte: Was ist für ein Hollywood-Studio eine gute Rendite?
Freston: Zwischen 14 und 17 Prozent, da liegen wohl Warner und Fox. Mit Paramount will ich auch in den zweistelligen Bereich.
SPIEGEL: Wo sind Sie jetzt?
Freston: Eher bei fünf Prozent.
SPIEGEL: Bei welchem Umsatz?
Freston: Rund 2,5 Milliarden, alles in allem.
SPIEGEL: Nicht schlecht, gerade wenn man die Branchenverbände hört, die Hollywood wegen Internet-Piraterie und illegaler Downloads vor dem Untergang sehen.
Freston: Die Piraterie ist sicher ein Problem. Aber wichtiger sind gute Filme mit originellen Ideen. Ich glaube, die Kinobesucher sind einfach gelangweilt: hier ein Remake, da eine Fortsetzung, meine Güte - wie öde! Man muss mal was riskieren.
SPIEGEL: Heißt mehr riskieren auch höhere Investitionen?
Freston: Nicht unbedingt. Allerdings sind die über 100 Millionen Dollar teuren Großproduktionen oft wirklich die erfolgreichsten. Die mittleren mit Budgets von 50, 60 Millionen Dollar saufen viel eher ab. Selbst mit den kleinen Filmen lässt sich meist Geld verdienen ...
SPIEGEL: ... wie neuerdings auch mit Dokumentationen der Sorte "Die Reise der Pinguine".
Freston: Ach, erinnern Sie mich nicht daran! Den Film hätten wir für eine Million Dollar haben können. Aber dann hat jemand gesagt: Wer zum Teufel will einen Film über Pinguine sehen? Wir haben es also gelassen. Und was ist passiert? Diese komischen Vögel haben bislang allein in den USA 75 Millionen Dollar eingespielt. Manchmal ist dieses Geschäft einfach nur völlig durchgeknallt.
SPIEGEL: Mister Freston, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Tom Freston
hat 1981 den Jugendsender MTV miterfunden. 1987 übernahm der ehemalige Werbemanager auch die Führung des Videoclipkanals und baute ihn zu einem heute in rund 160 Ländern der Erde präsenten TV-Imperium aus. Ende des Jahres rückt Freston an die Spitze des sich gerade umorganisierenden MTV-Mutterkonzerns Viacom, dessen operatives Geschäft der 59-Jährige bereits seit Juni 2004 mitverantwortet.
* Thomas Schulz bei Paramount Pictures in Los Angeles.
Von Thomas Schulz

DER SPIEGEL 45/2005
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