DER SPIEGEL

SOLDATENDer amerikanische Weltkrieg

Der 2000. tote US-Soldat im Irak lässt die Nation wieder an ihrer Rolle als Weltpolizei zweifeln. In einer Kleinstadt in Massachusetts treffen sich einmal wöchentlich Veteranen, die in den vergangenen sieben Jahrzehnten für Amerika in die Schlacht zogen. Jeder kämpft nun gegen sich selbst. Von Alexander Osang
An einem warmen Mittwochabend im Juli erzählt Patrick Piccard der Gruppe, dass er sich vor ein paar Tagen umbringen wollte. Steven Schuyler ist gerade mit den Neuigkeiten von seiner Scheidung durch, er hat von den beiden Anwälten berichtet, die seine Frau auf ihn losließ, um das Sommerhaus in Maine zu bekommen, das er gebaut hat. Zwei Anwälte. Alle sind ziemlich entrüstet. Sie wissen, wozu Soldatenfrauen in der Lage sind. Patrick Piccard sitzt am Kopfende des Konferenztisches, wo er immer sitzt, das Bonbonglas in Reichweite, er wippt auf seinem Stuhl wie immer, grinst wie immer, und wie immer weiß niemand, was er lustig findet.
Allen Gaskell hatte gefragt: "Was gibt's bei dir Neues, Pat?"
Und Patrick Piccard hatte geantwortet: "In der letzten Woche wollte ich mich umbringen."
Er lümmelt entspannt in seinem Bürostuhl, aber sein Knie schlägt von unten leise gegen den Konferenztisch, seine Finger spielen mit dem knisternden Papier, aus dem er eben einen Milchbonbon wickelte, und gelegentlich scheint ein elektrischer Schlag in Patrick Piccards Schädel zu fahren. Seine Pupillen hetzen, aber seine Stimme ist ruhig, schläfrig fast. Er wirkt lässig und nervös zugleich.
"Umbringen?", fragt Allen Gaskell, der die Gruppe leitet, nicht fassungslos, eher interessiert.
"Na ja", sagt Patrick. "Sie haben mich wieder zu einer Reserveübung eingezogen, obwohl sie meinen Befund kennen müssten. Ich weiß auch nicht, warum."
"Weil sie Idioten sind", sagt jemand.
"Ja", sagt Patrick. "Es war alles in Ordnung, aber als ich die Waffe bekam, dachte ich, ich blase mir damit das Gehirn raus. Ich habe es richtig gesehen, versteht ihr, ich habe gesehen, wie ich es mache."
"Was für 'ne Waffe?", fragt Dan Birmingham.
"M16", sagt Patrick und tippt schnell gegen den Mittelsteg seiner Brille, sein Kinn zuckt kurz auf seine Brust zu, dann sagt er noch mal: "M16", als hielte er sich an seinem Gewehr fest. Das M16 ist die Waffe des gewöhnlichen amerikanischen Soldaten.
Dan Birmingham nickt. Er war im ersten Golfkrieg, der Operation "Desert Storm".
Er hat zehn Jahre lang darüber nachgedacht, sich umzubringen, sich abzuschalten, wie er sagt. Auch die anderen in der Gruppe wirken nicht besonders erschüttert. Peter Gailes und Steven Schuyler waren in Vietnam, Allen Gaskell auch, Ray Ferguson war im Zweiten Weltkrieg, und Mark Yeblonski kam im vorigen Jahr aus dem Irak-Krieg zurück, wo auch Patrick Piccard war. Sieben Männer, vier Kriege, ein amerikanisches Jahrhundert. Piccard ist 23 Jahre alt, Ferguson 83. Die Männer am Tisch kennen sich mit Waffen aus, das macht es einfacher. Sie müssen nicht so viel erklären wie zu Hause, hier in dem Raum des Gemeindezentrums von Beverly, Massachusetts, wo sie sich jeden Mittwochabend treffen.
"Ich hab die Waffe genommen und sie meinem Unteroffizier gebracht", sagt Patrick Piccard. "Ich hab ihm gesagt: Ich bin gefährlich. Er war eigentlich ganz cool, als er die Waffe dann hatte. Sie haben mich erst in den Sanitätsraum gebracht und später dann ins Veteranenhospital nach Boston. Drei Tage lang haben sie mich da durchgecheckt."
"Und?", fragt jemand.
"Posttraumatisches Stresssyndrom", sagt Patrick Piccard, wieder schnappt sein Finger hoch zum Brillensteg, und er grinst breit, als amüsierte ihn sein Selbstmordversuch oder die Bemühungen der Veteranendoktoren oder die Gruppe hier oder die ganze beschissene Welt.
Die Gruppe schaut ihn gelassen an. Posttraumatisches Stresssyndrom haben sie alle. Deswegen sind sie hier. Die Symptome sind Schlaflosigkeit, Sucht, Dünnhäutigkeit, Ehekrisen, Probleme mit Vorgesetzten, Depression, Sehnsucht nach Ruhe, Einsamkeit, einem Ende. Genaugenommen hat ihnen Patrick Piccard nichts Neues erzählt. Piccard greift sich einen Milchbonbon und knackt ihn, wippt, grinst. Dann reden sie über Dans Rückenschmerzen, Stevens gnadenlose Frau und Rays todkranken Sohn, wie immer, und weil heute der vierte Mittwoch im Monat ist, bietet Allen Gaskell am Ende der Stunde noch sein Entspannungstraining an, eine Mischung aus Meditation und Yoga, die er sich ausgedacht hat. Er dunkelt den Raum ab, sie legen sich auf den grauen Nadelfilzboden.
Es ist acht Uhr.
An diesem Abend, am letzten Juli-Mittwoch 2005, beginnt der Fernsehsender FX mit einer neuen Serie. Sie heißt "Over There" und schildert das Leben einer Gruppe von US-Soldaten im Irak. Es ist das erste Mal in der Geschichte der USA, dass das Fernsehen mit einer fiktiven Serie auf einen Krieg reagiert, der noch andauert. Im ersten Teil verliert ein junger amerikanischer Soldat ein Bein, als sein Laster auf eine Mine rollt. Fünf Millionen Amerikaner sehen die erste Folge. Die Kritiken sind gut. Im Irak-Krieg, im richtigen Krieg, sterben vier Soldaten, bis zu diesem Abend sind 1789 amerikanische Soldaten gefallen.
Nach den Entspannungsübungen verabschiedet Gaskell die Gruppe, er macht noch ein bisschen Papierkram für das Veteranenzentrum, das die wöchentliche Stresstherapie finanziert. Dann setzt er sich in seinen alten Volvo-Kombi und fährt über die schmalen Straßen Neuenglands nach Marblehead, wo er zusammen mit seiner Frau Mary Ann in einem dreistöckigen Haus auf einem kleinen Hügel wohnt.
Der Weg führt vorbei an kleinen Städten im Umland Bostons. Städte mit weißgestrichenen Holzhäusern, guten Restaurants, Strandpromenaden, altem Baumbestand, Yachthäfen und Namen wie Peabody, Salem, Essex und Melrose. Hier hat der amerikanische Traum begonnen. Der Kies knirscht gemütlich, als Allen Gaskell auf die Auffahrt rollt. Mary Ann Gaskell ist
eine Unterstufenlehrerin im Ruhestand, eine leise, sanfte Frau, die ihre neugewonnene Freizeit damit verbringt, eine Mauer aus flachen Steinen um das Grundstück zu errichten. Ihr Vater war im Zweiten Weltkrieg, sie hat Erfahrungen mit Veteranen. Das Ehepaar isst Abendbrot in dem großen Wohnzimmer, das in Pastelltönen gestrichen ist. Es gibt keinen Fernseher in diesem Zimmer. Es gibt auch keine Zeitungen. Allen Gaskell hat sich seit Jahren in einen Raum zurückgezogen, wo ihn Dinge, die ihn aufregen, nicht mehr erreichen.
Nach dem Essen geht er in die Garage, um für eine knappe Stunde zu meditieren, wie jeden Abend und jeden Morgen. Dann versucht er zu schlafen.
Allen Gaskell wurde 1946 in New York geboren. Sein Vater verließ die Familie früh, seine Mutter starb, als Allen auf dem College war. Kurz nach ihrem Tod meldete er sich zum Militär. Er war patriotisch, sagt er, er wollte der besten amerikanischen Generation nacheifern, der, die den Zweiten Weltkrieg gewonnen hatte. 1966 ging er nach Vietnam. Er kämpfte in einem Sechs-Mann-Spezial-Team, das im Feindesland abgeworfen wurde. Long Range Patrol. Manchmal waren sie 30 Tage lang draußen im Dschungel. Er mochte es, sagt er. Die Stille, die Einsamkeit. Es gibt ein Foto, das ihn im Dschungel zeigt. Er schaut gleichgültig in die Kamera, nicht böse und nicht ängstlich, wie ein Tier in vertrauter Umwelt.
Er verlängerte seine Dienstzeit zweimal, wurde Chef des Long-Range-Patrol-Teams und blieb insgesamt zwei Jahre draußen im Dschungel.
"Das zweite Jahr verschwamm, rückblickend war ich wahrscheinlich depressiv", sagt Allen Gaskell. "Ich fühlte mich verfolgt, von Feinden umgeben, allein. Am Ende führte ich meine Gruppe in einen Hinterhalt, weil ich nicht mehr klar denken konnte. Um uns herum explodierte alles, ich blutete, aber ich wusste nicht, wo ich getroffen worden war. Ich lag da im Dreck und wartete auf die nächste Kugel, und irgendwie wurde mir in diesem Moment, nach zwei Jahren Vietnam, klar, dass ich hier nicht in einer epischen Schlacht starb, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich war völlig unwichtig, irgendeine Figur in einem Spiel, das nicht mein Spiel war. Ich bin aufgestanden und weggegangen. Ich bin nicht gerannt, sondern ganz ruhig weggegangen", sagt er.
Er ging weiter, immer weiter, irgendwann erreichte er seine Einheit, sie schickten ihn zusammen mit anderen Verletzten und Toten zurück nach Amerika. Das Flugzeug landete in der Nacht. Tote und Verletzte kamen immer in der Dunkelheit an, sagt Gaskell, als schämte man sich für sie. Im Armeekrankenhaus in New Jersey sah er im Fernsehen all die Protestler gegen den Krieg und fühlte sich ihnen seltsam nah, verwandt. Er trat aus der Armee aus und ging zurück nach New York. Er ging aufs College auf Long Island, er war klein und dünn, niemand vermutete, dass er in Vietnam gewesen war, und er erzählte es auch nicht. Einmal hörte er, wie sich zwei Mädchen und ein Junge in der Mensa darüber aufregten, dass Vietnam-Veteranen Stipendien bekamen, sagt er. Er hatte nie das Gefühl, dazuzugehören, nach dem ersten Semester schmiss er das Studium, er arbeitete auf Ölraffinerien in Kalifornien, als Bartender in Washington, er studierte ein bisschen Forstwirtschaft in Vermont. Er trank viel, nahm Speed, Mescalin und LSD. Er hatte verschiedene, meist kurze Beziehungen und suchte nach einer Religion. Er war als Protestant groß geworden, probierte Buddhismus aus und wurde schließlich katholisch. Er folgte einer Freundin nach Maine, arbeitete auf einer Farm. Irgendwann ging die Freundin nach Washington, um Jura zu studieren. Er hatte nicht die Kraft, sie zu halten, und nicht die Kraft, ihr zu folgen. Manchmal schlief er besoffen im Stall zwischen den Tieren.
Drei Tage nach Neujahr 1978 hörte er auf zu trinken, er studierte an der Boston University Psychotherapie und fand eine Stelle als Studentenberater an einem kleinen College in Salem, wo er heute noch arbeitet. Es ist ein ruhiger Posten, er hat vier Monate im Jahr frei. Einen davon verbringt er im Kloster, um zu meditieren.
Allen Gaskell läuft immer noch weg von der Stelle am Ho-Tschi-Minh-Pfad, an der ihn die Kugel traf, immer weiter weg. Er schläft schlecht, höchstens fünf Stunden pro Nacht. Er hat Alpträume. Aber er nimmt keine Antidepressiva. Er trinkt nicht, er raucht nicht, er isst kaum noch Fleisch. Vor fünf Jahren gründete er, zwischen dem ersten und zweiten Irak-Krieg, die Gruppe für Veteranen, die unter posttraumatischem Stress leiden.
Die Armeegruppe, die der Fernsehsender FX in den Irak-Krieg schickt, ist ein All American Team. Es gibt einen hübschen 19-Jährigen mit breitem Kiefer und offenem Blick, der Quarterback an seiner High School war, es gibt zwei Frauen, einen intellektuellen Gefreiten mit Brille, einen Muslim aus Detroit, einen sanften und einen wütenden Schwarzen und einen Sergeant, den sie "Scream" nennen.
Allen Gaskells Veteranengruppe repräsentiert Amerika genauso gut wie die Fernsehkriegsdarsteller: Ray Ferguson ist ein 83-jähriger, verwitweter Rentner, Steven Schuyler ein 58-jähriger Brillenträger, der in Harvard promovierte. Dan Birmingham ist ein 34-jähriger Straßenbauarbeiter mit Rückenproblemen, Peter Gailes ist ein übergewichtiger, gutgelaunter Vietnam-Veteran, der zu allem eine Meinung hat und mit seiner dritten Frau und fünf Hunden in einem völlig verkramten Haus wohnt. Patrick
Piccard, 22, lebt noch bei seinen Eltern. Software-Händler Mark Yeblonski, 26, glaubt, dass er völlig normal sei.
Am folgenden Mittwoch ist Yeblonski schon eine Dreiviertelstunde vor den anderen im Gemeindezentrum von Beverly. Die Polizei hat ihn vor einem halben Jahr betrunken in New Hampshire gestoppt. Um seine Fahrerlaubnis wiederzubekommen, braucht er ab und zu eine Extraberatung mit Allen Gaskell.
Yeblonski hat sich kurz nach dem 11. September 2001 bei der Navy gemeldet, weil er das Gefühl hatte, irgendetwas tun zu müssen. Sein Vater war vor 30 Jahren aus Polen ins gelobte Land geflohen, Yeblonski ist stolz und dankbar, Amerikaner zu sein. Aber die langweilige Ausbildung in der kalifornischen Wüste und vor allem die chaotischen Zustände im Irak, wo er zum Bewachen von Versorgungskonvois eingesetzt wurde, haben Mark Yeblonski frustriert. Der Höhepunkt ihres Feldzugs sei der 4. Juli 2003 gewesen, als ihr Kommandeur sie mit amerikanischen Fahnen durch Diwanija marschieren ließ, um den Unabhängigkeitstag zu feiern, sagt Yeblonski. Er kam sich vor wie ein bewegliches Ziel. Seitdem wollte er nur noch weg.
Er sei sehr wütend geworden in dieser Zeit, unkontrolliert, und, ja, er habe auch hier und da zu viel getrunken, seit er zurück sei in den USA, sagt er. Aber er verdient 70 000 Dollar im Jahr als Software-Verkäufer. Er trägt einen Bürstenhaarschnitt, einen fein ausrasierten Kinnbart und ein perfekt gebügeltes Oberhemd. Vielleicht studiere er irgendwann noch mal Jura. Er sei zufällig in die Therapiegruppe gerutscht, glaubt er. Er fliegt überm Kuckucksnest.
"Was gibt's Neues an der Heimatfront?", fragt Allen Gaskell später, als die Stunde beginnt.
Steven Schuyler erzählt, dass sein Scheidungstermin noch mal verschoben werden muss. Dan Birmingham sagt, dass im Vorortzug, mit dem er zu seinem Internisten nach Boston fuhr, Nationalgardisten mit gezückten Waffen patrouillierten. Vor kurzem gab es den zweiten Anschlag auf die Londoner U-Bahn.
"Was für Waffen?", fragt Patrick Piccard, der sich vor zwei Wochen noch umbringen wollte.
"M16, meist", sagt Dan.
"Ich wette, die trauen sich nicht, die Knarre im Zug abzufeuern", sagt Patrick Piccard, wippt in seinem Stuhl, grinst.
"In London trauen sie es sich", sagt Peter Gailes, der Vietnam-Veteran. "Die machen kurzen Prozess. Sie haben einen Unschuldigen getroffen, vielleicht. Aber sie haben die Terroristen gefasst. Wir sind zu blöd dazu."
"Weil die Nationalgarde in diesem idiotischen Krieg steckt, obwohl wir sie hier brauchen", sagt Steven Schuyler.
Allen Gaskell versucht die Diskussion wegzuführen vom Politischen, aber er schafft es nicht. Sie reden eine halbe Stunde über Bush, Cheney, Rumsfeld und Öl, als säßen sie in einer Talkshow. Gaskell empfiehlt der Gruppe, keine Nachrichten zu sehen, die ersten Seiten der Tageszeitungen zu überblättern. Bilder vom Krieg und anderen Katastrophen lösen seiner Meinung nach neue Schübe aus. Das Internet und die Nachrichtenkanäle mit ihren fiebrigen Spruchbändern bringen das Chaos zurück in ihr Leben, glaubt Gaskell. Die Gruppe hier soll eine behagliche, stressfreie Kapsel sein. Es gibt keine Fenster in dem Raum. Es gibt die Flaggen Amerikas, Vietnams, Koreas und die Fahne der amerikanischen Kriegsgefangenenorganisation, auf dem Tisch stehen zwei Glasschalen mit Bonbons und Lutschern, an der Wand hängen zwei schmale Bücherregale mit Ratgebern für Alkoholiker, Unterhaltspflichtige und Arbeitssuchende.
Ursprünglich hatte die Frau, die im Auftrag des Staates Massachusetts das lokale Veteranenbüro leitet, die größte Wand des Zimmers mit kleinen Papierkreuzen beklebt, auf die sie die Namen jedes im Irak-Krieg gefallenen amerikanischen Soldaten schrieb. Allen Gaskell überzeugte sie jedoch davon, dass sich die Kreuze negativ auf seine Gruppenarbeit auswirken könnten. Die Beamtin hängte die Bastelarbeit in das kleine Büro nebenan.
An diesem August-Tag hängen dort 1875 Kreuze.
Kurz bevor die Stunde um ist, fragt Allen Gaskell, was Dan Birmingham eigentlich bei seinem Internisten wollte.
"Ich hab diese tierischen Schmerzen, die einfach nicht aufhören", sagt Dan. "Ich habe Darm- und Magenspiegelungen hinter mir, Ultraschalluntersuchungen und Computertomografien. Sie finden nichts. Aber ich wache nachts auf, weil es so wehtut."
"Glaubst du, dass es mit dem Krieg zu tun hat?", fragt Gaskell.
"Ja, schon", sagt Birmingham. "Ich war drei Monate an diesen brennenden Ölquellen im Irak. Wir haben das Zeug ja die ganze Zeit eingeatmet. Und dann mussten wir auch diese Pillen einwerfen, die uns vor Husseins Giftgas schützen sollten. Die waren noch nicht richtig getestet, aber wir mussten unterschreiben, dass wir niemanden verklagen, wenn es Nebenwirkungen gibt. Sie haben mir in den letzten zehn Jahren 40 Zysten rausgeschnitten. Ich hatte sie überall. Meine Eier waren geschwollen wie Baseballs, mein Kiefer war vereitert, ich habe Blut im Urin gehabt, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und diese Bauchschmerzen. Es ist so, dass ich schreien möchte, mitten in der Nacht."
Nach der Stunde setzt sich Birmingham in seinen roten Pick-up und fährt nach Hause. Auf die Heckklappe des Wagens
hat er gleich nach dem 11. September einen "Ich bin stolz, ein Amerikaner zu sein"-Sticker geklebt. Inzwischen weiß er nicht mehr so genau, was er damit eigentlich sagen wollte.
Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Peabody. Sie haben ein Haus zwischen einem Baseballfeld und einer katholischen Schule gekauft. Es ist nur ein kleiner Bungalow. Aber hinter dem Haus liegt ein vielleicht tausend Quadratmeter großer Garten, in dem Dan Birmingham die vergangenen zwei Jahre verbracht hat. Er hat eine Terrasse gebaut, einen Abenteuerspielplatz mit einem wuchtigen hölzernen Klettergerüst, einen Pavillon, einen Grillplatz, er hat Natursteinpfade angelegt, Sträucher gepflanzt und einen großen Pool aufgestellt, mit Sprungbrett. Es ist eine kleine, heile Gartenwelt, eine Oase in der endlosen Wüste.
Dan Birmingham ist 35 Jahre alt, mit 18 meldete er sich bei der Army. Sein Großvater war im Ersten Weltkrieg, sein Vater in Korea. Birmingham verpflichtete sich für vier Jahre. Sie schickten ihn zur Artillerie. Nach der Ausbildung in Oklahoma und Deutschland musste er in den ersten Golfkrieg. Im Januar 1991 flog er los, wohin genau die Reise ging, war ihm nicht klar. Er erinnert sich, dass sie lange warteten, lange durch grenzenlose, staubige Landschaften zogen und plötzlich aufgefordert wurden zu schießen.
Er wusste nicht, wo er war, er wusste nicht, wen er bekämpfte, und nach einer Weile vergaß er auch die Zeit.
"Wir schossen vier Tage lang ohne Unterlass, rollten ein Stück, schossen, rollten. Wir sind mit unseren M109-Haubitzen einfach durch Leute hindurchgefahren, die auf uns zuliefen, unser Befehl war, auf keinen Fall anzuhalten. Das war unsere Mission. Wir hatten keine Möglichkeit herauszufinden, wer wer ist. Vier Tage lang haben wir nur gefeuert und uns weiterbewegt. Wir haben in 75 Minuten 62 Granaten abgeschossen, jede 120 bis 200 Pfund schwer. Da kannst du nicht mehr nachdenken. Du wirst Teil der Maschine, ein Teil der Waffe", sagt er.
Sein Krieg dauerte vier Tage und vier Nächte.
Später sah er, was sie angerichtet hatten. Krater, die mit Matsch und Blut gefüllt waren, kaputte Fahrzeuge, Tote. Dem kurzen Krieg folgten drei Monate in den brennenden Ölfeldern. Totale Dunkelheit wie in Alaska im Winter, sagt er. Er spürte keine Traurigkeit, Reue, Wut oder Angst über das, was er gesehen und getan hatte. Auch nicht, als er nach Deutschland zurückkam. Er spürte Durst. Er hatte ein halbes Jahr keinen Alkohol getrunken, das holte er jetzt nach. Er versoff die 5000 Dollar, die er im Krieg gespart hatte. Als er bei einem Alarm nicht aus dem Bett kam und sie bei einem Bluttest Alkohol und Marihuana fanden, entließen sie ihn vorzeitig. Das war im Dezember 1991.
Er fuhr zurück nach Massachusetts, dort, außerhalb der Kasernenmauern, tauchten die Bilder wieder auf. Die unbewaffneten Männer und Frauen, in die sie hineinrollten, die Schüsse auf Menschen, die sich ergaben, die Flüche der Gefangenen, der blutige Matsch in den Bombenkratern, der schwarze Himmel.
Er konnte nicht mehr schlafen. Er konnte sich nicht mehr unterordnen. Er legte sich mit allen an. Am längsten blieb er bei einer Straßenbaufirma, weil der Chef dort wusste, dass er Kriegsveteran war. Er trank, er wurde aggressiv, im Drugstore schrie er Leute an, die arabisch aussahen, er weinte ohne jeden Grund mitten am Tag. Zehnmal machte er eine Entziehungskur im Veteranenhospital in Boston. 2001 warf ihn seine Frau raus und zog mit den Kindern in eine andere Stadt, Birmingham trank weiter, lebte in seinem Auto, er durfte die Kinder nicht sehen, und irgendwann würgte er im Streit seinen Boss, der immer zu ihm gehalten hatte. Er flog raus und lebte auf der Straße.
Im Januar 2003 ging Birmingham zum ersten Mal zu Allan Gaskells Runde, aber weil er eine Alkoholfahne hatte, schickte ihn Gaskell wieder nach Hause. Es ist die einzige Regel, die er hat. Alle müssen nüchtern sein.
Am 25. Februar 2003 begann Dan Birmingham seine vorläufig letzte Entziehungskur, er ist jetzt seit zweieinhalb Jahren trocken.
Es bleiben die Schmerzen, die Gedanken über die Dinge, die in seinem Körper passieren, die Gesichter der Leute vor seinem Panzer. Bis heute wacht er nachts auf, schweißgebadet, sieht die Bilder. Er steht auf, raucht, läuft stundenlang durch den Garten. Er schluckt Antidepressiva, Celexa, jeden Tag. Das macht ihn hyperaktiv und sexuell unzuverlässig. Seine Frau nahm ihn zurück, aber zufrieden wirken sie nicht. Birmingham werkelt im Garten, pflanzt, setzt Steine ein. Einen Job hat er noch nicht gefunden, wegen der Schmerzen, sagt er. Die Arzttermine bringen einen gewissen Rhythmus in sein Leben. Allan Gaskells Therapierunde ist der Höhepunkt seiner Woche.
25 Millionen Veteranen leben in Amerika, das sind fast neun Prozent der Gesamtbevölkerung. Acht Millionen waren in Vietnam. Viereinhalb Millionen waren im Zweiten Weltkrieg. Zehn Millionen sind älter als 65 Jahre, einer davon ist Ray Ferguson. Normalerweise haben die verschiedenen Kriegsgenerationen nicht viel miteinander zu tun. Sie reden sich ihre Kriege gegenseitig schlecht.
Ferguson sagt, dass die Jungen in der Gruppe vielleicht etwas von seinen Erfahrungen
lernen können. Aber wenn man ihn fragt, welche Erfahrungen er meint, schweigt er.
Er war im Sommer selten bei den Gruppenabenden, weil er seinen Sohn Buck pflegte, der an Krebs litt. Am zweiten August-Wochenende starb Buck Ferguson. Am Mittwoch danach wurde sein Körper in Peabody aufgebahrt. Allen Gaskell schlägt der Gruppe vor, die Sitzung ausfallen zu lassen und stattdessen Ray Ferguson ihr Beileid auszusprechen. Alle nicken, aber am Ende tauchen nur Allan Gaskell, Peter Gailes und Steven Schuyler am Sarg auf, die drei Vietnam-Veteranen. Auch Buck Ferguson war in Vietnam.
Fergusons Körper ist mit der amerikanischen Fahne bedeckt. Hinter dem Leichnam steht die Fahne der Marines, daneben wartet sein Vater, der dem toten Mann im Sarg sehr ähnlich sieht. Ray Ferguson schüttelt die Hände seiner Therapiekameraden. Im Raum stehen vielleicht 50 Leute mit Plastikbechern in der Hand, die Fergusons sind beliebt in Peabody.
Die drei Veteranen aus der Therapiegruppe stehen am Rand. Peter Gailes trägt Shorts sowie ein T-Shirt, auf dem steht: "Ich komme sicher in den Himmel, denn ich habe die Hölle schon gesehen. Vietnam." Buck sei an dem verdammten Agent Orange gestorben, flüstert Gailes. "Jede Wette. Er war in Khe Sanh. Ich kenne eine Menge Jungs, die dort waren und später Krebs hatten."
Schuyler und Gaskell schweigen. Die drei Veteranen bleiben für 20 Minuten, sie nicken Ray Ferguson kurz zu, bevor sie gehen. Er steht zwischen all den Fahnen am Sarg seines Sohnes wie ein Soldat.
Allan Gaskell sagt, draußen auf dem Parkplatz, dass die Weltkriegsveteranen die größten Schwierigkeiten hätten, mit ihren Gefühlen umzugehen. Sie kamen als Helden zurück in ein boomendes Land. Sie blieben ihr Leben lang Helden, die beste Generation von allen. Eigentlich müsste es diesen Veteranen gut gehen. Doch mehr amerikanische Soldaten sind an den psychologischen Folgen des Zweiten Weltkrieges gestorben als in der Schlacht.
Ray Ferguson, der Vater des Aufgebahrten, hatte sich 1942, nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor, zur Air Force gemeldet. Im Frühjahr 1944 flogen sie in ihr Basislager nach San Pancrazio, Italien. Ferguson gehörte als Bordschütze zur Besatzung eines B-24 "Liberator", eines schweren Bombers. 50 Einsätze sollte er fliegen, bevor er wieder nach Hause durfte. Ihr erstes Ziel war Sofia.
Ray saß vorn in der Nase des Bombers in einer winzigen gläsernen Kanzel. Gebückt hockte er da, es war nicht mal Platz für einen Fallschirm. Aber Ray Ferguson dachte nicht an Fallschirme, als sie ihre Bomben über Sofia abwarfen und zurück nach Italien flogen. Es war ein ruhiger Tag, niemand beschoss sie, die Sicht war gut, es war faszinierend.
Der nächste Einsatz änderte alles. Sie flogen in Richtung Steyr in Österreich, um ein Kugellagerwerk zu zerstören. Sie wurden mit Hunderten Flugabwehrgranaten beschossen, sie sahen Bomber ihrer Staffel brennen, trudeln, abstürzen.
Ray fühlte sich schutzlos vorn in seiner gläsernen Kanzel. Als sie am späten Nachmittag zurück ins Lager kamen, dachte er, dass er diesen Krieg nicht überleben würde.
Es war der 2. April 1944.
Ray Ferguson weiß das genau, er weiß auch, an welcher Position sein Flugzeug an diesem Tag in der Formation flog, wer abgeschossen wurde, wer starb. Er weiß, wie stark die Flugabwehr war, er weiß, wie viele Bomben sie abwarfen und wie lange sie flogen.
Vor fünf Jahren tauchten auf einem Mikrofilm in Washington die Flugprotokolle seines "Liberator"-Geschwaders wieder auf. Ray Ferguson hat sich Abzüge machen und sie in ein dickes Buch binden lassen, in welchem er fast täglich blättert.
Er hat jetzt die Daten zu den Bildern in seinem Kopf.
Sie bombardierten Sofia, Bukarest, Budapest, Bratislava und München. Er saß in seiner Kanzel und sah die Flüsse, die Städte, die Berge und die kleinen Punkte der Flak unter sich wie Wunderkerzen. Er konnte zählen, bis sie oben bei ihm waren, in 24 000 Fuß Höhe. 29 Sekunden dauerte
es. Manchmal flog ihr Bomber auch so tief, dass sie Menschen rennen sehen konnten.
Nach den Einsätzen legte er sich in sein Zelt, die Bilder des Tages liefen vor seinen Augen ab. In den Briefen an seine Freundin durfte er davon nichts schreiben, nichts von den Bildern, nichts von seiner Angst, jeder Brief wurde von den Offizieren gelesen. Abends trank er manchmal zwei, drei Gläser Wein, um schlafen zu können. Am nächsten Morgen flog er wieder los.
Am 21. Juli 1944 holten sie ihn zu seinem letzten Einsatz über Hörsching in Österreich. Er hatte sich verrechnet, er dachte, er sei schon fertig, könne nach Hause. In dem Moment brach er zusammen, zum ersten Mal. Er wollte nicht mehr, er übergab sich, sie schoben ihn hinein in seine Kanzel. Er überlebte es, aber er war nicht mehr derselbe Mann.
Als er zurück in Amerika war, wollten sie ihn gleich weiterschicken, mit den neuen B-29-Bombern nach Osten, wo es gegen die Japaner ging. Da hat er gekündigt und auf seine Pension verzichtet. Er wollte leben.
Es war ein guter Krieg, und er sei stolz auf das, was er getan habe, sagt er. Er würde gern ein Buch schreiben, damit die Kinder wissen, was er für sein Land getan hat. Er habe immer nur auf Häuser gezielt, nie auf Menschen. Es war ein guter Krieg, aber das hilft ihm nicht. Wenn er die Augen schließe, sagt Ray, sehe er immer noch den brennenden Himmel, er sehe die Flugzeuge neben sich abstürzen und fühle das Rumpeln seiner Maschine. Es ist jede Nacht so, seit über 60 Jahren. Er hat Alkohol probiert, Tabletten, es hat nichts geholfen. Anfangs hat er sich nicht getraut, den Ärzten etwas davon zu erzählen.
"Ich dachte, ich bin verrückt geworden", sagt Ray Ferguson.
Wieso hat er seinen Sohn dann nicht daran gehindert, nach Vietnam zu gehen?
"Jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen", sagt er.
In der dritten August-Woche wurde sein Sohn beerdigt, in der vierten kommt Ray Ferguson wieder zur Veteranengruppe, er parkt seinen goldfarbenen Cadillac auf dem Behindertenparkplatz direkt vor der Tür, nimmt den Stock und die Pepsi-Cola-Büchse, die er immer mitbringt, und hinkt hoch in den zweiten Stock, wo der kleine fensterlose Raum liegt, mit den Fahnen, den Bonbongläsern und den Kameraden.
Auf der breiten Stoßstange seines Cadillac klebt ein "Bush"-Aufkleber und einer von den "Liberators", mit denen er flog, den Befreiern.
Für Ray Ferguson gehört das alles zusammen. Sein Einsatz im Zweiten Weltkrieg, George W. Bush und sogar der goldene Cadillac. Es ist alles Teil des amerikanischen Traums, für den er, sein Sohn und auch die Irak-Soldaten in den Krieg zogen. Er hört die schlechten Nachrichten aus Washington, aber sie verblassen vor der großen Aufgabe. Sie sind die Befreier. Man muss einen Preis zahlen, wenn man im besten Land der Welt leben will, und er zahlt jetzt diesen Preis. So sieht es Ray Ferguson. Und wohl auch sein Präsident.
In der ersten September-Sitzung sagt Steven Schuyler, der immer noch nicht geschieden ist, dass er versuche, die Beziehung zu seinen beiden Töchtern zu verbessern. Schuyler ist der Intellektuelle der Gruppe, er hat in Harvard und Berlin Germanistik studiert, handelt mit antiquarischen Büchern, er reist viel, hat Freunde in der ganzen Welt. Er hatte lange gedacht, dass er seine Vietnam-Erlebnisse verarbeitet habe. Aber der Irak-Krieg, das Zählen der gefallenen amerikanischen Soldaten in den Zeitungen und die Probleme in seiner Ehe holten die Bilder zurück. In der Eheberatung warf ihm seine Frau, die auch Germanistin ist, vor, dass er nie über den Krieg geredet habe. Er fand keine Worte, mit denen er ihr hätte erzählen können, was er in den anderthalb Jahren erlebt hatte. Er konnte mit ihr über Kafka sprechen, aber nicht über "Clusterfuck" in Vietnam, wenn alles um ihn herum explodierte. Er hat herausgefunden, dass die Scheidungsrate bei Veteranen extrem hoch ist. Er bringt oft Statistiken mit in die Stunde, als wolle er sich und den anderen beweisen, dass sie nicht allein sind.
"Mädchen halten in Scheidungsfällen eher zu den Müttern, aber ich bemühe mich", sagt Steven Schuyler.
Er zitiert aus einem Gedicht, das seine ältere Tochter im Englischunterricht geschrieben hat. Es schildert den Moment, in dem er in Vietnam auf eine Mine trat, die wie durch ein Wunder nicht explodierte.
Allen Gaskell fragt: "Du redest mit deiner Tochter über Vietnam?"
"Ja, sie hat mich eines Abends danach gefragt. Ich habe immer bereut, dass mein Vater mir nie etwas über seinen Krieg erzählt hat, als ich ein Junge war. Ich hätte ihn so besser verstanden, glaube ich", sagt Schuyler. "Er war mit der Navy auf den Philippinen, sie haben die Japaner bekämpft. Als er nach Hause kam, war er ein anderer Mann. Er hat angefangen zu saufen und ist dann auch bald abgehauen. Meine Mutter musste uns vier Kinder allein großziehen. Ich hab ihn gehasst. Aber am Ende, kurz vor seinem Tod, hat er mir vom Krieg erzählt, wie sie den angeschwemmten toten Japanern die Finger abschnitten, um die Ringe zu bekommen, furchtbare Sachen, Bilder, die er nicht mehr loswurde. Und ich hab ihm von Vietnam erzählt, und irgendwie war das die einzige Ebene, auf der wir uns nahe kamen. Der Krieg. Verrückt eigentlich, aber so war's."
"Hast du mit deinem kranken Sohn über eure Kriegserfahrungen geredet, Ray,
als es mit ihm zu Ende ging?", fragt Gaskell.
"Es waren verschiedene Kriege. Ich wollte das nicht gegeneinander aufrechnen", sagt Ray Ferguson und dreht die Pepsi-Cola-Büchse, die vor ihm auf dem Tisch steht.
"Hast du Schwierigkeiten zu weinen?", fragt Gaskell.
"Ich konnte nicht weinen, als mein Sohn starb", sagt Ferguson. "Ich will kein schlechtes Beispiel geben."
Patrick Piccard grinst, wippt, dreht an seinem dicken Ring, in den die Wörter "Military Police" eingraviert sind. Es ist der einzige Ring, den er hat. Er ist 23, er hat noch nicht viel erlebt, er war nur einmal im Ausland, im Irak. Er kann immer noch ein paar Wörter in der Landessprache. Er weiß was "fuck you" heißt, was "eat shit" und was "thank you".
Patrick Piccard wohnt in der Nähe des Gemeindezentrums. Er ist nach dem Krieg wieder in sein Kinderzimmer gezogen. Er sitzt nicht gern in den schönen Restaurants in der Innenstadt, und auch bei McDonald's sitzt er lieber draußen. Er möge keine geschlossenen Räume, sagt er. Er hat versucht, für eine Sicherheitsfirma im Einkaufszentrum zu arbeiten, aber die vielen Menschen haben ihn zu nervös gemacht, vor allem die Kinder mit ihren überraschenden, lauten Geräuschen.
Er habe immer Soldat werden wollen, sagt er, seit er fünf war. Sein Vater kämpfte in Vietnam, vielleicht deshalb. Er hat sich schon während der High School bei der Army-Reserve gemeldet. Im November 2001 fing er mit der Grundausbildung an, und als er fertig war, schenkten ihm seine Eltern den Ring, in den "Militärpolizei" eingraviert ist. Sie waren stolz auf ihn, er war in der Schule immer ein Einzelgänger gewesen, ein Sonderling. Jetzt schien doch noch was aus ihm zu werden. Im Februar 2003 flog er in den Krieg.
Die Soldaten warteten eine Weile im Camp in Kuweit, dann wurden sie zur Sicherung von Militärtransporten eingesetzt. Patrick Piccard fuhr in einem Jeep, es gab nur eine Plane über ihm, und er sah nicht viel, er fühlte sich schutzlos. Er wusste auch nicht so richtig, was sie in diesem Land eigentlich beschützen wollten. Es gab nichts Schönes im Irak, sagt er, die einzigen ansehnlichen Dinge, die er sah, waren ein Palast von Saddam und ein Ferienheim der Baath-Partei in Falludscha. Die Einheimischen schienen feindselig.
Die Zeit sickerte vorbei, es war heiß und staubig; im Herbst, kurz vor Thanksgiving, hatte sein Vater eine Herzattacke. Patrick Piccard flog nach Hause, besuchte ihn, der Vater erholte sich. Aber der Soldat, der Piccards Dienst bei der Militärpolizei übernommen hatte, starb in seinem Jeep, auf dem Sitz, in dem er vorher gesessen hatte. Seitdem gebe es keinen Ort mehr, an dem er sich sicher fühle, sagt Patrick Piccard. Als seine Dienstzeit vorbei war, kam er zurück nach Beverly, er schrieb seine Symptome in ein Formular der Militärpolizei, zog in sein Kinderzimmer und bewarb sich hier und da, meistens in Autohäusern. Er mag Autos. Sie sagten ihm, sie würden zurückrufen, aber niemand rief zurück. Er ist jetzt seit einem Jahr arbeitslos. Er hat 20 Kilogramm zugenommen. Er trinkt keinen Alkohol und raucht auch nicht, aber er kann nicht schlafen. Er sitzt die ganze Nacht an seinem Computer und wartet einfach darauf, dass er umfällt, meistens ist das morgens, gegen fünf Uhr.
Seine Hände trommeln auf den Tisch, er trägt den Ring der Militärpolizei, ein Army-T-Shirt und ein Basecap in Tarnfarben. So, als hätte er immer noch einen Auftrag zu erfüllen. Man möchte sich nicht vorstellen, welchen.
Im zweiten September-Meeting der Veteranengruppe erzählt Patrick Piccard, dass ein Krimineller in New Orleans nach dem Hurrikan "Katrina" einem Nationalgardisten die Waffe gestohlen und ihn damit getötet habe. Mit einem M16. Niemand hat davon gehört, aber Patrick Piccard bleibt dabei.
"Es war ein M16", sagt Piccard.
Allan Gaskell widerspricht nicht, er lenkt die Gruppe sanft aus solchen absurden Diskussionen. Er wolle nicht, dass jemand noch mehr
isoliert werde und nicht mehr wiederkomme, sagt er. Nach dem 11. September hat Ray Ferguson in der Gruppe vorgeschlagen, Mekka zu bombardieren. Als der Irak-Krieg lief, haben sie darüber diskutiert, ob Jessica Lynch von Saddam Hussein in einen Harem gesteckt wurde. Peter Gailes glaubt, dass sein verschwundener Kamerad immer noch in Vietnam gefangen gehalten wird. Er ist auch der Meinung, dass man Jane Fonda erschießen sollte. Allen Gaskell hält den moderaten Republikaner John McCain für keinen guten Präsidentschaftskandidaten, weil er sich in Vietnam gefangen nehmen ließ.
Die Soldaten in ihnen hören nie auf zu kämpfen.
Bei einem Meeting Ende September sagt Peter Gailes, dass er sein Leben lang dem Rausch nachjagte, den er erlebte, als er mit seinem Kampfhubschrauber über Vietnam flog und die Menschen vor ihm flüchteten wie Wild.
Ein Großteil der 21 Milliarden Dollar, die Amerika jährlich für seine Kriegsversehrten ausgibt, fließt in die psychologische Betreuung. Man weiß heute, dass mindestens 30 Prozent der Vietnam-Veteranen unter posttraumatischem Stress litten. In vielen Fällen wurde die Krankheit chronisch.
Das will man jetzt verhindern. Die Veteranen, die aus dem Irak-Krieg zurückkommen, müssen Fragebögen ausfüllen. Haben sie Symptome des posttraumatischen Stresssyndroms, werden sie zu den lokalen Veteranenzentren geschickt, um an Therapiegruppen teilzunehmen.
Es gibt wahrscheinlich Tausende solcher Gruppen wie die von Allen Gaskell in den USA, und täglich produziert der Krieg im Irak neue Teilnehmer. Ein großer Teil der Amerikaner leidet unter posttraumatischem Stress, jeder neue Krieg konfrontiert die Bürger mit der Frage, was der Export des amerikanischen Traums kostet.
Ende Oktober, an einem Mittwochabend, endet im Fernsehen die Irak-Kriegs-Serie "Over There". Es waren 13 Teile. Es sieht so aus, als würde es keine neue Staffel geben. Die Quoten sanken immer mehr, am Ende sahen nicht mal mehr eine Million Amerikaner zu, vielleicht, weil der wahre Krieg zu schlecht lief. In den 13 Wochen, die die Serie lebte, sind im Irak 220 amerikanische Soldaten gestorben.
An diesem Oktober-Abend bringt Peter Gailes ein Buch mit zur Sitzung. Er legt es auf den Tisch. Es heißt "Ambush Alley" und beschreibt den Angriff auf eine amerikanische Einheit in Nassirija im Irak. Allen Gaskell sagt, dass es nicht gut für ihn sei, solche Dinge zu lesen.
"Mich regt auf, wie schlampig die auf den Krieg vorbereitet waren", sagt Gailes.
"Das amerikanische Militär hat bisher in jedem Krieg Scheiße gebaut. Mich wundert, dass wir überhaupt schon mal gewonnen haben, im Zweiten Weltkrieg. Jede Schlacht ist Chaos. Krieg ist Chaos", sagt Allen Gaskell.
Steven Schuyler erzählt, wie er beim Schießen in Vietnam gelegentlich völlig die Übersicht verloren habe. Dan Birmingham redet über die vier Tage und Nächte, in denen er vergaß, wo er war, Ray Ferguson beschreibt einen Tiefflug über Pitesti in Rumänien, sie lachen, fallen sich ins Wort, und für eine Viertelstunde scheinen ihre Kriege miteinander zu verschmelzen zu einer einzigen, ewigen Schlacht auf den Kontinenten dieser Erde. Sie reden über Drogen, Bordelle und Kriegsgefangene, als säßen sie alle in einem einzigen, großen Zeltlager. Sie gehören zum amerikanischen Heer, das ausgeschickt wird, die Welt zu retten. Irgendwann landet ihr Gespräch bei den Folterungen im Gefängnis von Abu Ghureib.
"Ich glaube nicht, dass es in der Öffentlichkeit wirklich noch jemand interessiert. Nicht im Detail", sagt Allen Gaskell. "Ich glaube auch nicht, dass Amerika im Krieg ist. Die Jungs da drüben sind im Krieg."
"Und die wissen auch nicht, wofür sie kämpfen", sagt Dan Birmingham, der Golfkrieger. "Ich wusste es jedenfalls nicht."
"Ich auch nicht", sagt Steven Schuyler, der Vietnam-Veteran.
"Ihr solltet den Kommunismus zurückschlagen", sagt Ray Ferguson, der Weltkriegsveteran.
"Vielleicht. Aber es war was anderes bei euch, Ray. Ihr wart noch in einem guten Krieg", sagt Schuyler.
Ferguson nickt. Sie schauen den Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg an. Vor ihm auf dem Tisch liegt seine "Liberator"-Mütze, er hat gewonnen damals, aber er sieht nicht zufrieden aus. Der Krieg hört nie auf. Die Männer am Tisch folgten ihren Vätern, und ihre Söhne werden ihnen folgen. Dan Birminghams Großvater war im Ersten Weltkrieg, Steven Schuylers Vater war auf den Philippinen, Patrick Piccards Vater war in Vietnam wie Ray Fergusons Sohn. Sie haben keine anderen Vorbilder und immer wieder Präsidenten, die die amerikanische Freiheit bedroht sehen. Vielleicht wissen die Veteranen nicht mehr, wofür sie wirklich kämpften, aber am Ende scheinen ihre Kriege das zu sein, was sie ausmacht.
"Ich fühlte mich von Feinden umgeben und sehr allein", sagt Allen Gaskell über seine Vietnam-Zeit. Es ist ein sehr amerikanisches Gefühl.
Ende Oktober schneidet die Beamtin des Veteranenzentrums das 2000. Papierkreuz aus und klebt es an ihre Bürowand. Die Bäume Neuenglands glühen im späten Indian Summer.
Einige Tage später erscheinen alle wieder zum Meeting, auch Patrick Piccard, der sich vor vier Monaten umbringen wollte, ist wieder da. Er war in den vergangenen Wochen ein paar Mal nicht gekommen, sie hatten sich gesorgt und hinter ihm her telefoniert. Piccard setzt sich auf seinen Platz am Kopfende des Tisches, angelt sich wie immer einen Milchbonbon, grinst, wippt. Er trägt ein grünes T-Shirt, auf dem "Army" steht.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 46/2005
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