DER SPIEGEL

TV-UNTERHALTUNGWas meine Frau so alles sieht

Die Kultsendung „Desperate Housewives“ macht Platz für die neuen deutschen Luder-Serien „Bis in die Spitzen“ und „Alles außer Sex“.
Lottmann, 49, ist Schriftsteller und veröffentlichte zuletzt "Die Jugend von heute" (Verlag Kiepenheuer & Witsch). Er lebt in Köln und Berlin.
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Desperate Housewives", Nachfolgerin der Zeitgeistsendung "Sex and the City", lief nun lange genug. Es ist Zeit, einige Fragen zu beantworten. Was wollte mir diese Langzeitstudie über ein Leben ohne Arbeit sagen? Vor allem: Was bedeutete sie für meine Frau, die dienstagabends selbst für die Kanzlerin persönlich nicht ansprechbar gewesen wäre.
Schon "Sex and the City" hatte sie verhext, diese im Kern todtraurige Leidensbeschreibung des Krankheitsbildes "Single". Es ging um vier älter gewordene Frauen, die sich wie Teenager benahmen und deswegen allein blieben. Tragische Figuren! Aber es war das Leiden von Millionen. Da lachte frau noch über sich selbst. Nur worüber lachten die Millionen bei "Desperate Housewives"?
Diesmal waren es vier Frauen um die 40, aber ihr Sex-Appeal war höher, gerade weil sie Erwachsene waren und keine aufgebrezelten späten Mädchen. Sie bewegten sich besser, sie hatten mehr Stil, sie beschäftigten sich nicht ständig mit "Beziehungsscheiß". Aber womit dann? Mit der bösen Nachbarin, dem Terror der Kinder, der peinlich jung gebliebenen Hippie-Großmutter, den Dinnerpartys ... Die "Verzweifelten Hausfrauen" waren Moraldramen, sie zeigten das Nichtige, um auf das Wichtige zu verweisen. Sie waren Sittengemälde.
In Deutschland läuft das alles viel brutaler ab, wie die neue Serie "Bis in die Spitzen" zeigt. Meine Frau mag sie nicht, lässt trotzdem keine Folge aus. Nun sind statt der Dienstagabende die Montagabende futsch, kochen tut sie gar nicht mehr.
In "Bis in die Spitzen" sind alle gleichmäßig vulgär, sprich "ehrlich", desillusioniert, sexsüchtig, unfreundlich, unhöflich, eben deutsch. Jeder betrügt jeden, sexuell gesehen. Bei einem Dutzend Figuren ergeben sich mathematisch immerhin schon 1320 Betrugsmöglichkeiten. Und die werden vom Drehbuch komplett ausgeschöpft.
Hier liest keiner, hier sieht keiner die "Tagesschau", hier hat keiner einen einzigen nichtsexuellen Gedanken im verrohten Germanenschädel. Interessanterweise soll diese edel fotografierte Welt die der Unterschicht sein, nämlich die der Friseurszene. Das stimmt natürlich nicht. Vielmehr handelt es sich um eine virtuelle Weltkonstruktion aus der Sicht des Unterschichtsfernsehens. So wie der Drehbuchknecht sich vorstellt, dass eine Friseurin sich die Gesellschaft vorstellt. Klassen und Schichten werden völlig neu durchdekliniert. Ober-, Unter- und Mittelschicht hören auf dieselben Kommandos, und die sind pornografischer Natur.
Der Schnitt, die Schwenks, die Fahrten, nach der nun achten Folge wird einem allmählich schwindelig, immer im Kreis, wie im benachbarten Genre "Softpornofilm" (wo immer um die Kopulierenden herumgefilmt wird, und wo das Geschlechtsteil käme, taucht ein Bettpfeiler auf).
Es ist der Sex der Vor-Aids-Zeit, der hier behauptet wird, den es längst nicht mehr gibt. 18-jährige bürgerliche Mädchen, die aus Neugierde auf den Strich gehen, sind jedenfalls noch realitätsferner als die Beck's-Werbung in den Clips dazwischen.
Zeigt sich hier die deutsche Depression? Am Ende immer nur Betrug und Tränen? Der Erfolg der Serie findet vor einem Publikum statt, das von Vogelgrippe-Phobien, Impotenz, Vereinsamung und Entfremdung geschüttelt wird. Derart verunsichert, halten die Leute womöglich den promisken Zirkus für das ihnen entgangene Leben. Die armen Teufel! Ähnlich wie auf Zigarettenschachteln sollte man warnen: "Vorsicht! Diese Sendung kann Frigidität verursachen!"
Mit der neuesten Serie nun schließt sich der Kreis, denn "Alles außer Sex" soll die germanisierte Fassung von "Sex and the City" sein. Abgedreht in München, erfährt man in der Tat nichts Neues über Sex, aber alles über München.
Wer manchmal für ein paar Tage nach Schwabing muss, weiß, was ich meine. Immer wenn man denkt, so etwas kann es nicht geben - gehirnentkernte, gesichts- und geschichtslose studiogebräunte Dauerbarbies, die ausschließlich Angeberdiskurse über Shopping, neue Autos und schicke neue Wohnungen führen -, dann trifft man sie, in Hunderten von Edel-Italienern, auf jeder Party, in jeder "Location".
Dort sind sie noch, die sogenannten Weiber, zeitlos, kalifornisch, versaut, blond. Wo andere eine Identität haben, haben sie ein Kreditkarten-Patchwork, ganz so wie der kleine linke "Titanic"-Leser sich solche "Luder" vorstellt. Dass dann "Dieter, die Maschine" ("Das ist rein sexuell zu verstehen!"), denselben zuruft "Ihr Zarten, denkt mir an den Harten!", ist zwar glaubhaft, aber trotzdem nicht sehenswert.
Hier streikt auch endlich meine Frau. Und zappt zu Eurosport weiter, wo ideologiefreier Männerfußball läuft. Die neuen Serien guckt am Ende, hoffe ich, wieder nur die 13jährige Tochter unserer alleinerziehenden Nachbarin Betzi.
Nun verstehe ich endlich, nach dieser Schocktherapie, meine Frau, also ihren Kult um die "Housewives": Sie hatten nicht nur ein Sex-Life, sondern auch ein Leben drum herum, und das war tückisch und hart. Sie bewältigten es mit Mut und Humor, brachen zusammen, machten trotzdem immer weiter. Das waren noch echte Vorbilder. Für Männer jedenfalls.
Von Joachim Lottmann

DER SPIEGEL 48/2005
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