DER SPIEGEL

„Mein Thema ist das Chaos“

Der Bestsellerautor Daniel Kehlmann über die Entstehung seines Forscherromans „Die Vermessung der Welt“, das Verhältnis von literarischer und naturwissenschaftlicher Intelligenz und die Kränkung des Menschen durch die Entdeckungen der Quantenphysik
Kehlmann, 30, wurde in München geboren und lebt in Wien. Bisher veröffentlichte er fünf Romane. Der jüngste, "Die Vermessung der Welt" (Rowohlt Verlag), steht seit fünf Wochen - hinter "Harry Potter und der Halbblutprinz" - auf Platz zwei der SPIEGEL-Bestsellerliste.
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SPIEGEL: Herr Kehlmann, Ihr Roman "Die Vermessung der Welt" erzählt das Leben zweier Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, des Naturforschers Alexander von Humboldt und des Mathematikers Carl Friedrich Gauß. Welchen Ihrer Helden mögen Sie eigentlich lieber?
Kehlmann: Es ist leichter für meinen Gauß, gemocht zu werden. Er ist polternd und beleidigend; er schert sich nicht um Kon-
ventionen und die Meinung der Außenwelt. Sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen identifiziert man sich gern mit grob agierenden Helden; denn jeder wäre gern mehr so wie Gauß - ich auch.
SPIEGEL: Dabei ist Humboldt eigentlich der Nettere von beiden?
Kehlmann: Genau, er versteht zwar die Menschen nicht, aber er bemüht sich wenigstens, auf sie zuzugehen. Humboldt ist es schließlich, der am Schluss Gauß' Sohn vor dem Gefängnis rettet. Da findet fast eine Art Vaterschaftsverschiebung statt. Mein Humboldt ist in der paradoxen Lage, viel gutwilliger zu sein als Gauß und trotzdem weniger gemocht zu werden. Das ist zwar traurig, aber als Autor habe ich es natürlich genau so gewollt.
SPIEGEL: Sie schildern Humboldt als einen weltfremden Mann, der lieber einen Drachenbaum streichelt als eine Frau. Machen Sie sich nicht doch zu sehr lustig über Ihren Helden und verkleinern ihn zu arg?
Kehlmann: Gerade die Begegnung mit dem Drachenbaum finde ich einen sehr ernsten, menschlichen Moment in seinem Leben. Humboldt ist fast unfähig, Gefühle auszudrücken - und wenn überhaupt, dann nur gegenüber Pflanzen und Tieren. In diesem Augenblick denkt er über die Vergänglichkeit des Lebens nach und ist gerührt wie sonst nie.
SPIEGEL: Haben Sie selbst schon einmal einen Drachenbaum gestreichelt?
Kehlmann: Nein, aber einen anderen jahrhundertealten Baum in Mexiko. Das war schon eine ungeheure Erfahrung. Ich habe die Präsenz eines ungewöhnlich alten Lebewesens
gespürt. Ich verstehe seither, warum diese Orte als magisch gelten.
SPIEGEL: Gauß hingegen tritt bei Ihnen als Misanthrop auf, der ständig seinen Sohn beschimpft und gern auch mal in den Puff geht. Hat sich die Gauß-Gesellschaft schon bei Ihnen beschwert?
Kehlmann: Mit der Reaktion der Mathematiker und Gauß-Experten bin ich überglücklich. Die haben jede Menge Humor und Verständnis gezeigt für das, was ich aus ihrem Idol gemacht habe. Ganz anders reagierten übrigens viele Humboldt-Kenner, die waren teilweise richtig beleidigt. Ich erkläre mir das so: Mathematiker sind dem Pathos abhold. Sie haben kein Problem damit, wenn einer ihrer Helden unpathetisch behandelt wird und auch mal in den Puff geht. Viele Humboldt-Anhänger hingegen möchten lieber ein pathetisches Bild von dem großen Weltreisenden und makellosen Deutschen zeichnen.
SPIEGEL: Anders als Humboldt war Gauß den meisten Deutschen bislang sicher unbekannt. Sein 150. Todestag ist im Einsteinjahr völlig untergegangen. Dabei gilt er Eingeweihten als bedeutendster Mathematiker seit Archimedes. Ohne die von ihm begonnene Geometrie gekrümmter Räume wäre Einsteins Relativitätstheorie nicht möglich gewesen. Wie kamen Sie darauf, diesem großen Denker ein Denkmal zu setzen?
Kehlmann: Warum sich vorher kaum jemand um Gauß gekümmert hat, verstehe ich bis heute nicht. Ich finde Gauß einen äußerst faszinierenden Menschen. Natürlich musste ich der Figur erzählerisch etwas nachhelfen und sie auf die Spitze treiben. Im Dienste der Wahrheit musste ich eben hier und da die Richtigkeit manipulieren.
SPIEGEL: Darf der Roman über einen Wissenschaftler unwissenschaftlich sein?
Kehlmann: Natürlich ist es eine Gratwanderung, was man mit historischen Figuren anstellt. Bei den Recherchen gewinnt man ein sehr deutliches Bild; doch dann erfindet man auch dazu, um dieses Bild noch deutlicher herauszuarbeiten.
SPIEGEL: Ist Ihnen der SPIEGEL in die Quere gekommen, als er Humboldt in einer Titelgeschichte als Feuerkopf, Kommunikator und Salonlöwen geschildert hat und weniger als einen manischen und kauzigen Don Quijote, wie Sie ihn charakterisieren?
Kehlmann: Als der SPIEGEL-Titel erschien, war ich mit meinem Buch gottlob fast fertig. Es war trotzdem eine Störung meines kreativen Prozesses, weil dieser Humboldt so ganz anders war als meiner. Wenn ich noch am Anfang gewesen wäre, hätte ich mein Buch wahrscheinlich aufgegeben. So aber hatte ich mich nach zwei, drei Wochen wieder in meine Figur eingefunden.
SPIEGEL: Sie gehören zu den wenigen Literaten, die Naturforscher zu Helden ihrer Romane machen. Verstehen Sie sich als Brückenbauer zwischen diesen beiden Kulturen?
Kehlmann: Ich habe mich immer schon sehr für Naturwissenschaften interessiert und die Abwehrgeste anderer Künstler nie verstanden. Wenn ich in Mathematik besser gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich sogar Physik studiert; aber leider habe ich mich in der Schule zu oft verrechnet. Die spannendsten Abenteuer des menschlichen Geistes finden heute in den Naturwissenschaften statt.
SPIEGEL: Was ist für Sie die wichtigste wissenschaftliche Entdeckung der Neuzeit?
Kehlmann: Bei weitem noch nicht zu Ende gedacht sind die Entdeckungen der Quantentheorie, die das Verhalten von Teilchen im Mikrokosmos beschreibt und derzufolge es keine objektive Wirklichkeit gibt. Im Bewusstsein der Menschen ist noch gar nicht angekommen, dass in einem Grenzbereich der Welt das Prinzip von Ursache und Wirkung aufgehoben ist.
SPIEGEL: Nur hat das wenig mit der Alltagserfahrung zu tun. Wenn wir dieses Glas hier fallen lassen, wird es auf der Tischplatte zerspringen.
Kehlmann: Vorsicht! Es besteht eine winzige Chance, dass auch im Makrokosmos plötzlich der Tunneleffekt einsetzt und das Glas unbeschädigt durch den Tisch tunnelt. Das ist wahrscheinlich noch nie seit dem Urknall passiert, aber es könnte immerhin passieren.
SPIEGEL: Eine Deutung der Quantentheorie besagt: Alles, was geschehen kann, geschieht auch - und wenn nicht hier, dann in einem Paralleluniversum. Stoff für einen neuen Roman?
Kehlmann: Auf jeden Fall gibt es kaum ein spannenderes Thema. Die wenigsten Menschen haben bereits verinnerlicht, dass die
Aufhebung der Kausalität für uns eine schlimmere Kränkung bedeutet als die Evolutionstheorie von Charles Darwin, nach der wir vom Affen abstammen.
SPIEGEL: Worin besteht die Kränkung durch die Quantenmechanik?
Kehlmann: Im Mikrokosmos kommt es vor, dass Wirkungen ohne Ursache stattfinden. Bei einem radioaktiven Zerfall etwa ist es unmöglich zu sagen, ob er sich jetzt ereignet, in einer Stunde oder in einem Jahr. Dies widerspricht zutiefst unserer Vorstellung von Wirklichkeit. Unser Verständnisapparat ist also nicht in der Lage, den Kosmos zu begreifen. Wir können die Welt vielleicht berechnen, aber nicht wirklich verstehen.
SPIEGEL: Wenn es Wirkungen ohne erkennbare Ursache gibt, ist auch keine allererste Ursache mehr nötig, durch die das Universum einst erschaffen wurde. Hat die Quantentheorie also endgültig den Schöpfergott abgeschafft?
Kehlmann: Zumindest ist dies eine Entdeckung, die alle Religionen in eine tiefe Krise stürzen müsste und hoffentlich noch stürzen wird. Das können sich viele noch gar nicht richtig vorstellen.
SPIEGEL: In Ihrem Buch schildern Sie, wie Gauß sich vorstellt, vor das Jüngste Gericht zu treten. Dann werde er Gott ein paar unbequeme Fragen über die Fehlerhaftigkeit von Raum und Zeit stellen. Welche unbequeme Frage würden Sie Gott stellen?
Kehlmann: Zum Beispiel würde ich ihn fragen: Wenn wir denn schon unbedingt sterben müssen - warum müssen wir dann vorher auch noch alt werden?
SPIEGEL: Gauß gelangen seine größten Entdeckungen an der Sternwarte in Göttingen, Einstein erfand seine Relativitätstheorie als Angestellter im Patentamt in Bern. Wieso kommen umstürzende neue Theorien so häufig aus der Provinz?
Kehlmann: In den Metropolen ist wohl die Ablenkung zu groß. Wer in Ruhe denken und arbeiten darf, kommt eher auf große Ideen. Das Problem heutiger Wissenschaftler ist ja auch der Zwang, ständig irgendwelche neuen Papiere zu veröffentlichen.
SPIEGEL: Die mathematisch geprägten Naturwissenschaften sind mittlerweile so spezialisiert, dass selbst ein neuer Humboldt ihre Resultate kaum noch verstehen dürfte. Wenn sich die Kluft zwischen naturwissenschaftlicher und philosophisch-historisch ausgebildeter Elite weiter vertieft, fragt sich, aus welcher dieser beiden Kulturen noch eine für beide verbindliche Moral geschöpft werden kann und soll.
Kehlmann: Ja, ich sehe das Problem auf beiden Seiten: wenn die Religion der Naturwissenschaft Vorschriften macht, wenn etwa die US-Regierung aus religiösen Gründen die Stammzellenforschung stark einschränkt; oder wenn, auf der anderen Seite, Naturwissenschaftler helfen, schreckliche Waffen zu entwickeln oder mit Menschen zu experimentieren, und das ganz moralfrei betrachten.
SPIEGEL: Und woher kann Ihrer Meinung nach die Ethik kommen, die beiden Seiten Grenzen setzt?
Kehlmann: Von Immanuel Kant. Ich finde es zwar beeindruckend, bei Dostojewski zu lesen, ohne Gott gebe es keine Moral. Aber in der Praxis hilft uns das nicht, weil sich die seltsamsten Moralvorstellungen auf Gott berufen. Ich glaube, Kant hat recht, wenn er Gott aus der Ethik begründet - und nicht die Ethik aus Gott. Kant ist für mich, neben Gauß und Einstein, der dritte unter den epochalen Provinzlern der Deutschen.
SPIEGEL: Es gibt in Ihrem Roman ein sehr komisches, aber erfundenes Zusammentreffen zwischen dem alten Kant und Gauß. Der Philosoph versteht den Mathematiker überhaupt nicht. Während Gauß seine These vorträgt, der Raum sei "gekrümmt", verlangt Kant "Wurst". Ein kleiner Racheakt an Kant, über den Sie ja mal promovieren wollten und der Ihnen dann wohl doch zu schwierig war?
Kehlmann: Da sage ich mit gutem Gewissen: nein. Das ist eine tragische Szene in einem Buch, das ja auch vom Altern handelt. Gauß hat seine Entdeckungen zur nichteuklidischen Geometrie nicht veröffentlicht, weil er den Zorn und Spott der Kantschen Schule fürchtete. Also konnte zwischen den beiden auch gar keine Auseinandersetzung stattfinden. Ich hätte sie gut erfinden können. Aber mich hat mehr die menschliche Tragik interessiert, die darin begründet ist, dass der Mensch ein physisches Wesen ist, das verfällt. Der historische Gauß hätte, als er mit seinen Berechnungen so weit war, tatsächlich in Königsberg nur einen dementen, sabbernden Greis angetroffen.
SPIEGEL: Der Verfall von Strukturen, die schleichende Zunahme von Unordnung, also das, was man in der Physik als Anwachsen von Entropie bezeichnet, spielt nicht nur in Ihrem neuesten Roman eine wichtige Rolle, sondern auch in den vorangegangenen.
Kehlmann: Ja, Humboldt nennt es einmal ausdrücklich "jene sich über Jahre dehnende Erschlaffung". Das zunehmende Chaos im Menschenleben ist das geheime Thema aller meiner Bücher, meines Lebens - jedes Lebens.
SPIEGEL: Deshalb hat Ihr Roman auch einen etwas enttäuschenden Schluss. Er vertröpfelt mit der Amerika-Reise des Gauß-Sohnes - ähnlich, wie sich die Wärme im Weltall verliert.
Kehlmann: Andere Leser mögen gerade diesen Schluss. Er besagt: Das Leben geht trotz Entropie irgendwie weiter. Er greift auch ein früheres Motiv auf, das darauf hinauslief, dass die Jungen sich irgendwann doch nicht viel anders als ihre Eltern verhalten. Und er erinnert noch einmal an Amerika, das Bild der noch unvermessenen neuen Welt. Amerika ist ja das letzte Wort überhaupt in dem Roman.
SPIEGEL: Waren Sie in Amerika, als Sie das Buch geschrieben haben?
Kehlmann: Nein, ich habe das Buch zum Teil an der Nordsee verfasst, zum Teil am Mittelmeer. Überwiegend ist es wirklich am Meer entstanden, bei offenem Fenster. Es war ein befreiendes Erlebnis.
SPIEGEL: Mussten Sie trotz der Vergänglichkeitsklage im Hintergrund manchmal dabei lachen?
Kehlmann: Ich sollte es wahrscheinlich lieber nicht zugeben; denn es klingt ja viel besser, wenn man sagen kann, man sei ernst und traurig bei der Arbeit gewesen. Die Wahrheit ist: Ich habe selbst sehr viel gelacht beim Schreiben.
SPIEGEL: Sind nun, bei aller Komik, Humboldt und Gauß zwei exemplarische Deutsche? Ist jemand wie Humboldt gar eine "Du bist Deutschland"-Figur?
Kehlmann: Nein, obwohl ich zugeben muss: Im Ausland wird das zum Teil so gesehen. Die Übersetzungsrechte an meinem Roman wurden mittlerweile ja für 13 Sprachen verkauft, und bisherige Reaktionen von Übersetzern, Lektoren oder Verlegern bestätigen mir: Das Buch wird auch als ein Buch über Deutschland gelesen - anders als hierzulande, wo man es vorwiegend als Geschichte zweier Käuze auffasst.
SPIEGEL: Mit negativem Akzent?
Kehlmann: Nein. Humboldt hat doch diesen ungeheuren Enthusiasmus, Dinge zu verstehen, ist dabei aber sehr pedantisch, eingeschnürt durch seine Vorerwartungen. Er versteht überhaupt nicht, dass die Indianer irritiert sind, wenn er deren mumifizierte Leichen ausgraben lässt und mitnimmt. Das ist schon typisch deutsch.
SPIEGEL: Er war doch ein beispiellos weltläufiger Abenteurer, als solcher ist er heute noch in Südamerika präsent.
Kehlmann: Aber er hat diesen ewigen Vermessungswahn - auch dort, wo es überhaupt nicht nötig ist.
SPIEGEL: Er war ja Bergwerksingenieur. Dieses fast manische Quantifizieren ist zu jener Zeit nicht besonders deutsch, sondern gehört zum europäischen Aufschwung der exakten Naturwissenschaft.
Kehlmann: Vorbildlicher ist noch ein anderer Aspekt seines Charakters: Humboldt war ein großer Humanist, der führende Sklaverei-Gegner seiner Zeit. Insofern ist er der größte Botschafter des humanistischen Weltbürgerprinzips, den es bis heute gegeben hat. Ebenhier erweist sich aber auch: Klassiker sein heißt einerseits der souveräne, humanitär engagierte Weltversteher sein; andererseits: viel Wirklichkeit, viel Chaos ausblenden. In Goethes Italien-Dichtung kommt kein Schmutz vor. Das hat etwas durchaus Komisches. Dieses Nebeneinander von Größe und Komik gehört zu den ergiebigsten Themen der Literatur.
SPIEGEL: Gilt das denn auch für Gauß?
Kehlmann: Auf seine Weise ist auch er ein komischer Gigant. Für Gauß besteht die mathematische Welt aus lauter realen Wesen. Ich erinnere an diese Szene der Hochzeitsnacht, in der Gauß aus dem Bett springt, um eine Formel zu notieren, die ihm gerade in den Kopf kommt. Die Szene ist zwar von mir erfunden, aber sie hätte sich durchaus so ereignen können. Das wirkt komisch weltfremd. Andererseits ist Gauß mehr in der sinnlichen Wirklichkeit zu Hause als Humboldt, die Lust und die Zahlenwelt sind für ihn kein Gegensatz; Lust ist ihm genauso ein intellektuelles Vergnügen, wie ihm die Zahlen sinnliche Freude bereiten. Er hat ja auch, anders als Humboldt, Frauen und Kinder.
SPIEGEL: Humboldt, obwohl Sammler und Empiriker, ist der Idealist, Gauß der rechnende Erdenmensch. Sind das brauchbare Vorbilder für uns heute?
Kehlmann: Mein Buch ist kein patriotisches Buch. Natürlich auch nicht das Gegenteil. Die Betrachtung jeder großen historischen Figur ist in Deutschland doch stets überschattet von dem absolut Schrecklichen, auf das die deutsche Geschichte zuläuft. Da fällt Patriotismus schwer.
SPIEGEL: Muss auch schon Humboldt für die Verbrechen der Nazis büßen?
Kehlmann: Wenn in einem Land die schlimmsten Dinge geschehen sind, die überhaupt denkbar sind, dann ist es doch nur natürlich, dass seine Bewohner bis heute davon neurotisiert sind. Es gelingt uns einfach nicht, die große Humanität der Weimarer Klassik zu betrachten, ohne mitzudenken, wie traurig und entsetzlich es ist, dass diese Tradition nicht verhindern konnte, was dann in der NS-Zeit geschah. Auschwitz ist sicher, wie Imre Kertész sagt, das größte Trauma der Menschheit seit dem Kreuz.
SPIEGEL: Sie haben dennoch bisher eher heitere, humorvolle Romane geschrieben. Fließt jetzt bald ein tiefernstes Thema aus Ihrer Feder, etwa über die dunkelste Seite der deutschen Geschichte?
Kehlmann: Keine Sorge. Wenn man über diese Dinge schreibt, hat man die moralische Verpflichtung, etwas ungeheuer Gutes zu schreiben. Das traue ich mir noch eine ganze Weile nicht zu. Zur NS-Zeit gibt es ja viel zu viel Mittelmäßiges.
SPIEGEL: Worüber werden Sie also schreiben?
Kehlmann: Natürlich verrate ich Ihnen nicht das Thema meines nächsten Romans. Da bin ich abergläubisch.
SPIEGEL: Wird es wieder eine naturwissenschaftlich geprägte Erzählung sein?
Kehlmann: Nein, diesmal nicht. Es wird etwas ganz anderes werden als meine satirisch angehauchte "Vermessung der Welt". Wenn es so wird, wie ich es mir vorstelle, wird es keine Komödie sein, sondern eher eine dunkle Geschichte. Es werden einige Gespenster darin auftauchen. Und es wird diesmal in der Gegenwart spielen.
SPIEGEL: Sie planen eine Spukgeschichte?
Kehlmann: Ich hätte lieber nicht darüber reden sollen ...
SPIEGEL: Für einen 30-Jährigen sind Ihre Antworten ungewöhnlich klug und abgeklärt, wir sprechen mit einem deutschösterreichischen Bildungswunder. Wie wird man so, wie Sie sind?
Kehlmann: Ich war zwar auf einer Jesuitenschule am Stadtrand Wiens, aber die Ordensbrüder haben sich kaum um den Unterricht gekümmert, die waren damit beschäftigt, in Südamerika Revolution zu machen. Ansonsten habe ich eigentlich nichts anderes gemacht als Millionen andere Jugendliche auch. Zum Beispiel schaue ich immer noch sehr viel Fernsehen - vor allem die Zeichentrickserie "Die Simpsons", ein Meisterwerk zeitgenössischer Satire.
SPIEGEL: Herr Kehlmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Historische Gemälde (um 1850); rechts: in einer Urwaldhütte während seiner Forschungsreise durch Venezuela.
Das Gespräch führten die Redakteure Matthias Matussek, Mathias Schreiber und Olaf Stampf.
Von Matthias Matussek, Mathias Schreiber und Olaf Stampf

DER SPIEGEL 49/2005
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