DER SPIEGEL

BERLINDas Schloß muß fallen

Für die Pflege und Weiterentwicklung des großen deutschen Kulturerbes in allen Teilen Deutschland", so hängt, 500 Meter vorm Berliner Schloß, ein rotweißes Transparent mit der "Kampfparole der Nationalen Front des demokratischen Deutschlands". Das Berliner Schloß ist nach der SED-Ideologie kein "deutsches Kulturerbe".
"Dieser Bau wurde errichtet von Untertanen, die als Leibsklaven Akkordarbeit verrichten mußten", gutachtete Dr. Gerhard Strauß, Kunsthistoriker und Ministerialrat im sowjetzonalen Ministerium für Volksbildung über die Schloßruine. Er befürwortete die Sprengung des "Denkmals der Reaktion und des Feudalismus als ein Beispiel des imperialistischen Untergangs".
Am 6. September blinkten die renovierten Kreml-Kuppeln neu vergoldet. Einen Tag später begann mit der Sprengung des "Grünen Huts" das Ausradieren des einzig noch vorhandenen Schlüter-Baus, des Berliner Schlosses.
In den Briefen anerkannter Kunsthistoriker an die Piecksche Staatspräsidenten-Kanzlei standen Worte über "Kulturbarbaren". Das ostzonale Amt für Informationen entschuldigte sich nachträglich im "Neuen Deutschland". "Der bisher auf 80 Prozent geschätzte Umfang der durch die anglo-amerikanischen Bomber angerichteten Zerstörungen des Berliner Schlosses war viel zu gering angesetzt."
Das SED-Zentralkomitee bemühte sich vor dem ersten Sprengschuß krampfhaft, die geplante Vernichtung des Berliner Schlosses gegenüber der Oeffentlichkeit durch Gutachten zu rechtfertigen. Aber die Fachleute waren sich einig, daß sich die fast restlos erhaltene Fassade und ein Teil der Innenräume des Schlüter-Baues wiederherstellen ließen.
Amtlich anerkannt wurde dann aber das Gutachten des Dr. Strauß. Er hatte seine ideologische Festigkeit schon beim Abreißen der Junkerschlösser in der Bodenreform bewiesen. Seine wissenschaftlichen Verdienste traten weniger offen zutage.
"Erstmalig in der Geschichte des deutschen Volkes hat das in seiner Majorität regierende Volk das Recht, der Stadt ein Antlitz zu geben, das der Größe seiner Gegenwart entspricht", machte sich Dr. Strauß zum Sprachrohr der SED-Polit-Büros. Das Schloß sei ein Hindernis bei dieser Neuordnung.
Das freut den ostsektoralen Stadtarchitekten Dr. Liebknecht. In seinen Ab- und Aufbauplänen steht die Liquidierung des Berliner Schlosses an erster Stelle. Seine Kollegen nennen den Namensvetter Karl Liebknechts den "roten Schlüter", weil er Berlin zu Klein-Moskau machen will.
Nach Dr. Liebknechts Entwürfen soll bei der Neugestaltung das gesamte Gelände um den Lustgarten in einen Aufmarschplatz der Massen verwandelt werden. Begrenzt durch eine Tribüne für 3000 volksdemokratische Ehrengäste, errichtet auf den Fundamenten eines feudalistischen Schlosses, mit Blickrichtung auf das Brandenburger Tor, dessen zerstörte Quadriga durch ein "Symbol des Fortschritts" ersetzt wird. Bis zum 1. Mai 1951 soll der "Platz des Roten Oktober" fertiggestellt sein.
"Bei dem gegenwärtigen Zustand des Schlosses kann man sowieso nur noch von einer ausgehöhlten Ruine sprechen, hinter der sich ausgeglühter Schutt verbirgt", gibt die Ostpresse ihr Plazet. Die Wirklichkeit sieht anders aus.
Der Weiße Saal hat auch noch nach 1945 repräsentative Ausstellungen gesehen. Die zu ihm führende Treppe, der Elisabeth-Saal und die majestätische Architektur des Schlüter-Hofes sind noch gut erhalten. Die Lücken in den Fassaden ließen sich ohne größeren Aufwand schließen.
Das Berliner Schloß war der Höhepunkt im Schaffen des "Michelangelo des Nordens", Andreas Schlüter. Kaspar Theyss hatte 1538 begonnen, die Reisigenburg in ein wohnliches Schloß umzubauen. Aber weder ihm noch Johann Arnold Nehring mit seiner Rundbogengalerie im Stil der Hochrenaissance noch dem erfindungsarmen Gründer gelang es, dem zusammengestückelten Bau die architektonische Einheit zu geben.
Erst Andreas Schlüter entwickelte den phantasievoll ausschweifenden Reichtum der Architektur und die schwelgerischen Dekorationen der Prunkräume, denen die späteren Schloßbaumeister Eosander von Göthe, Schinkel und Johann Gotthold Langhans nichts Gleichwertiges hinzufügen konnten.
Schlüter aber wurde die Residenz der späteren preußischen Könige und deutschen Kaiser zum Verhängnis. Der hochfliegenden Plänen nachjagende Baumeister zerbrach bei dem Versuch, etwas Unmögliches zu erzwingen.
Amerikanische Bomben zerstörten die vorbarocken Teile des Berliner Schlosses an der Spree-Seite. Sie wären nie wieder zu rekonstruieren gewesen. Doch der jetzt gesprengte "Grüne Hut" hätte mit seinem fast zwei Meter dicken Mauerwerk aus märkischen Granitfindlingen als Ruine erhalten bleiben können. Er war das letzte Stück mittelalterlicher Umwehrung des alten Berlin.
Fachkundige Kräfte hätten noch manches Wertvolle retten können. Aber neben 20 Steinmetzen aus Sachsen dürfen nur einige von der Ostpresse als Wissenschaftler deklarierte Ost-Berliner und Greifswalder Studenten der gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät unter dem Greifswalder Kunsthistoriker Professor Karl-Heinz Clasen im Schloß arbeiten, um unliebsame Enthüllungen zu vermeiden.
Was sie enthüllten, setzte besser renommierte Kunsthistoriker in Erstaunen. Das wissenschaftliche Kollektiv fand u. a. heraus, daß die berühmte Marmortreppe gar nicht aus Marmor, sondern aus Marmorstuck bestehe.
Die Proteste der westlichen Universitäten und der Vorwurf der Kulturbarbarei störten die SED empfindlich. Kronzeuge Dr. Strauß wurde zum Prügelknaben, auf den man die Verantwortung abwälzte. Er mußte inzwischen seinen Dienst quittieren.
Bekannte Gelehrte setzten sich nach der Schloßsprengung nach Westen ab. Professor Richard Hamann ist neben Geheimrat Justi, dem Generaldirektor der ehemaligen Staatlichen Museen Berlins, jetzt die einzige Prominenz unter den ostzonalen Kunsthistorikern. Er liest sowohl in Marburg als auch an der Berliner Humboldt-Universität.
Der 71jährige Gelehrte hatte sich in den ersten Nachkriegsjahren aus Aerger über seine Pensionierung durch die hessische Regierung mit dem Osten liiert. Jetzt hat sich der Nationalpreisträger auch bei der Ostregierung unbeliebt gemacht. Mit einer für die Ostzone erstaunlichen Zivilcourage protestierte er öffentlich gegen die Schloßsprengung.
Als das ohne Erfolg blieb, erschien der Professor beim ostsektoralen Berliner Oberbürgermeister Fritz Ebert. Der empfing ihn nach zweistündigem Warten zu einer Zehn-Minuten-Audienz. Anschließend hielt Oberbürgermeister Ebert vor der provisorischen Volkskammer eine lautstarke Rede. Unter Beifall verkündete er: "Das Schloß muß fallen."

DER SPIEGEL 42/1950
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