DER SPIEGEL

In den Ohren ein Flattern und Rauschen

Die Bewegung soll die Welt verändern, richtet sich aber nach innen. Wer ihr folgt. setzt sich bequem, schließt seine Augen und fängt an: wiederholt im Geiste sanft, endlos und mit Desinteresse für alle durchziehenden Gedanken das mysteriöse "Mantra", eine Silbenverbindung aus dem Sanskrit, sinnleer, allein für ihn bestimmt. Wie ein seelischer Sessellift trägt ihn das in andere Bewußtseinsregionen. Transzendental folgt der Geist des so Meditierenden diesem Leitwort, das manchmal mit ihm zusammen ins Unendliche entschwindet. Das ist das einfache Glücksrezept des Maharishi Mahesh Yogi.
Ein Gefühl tiefer Ruhe, eines sich weitenden Raumes innerer Wahrnehmungen stellte sich bei mir wie bei den meisten Neulingen dieser sogenannten Transzendentalen Meditation (TM) von Anfang an ein. Ich vermerkte es dankbar auf dem Fragebogen. mit dem die in der Bundesrepublik mächtig um sich greifende Jüngerschaft des Maharishi die Psyche des Neulings leider nicht genug erforscht.
Spielerisch fast beginnt, worin mehr als 70 000 Amerikaner und bald 20 000 Bundesbürger einen Ausweg zum heilen und erfüllten Sein erblicken. Nicht einmal in den Lotussitz muß einer sich dazu quälen. TM, die schnelle Tour zur Harmonie, so mutet es an, so wird es angeboten; eine, wie der Münchner Meditant und Mediziner Dr. Dietrich Grün öffentlich wirbt, "einfache und wirksame Methode der Psychohygiene".
Vor 20 Jahren in Indien gegründet, vorübergehend von den Beatles geteilt, später vielfach belächelt und fast schon vergessen, breitet sich die Meditations-Bewegung des Maharishi Mahesh (zu deutsch: Der große Seher und Gott) seit zwei Jahren rapide an den drogenverseuchten Schulen, unter den entnervten Managern und unzufriedenen Frauen der kapitalistischen Welt aus.
Allein in der Bundesrepublik wuchs die Zahl der vom Maharishi auf internationalen Massenkursen in Kössen (Tirol) oder auf Mallorca geschulten ehrenamtlichen Instruktoren seiner Lehre in zwei Jahren von 20 auf 200; manche von ihnen weisen im Jahr 150 Neulinge ein.
Da nach amerikanischen Untersuchungen zumindest kleine Drogenverbraucher durch TM schnell von ihrem Stoff abgezogen werden, erwärmen sich zusehends die Behörden für die Methode des Jedermann-Guru. Schüler des Werdenfels-Gymnasiums von Garmisch-Partenkirchen üben bereits seit einem Jahr Selbstversenkung mittels Mantra.
Feinfühlige Börsenfüchse wie der Münchner Anlage-Berater Dr. Peter Hellerich, sachliche Techniker wie der Hamburger Architekt Hans Großfuß, harte Händlernaturen wie der Frankfurter Fett-Importeur Gualterio Weiss, Naturwissenschaftler, Beamte und viele Studenten missionieren unter beträchtlichem Zeitaufwand für den Guru, dem sie ihren persönlichen Frieden, die Befreiung von Magenbeschwerden oder von Todesangst danken.
Schüler bezahlen 58 Mark, Studenten 108, ausgewachsene Erwerbstätige 200 für ihr Mantra und die Gebrauchsanweisung. Nicht der "Initiator", der einen damit glückverheißend bedient, sondern eine der beiden mild miteinander konkurrierenden Organisationen S.I.M.S. (Students' International Meditation Society) und S.R.M. (Spiritual Regeneration Movement) zieht diese Mittel an sich, dient damit den internationalen Zielen des Maharishi und dem Wachstum ihrer lokalen "Center".
Für den Anfänger scheint sich der einmalige Beitrag zu diesem spirituellen Service-Netz seelisch umgehend auszuzahlen. Ein Aufbruch in eine fremde, freundliche Zukunft -- so mutet schon die Zeremonie seiner Einweisung an, zu der er auf eigene Kosten Blumen und Früchte bringt.
Der Initiator entzündet Räucherstäbe und Kerzen vor des "Sehers" Photo und beginnt, ungeachtet seiner eigenen Position in der deutschen Wirtschaft, zu singen wie ein Hindu. Eine kultische Übung, die ihm, so unbehaglich er sich dabei fühlen mag, der Maharishi abverlangt; zum Zeichen dafür, daß hier sich mehr ereignet als die erwartete Übergabe eines preiswerten Schlüssels zu geistiger Erfrischung.
Was nämlich im Anfänger bei den ersten vier Begegnungen mit seinem Instruktor in Schwung gerät, entspricht nicht den Verheißungen der vom Maharishi bevorzugten, vollmundigen Selbstdarstellung dieser Bewegung.
Es handelt sich nicht um ein spielerisches "Trimm Dich" der Seele, Energien weckend, Klarheit bescherend, nicht um die leichte Geröllabfuhr aus dem Nervensystem, wie uns das liebe Diener des Meisters auf eine Tafel zeichnen. Sie, die dank TM angeblich die schlimmsten Prüfungen mit unglaublich leichter Hand bewältigen, vergessen, von den ebenfalls zu erwartenden unglaublichen Störungen im Seelenhaushalt des Meditierenden zu berichten. Sie vergessen es einer frommen Strategie zuliebe. Der Maharishi wünscht Optimismus.
Selber und oft schmerzlich entdecken die Neuen, folgsam ihre täglich zweimal 20 Minuten Selbstversenkung übend, worauf sie sich in Wahrheit eingelassen haben: auf etwas, was in ihr Leben unberechenbar eingreift.
So erging es mir in den vergangenen sieben Monaten, in denen ich mich. auch der journalistischen Wahrheitsfindung wegen, an die anfangs so simplen Anweisungen der TM-Technik zu halten bemühte. Wenngleich mich immer wieder einmal für Minuten in einem Flugzeugsessel. auf Rastplätzen der Autobahn oder am Schreibtisch das Mantra in die gepriesene geistige Leere zog, überwogen alsbald beunruhigende Veränderungen.
Phasen nachtheller, apathischer Schlaflosigkeit und nervöser Arbeitsunlust ergaben sich nach wenigen Wochen, Empfindlichkeit gegen Sonne, panische Ratlosigkeit gegenüber den plötzlich vielfach verstärkten Forderungen und Reizen der Umwelt. Es wuchs ein Widerwille gegen ehemals bevorzugte Arten von Musik. Nervenschmerzen längst verwundener Krankheiten tauchten auf und schwanden. Wochenlang hing in meinen Ohren ein Flattern und Rauschen, für das der zugezogene Spezialarzt keine Erklärung wußte.
Anders die hingegebenen Laienhelfer des Maharishi. Ohne von ihrer anfänglichen Zuversicht abzurücken, erklären sie dies alles für normal. Sie ermutigen den Zweifelnden, durchzuhalten und sein Leben umzustellen.
"Sie müssen Prioritäten setzen", sagt mein Initiator Hellerich. Das gereizte Karma trage den Menschen vielleicht völlig fort vom Bisherigen. Er selber, einst eher ein Dandy, bezieht seit Jahren aus der täglichen Selbstversenkung schöpferische Kräfte für die Vermögensberatung; in seiner Freizeit kehrt er sich von der fleischfressenden Gesellschaft ab.
Der Abbau von eingenistetem Stress durch Ruhe, tiefer als Schlaf -- diese in der Meditation angeblich ablaufende nervliche Entschlackung bringe eben Beschwerden, trösten solche dilettierenden Seelenärzte. Sie sagen: "Da kommt allerhand hoch." Sie sprechen wie Psychotherapeuten; nur, sie haben von den Komplikationen jedweder Seelenbehandlung kaum eine Ahnung.
Dem hoffnungsvoll Leidenden verordnet man zur Stabilisierung feine Korrekturen im Umgang mit seinem Mantra und zusätzliche Disziplinen: Atemübungen (Pranayama) von wiederum schwer kalkulierbarer Wirkung, dazu elferlei Joga-Bemühungen, vom Maharishi ausgesucht und, so heißt es, "für das schnelle Tempo des modernen Lebensideals geeignet". Die Luft im Saal ist voller Stress.
Schon die Meditation galt es mit hohlem Magen zu betreiben. Die Beanspruchung vor dem Essen vermehrt sich nun beträchtlich. Empfindlich steigert sich die Entfremdung vom bisher vielleicht genossenen Lebensablauf.
Den Urlaub rät mein Initiator nicht am Badestrand, sondern bei einem jener Lehrgänge zu verbringen, bei denen sich in Kössen oder auf Mallorca Meditierende aller Lebensalter, Klassen und politischen Farbschattierungen auf erschöpfende Weise vom Stress befreien -- Rhythmisch wiederholte und gesteigerte Meditation in Gruppen, unterbrochen durch Joga- und Atemübungen, versetzt dort bis zu tausend Friedenssucher in einen außerordentlichen, oft widersprüchlichen Zustand: reizbar und entspannt; fanatisch friedlich, apathisch und euphorisch. Der Maharishi, der die Terminologie der Hochleistungsgesellschaft sehr schätzt, nennt dies gesteigerte Insichgehen "Rundendrehen" und behauptet, die Luft um die Meditierenden her lade sich fühlbar auf mit dem dabei entbundenen Stress.
In den Pausen gibt er den bald aufgestörten, bald dämmerlichen Freunden praktische Hinweise und -- seine Philosophie. Falls er, wie oft, zu spät kommt, verbringt die Masse, statt sich hinaus in die Sonne zu verlagern, die Wartefristen auch noch meditierend. Auf Zuruf öffnet sie schläfrig die Augen.
Ferner sei es wichtig, sagt der Maharishi, die Nahrung umzustellen. Viele seiner Jünger nähren sich wie er makrobiotisch. Wer weiter Wurst ißt, wird nicht behelligt. Diese Lehre meidet pauschale, über den einzelnen hinauszielende Forderungen, die ihre Verbreitung drosseln könnten. "Es kann
alles passieren.
Jugendliche Verehrer des Meisters meditieren sich im allgemeinen leichter zu beglückendem Kräftezuwachs empor. Ältere entdecken mitunter. eingeflochten ins scheinbar unausweichliche System beruflicher, familiärer, psychischer Forderungen, daß die schlichte Technik der TM sie zusätzlich zermürbt oder vor Entscheidungen befördert, denen sie ausweichen müssen.
Zum Beispiel jener überlastete Münchner Kaufmann, der, statt zu transzendieren, immer nur einnickt, sobald er vorschriftsmäßig sein Mantra anwendet. Weniger gute Kunden hat er bereits gestrichen. Doch weiteren geschäftlichen Abbau lehnt er vorerst ab.
Eine junge Münchnerin, die ihrer gelegentlichen Migräne wegen zu meditieren begann, spürte mit Schrecken, wie sich innerhalb eines Sommers das Leiden bis ins Unerträgliche verschlimmerte, legte ihr Mantra auf Eis und genas.
Eine Hausfrau aus Lübeck befindet sich seit ihrer zweiten -- und letzten -- Meditation in psychiatrischer Behandlung. Die kleinen Depressionen, derentwegen sie der Lehre des Maharishi zu folgen begehrte, wuchsen sich aus zu einem Leiden, das ihre vierköpfige Familie seit einem Jahr in Atem hält.
Auf Mallorca erlebte ein Neuling beim "Rundendrehen" seinen ersten epileptischen Anfall.
"Es kann alles passieren", sagt der Maharishi selber, wenn die zu ihm Aufblickenden über Probleme klagen. Eine junge Schöne aus Frankreich berichtet ihm in der Grenzland-Halle von Kössen, sie erlebe erfreuliche Meditationen, wenn sie sich ohnehin vorzüglich fühle, Dissonanzen hingegen steigerten sich hinter geschlossenen Lidern furios. Ein Jüngling aus Basel will wissen, ob es sein kann, daß er gleichzeitig in Genf und in Zürich war. Einem Berliner Twen verkrampfen sich nach etlichen Runden die Glieder.
Der Maharishi rät keinem aufzugeben. Bei zweifelhaften körperlichen Phänomenen möge man jedoch sofort den Arzt bemühen.
Wechselnde Beschwerden und Stimmungen gehören nach Ansicht des Gurus zu den Symptomen der geistigen Reinigung, und je heftiger sie anfallen, desto kräftiger, predigt er, sei der Ausputz. Zweifellos bleiben bei der Mehrheit der Weitermeditierenden die Leidensphasen in erträglichen Grenzen. Wo nicht, rät der Guru den schwierigen Kandidaten, die Krisen ihrer Meditation durch Passivität zu bewältigen: "... gehen wir nicht hinaus, besuchen keine Freunde. schreiben wir keine Briefe." Mehr meditieren, mehr leisten, mehr konsumieren.
Wer einige Monate meditierte, bewegt sich, wie ich bestätigen kann, in einem wechselnden Magnetfeld von Gelöstheit und Mißbehagen: Fühlt er sich elend, denkt er doch, weitere Meditation werde ihm schließlich Besserung bescheren; fühlt er sich wohl, wähnt er das Mißliche endgültig hinter sich -- gleich einem Aktienkäufer. der bei Baisse auf eine Wende, bei Hausse auf Gewinn ohne Ende wartet.
Der Maharishi faßt höhere Ziele ins Auge als die meisten aus seinem Gefolge. Wenn die Leute eine unkomplizierte Technik innerer Harmonisierung meinen, was ja auch schon viel wäre -- er sieht den, der bei der Sache bleibt, letztlich doch in Anspruch genommen von einem zentralen Prozeß der Wandlung. Ober immer feinere Stadien des Bewußtseins hin zu einem grenzenlosen Gefühl der Einheit mit dem Kosmos und dessen Schwingungen. und deren Urheber mag das in Sonderfällen wie dem seinen führen. Die Jünger sind noch nicht soweit.
Es fehlt nicht an sympathisierenden Physikern und Ärzten, die anhand naturwissenschaftlicher Theorien und Meßergebnisse bestätigen, daß die Technik des alten Guru außerordentliche Wirkungen auf Kreislauf, Nerven und Gehirn ausübt.
Der Harvard-Physiologe Robert Keith Wallace bewies anhand von 15 meditierenden Studenten, daß Sauerstoffverbrauch und Pulsfrequenz stärker als bei gewöhnlicher Ruhe abnahmen. Die Gehirnströme veränderten sich, wie man es sonst nur bei meditierenden Zen-Mönchen und Jogis fand.
Der englische Physiker Richard Prosser sucht für das Abziehen von aufgespeichertem Stress Erklärungen in der Quantentheorie. Der Stress-Physiker Professor Kurt Vanselow von der Universität Kiel, Meditierender auch er, sagt wissenschaftlich sogar ja zu der Weisheit seines Maharishi, wonach jeder in der Meditation aufkreuzende Gedanke, je nach Stärke, ein Signal dafür ist, daß ein ebenso starker Stress von früher durch eine Art Hintertür entschwindet. "Man kann alles messen."
Beflügelt vom schnellen Wachstum seiner Bewegung, strebt der Guru danach, die hinter seiner Technik wölkende Philosophie an den Hochschulen Amerikas und der übrigen Welt als "Wissenschaft der schöpferischen Intelligenz" anzusiedeln: eine allumfassende Seinslehre, fußend auf der mindestens viertausendjährigen Tradition indischer Guru-Weisheit. Zehn Universitäten der USA, darunter Yale, nahmen sie in ihre Studienpläne auf.
Der Maharishi, vor dieser Kette weiser Lehrer gewiß ein Unwürdiger, versteht sich wie keiner dazu, Massen anzusprechen. Wie ein Werbeballon erhebt sich über seiner Mission das Motto, letztlich doch Leistungskraft freizusetzen. Zwischen der Sehnsucht nach einem einfachen, sinnvollen Dasein und dem nicht sehr sinnvollen Kreislauf des Überflusses will er vermitteln. Mehr meditieren, mehr leisten, mehr konsumieren -- er findet, so verträgt sich das. Über dem Guru ein goldener Schein.
"Wünsche sollten erfüllt werden", lehrt er, thronend auf einem erhöhten weißen Sofa in der Grenzland-Halle von Kössen. Zu guter Letzt begehre "der Erfolgreiche" dann das vollkommene Sein.
Aber auch Autos findet der Guru der Mühe wert. Er selber sträubt sich nicht gerade, wenn er im Rolls-Royce geholt wird, und schätzt es, wenn seine Verehrer für ihn, den -- wie er sagt
mönchischen Mann, einen Luxus-Bungalow reservieren. Von Arbeitern glaubt er, daß sie in den Fabriken Freude finden. Wo nicht, werde TM ihnen helfen.
Protest heißt der Guru nicht gut: "Unterstütze die Macht, so bist du mächtig." Vom indischen Kastendenken kommt er nicht los. Da er keine Zeitung liest, erschüttert nichts ihm seinen Glauben, alle Gewalt, Ausbeutung und Selbstzerstörung auf diesem Planeten ließe sich durch die allseitige Verteilung von Mantren paradiesisch beilegen.
"Seine Heiligkeit", wie andächtige Anhänger ihn schriftlich titulieren, erfreut sich nach deren Glauben bereits eines "kosmischen Bewußtseins". Er meditiere nicht mehr. Zwei Stunden Wachschlaf pro Tag genügten ihm, die Maschine Körper zu regenerieren. Nach einem Transatlantikflug fand ich ihn trotzdem recht abgespannt.
Die Leute betreiben einen Kult mit ihm. Ältere deutsche Damen betrachten ihn mit dem Opernglas und falten die Hände, lange ehe sie ihn sehen. Täglich stehen Kursteilnehmer mit Blumen vor ihm Schlange. Begnadete Meditanten, die über ihren Mitmenschen mitunter deren Aura wahrnehmen, sichten um den Guru goldenen Schimmer. Mir fiel nach sieben Monaten Meditation bedauerlicherweise nur seine Bereitschaft auf, über eigene Schwächen zu lachen. sein Geschäftssinn auch, und die Beharrlichkeit, mit der er Angaben über sein Alter verweigert.
Als ich auf dieser Frage nach weltlicher Seins-Endlichkeit beharrte, peitschte Seine Heiligkeit mit der Nelke, an der er gerade noch gerochen hatte, nervös auf den Tisch, bis sie hin war.

DER SPIEGEL 45/1971
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