DER SPIEGEL

MALLORCAFlucht zur Mandelblüte

Wir wollten mal sehen", sagt der Mann von Scharnow-Reisen bescheiden, "wie die alten Leute auf so was ansprechen." Sowas: drei Monate Winteraufenthalt auf der spanischen Mittelmeerinsel Mallorca samt Flugreise, Verpflegung und Swimming-pool für 958 Mark.
Das Angebot aus des Verbrauchers Märchenbuch war kaum in kurzen Pressemeldungen ruchbar geworden, da offerierte Versender Neckermann drei Mallorca-Monate für nur 747 Mark. Scharnow senkte daraufhin den Preis auf 898 Mark, und wer, wie bei Neckermann obligatorisch, schon im Herbst aufbricht, zahlt bei Scharnow 798 Mark.
Scharnows Kunden wohnen im Hotel Liceo in Palma mit etwa 100 Betten, die von Neckermann in den Hotels Felip in Porto Cristo und Don Quixote in Can Pastilla, einem Vorort von Palma. Zimmer mit Bad kosten im Liceo 20 Mark wöchentlich mehr, Zimmer mit Dusche im Don Quixote 26 Mark zusätzlich im Monat.
Die Veranstalter wollen mit Hilfe des großzügigen Angebots ihre tote Saison beleben.
Auf der Touristeninsel ist zwar zwischen Oktober und März kaum Strandleben möglich, und es regnet auch viel. Aber die durchschnittliche Mittagstemperatur im Januar beträgt 14 Grad, Schnee und Glatteis sind seltene Ausnahmen. Schon Ende Januar beginnt die Mandelblüte.
Pensionäre, die sich eine Flucht aus dem deutschen Winter zu den neuen Sonderpreisen leisten können, gibt es genug Beispielsweise liegt rund ein Viertel der Renten für männliche Angestellte über 600 Mark. Scharnow: "Wir rechnen vor allem mit pensionierten Beamten und früheren Angestellten."
Die Rechnung scheint zu stimmen. Obwohl zur Zeit der ersten Pressenotizen noch nicht einmal der Prospekt ausgeliefert worden war, trafen bei Scharnow bereits täglich 70 bis 80 Anfragen ein. Als das Angebot gerade zehn Tage alt war, gab es schon 20 feste Buchungen. Scharnow-Urteil: "Sensationell."
Überfüllung fürchten die Hannoveraner nicht, denn: "Betten lassen sich auf Mallorca im Winter beliebig beschaffen."
Neckermann-Hotel Felip auf Mallorca
Wintermärchen für die Alten

DER SPIEGEL 40/1966
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